Logbuch

SCHNAPPSCHUSS.

Das Selfie der grünen mit den gelben Granden ging viral. WE ARE FAMILY. Weil es spontan wirkt und authentisch. Welch ein Irrtum. Aber so geht zeitgemäße Propaganda.

In der Fotografie nennt man einen Zufallstreffer SNAP SHOT. Das ist ein ausdrucksstarkes Bild, das eine hohe Symbolkraft entfaltet, und zwar ohne INSZENIERUNG. Daher seine besondere Glaubwürdigkeit. Das ist ein Propaganda-Trick. Eine Inszenierung, die eben dies leugnet. Vorgetäuschte AUTHENTIZITÄT.

Die alten weißen Männer unter den Hauptstadtjournalisten richten sich gerade einen Account auf Instagram ein. Jetzt haben sie gemerkt, dass sie aus der Zeit gefallen sind. Die Tintenkleckser legen den Füller und das Papier an die Seite und beginnen das NEULAND Internet ernstzunehmen. Hier ist Armin Laschet politisch verreckt, ohne dass es die alten Trottel bemerkten. Das ist nicht neu, aber wahr: Heute stirbt man heimlich einen politischen Tod in den Social Media, bevor es in der Zeitung steht.

Was ist anders? Andere Medien. Nicht mehr das Abo der Aachener Volkszeitung, lieber Armin. Und ein andere Kommunikation: visueller, kürzer, pointierter. Mit LEICHTER IRONIE oder nie. So lautet das Motto. Nicht salbadern, lieber Armin. Moderner Humor geht anders. Johannes Rau wusste tolle ALT HERREN WITZE zu erzählen. Das ist so „out“, dass es peinlich ist. Man muss das ratzfatz genialisch in Schnappschüssen können.

Der SNAP SHOT kommt aus der Jägersprache und meint den Schuss aus der Hüfte. Ohne langes Zielen, lässig draufgehalten. Und Blattschuss. Diese LÄSSIGKEIT ist ein wesentliches Moment moderner Propaganda. Keine allzu ernsten Rituale, keine LITURGIE, Armin. Spontan soll es wirken, das geplante. Lieber Armin, es sind jetzt die QUICKIES, die beglücken. Verstehst Du das? Nein, Du verstehst es nicht.

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SÜNDHAFT TEUER.

Erfahrung in München, Bayern. Großes Brotzeitbrett, eine reichliche Vesper, für 12,30€. Mit einem halben Liter Bier und zwei Obstlern zusammen für einen Zwanni. Es geht auch anders, aber so geht es auch.

Ordentliches Zimmer im Motel One am Sendlinger Tor für unter 70€. Bett der Extraklasse. Bar hat 24/7 geöffnet. Sauvignon blanc für unter 7€ das Glas. Es geht auch anders, aber so geht es auch.

Absacker in HARRYˋS BAR links vom Platzl. Ein brauner Schnaps aus dem Hochland einer Inselgruppe in der Nordsee mit starker Note von Braunkohle, sprich Torf, und geeignet, Möbel abzubeizen: einhundertvierundzwanzig Euronen, das Barmass. Ich hatte bisher drei. Und die Tagesschau ist nicht mal um. Es geht auch anders, aber so geht es auch.

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SPIELVERDERBER.

FairPlay heißt, eine Niederlage einräumen, dem Sieger gratulieren. Auch, wenn es knapp war. Das haben Armin Laschet und Donald Trump versäumt. Es droht der Verlust der WÜRDE.

In meiner Erziehung hat das eine Rolle gespielt, dass man nicht den SPIELVERDERBER gibt. Ein SPIEL lebt aus dem Respekt vor seinen REGELN. Wer gewonnen hat, hat gewonnen. Hip hurray! Und wer verloren hat, schluckt die bittere Wahrheit runter. Neues Spiel, neues Glück. So lebt es sich ehrlich und gelassen.

Dieses jesuitisch katholische „So-tun-als-ob“ eines verdrucksten Karnevalisten aus dem Aachener Revier, das verstehen die Preußen nicht. Die Sachsen schon gar nicht. Hierzu ist die Unterschiedlichkeit der MENTALITÄTEN seit Jahrhunderten geprägt. Den Ernsten ist das Wendige der Albernen ein Ausdruck von Verlogenheit. Der RESPEKT schwindet; ein flüchtiges Gut.

Wie kommt es zum ungebrochenen Erfolg der Landesväter und Landesmütter oder, darunter, zum Erfolg der Direktkandidaten? Offenkundig ist das ja keine Frage der politischen Partei, sondern der POPULARITÄT. Man kann in einen Ruhm wachsen, der die Herzen der Wähler geradezu abonniert. Solches CHARISMA braucht aber Geschick und Geduld. Beides.

Man muss schon sehr lange an keiner Kamera vorbeigegangen sein, um bekannt zu werden. Und man muss einprägsam immer die gleiche GESCHICHTE erzählt haben. Das ist es, was der Wähler am Ende für CHARAKTER hält: Rekurrenz. Do it again, Sam.

Dazu können auch Heldensagen gehören. Mythen von einem langen Weg oder überstandener schwerer Krankheit oder festem Glauben. Aber ein Scharlatan zu sein oder gar ein Spielverderber, das gehört dazu eher nicht.

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POMPÖS.

Gestern bei den Berliner Philharmonikern voller Saal bei voller Bühne. Wir haben das große Orchester mit einer blonden Dame im Mezzosopran, vielen Damen des Rundfunkchores und allen Knaben des Staats- und Domchors Berlin, insgesamt gut zweihundert Personen auf der Bühne. Ein kanadischer Dirigent arbeitet sich durch die 3. Symphonie von Gustav Mahler, ein Monstrum in d-moll von gut hundert Minuten Länge.

Zur Vorbereitung hatte ich gestern bereits die Generalprobe besucht und bewundert, wie nett der kleine Mann am Pult mit dem Knabenchor umging. Sie sollten bitte, sagt er ihnen, Fröhlichkeit in ihren Gesang legen, so als gäbe es morgen Ferien. Das Libretto, sprich der von der Hundertschaft zu singende Text lautet: „Bimm, bamm, bimm, bamm.“ Kein Witz. Es ist als „Armer Kinder Bettlerlied“ von Mahler benannt. Wenig später haben dann Frauen- und Knabenchor noch mal einen gemeinsamen Einsatz; er lautet: „Bimm, bamm, bimm, bamm.“ Text nach Achim von Arnim und Clemens Brentano aus „Des Knaben Wunderhorn“; kein Witz.

Auf dem Schnittchenteller Lachs, Camembert, Kartoffeltörtchen und kleine Bulette. Weißwein, wenigstens kalt. Auf dem Heimweg denke ich über den „carbon footprint“ nach. Ich meine, zweihundert Leute, die ja alle ein- und ausatmen: Was das an CO-Zwei bringt? Eigentlich unverantwortlich. Ein einzelner Hornist hatte es nicht mal mehr auf die Bühne geschafft und spielte seine Soli hinten aus dem Saal. Obwohl, das war bei der Generalprobe auch schon so. Irgendwie pompös, dieser böhmische Banause.