Logbuch
BITTER.
Von der Natur des Menschen soll die Rede sein, obwohl die Biologie eigentlich nicht mein Ding ist. Anlass ist zunächst mal etwas Soziologisches. Wilhelm Busch verdanken wir die folgende Erkenntnis: „Wer Kummer hat, der hat Likör.“ Es geht mir aber nicht um den Alkohol (und das Menschenrecht auf Rausch), sondern die Süße des betreffenden Schnäpschens. Wir goutieren Süßes, weil der Fruchtzucker uns Glück verspricht. Ehedem war es eher selten zu Heu und Hafer auch das Glück der Beere zu verkosten. Unsere Zunge zeigt sich geneigt: Süße verspricht Zucker, sprich Glück.
Dass aus dem seltenen Signal des Honigs inzwischen eine Volksseuche geworden ist, die Überfütterung durch eine skrupellose Nahrungsmittelindustrie mit Rübenraffinat, das ist ein ernsthaftes medizinisches Thema. Inzwischen aber wohl therapierbar, indem man lebenslang an die Nadel von Big Pharma geht. Abnehmspritzen aus der Diabetes-Therapie sollen einen unbändigen Willen zur Völlerei bremsen. Erscheint mir pervers, aber was weiß ich schon von der Humanmedizin (außer, dass Ärzte auch nicht zu Ärzten gehen). Uns interessier das BITTERE. Bittere Medizin ist ein mächtiger Mythos.
Gemeint ist nicht die zarte Note, die der Hopfen ins Bier bringt oder Bitter Lemon in den Cocktail. Selbst die etwas robustere Note der Negroni sei akzeptiert. Wir reden von dem ultimativ bitteren Schnaps, der zur Gattung des Boonekamp gehört. Hier ist kein Schwips vom Schweppes zu erwarten oder die lila Laune des Eierlikörs. Es treten 43 Volumenprozent reinen Alkohols an. Damit nicht genug signalisieren Bitterstoffe aus dreißig bis fünfzig obskuren Quellen schon der Zuge GEFAHR. Ekel steigt auf. Die allergrößte Überwindung ist gefordert, da die Biologie eigentlich nicht will. Der Magen ahnt Ungeheuerliches und wandelt den Ekel in ein Mehr an Magensäure.
Was so eklig schmeckt, das muss geheime Kräfte entfalten, die als MAGENBITTER segensreich wirken. Im Reich der Marken fällt nun der Name Underberg aus dem Geschlecht der Huberts und Hubertinen, zu denen ich nichts weiter anzumerken habe. Man hat hier den Mythos einer geheimen Rezeptur der Bitterkräuter in das Apothekerlatein des „Semper Idem“ gepackt, zu deutsch „immer gleich“. Im Aldi steht der Underberg als St. Vitus; wie überhaupt die Brenner nicht zu den transparenteren Gewerben gehören.
Zeitgeschichte ist im tschechischen Karlsbad zu studieren, wo der jüdische Brenner namens Becher zunächst von den Nazis enteignet wurde und dann von den Kommunisten in BECHEROVKA umbenannt. Das lettische UNIKUM ist noch zu verköstigen, der italienische FERNET BRANCA. Der beste allerdings hört auf die Weinbrennerei WILTHENER, die ihren Boonekamp eine Geheimrezeptur an „Gebirgskräutern“ beigibt. Sehr zu empfehlen. Der Mythos magischer Medizin entfaltet sich. Als ich allerdings nachsehe, wo in den Alpen oder Karpaten der Brenner aus Wilthen denn hause, lande ich in der norddeutschen Tiefebene. Gebirgskräuter? Verarschen die mich? Hubertine, bist Du das?
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DER MUT DER HECKENSCHÜTZEN.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk von Berlin und Brandenburg RBB unter der Leitung der ehemaligen Regierungssprecherin Ulrike Demmer ist bei einer politischen Intrige erwischt worden. Er hat einen Rufmord an einem grünen Bundestagsabgeordneten begangen; so wurde dessen Listenplatz frei für den Spin Doctor des grünen Kanzlerkandidaten Habeck. Die Trauzeugenkultur der grünen Mafia. Alle Beteiligten haben Jobs oder mindestens CONFIDENTEN beim Sender; nur das Opfer nicht.
Die Belastungszeugin für die unterstellte Unzucht, angeblich ein versuchter Kuss, war frei erfunden, es gibt sie gar nicht, ihre Eidesstattliche Versicherung dementsprechend gefälscht, aber das Phantom tauchte trotzdem in einer inszenierten Szene gepixelt auf dem Schirm auf, eine glatte Fälschung des Senders. Als der Rufmord aus dem Hinterhalt nicht mehr abzustreiten war, verlas der Moderator der Abendschau ein Zettelchen mit einer Botschaft des verantwortlichen Chefredakteurs. Sorry, meinte er, handwerklich nicht auf der Höhe. Wie bitte? Ich bin empört. Kann der vielleicht seinen Arsch mal ins Studio bewegen?
Gestern ist er dort und beantwortet brav brave Fragen der stocknaiven Moderatorin. Er will sich bei dem Verleumdeten entschuldigen. In der Sache weiß er nichts beizutragen. Er erwähnt nicht, dass der nutznießende Spin Doctor für den RBB gearbeitet hat, dass der Gatte der grünen Spitzenkandidatin hier festangestellt ist, dass die grüne Partei die Begünstigung der Rufmörderinnen nicht revidieren wird. Das brave Interview ist glatt poliert. Na gut.
Dann der Schlusssatz der Moderatorin: „Das Interview haben wir vor der Sendung aufgezeichnet.“ Eine Trockenübung, im Jargon „live-on-tape“. Ich glaube es nicht. Was für eine feige Bande. Er hat sich nur in sein eigenes Studio gewagt, wenn er hinterher schneiden kann. Der Mut der Heckenschützen. Und das alles von meinem Geld. Paaah. Frau Demmer stellt nun eine Kommission von Weißwäschern zusammen, die das völlige Fiasco beschönigen dürfen. Sie sitzt derweil unter ihrem Schreibtisch.
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CATO DER ÄLTERE.
Was wird eines Tages wohl über uns in den Geschichtsbüchern stehen? Ich meine nicht Sie und mich, die kleinen Leute, sondern über die Großen der Geschichte unserer Zeit? Der Gedanke kommt mir, als ich lese, wie die Historiker damit kämpfen, warum der Erste Weltkrieg ausbrach. Natürlich liegt das Standardwerk „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark auf meinem Stapel des Noch-zu-Ende-zu-Lesenden. Clark ist ein erstaunliches Beispiel für einen Geschichtsschreiber, ein Australier, der in Cambridge lehrt und ein blendendes Deutsch spricht. Er hat noch immer seine Bude in Dahlem; dort treffe ich ihn gelegentlich im Kaffeehaus. Wir plaudern.
Kanzler Helmut Kohl hat sehr gekümmert, was das Rauschen des Mantels der Geschichte wohl über ihn sagte. Damals gab es eine Bundesregierung aus Schwarz-Gelb; der gelbe Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann machte öffentlich darüber Witze (über den „Mantel der Geschichte“ in Kohlscher Lautung). Er musste sich im Kabinett später dafür entschuldigen. Aber auch das Heroische Kohls verblich. Am Ende war er so groß wie Olaf Scholz heute klein.
Die Geschichtsbücher werden berichten, wie das Großmachtstreben der Großmächte zu unserer Zeit keine heimliche Ambition mehr war, sondern zur prahlerischen Großkotzigkeit wurde. Es wird von spätrömischer Dekadenz die Rede sein, da bin ich mir sicher, obwohl das Wort von einem anderen hohlen FDP-Politiker stammt. Das ist mir alles zu vordergründig. Ich folge einem Tipp von Christopher Clark und verlagere mein Interesse von 1914 auf 1848. Das ist der „Frühling der Revolution“ (so der Titel seines Wälzers mit tausend Seiten). Im Europa des Jahres 1848 begann der Kampf um eine neue Welt. Er scheint heute verloren.
Das Wehklagen über die spätrömische Dekadenz stammt freilich nicht von dem FDP-Granden Guido Westerwelle, der das Schlagwort nur zitierte; es entstammt einem anderen Historikerstreit. Hier ging es um das Ende des (reichlich glorifizierten) Römischen Reichs und die folgende Blüte des Byzantinischen, sprich der Expansion des Islam. Auch hieran kann man allerlei Unsinn anschließen, dem ich nicht das Wort reden werde.
Mein Weltgefühl in diesen Zeiten der profanen Großmäuligkeit ist das des späten Brecht in der trügerischen Idylle des brandenburgischen Buckow: „Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.“ Das schrieb Brecht anlässlich meiner Geburt. Na ja, jedenfalls zu diesem Zeitpunkt. Ich lese es aber als Mahnung, die er mir mit auf meinen Weg gegeben hat. Folglich bin ich der Meinung, Karthago sollte nicht zerstört werden.
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HAMLET & HORATIO.
Zu den erdrückendsten Erlebnissen der letzten Zeit gehört die Hamlet-Aufführung des elenden Frank Casdorff am Deutschen Schauspiel zu Hamburg, die um 18 Uhr begann und nicht vor Mitternacht endete. Ohne jede Inspiration schleppte sich eine verwirkte Persiflage über sechs Stunden käsig über die Bühne und ließ das Parkett in Lageweile verzweifeln. Folter ist der Begriff, der mir dazu bis heute einfällt.
Dabei kann, wenn man sich das ursprüngliche Unterfangen Shakespeares ansieht, es seinerzeit, wir sind im frühen 17. Jahrhundert, nicht kürzer gewesen sein. Und das Publikum stand fasziniert im Globe, während der dänische Prinz nicht zu Potte kommt. Denn darum geht es ja in dem Elisabethaner in seinem Stück vom unentschlossenen Sohn, dessen Mutter den Mörder seines Vaters geheiratet hatte und der auch sonst nicht klarkommt mit dem weiblichen Geschlecht. Und das über sechs Stunden.
Man wünscht sich, dass er das dänische Schloss verließe, um mit seinem Kommilitonen Horatio wieder zu studieren; übrigens in Wittenberg, wie Shakespeare ausdrücklich erwähnt. Man fragt sich unwillkürlich, ob das Kaff in Sachsen-Anhalt um 1605 schon den Beinamen Lutherstadt hatte; jedenfalls galt es als angesagteste Alma Mater ihrer Zeit. Womit wir schon wieder beim Ödipuskomplex sind, weil das nämlich „gütige Mutter“ heißt, aber das ist, wie Martial sagt, eine andere Frage.
Wie lernt man eine Rolle, wenn das sechs Stunden Text sind? Es gab noch keine Teleprompter, die heute Redner retten. Vielleicht gab es Souffleusen, vielleicht sogar noch im Orchestergraben in einem kleinen Gestühl vor dem Publikum verborgen. Aber sechs Stunden auswendig, das ist kein Pappenstiel. Das ginge noch, wenn etwas passierte; dem Hamlet ist es aber nicht gegeben, sich zu irgendetwas durchzuringen. Ein Attentist. Prokrastinat.
Das kann man so faszinierend finden, dass man sich sechs Stunden die Beine in den Bauch steht oder seinem Arsch das erbärmliche Gestühl antut, aber mehr als ein Exercitium der Langweile kann es nicht sein. Darüber werden sie bei dem Elisabethaner auch alle irre. Hamlet, Lear, McBeth. Zum Teil anfänglich mit gespieltem Wahnsinn, also vorgetäuschter Geisteskrankheit, dann aber ereilt alle die volle Klatsche.
Womit wir bei der „mad man theory“ sind, die seit Nixon als eine Finesse amerikanischer Regierungskunst gilt. Man will den Gegner glauben machen, dass der eigene König zu allem in der Lage sei, selbst dem größten Irrsinn, ja, sogar um den Preis des eigenen Untergangs auf seinen Eingebungen bestehend. Das kann raffiniert sein, wenn es den Gegner zur Vernunft bringt, setzt aber voraus, dass die Klatsche tatsächlich nur simuliert ist, obwohl beim Gegner genau daran Zweifel bestehen. Schließlich auch in den eigenen Reihen.
Ein Stoff für den Shakespeare! Kann ich unter diesen Umständen bitte mit Horatio nach Wittenberg?