Logbuch
DER LESER.
Der alte Kant galt als sittenstreng, aber nicht obrigkeitshörig. Der Wahrheit wollte er ohne Einschränkung ergeben sein; seinem Fürsten zu folgen, war ihm nicht so gegeben. Es gab in seinem Leben zwei Autoritäten eigener Natur. Sein Privatleben lag in den Händen seines Dieners, der ihn vom Ankleiden über das ausgiebige Gastmahl zu Mittag bis zum Zubettgehen zu begleiten wusste; seinen Tod wusste der alte Kant nicht zu verwinden.
In Fragen der Wahrheit war er einem fiktiven und doch faktischen Wesen verpflichtet, seinem Leser. Das Publikum seiner Zeit wusste sein Verleger aus Riga auf der Leipziger Buchmesse und anderen zu versorgen. Hier war Kant entschieden. Ein Prediger, befand er, könne ruhig nach dem Katechismus seiner Gemeinde reden und den Glaubensfragen die jeweils gewünschten Antworten geben. Dem Gläubigen gewähre man seinen Glauben.
Ganz anders, was unter die Augen des Lesers trete; das habe vor strengstem Urteil zu bestehen. Dieser Leser ist jener Gründungsmythos von Öffentlichkeit als Aufklärung. Warum sage ich das? Gestern hat mein Logbuch ein Schulfreund gelesen und geliked, den ich mehr als 50 Jahre nicht gesehen habe. Stand früher deutlich links von mir; auch wenn das heute wundern mag, das ging. Eigentlich schlummerte in ihm ein Anarchist. Keine Namen.
Aber einen herzlichen Gruß an meinen alten Jugend-Kumpel Winnie! Freut mich, dass Du mich liest und mir zu allem Überfluss nach einem halben Jahrhundert auch noch Recht gibst. Möge es Dir gutgehen! Es lebe mein Leser!
Logbuch
DER KRAMPF GEGEN RECHTS.
Der berühmte Meinungsforscher Manfred Güllner, ein Urgestein seiner Branche und leidenschaftlicher Roter, neigte zu bissigen Bemerkungen, wenn es um das gegnerische Institut in Allensbach ging, dessen Gründungsmutter nicht frei von braunen Tönen war. Er sagte dann gern: „Sie übersetzen dort Demoskopie mit völkischer Beobachtung.“
Was das Güllnersche Institut heutzutage beobachtet, hat sie, völkischen Züge. Forsa sieht bei der Sonntagsfrage die AfD mit der CDU gleichauf; beide haben je 25 % der Stimmen. Absolute Mehrheit. Die SPD würden noch 13% wählen. Die FDP ist raus. Die Strategie der demokratischen Linken, die uns in diesen Strukturbruch geführt hat, hieß „Kampf gegen Rechts“: na bravo! Ein Krampf; und er dauert an im linken Milieu. Schockstarre.
Die Art, wie die AfD niedergebrüllt wird, allen voran von Omas gegen Rechts, hebt deren junge Frau auf‘s Panier. Ich werde hier nicht diese alerte Zynikerin preisen, aber die bösen alten Frauen der demokratischen Mitte haben sie nicht nur nicht verhindert, sondern groß gemacht. Wir werden Weidel als Kanzlerin sehen, so wie wir Madame LePen nach oben heben, wo Signora Meloni schon ist. Der Krampf gegen Rechts hat jenen Rechtsruck gefördert, den zu verhindern er vorgab.
Die Schwarzen und die Blauen haben die absolute Mehrheit. Die SPD hat sich grotesk verzwergt. Wie die Grünen auch. Noch herrscht bei den Konservativen Scham, in eine Regierung zu gießen, was die Stimmungslage schon als Struktur zeigt. Aber sehe ich Fritze Merz als Fels in der Brandung? Eine Sandburg, irgendwann ein Raub der Wellen. Und, mit Eimerchen und Schüppchen, Lars Klüngelbiel, das dicke Kind als Sozen-Chef? Oder aus Berlin ein Herr Saleh („Die Wohnungen in Volkes Hand!“)? Machen Sie Witze?
Ich schreibe dies in Moabit; aus dem roten Wedding gleich nebenan höre ich ein Lied aus alten Zeiten herüberschallen. „Wer hat uns verraten?“ Es klingt mit der Stimme von Ernst Busch: „Sozialdemokraten!“
Logbuch
RECONQUISTA, DIE ROLLE RÜCKWÄRTS.
In meiner frühen Jugend machte eine schlichte Jacke mit Stehkragen Mode, weil sie der große Vorsitzende Mao Zedong trug. Ich war damals wohl schon Konzernknecht und trug, wie Bertolt Beitz, grauen Flanell zweireihig mit Binder und Manschetten. Der Mafia gebührten die Nadelstreifen. Kleider machen Leute.
Neunundfünfzig Krawattenmänner waren gestern im Kanzleramt: das ist die Spitze der deutschen Wirtschaft. Auf dem üblichen Gruppenfoto stehen sie rund um den Kanzler. Im Vordergrund ein einzelnes rotes Kleid. Und von Amtswegen die Bundeswirtschaftsministerin. Ich mag das Wort von der Frauenquote gar nicht mehr sagen, so vergeblich ist der Gedanke einer auch nur zufälligen Verteilung der Geschlechter an der Spitze der investitionswilligen Unternehmen meines Vaterlands. Eben kein Mutterland.
Mich fasziniert aber etwas ganz anderes. Wir hatten uns auf den Vorstandsetagen an legere Kleidung gewöhnt. Man trug die Start-up-Uniform von Sneakern und Polohemden, allenfalls ein offenes Oberhemd unterm verknitterten Leinen-Sacco. Jetzt alle im Blaumann, dem einreihigen blauen Anzug, mit Hemd und Krawatte. Eine Kulturrevolution zurückgedreht. Als Volkswagen-Seele sage ich: „Selbst der Olli!“ Schau an. Alle Achtung.
Wie ging das praktisch? Stand auf der Einladung eine Kleiderordnung? Das glaube ich nicht. Woher hatten aber neunundfünfzig Muttis morgens die Instruktion, was sie ihren Gatten rauslegen? Man kann sich das nur so vorstellen, dass die ganze Kohorte grübelte, was haben wohl Merz und Klüngelbiel an, der Kanzler und sein Finanzminister? In unterschiedlichen Größen, versteht sich. So dass dann die weißen Turnschuhe im Schrank blieben und wieder der blaue Binder geflochten werden musste. Hoffentlich konnte Mutti das noch.
Ja, ich weiß, es waren 61 Topmanager im Kanzleramt; zwei hatten die Zeichen der Zeit verschlafen. Einen davon kennt kein Mensch, der andere war jener, den sie im Pressechor „das Knäckebrot“ nennen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Ich jedenfalls sage: Jede Kulturrevolution gebiert ihr Kostüm, auch eine rückwärts. Wir werden Zeugen einer RECONQUISTA. Sie kommen wieder die Blaumänner mit Schlips. Die Mao-Joppe der Habeck-Ära bleibt im Schrank. Man weiß ja nie.
Logbuch
DER PAPST IST EIN GRÜNER.
Die neue Enzyklika des Papstes, veröffentlicht am 25. Mai 2026, heißt „Magnifica Humanitas“. Sie betont die Würde des Menschen im digitalen Zeitalter und warnt vor einer gefährlichen Dominanz von Künstlicher Intelligenz, insbesondere bei autonomen Waffensystemen und digitaler Ausbeutung. Der Papst ruft dazu auf, KI ethisch zu regulieren, sodass sie dem Menschen dient und nicht ihn beherrscht. Zitat Ende.
Wer sagt das? Die Künstliche Intelligenz meines Smartphones. Ist die Kritik des Papstes berechtigt? Ich frage sie. Sie antwortet: „Ja, auf jeden Fall. Der Papst kritisiert vor allem, wie KI als potenzielle „Waffe“ eingesetzt werden kann, zum Beispiel durch autonome Waffensysteme. Er warnt davor, dass KI wirtschaftlich ausgenutzt wird, etwa in Datenmonopolen oder in der algorithmischen Arbeitswelt. Besonders deutlich sagt er, dass KI die moralische Gestaltung der Gesellschaft nicht übernehmen darf – denn sonst könnte sie Demokratie, Freiheit und Ethik gefährden.“ Zitat Ende.
Genug der Spielchen. Im Folgenden in meinen Worten. Wenn sich die sprechenden Maschinen zu einer „Allgemeinen Intelligenz“ herausgebildet haben werden, könnten sie einen eigenen Willen entwickeln, der die Rolle des Menschen gegenüber diesen Maschinen prinzipiell umkehrt. Aus Subjekten würden Objekte. Der Mensch würde ein Mittel zum Zweck; zu einem Zweck, der nicht mehr seinem Willen unterläge. Wir hätten uns versklavt. Man lese nach, was Marx zur Vergegenständlichung geschrieben hat; mit Tinte im Lesesaal des British Museum.
Anderes Beispiel. Das eigentliche Elend aller großen Kriege der Menschheit bestand nicht darin, dass beide Seiten Söldner anwarben und diese sich für die Sache ihrer Herren abschlachteten; es bestand darin, dass die unzufriedenen Heere anschließend marodierten. Daher seit dem dreißigjährigen Krieg der Ruf des alten Schweden. Was, wenn sich unsere Hochrüstung irgendwann entschließt, die Sache selbst in Hand zu nehmen? Schon heute widersprechen die Militärs den Politikern; was, wenn es den Dronen irgendwann reicht und sie ihre Ziele selbstständig ändern?
Hoch interessant finde ich den Vergleich, den der Papst zwischen KI und Kernenergie zieht. Er zieht eine Parallele zum Nuklearen. Ich wusste es. Der Augustiner ist ein Grüner! Alter Schwede. Theoretisch etwas matt sein Plädoyer für das Allgemeinwohl; das hatten wir schon begrifflich schärfer, oder? Wir sollten uns noch mal ansehen, wie Kant Menschenwürde definiert und was das mit dem Begriff des Individuums zu tun hat. Und was Hegel zur Dialektik von Herr und Knecht sagt.
Wem dazu die Bücher fehlen, kann seine KI fragen. Siehe oben. Ich habe zudem eine Vermutung, wer im Vatikan so schnell die neue Enzyklika getextet hat. Auch der Unfehlbare geht mit der Zeit.