Logbuch
AUS DER ZWEITEN REIHE.
Wer sich ein Bild machen möchte, der sitzt am besten in der zweiten Reihe. Die erste Reihe ist im politischen Theater immer Teil der Aufführung. Die Kameras sind oft nicht nur auf die Bühne gerichtet, sondern auch die Frontlinie des Parketts. Man will einfangen, wie das Publikum reagiert. Man sieht Beifall, aber auch Gähnen, selten Protest und Männer, die statt Strümpfen Socken tragen. Oder an ihren Handys daddeln.
Die zweite Reihe gibt dem Betrachter Schutz, aber ist eben auch noch nahe genug dran, um jene Regungen mitzukriegen, die die Fotografen nicht mehr einfangen. Das betrifft die Berühmtheiten, aber auch deren Entourage, und die kleinen Momente der Privatheit im öffentlichen Trubel. Ich werde dazu hier nichts Despektierliches berichten, weil ich meinen reservierten Platz in der zweiten Reihe nicht verlieren mag, den ich einem politischen Ehrenamt verdanke. Ich zahle dafür mit ernstem Gesicht und gelegentlichen Bravorufen.
Gestern also der Kanzler und der Vizekanzler, Friedrich Merz und Lars Klingbeil, eine junge Bundesministerin aus einem Haus minderen Rangs, ein gelernter Staatssekretär aus einem höheren Belang und Beamte mancher Ministerien. Sie alle kämpfen, jeder für sich, aber doch als Gattung, einen Kampf gegen die Beiläufigkeit des politischen Geschäfts. Mit einigem Respekt sehe ich die Bemühungen um Gewicht.
Der Lateiner nennt dieses Ziel der öffentlichen Rede „gravitas“; das meint ein inhaltliches Gewicht, das den Geschäften mit dem unvermeidlichen Gewusel eine Geltung vor der Geschichte gibt. Daraus zieht das Publikum nämlich jene Hochachtung, die Autorität verleiht. Man spricht von Charisma. Charismatisch macht nicht das Amt; es ist eine Zumessung an den Inhaber, an eine Person. Schnell ist vergessen, wer frei davon.
Dieserhalben muss man lange Linien ziehen können, große Bilder malen, treffende Worte finden. Die Zeitgenossen erinnern ja, was jene vortrugen, die sie als Vorfahren verehren. Ein Sozialdemokrat hat wie Willy Brandt, mindestens wie Helmut Schmidt zu klingen. Bei einem Konservativen möchte man Helmut Kohl hören, wenn nicht gar Ehrhardt oder den alten Adenauer. Das ist ungerecht, weil was diese zu Vorbildern erhebt, das ist unsere Erinnerung, die bekanntlich vergoldet.
Da mir das klar, betrachtet ich mit Nachsicht und Geduld das Geschäft der mittleren Gewichte im Bestreben um Größe. Klingbeil war übrigens echt gut gestern. Merz ganz okay; der kann das. Ich wünsch denen einen langen Atem.
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KEIN SCHMUTZIGES GESCHÄFT.
Einem raffinierten Journalisten, der als besonders einfühlsam gilt, ist es gelungen, von der demissionierten SPD-Vorsitzenden und ehemaligen Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas ein Interview zu erlangen, das mir den Atem verschlägt. Wir sehen, auch als Laien, einen Menschen in einer schweren Lage, vielleicht einer Depression, und dürfen zunächst und zu allererst Genesung wünschen. Von mir hat es dazu kein polemisches Wort gegeben und daran wird sich nichts ändern. Alles Gute!
Es fällt aber ein Begriff, der uns als Zeugen dieser Überforderung nachdenklich werden lassen sollte. Es ist von Politik als „hartem“ Geschäft die Rede. Dort wolle niemand Schwäche zeigen, weshalb Krankheit schon als Möglichkeit prinzipiell geleugnet werde. Menschlichkeit habe in der Politik eigentlich keinen Ort. Ich will diesen Befund mit VITALISMUS bezeichnen, einem biologischen Erbe, das wir als Rudeltiere in uns tragen. Kein vornehmer Teil unserer sozialen Verfassung. Nehmen wir den Befund etwas harmloser als Ausdruck von Wettbewerblichkeit. Sie kann Sportsgeist sein, aber eben auch jede Niedertracht. Dazwischen liegt eine rote Linie, nein, ein Abgrund. Dabei definiert das Opfer, was ein Übergriff, nicht der Täter.
It‘s lonely at the top. Wer dort die ganze Woche durch, jeden verdammten Tag, zwölf, vierzehn Stunden gearbeitet hat, auch am Wochenende, weiß, dass das seinen Preis hat. Selbst, wenn die Belohnungen exorbitant. In der Politik kommt man mit geringer Vorbildung, vor allem aber geringerer Abhärtung unter Umständen in solche Positionen, was auch bei sehr Ehrgeizigen zu Überraschungen führen kann. Häme aus der Etappe gewiss. Aber das ist nicht der Punkt.
Mir läge an Respekt vor Leistungsträgern, Ritterlichkeit gegenüber Frauen und Caritas im Herzen. Sportlichkeit zeigt sich nämlich im Umgang mit jenen, die es nicht auf das Treppchen geschafft haben, aber sich redlich bemüht. Ich finde übrigens, dass Merz und Klingbeil einen guten Job machen. Ich sehe zu dieser Koalition zur Zeit keine Alternative. Politik ist ein hartes Geschäft, muss aber kein schmutziges sein. Das gesagt, könnte ich nun ausführen, was mir alles nicht passt. Das ist einiges, aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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WAS AUS MUTTI WIRD.
Es gibt ein Menschenrecht, vergessen zu werden. Das erfahre ich zufällig, da irgendein Schrat klagt und verlangt, aus dem Geburts- und Taufregister seiner Heimatgemeinde gestrichen zu werden; jedenfalls dass die Archive nicht mehr zugänglich. The right to be forgotten. Steht so im EU-Recht, der Datenschutz-Grundverordnung. Das finde ich nicht in Ordnung.
Es fängt damit an, dass Schriftlichkeit ein wesentliches Kulturprinzip ist. Wir wissen wenig von jenen Jahrhunderten unserer Geschichte, in denen man das hat schleifen lassen und sich auf mündliche Überlieferung verlassen hat. Schriftlichkeit ist die Grundlage von Recht, wenn man die Willkür jeweils herrschender Eliten ausschalten will. Wir wollen Gerichtsbarkeit ja nicht den Launen alter Männer unter der Ting-Eiche überlassen. Oder gar rachsüchtigen Witwen.
Ich kenne ein Papstwort (Ratzinger), nach dem die Einführung der förmlichen Inquisition durchaus ein Fortschritt war, weil es für die Prozesse zur Hexenverbrennung nunmehr wenigstens die Schriftlichkeit verlangte. Das geht vielleicht zu weit, zeigt aber, was ich meine. Und es gilt natürlich das Luther-Lied mit dem Vers „Das Wort sie sollen lassen staan.“ Gerade noch im Reformationsgottesdienst gehört. Eine feste Burg ist unser Gott, eine gute Wehr und Waffen.
Was mir aber noch wichtiger scheint, das ist die Furcht, dass man mit seinem Nachruhm leben werden muss. So kann man ja die Hoffnung haben, dass die Menschen sich zu Lebzeiten halbwegs vernünftig benehmen. Wenn schon nicht mehr die Angst vor dem Jüngsten Gericht erzieht, so vielleicht noch die Furcht, als Unperson zur Schande seiner Nachgeborenen zu werden.
Die stärkste Kraft zur moralischen Erziehung der Eliten ist deren Angst, bei ihren Untaten erwischt zu werden und vor den Augen aller beschämt worden zu sein. Diese Scham vor Schande schützt einfache Leute vor ihren Potentaten; deshalb sollte man niemals auch nur die Möglichkeit andeuten, dass ihnen über die Untat Grad wachsen könnte. Wir vergessen nichts und verzeihen wenig.
Ich höre nun die Stimme jener, denen auf Erden keine Gerechtigkeit widerfahren ist, die mit Schimpf in die Schande gekommen sind. Es sind ja angeblich nicht wenige Menschen, die sich verkannt fühlen. Haben denn wenigstens diese Verzweifelten ein Recht, vergessen zu werden? Nach meiner Erfahrung sind das rare Ausnahmen. Den meisten schwebt Ewiges Leben vor. Weshalb sie nach der Kanzlerschaft auch noch Bundespräsidentin werden wollen. Kann ich das mit der Hexenverbrennung noch mal hören?
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KING OF SATIRE.
Jeremy Clarkson hat es zu Weltruhm gebracht, indem er schlechtes Benehmen zeigte, unverschämt war, auch vor persönlichen Beleidigungen nicht zurückschreckte und in allem einem pubertantem Männlichkeitskult folgte. Er war sarkastischer Autor von sogenannten Meinungskolumnen, Autotester der BBC mit dem erfolgreichsten TV-Format aller Zeiten, Protagonist und Produzent eines Farmer-Story in Wales. Immer mischte sich Kritik mit Klamauk, Motorjournalismus mit Comedy. Ich habe ihn gekannt, weil ich damals für einen großen Autohersteller arbeitete und um sein Wohlwollen bemüht war.
Mit den besten Empfehlungen ausgestattet näherte ich mich ihm, nur um zu erfahren, dass er mich, den Deutschen, gegenüber Dritten als „Nazi prat“ adressierte. Er sah das als sein Recht an und ich winkte es kommentarlos durch. Danach war Ruhe. Man muss die Grundregel verstanden haben: Lieber einen guten Freund verloren, als einen Gag ausgelassen. Leute zu beleidigen ist ein Geschäft, nichts Persönliches…
Jetzt hat er Prostata-Krebs und macht daraus eine große Nummer. So wie ich seinerzeit nicht zu beleidigen war, bin ich jetzt frei von Rachegelüsten; ich werde das nicht kommentieren und beobachte seine larmoyante Inszenierung der Remission mit Mitgefühl und Entsetzen darüber, wie man selbst aus dem nahen Tod eine Comedy machen kann. Möge der Herr gnädig sein und ihm einen weiteren Triumph gönnen; im Himmel kann er mit dem Arsch eh nix anfangen.
Jetzt warum ich ihn liebe. Nie hat er eines meiner Autos zerrissen. Nicht eines. Aber es gibt einen verbotenen TV-Beitrag für TopGear, wo er einen in England zusammengewichsten Schlitten aus US of A in den Hof einer Farm fährt, das Schiebedach öffnet, mit dem Gülle-Trecker vorfährt und die Karre durch’s geöffnete Schiebedach vollständig mit Gülle volllaufen lässt. Er fand den halt Scheiße. War diskriminierend, deshalb zurecht verboten, aber ein sehr großes Vergnügen.
Wer so was als King of Satire kann, sollte nicht im Alter zu Demut gezwungen werden. Lieber Gott, winke ihn durch.