Logbuch

AUFBAU WEST.

Meine Alma Mater, Mutter der Wissenschaft, die architektonisch monströse RUB, klagt über Kindermangel. Der Ruhr Universität Bochum fehlen 5000 Studenten. Das ist für mich als Alumnus eine Sensation gänzlich unerwarteter Art. Als ich hier Anfang der siebziger Jahre aufschlug, standen alle Signale auf Wachstum. Ganze Hochhauskomplexe normaler Mietwohnungen waren im Handstreich auf Studentenbuden umgestellt. Man lebte toll in den spontanen Kommunen in der Hustadt. Und billig. Erstklassiges Lehrangebot. Fabelhafte Bibliotheken. Halbleere Seminare wirklich kluger Köpfe.

Wenn ich ergänzend zu den Genies in den Hörsälen die Studis aus dem Pott beschreiben soll, also den Geist der frühen Jahre, dann genügt der Hinweis, dass vor der riesigen Mensa eine sogenannte Bierklause eingerichtet war, in der es allerdings nur Krüge gab: „halbe-Liter-machen“ nennt das der Italiener. Abends ging man in den RUB PUB, den das Studentenwerk betrieb; einschließlich Rollgriff in der Kasse. Hier hatte noch der AStA das Sagen. Linker Sauladen, gefiel mir damals.

Aber das ist natürlich irreführend. Gut 40.000 Studenten büffelten brav und bravourös in Bochum; immerhin 10 % schloss mit Promotion ab. Man schenkte mir eine Urkunde, die meine Diss als beste des Jahrgangs qualifizierte; keine Ahnung, wieviel beste es gab, aber man freute sich natürlich über das „summa cum laude“. Der monströse Komplex in Bochum-Querenburg steht inzwischen unter Denkmalschutz. Jetzt also negatives Wachstum? Kann das?

Der Pott ist pleite. Mona Neubaur, die stellvertretende Ministerpräsidentin von NRW, fordert als Grüne einen AUFBAU WEST. Das Ruhrgebiet verfällt und bildet Gettos aus, in denen Vagabunden das Sagen haben. Der Essener Norden etwa war nie chic und lange Zeit industriell geprägt. Heute ist er nicht mehr zu betreten. Bei der Verfassungsvorgabe der gleichwertigen Lebensverhältnisse sind jetzt mal die Wessis dran. Unausgesprochen: Und nicht die undankbaren Ossis. Obwohl der Vizekanzler dem Osten gerade wieder blühende Landschaften versprochen hat. Da meldet sich der Pott: „gezz ma wir!“

Wir erleben Strukturwandel. Kohle und Stahl sind gegangen (worden) und mit ihnen ein Wirtschaftswachstum in der sozialen Breite, das Arbeitskräfte aus Italien, Ostpreußen und der Türkei anzog, ernährte und bildete. Jetzt erleben wir Zuwanderung in die Sozialsysteme mit dem Effekt ihres vorsätzlichen Missbrauchs. Gettos einerseits und zum anderen Habitat der AfD.

Krupp wird es nicht richten. Und eine neue Konjunktur der Dicken Berta wohl auch nicht. Rheinmetall soll gut laufen, höre ich. Ob mir das gefällt, das weiß ich nicht so recht.

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LEBENSLÄNGLICH.

In meinem Beruf trifft man nicht selten recht seltsame Menschen, denen man gleichwohl Diskretion gewährt. Der Berater kassiert und schweigt. Mit den Exoten lernt man Exotisches kennen, über das zu räsonieren sich lohnt, ohne dass man vorschnell Urteile fällt. Man staunt, ohne Ross und Reiter zu nennen. Na gut, das Ross, aber nicht den Reiter.

Man fragt mich, ob ich nicht die Biographie von jemandem schreiben wolle, der ein Pionier der LONGEVITY sei. Das sind Wunsch und Wille, möglichst lange zu leben, wenn nicht gar, den Alterungsprozess ganz aufzuhalten. Hier wird lebenslänglich eben möglichst länglich definiert. Eigentlich wünscht man sich ewige Jugend. Oder gar Wiedergeburt. Biologie umkehren. Voreilig könnte man meinen, dass hier der Schimmel des Wahnsinns geritten wird.

Das Gegenteil dessen ist aber allemal plausibel, dass man Frühsterblichkeit verhindert, indem man ein gesundes Leben anstrebt. Keine Plauze, kein Bluthochdruck, wenig Drogen. Aber die vermaledeite Fehlernährung fängt früh an; ich soll Zucker meiden, wo ich im Leben auf alles zu verzichten weiß, außer Kuchen. Die LONGEVITY-Süchtigen sind aber echt rigoros. Auch kein Salz. Das lange Leben lau und laff.

Darf ich auf ein Paradox aufmerksam machen? Der Wunsch nach ewiger Jugend wird am Ende des eigenen biologischen Lebens wach und bestenfalls durch Ewiges Alter erfüllt. Es wird nicht der Aufenthalt auf der Wöchnerinnenstation verlängert, sondern der unter den Dementen im Altersheim. Siechtum verlängern, was für ein Projekt! Das wissen die Lebensverlängerer natürlich auch. Deshalb wünschen sie insgeheim, die Biologie umdrehen zu können. Sie wollen sich verjüngen.

Das ist mental paradox und eine milde Form von Wahnsinn. Na gut. Wenn man sonst keine Hobbys hat. Es ist aber auch Ausdruck jener Attitüde, die das Mittel zum Zweck macht. Man will Leben, weil man nicht sterben kann. Das finde ich weit bedenklicher. Das versteht der Schimmelreiter aber nicht. Er will nichts Biografisches von mir. Ich passe als Berater nicht, sagt sein Adlatus. Ich fürchte das stimmt. Am Ende meines heutigen Intervallfastens steht übrigens ein Stück Schwarzwälder Kirsch. Und noch ein Kirsch obendrauf.

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HINTERHALT.

Das „Minihandbuch des Stadtguerilleros“ ist ein Werk von Carlos Marighella, verfasst im Juni 1969. Es beschreibt Taktiken und Strategien für revolutionäre Kämpfer in städtischen Gebieten, basierend auf Marighellas Erfahrungen im Kampf gegen die brasilianische Militärdiktatur. Es kam mir als Referatsthema unter, als ich Anfang der siebziger Jahre in Bochum ein Proseminar zum Begriff des Politischen belegt hatte und hoffnungslos überfordert war. Es erhebt das Prinzip des Hinterhalts zur legitimen Kriegstaktik. Das hatte den höheren Charme der Che-Verehrung und machte Terrorismus als revolutionäre Tugend gesellschaftsfähig.

Mein Referat war peinlich, der wunderbare Dozent gewährte mir Nachsicht; aber die Blamage wirkt in mir nach. Sie kommt wieder hoch, da ich lese, dass die Propaganda-Stunts im Weißen Haus mit dem ukrainischen und dem südafrikanischen Präsidenten in der noch demokratischen Presse der USA „ambush“ genannt werden, Hinterhalt, sprich hinterhältig.

Das Besondere der Neuen Rechten ist, dass sie bei der Verfolgung ihrer Gegner auf den Anschein eines „fair play“ völlig verzichtet. Weder gute Manieren noch Ritterlichkeit spielen eine Rolle; es herrscht die urwüchsige Brutalität einer Kneipenschlägerei, getragen vom zustimmenden Gejohle ihrer Fans. Kriegslüstern. Natürlich tritt man nach. Ich nenne den Kampf gegen Harvard als andauerndes Beispiel.

Darf ich uns, die Deutschen, vor Hochmut warnen? So haben wir unter Hermann dem Cherusker gegen die römischen Truppen unter dem braven Varus gewonnen. Fast 20.000 reguläre Römer wurden im Osnabrücker Land dahingeschlachtet, bei Kalkwiese in einen Hinterhalt gelockt. Ich erspare uns andere historische Vergleiche; es wird mit Blick auf die Wehrmacht nicht besser.

Auch aktuelle Analogien seien zurückgestellt. Die Welt ist kein Ponyhof. Der Dschungel kein Exerzierplatz. Ich habe mir mit siebzehn Jahren vom Kreiswehrersatzamt Mettmann ein Gewissen bescheinigen lassen. Mit siebzig finde ich, das war nicht das Dümmste, was ich getan habe. Damit war amtlich, dass man zu mehr veranlagt ist als Hinterhalt. Ich lese in der WAZ, dass ein Rotarier aus Essen als alter Mann im Rahmen der allgemeinen Kriegsertüchtigung auch noch an die Front möchte. Hermann der Cherusker. Alter Narr. Darauf wird der Russe gewartet haben.

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WACKERSDORF DIE ZWEITE.

Ende Gelände in Hamm. Ist das da, wo ich mich mal um einen Kugelhaufenreaktor bemüht habe? Und der Bruder von Grönemeyer Störfälle in der Gülle eines westfälischen Kuhstalls fand, die es nie gegeben hatte? Man sagt, die Geschichte wiederholt sich nicht; was natürlich Unsinn ist. Laufend.

Mein Gedächtnis ist nicht das Beste, zumindest was Chronologie angeht; ich erinnere vieles nur simultan. Vielleicht ist das ja eine Gnade des Alters, dass man den Babys schon in der Wiege ansieht, auf welcher Bahre sie mal enden. Und oft behält man recht. Mein Herr Vater pflegte zu sagen, dass er daran, wie der Zimmermann den Hammer halte, sehe, ob der Nagel krumm werde. Nun, vieles ist vergessen an krumm geschlagenen Nägeln. Aber das weiß ich noch, wo ich Ostern 1986 war.

Im ländlichen Wackersdorf hatte sich ein Lager gebildet von Aktivisten, die sich dem Willen von Bundes- und Landesregierung widersetzten, dort eine Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Kernbrennstoffe (WAA) zu bauen. Das wäre der Eintritt in eine nukleare Kreislaufwirtschaft gewesen. Big Deal. Ich war vor Ort, weil ich mit den Leuten reden wollte und eine Sicherheitsgarantie durch die Veranstalter hatte. Man kann sich vorstellen, dass ich im Flanellanzug und mit Krawatte auffiel, wie ein Schwein auf dem Sofa. Aber man wollte reden und konnte es.

Mein Patron war der Energie-General der VEBA, der legendäre Werner Müller, dessen Sohn der Branche erhalten geblieben ist. Nun, wie immer habe ich hier und heute keine Indiskretionen zu begehen; aber nachzulesen ist, dass unser oberster Kriegsherr, der legendäre Rudolf von Bennigsen-Foerder, danach im STERN sagte, dass man eine Technologie nicht auf Dauer mit dem Bundesgrenzschutz durchsetzen könne. Die WAA wurde aufgegeben. Das Bundeskanzleramt war entsetzt, die bayerische Staatskanzlei tobte. Müller und sein Umfeld hatten den Satz in das Interview reinredigiert. Gespaltene Freude, aber das Leben in der Energiewirtschaft ist kein Ponyhof.

Heute sehe ich die Söhne und Enkel der damaligen Kämpfer ein Zeltlager in Hamm errichten; meine alten Kontakte, obwohl über Jahrzehnte gut geölt, bleiben zurückhaltend. Man wittert Spionage und traut der Industrie nicht, jedenfalls nicht der amtierenden Ministerin und ihrem Freiherrn. An Unternehmern vom Format eines Bennigsen oder Zuschlägern im Charakter eines Müller fehlt es. Obwohl, man weiß es nicht, vielleicht ist das jetzt, fast vierzig Jahre später, nur die etwas dekadente Wehmut alter Kämpfer. Weil man weiß, auf welcher Bahre endet, was da gerade aus der Wiege nach Mutters Brust schreit. Man müsste stillen können.