Logbuch

KAFFEEHAUS AUS.

Die Gastronomie wie der Lebensmitteleinzelhandel unterliegen einem raschen Wandel, der schon durch die amerikanischen Fastfoodketten vorgezeichnet worden ist. Denn McDoof und WürgerKing sind eigentlich Immobilien-Unternehmen, die rund um einen größeren Parkplatz Gewerbeflächen für Tankstellen wie Reifenhandel und Waschstraßen betreiben und dem noch eine Bräterei für flache Frikadellen im Pappbrötchen hinzufügen. Das entscheidende für die Besucherfrequenz ist der Abstellraum für PkW. Und an welcher Ausfallstraße. Eine Immobilie heißt zu Recht auf Deutsch „unbewegsam“, weil ihre fixe Geografie den Geschäftserfolg bedingt. Lage, Lage, Lage.

Ältere Café-Betriebe, oft in Innenstädten, präsentieren noch in großen Glastheken ganze Bataillone an üppigen Sahnetorten, die der wohlerzogene Kunde bei Betreten des Etablissements auswählt, um sich das mächtige Stück Schwarzwälder Kirsch dann an den Tisch bringen zu lassen. Das Kalorienangebot entspricht dem Wochenbedarf eines Stahlarbeiters. Die Bedienung ist mit einem weißen Schürzchen bekleidet, das der Eröffnungsszene eines Beate-Uhse-Films der Siebziger zu entstammen scheint. Die Stimmung entspricht dem Speisesaal vom Don Biskopp Heim in Oer-Erkenschwick. AWO-Charme. Ranzige Frühstückskarte, garniert mit Essensresten.

Ganz neu allerorten jetzt die als Kleinrestaurant getarnten Aufbackstationen für Tiefkühlgebäck, die mit dem spärlichen Gestühl und dem schmuddeligen WC das Recht erwerben, auch an Sonn- und Feiertagen zu öffnen. Hier bestelle ich einen Doppelten Expresso (sic) und erhalte in einer Kaffeetasse (sic) eine Drittelfüllung bitteren Kaffees und dazu ein einzelnes Milchdöschen auf der Untertasse (sic). Das sind diese Undinger aus Plastik und Alufolie, die kein Mensch geöffnet kriegt; was aber auch besser ist, weil was sich als Milch gibt, nur eine weiße Zuckerplörre ist. Und was fange ich mit der mickrigen Mini-Füllung eines einzelnen von den Mistdingern bei einem Doppelten mistigen Ness-Kaffees an?

Kann ich bitte noch mal das Menü aus dem Altenheim sehen?

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NOMEN OMEN.

Warum gab es auf den Segelschiffen der Hanse stets ganze Fässer mit hochprozentigem Rum? Und zu Schichtbeginn für jeden Matrosen der anstehenden Wache eine Kelle voll in den Rachen? Die Ausgabe bewacht vom Ersten Offizier und einem schiesswütigen Musketier? Ich blättere in einem Folianten.

Karl Lagerfeld hat es vorgemacht. Wenn Bücherfreund, aber des Lesens nicht wirklich kundig, sammle Bildbände. Er soll 300.000 Bände hinterlassen haben. Davon bin ich noch sehr weit entfernt. Gestern aber fällt mir ein Werk der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in die Hände, das ich aufheben werde. Es geht um die Hanse, das europäische Handelsnetzwerk des 15. Jahrhunderts zwischen Brügge und Novgorod. Echt erstaunlich.

Es gab damals ein Europa, jedenfalls für die bürgerlichen Helden des Fernhandels. Man hatte noch Ärger mit den nachgelassenen Machtstrukturen des Feudalismus, aber dem Adel war die Stunde schon geschlagen. Wenn die EU heute könnte, was die Hanse damals vorgemacht hat. Ich bestaune die Koggen der Bergenfahrer, nicht nur riesige Schiffe, die gut und gern 1500 Tonnen Ladung nehmen konnten, sondern auch eigene soziale Universen. Im Heck des hölzernen Monsters prächtige Stuben für die Offiziere und im Bauch elendeste Massenquartiere für die Mannschaft. Man merkt an meiner ungelenken Sprache, dass ich mich nicht auskenne in der Christlichen Seefahrt.

Immer muss Meuterei gedroht haben und die Disziplin deshalb eisern. Dann sehe ich eine Karikatur von Holbein dem Jüngeren dazu, wie es auf Kriegsschiffen angeblich so zuging. Ganz offensichtlich gab es Frauen an Bord und einen exzessiven Alkoholmissbrauch. Im Krähennest sitzen zwei „drunken sailor“ und ein weiterer mit Nachschub in der Takelage. Einem Seefahrer ist schlecht, er füttert die Fische. Party war angesagt. Ich meine mich an Rumfässer als literarischem Topos zu erinnern. Von den seltenen Landgängen ausgehungerter Seeleute wissen die einschlägigen Häfen Böses, jedenfalls Bizarres zu berichten.

Und es gab neben den braven Kaufleuten natürlich Betrüger und regelrechte Seeräuber aus Profession. Die Vitalienbrüder erregen mein Interesse. Ihr Anführer mein Namensvetter: Klaus Störtebecker. Das ist Niederdeutsch für den Imperativ „Stürz den Becher!“ Der Namen ein Vorzeichen. Ich lege den Bildband zur Seite und leiste Gehorsam.

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WENN DIE AUTOMATEN DICHTEN.

Das Feuilleton macht sich Sorgen. Die Wahrnehmung, was „Künstliche Intelligenz“ so alles kann, ist inzwischen auch bei den für Kultur und Kunst zuständigen Redakteuren angekommen. Jetzt greift eine doppelte Furcht. Die erste ist schon ganz real, nämlich der vollständige Ersatz der Edelfedern selbst durch den Apparat, der jetzt auch noch den „content“ macht. In der Frage sind Journalisten schon einiges gewohnt. Stichwort Ersatz von Journaille durch PR. Nun könnten die Verleger auf die Idee kommen, sich gleich das ganze Blatt von der KI schreiben zu lassen; würde eine Menge Ärger mit diesen ewigen Querulanten ersparen.

Die zweite Furcht des Feuilletons, die entlegenere, ist die, dass man seiner Expertise in Sachen Genie völlig beraubt würde, indem man auf einen KI-Text reinfällt, den man reinen Herzens zur Weltliteratur hochschreibt und am Ende von dem  Apparat getäuscht ist. Von einem stochastischen Papagei! Die Blamage wäre ja perfekt. Das gibt es ja durchaus, dass ein literarischer Welterfolg zunächst unentdeckt bleibt, sich dann seine Bahn zu großem Ruhm bricht und dem Feuilleton die Ehre zuteil wird, das Jahrhundertwerk entdeckt zu haben. Wehe, wenn dann herauskommt, dass hier eine Maschine am Werk war. Und die FAZ es nicht gemerkt hat.

Wir wissen schon, dass der Apparat regelrechte Gedichte verfassen kann; die abgegriffenen Allgemeinplätze verzeiht man noch, da ja Versmaß und Reimschema stimmen. Aber würde er ein Sonett des großen Shakespeare hinkriegen? „Soll ich dich einem Sommertage gleichen?
Du bist viel lieblicher und sanfter noch.
Raue Winde schütteln Maienknospen,
und viel zu kurz ist Sommers schöne Frist.
Bisweilen brennt des Himmels Auge heiß,
und oft verdunkelt sich sein goldner Schein;
und alles Schöne muss vom Schönen weichen,
durch Zufall oder Wandel der Natur.
Doch dein unvergänglicher Sommer wird nicht schwinden,
noch wirst du jene Schönheit je verlieren,
noch wird der Tod sich rühmen, dass du wandelst
in seinem Schatten, wenn in ewigen Versen
du mit der Zeit fortlebst.
Solange Menschen atmen, Augen sehen,
solange lebt dies – und dies gibt Leben dir.“

Natürlich kann das auch die KI; alles eine Frage des Prompt. So heißt der Befehl zu dichten. Es wird der Tag kommen, da führen sie auch noch das Logbuch, die Rechner. Und der früher frühe Vogel kann lässig liegenbleiben. Keine unvergänglichen Verse mehr von legasthenischer Menschenhand. Bitter.

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DOPPELMORAL.

Der deutsche Dichter Heinrich Heine ist in vielem vergessen, aber nicht in seiner Definition von Doppelmoral. Sie lautet:
„Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn’ auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.“
Offensichtlich geht es um ein Fehlverhalten derer, die da predigen dürfen. Auf die Kanzel darf der Klerus und im weiteren Sinn die Politik. Sprich eine Elite.

Damit ist der Populist hellwach. Er versucht Wind unter die Flügel zu kriegen, indem er die Elite geißelt und sich selbst zum Wahrer der Volksseele stilisiert. Das ist eine propagandistische Haltung, die ihre wirklichen Absichten hinter einer ideologischen Polarisierung verbirgt. In diesem Sinne hat der Reichsminister für Volksaufklärung Joseph Goebbels ausgerufen, dass „die Juden unser Unglück“ sind; und einen monströsen Völkermord angezettelt. In der Dimension nicht vergleichbar, aber strukturähnlich sprich die Neue Rechte in den USA von „white supremacy“, der Überlegenheit der weißen Rasse. Man hört wieder Geschwafel von Ariern.

Auch der AfD-Ton gegen „die Ausländer“, die wieder in ihre Herkunftsländer „remigrieren“ sollen, nutzt diese soziale Polarisierung. Das ist ja der Kern der Vorstellung von der Volksgemeinschaft, dass sie ordentliche Bürger und nette Nachbarn zu Aussatz deklarieren will. Oder der Glaube, dass die Eliten der EU unsere Nationalinteresse unterlaufen und der Euro die Herrschaft des Kapitals brachte. Es gibt auch linke Varianten des Populismus, die die Völker der Welt von einer Bourgeoisie bedroht sehen. Erläuterungen zum allfälligen grünen Populismus spare ich mir.

Wir wollten eigentlich über Doppelmoral reden. Eine der elementarsten Formen ist die frauenfeindliche. Misogynie.
Danach untersagt man denen, die die Natur zur Empfängnis befähigt hat, Verhütungsmittel und Abtreibungen, spricht sich entschieden gegen Prostitution und kommerzielle Leihmutterschaften aus, erlaubt sich als Männerbund aber Einkauftrips ins Ausland, um sich anschließend öffentlich mit einem Fremdgeborenen im Kinderwagen zu zieren. Im Grunde die Beibehaltung des Adelsprivilegs, in der zwar Ihre Majestät schwängern musste, aber alle Mühe der Erziehung bei Hebamme und Nanny lag. Halt zeitlich noch weiter nach vorne gezogen. Samenspende reicht. Man kann Vater wie Familie auch ohne Mutter. Das ist in Wahrheit der Gospel.

Die Konservativen in diesem Land haben also sagen müssen, was ihnen die Kanzel noch wert ist. Denn Doppelmoral ist keine, gar keine. Und die katholische Kirche schweigt; sie ist bei dem Thema Zölibat nämlich schon immer „conflicted“; so nennt man dort die diesbezügliche Doppelmoral.