Logbuch

VERTRAUEN.

Man muss seinen Freunden trauen können, seiner Familie, seinen Herzallerliebsten. Sonst wird man wahnsinnig. Die Menschwerdung des Affen vollzieht sich in dem Maße, wie aus dem Rudel eine Familie wird. Deren Treibstoff ist Vertrauen. Wer das verwirkt, endet einsam.

Wenn allerdings Politiker Vertrauen fordern, ist Wachsamkeit angebracht. Wenn sie sagen, dass Vertrauen ein hohes Gut sei und nicht gefährdet werden dürfe, ist das ein Zeichen des Alarms. In allen modernen Menschen, auch denen reinen Herzens, schlummert irgendwo das Lenin-Wort, nach dem Vertrauen gut, aber Kontrolle besser sei. Dieser Leitsatz jedweder Diktatur ist ein Vorsatz, dessen Erfolg höchst ungewiss ist. Vielleicht kann ein autoritärer Staat seine Bürger vollständig kontrollieren; vielleicht. Aber wir, die Beherrschten, können nicht alles und jedes genau in Augenschein nehmen. Auf bestimmte Dinge muss man blind vertrauen können, sonst wird man irre.

Genau das ist der Ort der Kleingruppe namens FAMILIE. Es ist gänzlich unerheblich, ob eine väterliche Linie sie bildet oder eine mütterliche; man kann über Abstammung zueinander gefunden haben oder Zuneigung oder Zufall. Den Nukleus der Vertrauensgemeinschaft bildet die Mutter-Kind-Beziehung, die auf Schwangerschaft und Geburt beruht. Elternschaft ist eine elementare, aber generationsübergreifende Aufgabe. Freilich muss man auch loslassen können. In vielen anderen Lebensformen bilden sich Familien als Kleingruppen der Nähe, sprich der Vertrautheit. Das nämlich ist die Basis von Vertrauen.

Der Soziologe Luhmann nennt Vertrauen eine Reduktion von Komplexität, ohne die soziale Systeme nicht funktionieren könnten. Ich habe dem den Hinweis hinzugefügt, dass Vertrauen stets vorwegnehmend ist; man unterstellt wechselseitig eine erwartbare Reaktion. In alter Redeweise: Man ist präsumptuös. Dazu Goethe: „Ich habe niemals einen präsumptuöseren Menschen gekannt als mich selbst. Und daß ich das sage, zeigt schon, daß wahr ist, was ich sage. Niemals glaubte ich, daß etwas zu erreichen wäre; immer dachte ich, ich hätt’ es schon. Man hätte mir eine Krone aufsetzen können, und ich hätte gedacht: Das versteht sich von selbst.“

Ein Großmaul der Johann Wolfgang. Er fährt fort: „Und doch war ich gerade dadurch nur ein Mensch wie andre. Aber daß ich das über meine Kräfte Ergriffene durchzuarbeiten, das über mein Verdienst Erhaltene zu verdienen suchte, dadurch unterschied ich mich bloß von einem wahrhaft Wahnsinnigen.“ Welch ein Wort.

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DAS WUNDER DES LEBENS.

Ich breche keinen Stab, aber in der englischen Times lese ich von „surrogate sons“ und erschrecke tief. Welch ein Wort. Eigentlich hatte ich das für privat gehalten, jetzt zweifle ich. Doch ein Politikum? Zwei gleichgeschlechtlich verheiratete Männer in der Regierung Merz haben sich und ihrem Ehemann jeweils im Ausland Söhne besorgt; einer davon ist, weil das hierzulande schlicht verboten, gestern halb zurückgetreten. Der andere noch nicht. Und natürlich haben sich die Herren keine Mädchen bestellt. Das dahinter vermutete Frauen- und vor allem das Mutterbild der Herrschaften entsetzt das Publikum.

Eine Schwangerschaft und die Geburt sind eine so erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigung für Mutter und Kind, dass die Herabwürdigung dessen in ein kommerzielles Mietverhältnis unerträglich ist. Eigentlich sollten sich werturteilend dazu nur Frauen äußern. Die Herren Samenspender, zumal homosexueller Praxis, haben da nun wirklich mal Pause. Wir sind hier schließlich nicht in der Hühnerzucht oder bei „build-a-bear“.

Moderne Zeiten, man kann alles mieten. Die moderne Art eine Ferienwohnung zu mieten bietet AirB&B: man mietet so eine Bude im Internet für eine Zeit und zieht aus, wenn die Zeit um. So wie man einen Leihwagen nimmt. Wenn am Ziel, wird die Karre an den Straßenrand gestellt und gut. Das also ist die semantische Welt, in der heute über das Wunder der Geburt geredet wird, mittels dessen die Frauen unzweifelhaft zum besseren Teil der Menschheit gehören und jede Mutter ein Recht auf ungebrochene Verehrung hat. Mein Ernst.

Ich bin wirklich verstört. Eine christliche, ja katholische Regierung. Und man mietet dreist einen Uterus wie eine Garage? Wollen wir über dieses Frauenbild eine Weile nachdenken? Das muss doch als Missverständnis ausgeräumt werden. Eine Brutkuh, die abkalben soll; und dann ist gut? Während wir mit unseren Genen in kleinen Pappbechern einen Zuchtzirkus veranstalten? Ein Baumarkt für Nachkommen? Schon der Begriff der Leihmutter erscheint mir als ein tiefer ethischer Skandal. Und was ist Regierungshandeln anderes als das Verhalten der Regierenden? Ich bitte um Aufklärung. Sagt dazu bitte der Papst mal was?

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ORIGINAL GENIE.

Wenn sich Gelehrte zu klassifizieren suchen, fällt gelegentlich der Begriff des Lektürevorsprungs. Ich sage mal für mein Fach, die Geistes- und Sozialwissenschaften, man kann nicht mehr gelesen haben als Sloterdijk und kaum weniger als Precht. Kennzeichen der Doofen war früher die recht schmale Handbibliothek. Ich gehöre eher zu Klasse derer, die Inhalte schon durch Handauflegen auf den Buchdeckel erahnen; ich muss mich nicht von Seite zu Seite zu Seite quälen.

Man kann nicht alles gelesen haben, was die Weltliteratur so ausmacht. Aber man will gleichwohl den Eindruck erwecken. Heute mag das mittels KI möglich sein, in der grauen Vorzeit aber, in der ich studierte und nach fünf, sechs Semestern fertig war (ich erhielt trotzdem, was ich selten erwähne, eine Urkunde wg. bester Diss des Jahrgangs), da war eine einzelne Anschaffung der Sprung nach vorne. Für einen stattlichen Betrag von dem Salär aus dem Job in den Semesterferien erwarb ich Kindlers Literatur Lexikon.

Zwanzig dicke Schinken. Da steht dann anderthalb Meter Bücher im Regal, in dem 13.000 Werke der Weltliteratur von 1600 Fachautoren unter Anleitung von 75 Herausgebern besprochen sind, eine Lektürestrecke, die, wenn, was schon ehrgeizig, vier Werke pro Tag verschlungen, man zehn Jahre in der Bibliothek verbracht hätte. Ununterbrochen. Jetzt ein Griff, etwas blättern und schon schlau. Das war für mich, den ehrgeizigen Germanisten ein Quantensprung.

Und ich erinnere noch das Wort eines neidischen Kommilitonen, der abfällig feststellte, dass damit die Entwertung des Wissens einsetze.  Dass wiederum ist eine moderne Debatte. Setzt mit KI eine Inflation des Wissens ein? Nein. Es verkürzt sich nur radikal die raumzeitliche Verfügbarkeit. Ich muss nicht mehr auf einem Esel über die Alpen, um für meine Studien in Canterbury ein italienisches Kloster aufzusuchen, wo finstre Mönche einen Aristoteles versteckt haben. Es reichen 22,99 € für Dschätt-Dschi-Pi-Dieh.

Man kann schneller schlau sein. Und nachhaltiger dumm. Denn der Automat spiegelt nur Häufigkeit. Das reicht meist, aber ist, obwohl schnell und weitläufig, noch kein Genie. Dazu sagt der Apparat: „Ein Originalgenie ist ein schöpferischer Mensch, dessen künstlerische Leistung aus seiner einzigartigen, angeborenen Begabung hervorgeht und sich nicht an vorgegebene Regeln oder Vorbilder bindet.“ Na ja, angeboren ist das nicht. Unsinn. Der Witz des Genies, sein Esprit, ist aus dem Gemüt gemacht, das an einer Mutterbrust wächst. Dumm, wer frei davon.

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FIGAROS HOCHZEIT.

Revolutionen entstehen nicht durch himmelschreiende Missstände. Die gibt es ja immer und fast überall. Sie drohen, wenn der Plebs sich langweilt. Darum galt im Alten Rom das doppelte Motto BROT & SPIELE. Und Spiele!

Als Massenmedien noch aus Papier waren, im Zeitalter der Zeitungen, da war wichtig, was die BILD „auf der Eins über‘m Bruch“ hatte; das meinte die Titelstory, die den Leser schon ansprang, auch wenn das Blatt noch gefaltet am Kiosk lag. Diese Schlagzeile sollte den Kaufimpuls auslösen, war also wichtig. Dort lese ich gestern etwas von einem anstehenden Kanzler-Tausch. Das ist schon sprachlich so schlecht, dass ich nicht mal mehr weiterlese. Selbst BILD kann keinen Boulevard mehr. Man gähnt.

Das ventilierte Gerücht will von einem Plan in der Union wissen, den amtierenden Friedrich Merz durch Henne Wüst zu ersetzen, der in Düsseldorf den Ministerpräsidenten gibt. Er gilt als der Kennedy vom Niederrhein und hat die Haare schön. Politisch kommt er aus der Tiefe des Raums, weiß also, wie das Geschäft geht. Zudem war er mal bei der Lobbyfirma EUTOP, die nun wirklich mit allen Wassern gewaschen ist. Das ist schon Erste Liga. Unsern Henne als Kanzler; echt, jetzt?

Ich bin nicht überrascht, aber doch irritiert, weil ich finde, der Merz macht seinen Job so schlecht nicht. Zumindest nach der Stupidität, mit der der SCHOLZOMAT sein Kabinett vor die Wand gefahren hat, weil, so sein Schwanengesang, die Bubis der FDP böse waren. Allerdings ist das Haupt von Fritze Merz nur noch sehr spärlich von einem Flecken Resthaar bedeckt und glänzt ansonsten wie ein Osterei. Anweisung an die Maske: Bitte regelmäßig mit Puder abdecken.

Meine Frisörin, die fabelhafte Denise, empfiehlt den Kahlen ausgedehnte Besuche in der Türkei, wo man sich, im Urlaub nebenbei Haar von anderen Körperteilen, die noch eine gewisse Buschigkeit aufweisen, auf die Pläthe verpflanzen lassen kann. Das „pubic hair on head“ sei echt in Mode, sagt Denise; sie habe Kunden, die damit wirkten, als seien sie einem Jungbrunnen entsprungen. Ich bin skeptisch. Nach solchen Plattitüden vergeben wir doch nicht das dritthöchste Amt im Staat. Nur, weil unsern Henne die Haare schön hat.

Der Kern meines heutigen Monitums ist aber, dass es keinen kräftigen Boulevard mehr gibt. Die wirklich irren Stories kommen nur noch aus der PR; dabei vorwiegend aus der rechts gestimmten Regierungs-PR. Frech wie Dreck. Und insofern ist der Friedrich Merz vielleicht nur zu vorsichtig. Hülfe es, wenn er noch mehr über das Stadtbild schwadronierte und warum man seine Kinder nicht mehr in die USA schicken kann? Fritze, hau noch einen raus! Ein Volk, das sich langweilt, ist echt gefährlich.