Logbuch
FALSCHE FREUNDE.
Der Beifall aus der falschen Ecke. Ich kenne da einen pensionierten Professor, der über seine Sottisen auf Twitter berühmt geworden ist. Er ist ein gebildeter Mann (ich habe früher viel Honig bei ihm gesaugt) und er hat mich an seinem Institut lesen lassen. Ich schätze ihn. Seit einiger Zeit gibt er den Aphoristiker mit DER WAHRHEIT IN EINEM SATZ, drei, vier Mal am Tag. Darunter ist Banales, Kluges, Plattes... immer wieder mal sehr gut formulierte Spitzen. Aber es weht gelegentlich der Ludergeruch des Rechtspopulismus. Heute zucke ich zusammen, weil über seinem Tweet die Zeile prangt „Erika S. gefällt das“. Sind ihm diese falschen Freunde zuzurechnen? Gibt er vorsätzlich den Pausenclown eines bestimmten politischen Milieus? Ich bin unsicher. Er rührt oft an ein Tabu, so viel ist sicher, das aber ist ja der Kern solcher Rollenprosa. Immerhin hat er nicht nur falsche Freunde, sondern auch die richtigen Feinde. Wenn diese Klassifizierung überhaupt etwas taugt. Ist der Feind meiner Feinde schon deshalb mein Freund? Sicher nicht. Jedenfalls macht der permanente Bellizismus solcher Polemiker, ihre Manie, mich als Zeitgenossen müde. Anstrengend, diese Rechthaberei. Publizistische Zwangsneurosen nehmen eben auch dem Publikum die Luft zum freien Atmen. Relax, Max.
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ABERGLAUBEN.
Gegenüber von der Privatwohnung Angela Merkels steht auf der Museumsinsel eine Kopie des Pergamonalters aus der heutigen Türkei, seinerzeit Griechenland. Die Maskengegner glauben, dass hier ein Zugang zur Hölle sei. Nachts würden Satan und die Seinen hier Menschenopfer feiern und Kinder schänden. Der einschlägige Irre Attila H. hat hier bereits eine Gefährderansprache durch die Polizei erfahren. Er bringt die Kanzlerin in den Verdacht, eine Buhlin Satans zu sein. Hexenverbrennung wird konnotiert. ABERGLAUBE. Man muss das leider ernstnehmen, lehrt die Geschichte. Und man kann nicht über das Irrationale des Abergläubischen reden und vom GLAUBEN schweigen. „Alle Kritik beginnt mit der Kritik der Religion.“ Hat der Bärtige aus Trier gesagt.
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Wichtig für die Geltung, die man in der Welt erstrebt, ist der GRÜNDUNGSMYTHOS. Da macht es schon einen Unterschied, ob man ein HURENSOHN ist, den ein Schweinehirt aufgezogen hat, oder Spross des Kriegsgottes Mars und einer frommen Königstochter. Fangen wir mit der aufgehübschten Version an. Um Nachkommen seines ermordeten Bruders zu verhindern, schickt ein etruskischer Herrscher einst, es waren raue Zeiten, dessen Tochter ins Kloster, wo diese aber trotz Keuschheitsgelübde nach einer Affäre mit dem Gott Mars Zwillinge gebiert. Dafür hat man sie in den Tiber geworfen und die Knaben im Schilfbötchen ausgesetzt. Raue Zeiten. Das Aussetzen unerwünschter Kinder hatte aber Tradition. Siehe MOSES. Weiter im stolzen Rom. Dann aber nimmt sich die KATOLINISCHE WÖLFIN der ausgesetzten Knaben Romulus und Remus an und säugt sie an ihren Brüsten. Was für Kerle! Mit Wolfsmilch gestillt... Alle Achtung. Die beiden gründen dann Rom. Der eine erschlägt dann noch den anderen aus Gründen der Ehre; aber das ist eine andere Geschichte, wie Kipling sagen würde. Der für Rom reformierte Mythos referiert eine altgriechische Vorlage und die bis heute bildgebende WÖLFIN stammt auch nicht aus dem Altertum, sondern ist jünger, aus dem Mittelalter. Wissen muss man, dass Kindesvertauschungen ein Thema waren, solange es Ammen gab, die neben ihren eigenen Kindern noch solche reicher Mütter mitstillten. Weil diese sich nicht binden wollten oder ihren Busen ruinieren. Oft waren diese Ammen Alleinerziehende, nicht selten solche, deren Lebenswandel ihnen häufig Nachwuchs bescherte. Man ahnt, welcher Mythos zum „framing“ anstand. Was man als Mythos nachbesserte, das war die Geschichte, dass die Gründungszwillinge des ehrwürdigen Rom von einer „lupa“ gestillt wurden. Eine lupa ist umgangssprachlich nämlich auch das, was im Englischen eine „bitch“ ist; da bekommt dann „son of a bitch“ eine andere Konnotation. Davon will heute im stolzen Rom aber niemand mehr etwas wissen. Überall sieht man die putzigen Knaben an den Zitzen der mächtigen Katolinischen Wölfin.
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KLEIDERORDNUNG.
Manchmal betrachte ich die Welt mit den Augen meines Vaters und seines. Man ist ja Kind der Altvätersitte. Zum Beispiel in Fragen der Kleiderordnung. So sehe ich in einem Café in Moabit gegenüber vom Knast einen Justizvollzugsbeamten in Uniform und mit Gerät am Gurt, das der Durchsetzung seiner Autorität dient. Soll so sein, weil er den Ordnungsanspruch des Staates vertritt. Aber, bemerke ich tief irritiert, seine schwarzen Lederstiefel sind ungeputzt; nicht nur ein wenig, sondern erkennbar schon länger, regelrecht schäbig abgeschabt. Ungeputzte Stiefel, das geht gar nicht.
Darin war mein Opa streng. Die ganze Woche im Pütt, hätte er nie sonntags die Straße mit ungeputzten Schuhen betreten. Im Gegenteil, das war ein eigenes Ritual mit stattlichen Rosshaarbürsten, schwarzer Wichse und ein wenig Spucke. Ich habe es als Kind bestaunt. Die Kleiderordnung in der Berliner Innenverwaltung ist laxer. Auch das Tätowierverbot an Händen und im Gesicht wird umgangen, selbst bei Polizisten, die sich doch optisch von ihrer Kernklientel unterscheiden sollten. Weil ich sie respektiere; sie haben keinen leichten Job.
Beamter, das ist kein White Collar Job mehr, jedenfalls wenn man darunter einen steifen Kragen versteht. Für Anwälte vor Gericht besteht die sogenannte Robenpflicht, eine Berufstracht, die die Würde des Gerichts wahren soll. Was ich hier in Moabit an Kleidung darunter sehe, das ist zu einem wesentlichen Teil durchaus unterhalb der C&A-Schwelle („cheap & awful“). Gerne würde ich Anwälte achten wie Richter; aber da gibt es wohl einen Klassenunterschied. Interessant ist die historische Begründung der Berufstracht; man wollte soziale Unterschiede ausgleichen. Das sagt man in England auch zum Sinn der Schuluniformen. Egalisiert Dienstkleidung? Berlin findet, dazu dient eher Freizeitmode, auch im Dienst. Und Tattoos mit Rechtschreibfehlern.
Die französischen Staatsbahnen haben gerade eine Schminkvorschrift für ihre Bediensteten herausgegeben, wonach man den französischen Chic zu zeigen habe, der sich „elegance“ nennt. Nun, elegant ist vielleicht noch die Flugoma bei der Lufthansa, aber nicht das rustikalere Wesen der Berliner Verkehrsgesellschaft BVG. Wie der Herr, so das Gescherr; gilt auch für Herrinnen. Was in den Bezirken der Stadt so von Amtsträger:innen getragen wird, das hätte meinen Großvater verwirrt.
Und so sehe ich bei dem Umschließer aus dem Knast mit den ungeputzten Schuhen, dass er zu allem Überfluss auch noch seine Nägel kaut. Nun, wir hatten Fälle der Onychophagie auch schon in höchsten Ämtern; elegant ist es aber eher nicht. Dann schon lieber diese aufwendig gestalteten Krallen asiatischer Provenienz; french nails genannt, obwohl nicht elegant. Sehe ich auch unter Roben, wie dekadent.