Logbuch

BIG BOSS.

Jeder Manager ist ersetzbar. Der Satz stammt von einem meiner ehemaligen Chefs und bezog sich auf einen VW-Vorstand früherer Jahre; er war dessen Aufsichtsratsvorsitzender. Ich hab den damals für ihn in ein Interview mit der ZEIT reingeschrieben und dafür viel Prügel bekommen. Aber ich hatte am Ende wohl Recht. Tempi passati.

Bei Volkswagen gab es gestern wieder ein spontanes Ausscheiden eines Konzernvorstandes, ein gewichtiges Ereignis, das nur sehr wenige Auguren haben kommen sehen. Während mein Handy klingelt (und ich nicht rangehe), lese ich auf LinkedIn zweitausend Reaktionen. Darunter auch für Insider aufschlussreiche Verbindungen und interessante Rückschlüsse. Er hat es gestalten können; gut so.

Es geht ein guter Mann, ein sehr guter; und er geht mit einer Dankbarkeitsbekundung. Klug. Sehr klug. Weiteres habe ich dazu nicht zu sagen, weil ich zu jenen Ehemaligen gehören, deren Loyalität sich nicht durch den Einfluss von Altersbosheit erschöpft. Zudem weiß ich keine Geheimnisse. Und wenn ich welche wüsste, würde ich sie nicht erzählen. Aber ich weiß ohnehin keine. Verstanden? Doppelt genäht, hält besser. Über meinen damaligen Chef bei VW, den ebenso leutseligen wie argwöhnischen Ferdinand Piëch, habe ich mal gesagt: Seine wirklichen Geheimnisse erzählt er nicht mal sich selbst. Das ist der Geist.

Unbescheiden darf ich aber doch erwähnen, dass ich den mächtigen Konzernvorstand, der jetzt als Arbeitsdirektor geht, zu Beginn seiner Industriekarriere einst eingestellt habe. Er war gelernter Journalist und dann in meinem Beritt Werkredakteur. Bei LinkedIn dankt ihm heute ein Kollege dieser Jahre und berichtet von vielen gemeinsamen Überstunden bis tief in die Nacht. Das wiederum freut mich. Sogar sehr. Denn dafür war ich verantwortlich, die unzähligen Überstunden.

Ja, wir hatten damals was vor der Brust und die Aufgabe gestemmt. Das Wort „work-life-balance“ gab es noch nicht. Und mindestens einer aus der Truppe hat es bis ganz oben geschafft. Jetzt gilt die Weisheit, dass Wolfsburg nicht das Ende der Welt ist. Überstunden kann man auch woanders und auf deutlich höherem Niveau machen. Näheres wüsste die Presse gern. Aber ich gehe nicht an mein Handy. Und ich weiß nix. Und wenn ich was wüsste… Das hatten wir schon.

Logbuch

MISTVIECHER.

Da können sie von mir aus ins Bundesnaturschutzgesetz reinschreiben, was sie wollen, Wespen sind das letzte. Zu rein gar nichts nütze und eine echte Plage. Ins Gesicht wollten sie mir fliegen, vielleicht sogar den gerade essenden Mund, eine leichte Wischbewegung mit der linken Hand, und was macht das Mistvieh? Es sticht mich mittels giftbewehrtem Stachel in den Zeigefinger der linken Hand. Ich kann nun nur mit der rechten und einem Stift tippen, während Soventol und Verband die Linke verhüllen. Wounded soldier.

Ich bin Rechtshänder, was die Verfertigung von Manuskripten angeht, also das Handschriftliche. Und habe eine Handschrift von Charakter, nicht so ein Realschüler-Gekrakel. Rechtshänder. Tintenfüller. Das galt mein ganzes Leben, auch im Handwerklichen, das mir allerdings eher nicht lag. Man hätte mich ungeschickt nennen können. Was den Händen versagt blieb, kompensierte ich mit dem Mund; so wurde kein Stargeiger oder Goldschmied aus mir, nur ein Rhetor. Jetzt die Entdeckung vor zwei, drei Jahren. Ich halte unbewusst das iPhone mit rechts und tippe mit links. Dieses Logbuch wird mit Links geschrieben. Ich bin wirklich überrascht.

Das weckt den Verdacht in mir, dass ich ein umgeschulter Linkshänder bin; das wäre eine dramatische Fehlentscheidung meiner Frau Mutter gewesen, die auch in protokollarischen Fragen so etwas kannte, wie das schöne Händchen, das man zu geben hatte. Heute glaube ich, dass die Bevorzugung der Linken eine Gabe der Götter ist, eine Auszeichnung für besonders feine Seelen. Ein solches Stigma der besonderen Anmut trainiert man nicht weg. Ich erinnere mich, dass meine Mutter die Hausaufgaben für mich machte und die Lehrerin erst gar nicht an meine Schrift gewöhnte.

Man konditioniert Linkshänder heutzutage nicht mehr um. Das ist pädagogisch klug und dem Willen des Himmels entsprechend. Sie sind gewollt etwas Besonderes. Das macht den Frevel der Wespe von gestern besonders bös. In den linken Zeigefinger, digitus poetae, elendes Mistvieh.

Logbuch

VON DER PÜNKTLICHKEIT.  

Niemand, der auf die Deutsche Bahn angewiesen ist, ahnt noch, dass dereinst die Bahnhofsuhr ein Symbol für Pünktlichkeit war. Sogar die Einrichtung von Zeitzonen soll mit der Eisenbahn zu tun gehabt haben. Jedenfalls galt der Fahrplan als Messtischblatt eines modernen und metropolen Diktats der Uhrzeit. Während ich das schreibe, tickt an der Wand eine viktorianische Office Clock; wenn aufgezogen und gestellt verlässlich seit 180 Jahren. Habe ich mal vom letzten Urlaubsgeld in Penzance, Cornwall, erworben.

Am Handgelenk bevorzuge ich Mechanisches, gerne Automaten der Schweizer Kunst. Nun leben wir in Zeiten, in denen parfümierte Proleten wie der „Kö-Klaus“ Marken wie Rolex ruinieren und selbst Sinn mittlere Qualität zu Omega-Preisen vertickt. Der asiatische Blender am russischen Handgelenk wird zum Paradigma des vulgären Geschmacks. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Es geht mir um Zeit als sozialem Regulativ.

Da ist nicht mehr alles Victorianisch. Davon weiß jeder ein Lied zu singen, der ein Unternehmen in Indien zu führen hatte. Selbst Subunternehmen kommen und gehen, wann sie wollen. Ich hatte in Mumbai eine Agentur in der Tür stehen, die geschlagene drei Stunden zu spät kam und meine Empörung darüber unverständlich fand. Es sei Monsun, da käme man nie durch. Ich frage sehr Deutsch, ob man, wenn das immer so ist, sich vielleicht darauf einstellen kann? Man kann. Die Herrschaften hatten Schlafsäcke mit. Falls es zu spät würde für den Heimweg. Alta.

Erinnert mich an die Verabredung des braven Soldaten Schwejk mit seinem Freund Wodischka, als jener gezogen wurde. Man vereinbarte sich auf einen Umtrunk im Kelch „um halb Sechs nach dem Krieg“. Das ist aus einer Zeit, als Kriege noch möglich waren, ohne dass ein kalifornischer Oligarch dazu das Internet zur Verfügung stellt. Oder es nachts im Himmel über Rammstein brummt.

Meine eigentliche Beobachtung ist eine charakterologische. Es sind immer die gleichen Typen, die unpünktlich sind. Es kann also nicht an den äußeren Umständen liegen. Für einen Mann von Welt gilt das „akademische Viertel“ in umgekehrtem Sinne. Er ist 15 Minuten vor Termin am Ort und tritt 5 Minuten vorher ein. Semper sine tempore. Für eine Frau von Welt gelten andere Regeln, die zu erörtern mir versagt ist. Semper cum tempore.

Gibt es das noch? Zeitangaben mit c.t. oder s.t.? Vergangene Zeiten. Jetzt wäre noch was zur Generation Z zu sagen, aber das malte dann ein Bild, von Schwejkscher Präzision in indischen Farben. Doppelter Horror. Pünktlich wie die Bahn. Das überfordert mich und meine Office Clock.

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DEM KARL MARX SEIN MANTEL.

Der Bärtige aus Trier lebte im Londoner Exil ist so ärmlichen Verhältnissen, dass er gelegentlich seinen Mantel ins Leihhaus bringen musste, um sich das tägliche Brot vom Mund abzusparen. Oft half der besser gestellte Freund Friedrich Engels aus. Es wird in der Literatur berichtet, dass die Arbeit an seinem Hauptwerk, dem KAPITAL, dadurch stark behindert wurde, da er den Lesesaal des Britischen Museums nur in stattlicher Kleidung betreten durfte. Ohne Mantel gar nicht. Zudem gibt es eine Debatte, ob es sich um einen Wollmantel gehandelt habe oder einen aus Leinen. Diesen Fragen habe ich mich gewidmet.

Die zeitgenössischen englischen Zeitungen bezeichnen den Winter 1858 auf 1859 als arschkalt. Marx musste von seiner Wohnung in Soho bis nach Bloomsbury durch die Kälte stapfen. Ich bin es gestern unter sommerlichen Bedingungen mal abgelaufen und habe eine gute Stunde gebraucht. Es ist völlig unplausibel, dass der Bärtige das in einem Leinenmantel erledigte, einer Naturfaser, die wegen ihrer kühlenden Wirkung im Commonwealth populär war, aber doch nicht im garstigen Wetter an der Themse. Marx wird einen schweren Wollstoff getragen haben.

Wegen der protokollarischen Anforderungen im British Museum wird es ein Blackwatch gewesen sein, ein schweres schottisches Stück blau-schwarzer Art; vermute ich. Keine Militärkleidung in Khaki oder eines der heute noch populären Kleidungsstücke aus dem Schützengraben, sogenannte „trench coats“ (trench ist der Schützengraben). Wolle also. Ich tippe auf „wool melton“. Aber das ist pragmatisch argumentiert. Untersucht man die Anekdoten um den „coat of Marx“ philologisch ergibt sich noch eine andere Spur.

Im KAPITAL verwendet Marx einige Mühe auf die sogenannte Wertanalyse. Er will den Warenfetischismus entzaubern und wählt das Beispiel von einem Ballen Leinwand und einem Mantel. Das mag oberflächliche Leser zu der Annahme verleitet haben, der Mantel sei aus Leinen. Unsinn. Zu doof für das KAPITAL und keine Ahnung vom Wetter im winterlichen London.

Da wir über Regenmäntel sprachen. Ich trage einen fünfzig Jahre alten der Marke Burberry und ein jüngeres Stück von Aquascutum. Beide unverwüstlich, aber der zweite exklusiver. Wurde just in dem Jahr, da Marx in London fror, dort patentiert. Aqua: Wasser. Scutum: Schild.
Wasserdicht. Ja, das Londoner Wetter. Wie sind wir jetzt darauf gekommen?