Logbuch
Die Sozialen Medien werden zunehmend von INSTITUTIONEN zu einer PERSONALEN Kommunikation genutzt. Das kann ja Methode haben. Ein Präsident einer Nation ist eigentlich ein AMT, nicht irgendein Typ, der irgendwelche Ansichten hat. Dagegen zu verstoßen, ist der Kern der Trumpschen Propaganda gewesen. Sein Erfolg war der fortgesetzte Regelverstoß des MAVERICK. Volksnähe durch Distanzverlust. Frau Merkel ist vor allem, finde ich, die BUNDESKANZLERIN, ein Amt, das nicht nur ihr Würde abverlangt, sondern auch ihren Kritikern Würdewahrung auferlegt. Jedenfalls früher. Früher hatte auch PR für Bosse in der Wirtschaft gewisse Grenzen. Ein VORSTANDSVORSITZENDER einer AG war vor allem ein Organ des Aktiengesetzes, nicht irgendein Typ, der in kurzen Hosen tolle Witze reißt. Oder Kollegen kameradschaftlich in aller Öffentlichkeit auf die Rippen boxt. Schon gar nicht innerhalb der inneren Gemeinschaft der Krähen, weil ja die eine Krähe... War das ehrlich? Nein, es war Etikette. Keep it real, das war Getto. Parkett war anders.
So war das früher. Man wahrte in Relation zum Amt einen gewissen Ton. Man war nicht immer automatisch auch BOULEVARD. If they go low, we go high. Kleiderordnung. Das ändert sich gerade; allen voran auf LinkedIn. Das ist, lerne ich, fortschrittlich, weil es ELON MUSK auch macht. Alle Grenzen fallen, so wie in der Kleidung , jetzt auch im Ton. Wir sind locker. Vom Hocker. Keep it real, Bro! Der Boss als Getto-Boxer. Alta, alles paletti? Modern Times. Ich zögere.
Logbuch
SPLENDID ISOLATION.
Als London noch die Hauptstadt der Welt war und die Engländer ihr Kolonialreich noch ganz selbstbewusst GEMEINWOHL (Commonwealth) nannten, in den Nachwehen alter Herrlichkeit, da wurde der Begriff einer wunderbaren Isolation erfunden. Sollte eine Außenpolitik beschreiben. Man war als Nation der Gentlemen nicht der Kontinent; man träumte nicht von Allianzen. BRITAINS NEVER WILL BE SLAVES. Man beherrschte die Wellen, jedenfalls den Seeweg nach Indien. Kanada eine Provinz, Australien. Amerika fiel gerade ab. Man hatte noch die Kontrolle. Kontrolle? Das ist das nostalgische Motto des EU-Austritts: „Taking back control!“ Keine französischen Kutter in englischen Gewässern! Man will wieder die Kontrolle. Heute um sich greifender Katzenjammer. Wie bitter hat jetzt die Kombination von BREXIT und CORONA die irre Hoffnung einer „splendid Isolation“ Wirklichkeit werden lassen. Schon andere Seuchen haben uns gelehrt, dass es eine Globalisierung nicht nur im Guten gibt. Das Gute, das war früher für die englischen Kaufleute der sehr einträgliche Sklavenhandel. Und der mit Tee, Pfeffer und Seide. Es war das Gute der Kolonisatoren, die die WILDEN zur Kultur erziehen wollten, während man ihnen ihre Schätze oder gar ihre Freiheit nahm. Captn Cook entdeckte Neuseeland. Welch ein Mythos. Ist das die ganze Geschichte? Eine faire Geschichtsschreibung? Die Museen leeren sich, wenn man die gestohlenen Kulturgüter der Welt zurückgeben will. 95% der historischen Kulturgüter Afrikas sind außerhalb dieses Kontinents. Paradigmenwechsel. Das Wilde, das uns alle heute bedroht, ist anderer Natur. Es zeigt, erste Lehre, dass die Natur keine Idylle ist. Und es zeigt, zweite Leere, dass niemand eine Insel ist. Klingt kitschig wie der Titel eines Trivialromans. Wir fantasieren von Gemeinwesen, während wir uns in unseren Kammern einigeln. Irre Zeiten.
Logbuch
Ist das ein Rechtslenker oder Linkslenker, wenn das Lenkrad auf der falschen Seite ist? Weil man auf der falschen Straßenseite zu fahren pflegt. Die Autobahnen, insbesondere die Dieselsäulen an den Tankstellen, voll von Autos mit englischer Zulassung und dem Fahrer auf der anderen Seite. Ich höre zu, man spricht Polnisch. Nette Gespräche durch Masken, auf Distanz. Viele junge Leute, junge Familien. Heimkehrer zu Weihnachten nach POLEN. Sie müssen zu Hunderten, nein zu Tausenden in GROSSBRITANNIEN gearbeitet haben, unter der alten Freizügigkeit, der großen Errungenschaft der EU, dort sehr leichtfertig angewendet. GREAT BRITAIN macht nun aber dicht. Ist es dann der letzte Weihnachtsurlaub in der polnischen Heimat? Kann man wieder zurück? Oder ist dies die Re-Exilierung in die alte Heimat? Ein bitteres Chaos mitten im einst vereinten Europa. Der BREXIT ist eine europäische Tragödie. Praktische Frage: Was machen die dann mit den ganzen falsch gepolten Karren in Polen? Rückverkauf über den Ärmelkanal? Wird wohl nicht so leicht. Zudem sehe ich in Reisegruppen aus Kleinbussen zu wenig Masken; man macht Raucherpause dicht gedrängt in kleinen Gruppen. Ich halte Abstand. Zurück zur Sache: Das mit den Autos, den englischen Schüsseln in Polen, das ist das geringste Problem. Nur ein kleines, das ein großes zeigt. Das VEREINIGTE KÖNIGREICH UND NORDIRLAND, so hieß das offiziell, war schon zu alten Zeiten ein fragiles Konstrukt. Fragil, um den offenen Bürgerkrieg mitten im Westen zu verhindern. Nachbarn hatten sich gegenseitig in die Luft gesprengt. Jetzt liegen die Scherben des EMPIRE am Boden, England (dramatisch zerfallen in den reichen Süden und den verarmten Norden), Wales, Schottland, Nordirland (zerfallen in irisch gestimmte Katholiken und loyalistische Protestanten) und als verflochtenen Nachbarn das europäische Irland, all diese Scherben am Boden; die Westminster Demokratie weiß sie nicht zu kitten. Dramatisches Versagen der Labour Party. An der Macht sind unter dem Big Ben rechtspopulistische Zyniker der alten englischen Oberklasse, die losen Jungs besserer Kreise, und ihre Apologeten. Dass der Lenker, jetzt meine ich die Autos, auf der falschen Seite, das ist dem Fakt geschuldet, dass eine ganze Nation auf der falschen Seite fährt, weil dies der Tradition geschuldet ist, weil man sich nicht den Regeln des Kontinents unterwerfen wollte, weil... Dazu fatale Nachrichten von der Pandemie um ein mutiertes Virus, hoch ansteckend. In einem ruinierten Gesundheitssystem, dem NHS. Eine Tragödie in der Tragödie in der Tragödie in der... Autokennzeichen GB. Great Britain? LITTLE BRITAIN. Mir blutet das Herz.
Logbuch
DEN DAUMEN SENKEN.
Gestern eine Mail von einem alten Freund. Es ist ein großes Privileg, mit gebildeten Menschen korrespondieren zu dürfen. Vor Jahren hatte ich mal das Glück, auf einen Anglisten zu stoßen, der seinen Doktor damit gemacht hatte, dass er ein Shakespearedrama übersetzte. Der Laie wundert sich; den Schinken gab es doch schon in Deutsch. Neuerdings wird es ihn sicher auch in sogenannter Einfacher Sprache geben, also völlig verhunzt. Mir war klar, dass Übersetzen immer Übertragen ist und das Kongeniale fordert, was Deppen nicht gegeben.
Dieser Freund nennt mich, wohl mit Bezug auf das Logbuch, Mr. Spectator. Das wäre mit „Zuschauer“ nur nachlässig übersetzt, eigentlich ist es ein „Beobachter“, der als öffentliche Rolle genau 1711 das Licht der Welt entdeckte, und zwar in den „coffeehouses“ des bürgerlichen London. Deren vornehmstes erscheint mir das von Mr. Lloyd, in dem später die berühmteste Tageszeitung, nämlich Lloyd‘s List, erschien. Täglich seit 1738. Zurück: The Spectator. Man mag den Beobachter des gesellschaftlichen Lebens auch „Kritiker“ nennen. Ein Mensch, der regelmäßig zur Feder greift, und mit gleichem Engagement über sein Abendessen urteilt (Briesravioli mit Pfifferlingen und Petersiliensauce in der Traube zu Valendar) wie die Ausdehnung des Römischen Reichs unter Hadrian (Roderick Beaton) oder den Regierenden zu Berlin (Adonis für Arme). Ohne auch nur den Hauch einer staatlichen Legitimation erlaubt er sich Urteile, der Spectator.
Er hebt oder senkt seinen Daumen, obwohl gar nicht Cäsar der Arena, nur Zuschauer. Hier ist einiges zu korrigieren. Die Gladiatoren waren keine Barbaren in der Arena, die von den Barbaren auf den Rängen geopfert wurden; jedenfalls nicht immer. Das mit dem ausgestreckten oder gesenkten Daumen sind Geschichtsklitterungen des 19. Jahrhunderts. Der Gladiator, gleich ob gekaufter Sklave oder Kriegsgefangener, war ein sorgfältig ausgebildeter Schauspieler mit sehr guter medizinischer Versorgung. Wenn sein Kampf mit wilden Tieren oder fremden Gesellen das Publikum begeisterte, schenkten die erhobenen Daumen ihm die Freiheit und Vermögen. Eine Geste, die Heroen schuf.
Übler erging es Feiglingen, die gleichwohl in der politischen Arena Ruhm zu erwerben trachteten. Da senkte sich schon mal der Daumen. Solches höre ich gern von meinem Vers.