Logbuch

KINDESWOHL.

Wer hat das Recht an einem Kind? Die herrschsüchtige leibliche Mutter oder die fürsorgliche Magd, die es aufzog? Das ist die Kernfrage in einer alten chinesischen Fabel. Im Englischen das Nanny-Problem; auch Gouvernanten-Paradox genannt. Das Kind wird in der Fabel von einem weisen Richter in einen Kreidekreis gestellt und die anspruchstellenden Damen aufgefordert, es mit aller Kraft an sich zu reißen. Die wahre Mutter werde schon die Stärke haben. Nun, die Magd scheut die Gewalt am geliebten Kind und lässt los. Das macht den Richter nachdenklich. Er spricht der empathischen Magd das Kind zu.

Mutterschaft wird weise als Fürsorge gedeutet. Bertolt Brecht hat die alte Sage zum Kern seines Stücks um den KAUKASISCHEN KREIDEKREIS gemacht. Ein umstrittenes Stück. Brecht nutzt die Fabel zu kommunistischen Fantasien, etwa über das Eigentum an Produktionsmitteln, über die man historisch kritisch urteilen muss. Er hat sicher über den Stalinismus seiner Zeit blauäugig gehandelt; sein Nachdenken setzte erst in der DDR ein; und dann auch nur verdeckt in Elegien, die leicht zu missdeuten waren.

Vor allem aber verkennt er, wie man wahre Mutterschaft zeitgemäß unter Beweis stellt. Dazu hätte er Schlapphüte auf die Bühne bringen müssen, Finsterlinge und Rufmörder, die demonstrieren, wie man ein Kind mit aller Gewalt aus dem Kreidekreis zerrt. Aber dazu fehlte dem deutschen Tropf im amerikanischen Exil 1944 die Fantasie. Er war ein sentimentaler Hund, der große BB. Ein Muttersöhnchen, wie viele Großmäuler.

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STARKE ZÄUNE.

Für nächsten Dienstag bin ich auf ein kleines Podium eingeladen, wo ich etwas POLITISCH KLUGES sagen soll. Und zwar in meinem Dorf auf dem Land in der Dorfkneipe. Eingeladen hat ein politisches Urgestein, der Uli, und es kommt sogar der Landtagspräsident, der Hendrik. Und meine MdB, die Tanja. Wieder ist die Demokratie, wo sie begann: bei de Leut, im Hinterzimmer der Kneipe. Man macht sich Sorgen um sie.

Nun will ich da keinen Unsinn reden; mache mir also schon mal Gedanken. Was ich in Berlin als Staatsbürger so plappere oder als Publizist im Internet, das geht im Rauschen unter, aber hier, über den Gartenzaun, da fühle ich mich als Nachbar schon gefordert. Der Elefant im Raum ist die Erstarkung der Rechten. Der Uli sagt: Damals haben wir die auch nicht ernstgenommen; und dann wurden wir sie nicht mehr los.

Im Fernsehen höre ich einen Professor der Vergleichenden Europäischen Parteienforschung (was es alles so gibt), der die CDU davor warnt, sich auf die Themen der AfD einzulassen. Überall, wo die Brandmauer gefallen sei, habe das zum Untergang der Konservativen geführt. Faktisch gefordert wird ein TABU. Wer daran rührt, ist ein Nazi. Den Tabu-Themen soll ausgewichen werden. Lasst uns lieber über anderes reden. Egal, ob das irgendeine Sau interessiert. Ein dummer, ein böser Rat.

Was werde ich nächste Woche im Grünen Baum sagen? Lasst uns über alles reden! Und zwar so, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Jede Meinung ist willkommen, auch die zornige. Sogar die nachweislich falsche. Es gehört zur großen Tragik der amerikanischen Linken, dass sie die Forderung FREE SPEECH den Trump-Anhängern geschenkt hat, die damit jetzt rechte Politik machen. Ich sage: Die Gedanken sind frei und jedermann kann seine verraten! Ja, wir schauen auch dem rechten Volk auf‘s Maul. Und widersprechen, wo wir müssen. Freie Rede heißt vor allem: freie Gegenrede! Widerspruch über Gartenzaun.

Es hat sich nämlich gezeigt, dass der „Kampf gegen Hassreden“ und die daran angelehnte Zensur ein tödliches Gift für die Demokratie sind. Bitter, dass ausgerechnet Sozialdemokraten und Grüne den Paragrafen der Majestätsbeleidigung wieder belebt haben und den Staatsanwalt gegen Volkes Stimme bemühen. Unerträglich, dass selbst für rechtlich zulässige Meinungen staatliche Meldestellen eingerichtet werden; drüben im elenden NRW. Da sollten wir in Rheinland-Pfalz klüger sein.

Das werde ich bei mir im Dorf im Westerwald sagen. Schaun mer mal, ob ich heil nach Hause komm. Ich glaub schon. Denn der Uli, der Hendrik, die Tanja sind ja meine Nachbarn. Das bedeutet was auf dem Land. Hier gilt der Spruch: Starke Zäune machen gute Nachbarn. Demokratie ist eine so bewehrte gute Nachbarschaft.

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EINE KAMPA-KAMPAGNE.

Opa erzählt von früher: Die SPD war mal erfolgreicher als die CDU. Sie lag 1998 bei gut 40%. Der Erfolg wurde damals einer bestimmten Organisation des Wahlkampfes zugerechnet, die sich KAMPA nannte und von Ideen amerikanischer und englischer Spindoktoren beeinflusst war. Vieles daran ist heute, knapp dreißig Jahre später, Mythos. Wahr bleibt der Kern: Es war eine richtige Kampagne, die die KAMPA da vom Zaun gebrochen hat, nicht nur irgendein Werbe-Geträllere. Gerd Schröder wurde Kanzler.

Wesentliche Figuren der PR waren damals Dick Morris bei Bill Clinton und Peter Mandelson bei Tony Blair. Beides große Vertreter ihres Fachs; ich hatte die Ehre, sie gut zu kennen. Man weiß gar nicht, ob man das noch erwähnen soll, da sich beide nach dem Ruhm gründlich entehrt haben. Jüngst Mandelson. In der deutschen Sozialdemokratie führten damals, zu der vielgelobten Hoch-Zeit, die Sauerländer Franz Müntefering die Partei und Matthias Machnig die KAMPA. Machnig hat sich vor wenigen Tagen entschlossen, der Karriere seiner Kollegen zu folgen. Bitter.

Apropos Mythos. Münte sprach kein Wort Englisch und wurde von Blair nicht geschätzt; mit OLD LABOUR hatte der schon genug Ärger. Und der Erfolgskanzler der Neuen Mitte Gerhard Schröder ist den Hemdsärmeligen aus dem Sauerland auch nur auf‘s Auge gedrückt worden. Der eigentliche Herzens-Kandidat der KAMPA war Oskar Lafontaine, noch so ein tragischer Ikarus, der sein Lebenswerk in die Schande führen musste. Am Ende tut es auch Verrat.

Werden all diese Karrieren mal unter das Motto fallen, dass die Revolution ihre Kinder frisst? Ja, möglicherweise. Denn die geniale Strategie der KAMPA bestand darin, die Partei und ihre Schergen gänzlich aus dem Wahlkampf herauszuhalten. Man sah den Apparat als Feind im eigenen Lager. „Don‘t get elected for your ideas, get elected!“ Zur KAMPA gehörte ein gerüttelt Maß an Bonapartismus, zu deutsch Revoluzzertum. Ungewaschen, rotzfrech und nie ohne Not konziliant oder gar gutgelaunt. Pöbeln war als Tonlage durchaus erlaubt.

So auch der jüngste Putsch im SPD-Wirtschaftsforum, den zwei Juso-Greise aus dem PR-Gewerbe erratisch anführten. Die Kinder der Revolution werden in liberalem Umfeld zwar nicht immer gefressen, aber sie kommen halt auch nicht auf Fremde. Der Apfel fällt nicht weit vom Pflaumenbaum.

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BIOTOP.

Ein Altertumsforscher, der seinen lieben langen Tag auf Fossilien starrte und dieserhalben behauptete, sie hätten ihm etwas über sich und ihre Geschichte erzählt, scherzte mal zu den Vorzügen seines Fachs: „Wenigstens bewegen sie sich nicht mehr.“ Der Höhlenforscher konnte seinen Gegenstand bequem fixieren. Das ist, nun komme ich zum Punkt, dem Soziologen nicht so ohne weiteres gegeben.

Das wirkliche Leben ist flüchtig. Nur der Zoo hat Gitter, aber es ist nicht mehr die wirkliche Wildnis, die da in Käfighaltung vegetiert. Wollte man die politische Wirklichkeit unserer Zeit und unseres Landes einfangen, wird es noch schwieriger. Daraus gibt es zwei Fluchten. Die eine wählen die Dampfplauderer aus Geschichts- und Politikwissenschaft, indem sie ins Generelle fliehen und Allerweltsweisheiten von sich geben. Modell Münkler. Das ist aber genaugenommen bloßes Feuilleton.

Die andere Flucht liegt im Treibsand der Empirie, in der Bereitschaft, zu beobachten statt zu belehren. Dazu muss man das Tier aber präparieren können. Es darf sich für die Untersuchung halt nicht mehr bewegen. Für das Forschungsprojekt über unsere Politische Klasse habe ich einen Vorschlag. Wir müssten dazu einen Musikdampfer entführen und in einem versteckten Hafen zur genauen Analyse eine Weile festlegen. Dann gelänge ein synchroner Schnitt durch das, was man die Politische Klasse nennt.

Bei dem Dampfer hätte ich an die „Havel Queen“ gedacht, die gestern in Berlin- Tegel ablegte, mit 450 Passagieren an Bord. Nichts kann repräsentativer sein als die Spargelfahrt der Seeheimer, jüngst zum 65. Mal veranstaltet. Eine wirklich perfekt organisierte Party. Die Seeheimer sind der rechte Flügel der SPD, die früher Kanalarbeiter hießen, was passt. Man will Politik mit Leidenschaft, aber Augenmaß (Selbstbeschreibung). Großzügig und ordentlich bewirtet lauscht die Meute ihren Leitfiguren und anderen. Jep, der bayrische Ministerpräsident Markus Söder hält eine stramme Ansprache; der CDU-Kanzler hat das Lindemännchen geschickt, zu den Sozen. Der Versuch des Vizekanzlers und SPD-Vorsitzenden etwas zu sagen, ist nicht der Rede wert; es war auch keine.

Dinner mit Spargel und Bier wie Wein. Dann drei Stunden auf dem Sonnendeck in lauschiger Sommernacht Party. Ich sehe Abgeordnete, Minister, Beamte, Zuschläger und jede Menge Lobbyisten; manche mit Zukunft, alle mit Vergangenheit. Namen werde ich nicht nennen, das sollen die Journalisten tun, die hier auch herumgieren. So, dieses Biotop entführt und für eine DFG-Horde von Wissenschaftlern in einem versteckten Hafen ein Jahr auf Eis gelegt und fein säuberlich seziert. Das wäre ein „opus magnum“, das Standardwerk; so was wie Brehms Tierleben über das politische Habitat. Da fällt die Ordnungswidrigkeit einer kleinen Entführung doch nicht weiter ins Gewicht. Beim der nächsten Spargelfahrt schleusen wir die einfach wieder mit ein.