Logbuch
DEM AFFEN KEIN ZUCKER.
Die Menschen sind so lange eingesperrt, dass FERNWEH und Reisesehnsucht mit bloßen Händen zu greifen ist. Urlaub machen dürfen. Das Freiheitsbedürfnis ist eine Frage der Freizügigkeit und hat nichts mit FLUGPREISEN zu tun. Und dieses Freiheitsrecht steht nicht im Belieben einer parteipolitischen Sache; auch nicht einer umweltpolitischen. Eigentlich ist das alles klar. Nicht so den GRÜNEN. Die Kurzstreckenflüge sollen politisch verteuert werden, wenn nicht verboten. VEGGIE-DAY, die zweite.
Ich mag RYAN AIR nicht und bin mit dem dortigen Boss, einem irischen Investmentbanker namens Michael Kevin O’Leary mal richtig aneinandergeraten. Ich halte ihn für einen ungehobelten Idioten. Aber anzunehmen, dass es seine Tiefpreispolitik ist, die die Sehnsucht nach Urlaub überhaupt erst erzeugt hat, das ist abstrus. Wer also Flüge künstlich verteuern will, der führt PÖNALEN, sprich Strafzölle ein; es geht ihm eigentlich darum, ein Massenverkehrsmittel der Elite zurückzugeben, die es früher exklusiv nutzte. Die SOZIALE FRAGE wird gestellt, mit einiger Schärfe.
Eigentlich besteht WAHLKAMPF darin, dem Affen Zucker zu geben, also das Blaue vom Himmel herunter zu versprechen, um Stimmen einzusammeln. Was Frau Baerbock, die Völkerrechtlerin, da gerade macht, ist ungewöhnlich, wenn sie wirklich an die Macht will. Kann man so viel sagen, ohne allzu politisch zu werden?
Logbuch
SICHTFLUG.
Nicht jeder in der Politik hat einen Flugschein. Mein Herr Vater hat einen, allerdings im Segelflug, weil der Versailler Vertrag den besiegten Deutschen das Motorfliegen seinerzeit untersagte. Daher die Euphorie fürs Gleiten in der Thermik. Ein friedlicher Spaß. Das hat dann der dicke Göring geändert, leider. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
AUF SICHT FLIEGEN, so nennt die Politik jenes Wurschteln, mit dem sie auf Strategieverlust reagiert. Vornehm ausgedrückt ist das DEZESSIONISMUS. Zum Beispiel in der Anti-Seuchen-Politik. Ich kenne den SICHTFLUG als einen besonderen Trick, wenn man zum Beispiel von Biggin Hill nach Heathrow oder vom Flughafen Braunschweig-Waggum nach Frankfurt rein keinen gescheiten Slot mehr kriegte, so hielt der findige Pilot des Propellers das Gerät knapp überm Boden und schlich sich übern Taunus hintenrum nach Rhein-Main rein.
Vielleicht war es nicht so ganz korrekt, aber Spaß hat es gemacht. OLD SCHOOL means: don’t do it by the book. Man kriegt den Alt-Achtundsechziger nicht mehr raus aus meiner Generation.
Logbuch
PFERDEVERSTAND.
Eine endlose Flotte von Lieferwagen durchschwärmt das Land. Der Markt für diese kleinen Nutzfahrzeuge (Kastenwagen mit Dieselmotoren) und LKWs (mit großen Dieseln) muss leergefegt sein. Ein arabischer Migrant fragt mich nach einer Adresse. Und stellt dann beim Nachbarn ein Amazonpaket zu. Gut, denke ich, er hat einen Job. Möge es Aufstieg ermöglichen. Er macht das, was mal Einzelhandel war, wo wir einst in Innenstädten holten, was heute nach Hause gebracht wird. Blühende Landschaften.
Erinnert mich an meinen Urgroßvater, der aus Ostpreußen (heute Russland) an die Ruhr kam, weil hier PFERDEVERSTAND benötigt wurde, den er hatte. Ein Heer von Kutschern und ihre Gäule. Zur Auslieferung von Bier und Milch. Zum Treideln der Schiffe flussaufwärts. Untertage, um Kohleloren zu schleppen. GRUBENPFERDE. Lieber das, als im Osten, in der kalten Heimat, zu verhungern. Die ewige Logik der Migration. Es ermöglichte Aufstieg. Blühende Landschaften.
War das idyllisch? Na ja, man mochte als Migrant der ersten Runde (Protestant aus Ostpreußen) die der zweiten Runde (Katholiken aus Polen) nicht; die wiederum mochten die der dritten Runde (Moslems aus der Türkei) nicht. Aber man kam zurecht. Als Gefahrengemeinschaft, auf dem Fußballplatz und auch sonst, irgendwie mit der Zeit. Kumpel-Ehre. PFERDEVERSTAND. Blühende Landschaften.
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HERR K. AUS KASSEL.
Ich entdecke, nach den Herren K. bei Kafka, Brecht und anderen Dichtern der Neuzeit, nun einen K. in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, den man wegen seiner Glossen einige Beachtung schenkte. Er hat seinen scharfsinnigen Spott über die Gesellschaft seiner Zeit positiv gewendet und zu einem Ratgeber verarbeitet. Im Jahr 1788 erscheint in der Schmidtschen Buchhandlung zu Hannover das Werk „Über den Umgang mit Menschen“. Der Autor ist Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge. Ja, der Knigge. Und es geht ihm nicht um gutes Benehmen; er habe kein „Complimentirbuch“ geschrieben. Er ist Kolumnist.
Manches ist gleichwohl durchaus deftig. So rät er dem alten gebrechlichen Gelehrten, eine junge „Cokette" nicht mit seinem offenen Beinschaden zu unterhalten; „daß man bey Tische den abgeleckten Löffel, womit man gegessen, nicht wieder vor sich hinlegen“ und „einen benutzten Zahnstocher nicht weiterreichen soll“; „daß, wenn man mit jemand in Einem Bette schlafen muß" - („ich kenne nichts eckelhafteres und unanständigers, als zu Zwey unterderselben Decke zu liegen") -, dem anderen möglichst wenig Ungemächlichkeit verursachen dürfe - all dies versteht sich für Knigge von selbst und ist eine Frage der guten Kinderstube. Er will darüber hinaus und vor allem für die Aufklärung eine Lanze brechen. Und das ausgerechnet bei Hofe und dann noch in den gesellschaftlichen Ödnissen von Nordhessen und Niedersachsen, allem voran im Urgrund der Dystopie, in Kassel.
Ich blättere in einem Band der fabelhaften Hannoveraner Germanistin Birgit Nübel und stoße auf ein Faksimile aus dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, datiert 1777, das die Mitglieder der Schottischen Loge „Zum Gekrönten Löwen“ zu Kassel verzeichnet und dort unter der Mitgliedsnummer 58 unseren Knigge. Man weiß, dass schon sein Vater Freimaurer war und in Göttingen eine Deputationsloge der Hallenser „Zu den drei Schlüsseln“ gegründet hat. Alta Schwede, wir sind unter die Illuminaten geraten. Mehr ist nicht zu erfahren, da die Kasselaner der Strikten Observanz angehörten. Wahrscheinlich war auch nichts von Bedeutung.
Wenden wir also unseren Blick den Ratschlägen des Herrn K. bzgl. des praktischen Lebens zu. Etwa der Episode, dass er in einem kleinen Silberkästchen Ungeziefer der aller niedrigsten Stände bei sich trug, das er den Damen von Stand beim Ball in ihre Perücken platzierte… weiteres erspare ich uns. Irgendwie taugt er nicht zu höherer Bildung, dieser K. aus Kassel. Keine Kunst, kann weg.