Logbuch

GRAFFITI.

Nichts stehen lassen können. Auf alles eine Antwort geben müssen. Der innere Zwang zur REPLIK. Unkultur des Streitens.

Die Schmierereien an Wänden waren im Alten Rom, es fehlte an Sprayfarbe, Kratzereien im Putz der Wände. Daher das „Gekratzte“, also Graffiti. Ganze Wände waren überzogen. Viel Schmähungen. Und jeder musste noch einen draufsetzen.

„Es liebt, wer dies hier schreibt; ihm wird es besorgt. Wer‘s liest, wer‘s hört, der wird lüstern. Eine Schwuchtel, wer vorbeigeht.“

REPLIK: „So schreibt der Knabenschänder Septumius.“

Aus: Dennis Rausch, Virtuose Niedertracht, Die Kunst der Beleidigung in der Antike.

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SYMBOL.

„Ich lebe im Licht / Ihr aber vom Schatten.“ (eine Sonnenuhr)

Großer Garten eines alten Hotels in Palermo, Sizilien, das gerade von frischem Geld übernommen wurde. Rocco Forte. Fresko auf einer Wand. Der GNOMON fehlt, aber die Inschrift ist noch deutlich zu lesen.

Selbstbewusst verkündet die SONNENUHR ein Motto der Aufklärung. Eigentlich: „Mich regiert das Licht, Euch der Schatten.“ VOS UMBRA REGIT. Welch ein Symbol!

Der Spruch gefällt mir in seiner Mehrdeutigkeit. Er gilt pragmatisch (so zeigt sie lautlos, was die Stunde geschlagen hat); er ist lebensphilosophisch (wir beten die Sonne an und suchen den Schatten); natürlich ein Motto der Aufklärung; zudem sagt der Spruch auch etwas zur stärksten Macht in diesem Jahrhunderte geschundenen Land (zu seiner, da ist das Wort, Schattenwirtschaft). Um nur vier Deutungen anzusprechen.

So belehrt, gehe ich klüger als erwacht zum Frühstück. Das sollte jeder Morgen bieten.

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STILBRUCH.

Was ein Stil ist, erkennt man, wenn er gebrochen wird. Stilbruch ist ein künstlerisches Verfahren. Aber nicht jeder SCHLECHT GEKLEIDETE ist ein Künstler. Zum Beispiel: Schuhe, Sandalen, Latschen.

Früher trug man im Dienst und sonntags einen anständigen LEDERSCHUH. In schwarz, braun oder, wenn sehr kühn, weinrot. Das war natürlich ein geschlossenes Schuhwerk, keine Sandale. Schon gar keine Latschen. Wir waren hier ja nicht bei den Taliban. Sandalen mit Socken, das ist der Prototyp von schlechtem Geschmack. Kurze Hosen ("Shorts"), Sandale & Socken, so geht man nur auf einem deutschbesetzten Campingplatz. Damit kam man in HARRY'S BAR gar nicht rein; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Dann kam der Einbruch des Sportschuhwerks in die Alltagskultur als modisches Attribut. ADDI DASSLER und andere. Wo bisher ein Fuß atmen und, ja, transpirieren konnte, da wurde er nun in einer Plastikkapsel luftdicht verschlossen. So kam der Terminus der TENNISSOCKE zu weitergehender Bedeutung. Hautärzte berichten von ausführlichem Pilzgeschehen. Mir bleibt der Geruch von Turnhallen (ein absolutes "no go" für mich) in der Durchmischung dessen mit Bohnerwachs ein Leben lang in Erinnerung.

Man sah dann TV-Moderatoren mit Baseball-Schuhen und, ganz wichtig, offenen Schnürsenkeln. Noch bevor die weiblichen Moderatoren dazu übergingen, PUMPS mit Bleistift- oder Pfennigabsätzen zu tragen, die sich sonst bei dem russischen Publikum auf dem Ku-Damm einer gewissen Beliebtheit erfreuen. Und dann auch Anzugträger mit Sneakern, wie sich die Freizeitware mittlerweile nannte. Als Covid uns die Cravatten nahm und alle auch im Büro so aussahen, als kämen sie gerade aus der gemischten Sauna. Aber immer noch geschlossener Schuh. Ich trug zu meiner Studentenzeit übrigens, peinlich genug, Cowboy-Stiefel (wichtig: schräger Absatz, texanische Ware, direkt importiert) zum Trenchcoat und der RIDER-JEANS (enge Röhren). Aus heutiger Sicht mir eher peinlich.

Deshalb sehe ich der jungen Dame im Restaurant nach, dass sie zu dem Outfit "business smart" (das berühmte KLEINE SCHWARZE) einen englischen Arbeitsschuh mit Luftkissensohle ("Doc Martens") trägt. Ein Stilbruch, gelungen, sehr nett. Übrigens habe ich den Burberry Raincoat aus den Uni-Jahren immer noch; der hat dann bald 40 Jahre gehalten. Aus reiner Baumwolle. Gemacht für den Tommy im Schützengraben; da kommt der Name "trenchcoat" nämlich her.

Was sich aber wirklich gewandelt hat, jenseits der Moden, ist die Politisierung der Materialien: Baumwolle ist nicht mehr unproblematisch. Man fragt, wer sie wo und vor allem wie gepflückt hat. Und Leder ist völlig "raus": man fragt, wessen Haut das mal war. Das geht so weit, dass mein neuer Original Budapester Schuh gar nicht mehr zugibt, dass er aus nordamerikanischem Pferdeleder gefertigt ist. FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE. Der Schuh gesteht nur noch verdruckst in einer Ecke der Sohle: "Cordovan". Das meint Rossnappa, also Fury. Politisch nicht mehr korrekt.

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DER MORAL VON BAUNATAL.

Dem Menschen als Handwerker ist es aufgegeben, sich die Erde untertan zu machen. Dem Inschenör ist nichts zu schwör. Seit den römischen Wasserleitungen gibt es viel zu bestaunen. Wir vermögen viel, manches auf fast ewig. Siehe Atlantis. Wenn er nur umsichtiger wäre, der „homo faber" und nicht auf dem letzten Meter dann doch zu burschikos. Kleine Lektion in Demut.

Im Waldeckschen Land, das der Zeitgenosse profan Nordhessen nennt, gibt es einen Fjord süßen Wassers, der der preußischen Baukunst entstammt, ein großes Gewässer, indem eine riesige Staumauer das Flüsschen Eder zu einem gewaltigen Reservoir staut. Beachtenswert, weil aus der Kaiserzeit. Das haben wir gekonnt, bevor der Irrsinn des Ersten Weltkriegs Europa zerstörte und der noch wahnsinnigere des Zweiten die halbe Welt. Der Edersee ist ein Wunder von Menschenhand.

Ich habe hier mal als Pfadfinder, ich war „Gruppenführer“, so hieß das, an einer Nachtwanderung teilgenommen und zwar in einem ähnlichen heißen Sommer, wie wir ihn gerade erleben; das Wasser im Stausee stand tief. Wie bei Nachtwanderungen strenger Comment gab es stricktes Rede- und Lichtverbot. Im fahlen Mondlicht erahnten wir, weil aus dem Wasser ragend, die versunkene Stadt, eine Brücke zeigte sich noch, die in der Vorzeit die Eder überspannte, und eine Kapelle mit Kirchturm, von der man wusste, dass sie neben einem stattlichen Friedhof über die Totenruhe wachte.

Die preußischen Baumeister hatten viel vermocht; ihre Ingenieurkunst wusste eine gigantische Staumauer zu errichten und die Wasserfülle dann der Schifffahrt zu dienen wie der Stromerzeugung (übrigens in ökologischer wie ökonomischer Perfektion für Spitzenbedarf und als Pumpspeicherwerk). Dafür waren ganze Dörfer umgesiedelt worden. Aber man hatte es für überflüssig erachtet, die Gräber umzubetten. Ein banaler Betondeckel sollte die Ausspülung verhindern. Ich ahne, wie diese Debatte damals lief und sich darum drehte, wieviel Goldmark das denn extra koste. Zu teuer. Ein solcher Frevel bleibt aber nicht ungesühnt.

Am Ufer des Edersees hockend hörten wir Pfadfinder dann um Mitternacht die Glocke der Kapelle wie sie, wir zählten bange mit, zwölf schlug. Der alte Küster ging, aus seinem Grab gespült, als Geist um und mahnte den Frevel. Heute weiß ich, dass weitere Ungeheuerlichkeiten hier ihren Ort haben. Die Sprengung der Staumauer durch die Royal Airforce etwa mittels einer Rollbombe. Eine Flutwelle ging zu Tal und ließ Mensch und Vieh ersaufen. Oder der Einsatz ganzer Hundertschaften von ukrainischen Zwangsarbeitern bei der Schließung des gewaltigen Lochs in der Staumauer.

Aber das sind die vergessenen Verbrechen. Nur der Glöckner aus dem Waldeckschen Atlantis, der will keine Ruhe geben. Sollten Sie also nächtens durch Kassel-Baunatal fahren oder Bad Wildungen, erwägen Sie doch, die Karre zu parken und sich still an das Wasser zu setzen, das davon kündet, was wir könnten, wenn wir demütiger wären. Hochmut kommt vor dem Fall. Soviel als Moral aus Baunatal.