Logbuch
SPLENDID ISOLATION.
Als London noch die Hauptstadt der Welt war und die Engländer ihr Kolonialreich noch ganz selbstbewusst GEMEINWOHL (Commonwealth) nannten, in den Nachwehen alter Herrlichkeit, da wurde der Begriff einer wunderbaren Isolation erfunden. Sollte eine Außenpolitik beschreiben. Man war als Nation der Gentlemen nicht der Kontinent; man träumte nicht von Allianzen. BRITAINS NEVER WILL BE SLAVES. Man beherrschte die Wellen, jedenfalls den Seeweg nach Indien. Kanada eine Provinz, Australien. Amerika fiel gerade ab. Man hatte noch die Kontrolle. Kontrolle? Das ist das nostalgische Motto des EU-Austritts: „Taking back control!“ Keine französischen Kutter in englischen Gewässern! Man will wieder die Kontrolle. Heute um sich greifender Katzenjammer. Wie bitter hat jetzt die Kombination von BREXIT und CORONA die irre Hoffnung einer „splendid Isolation“ Wirklichkeit werden lassen. Schon andere Seuchen haben uns gelehrt, dass es eine Globalisierung nicht nur im Guten gibt. Das Gute, das war früher für die englischen Kaufleute der sehr einträgliche Sklavenhandel. Und der mit Tee, Pfeffer und Seide. Es war das Gute der Kolonisatoren, die die WILDEN zur Kultur erziehen wollten, während man ihnen ihre Schätze oder gar ihre Freiheit nahm. Captn Cook entdeckte Neuseeland. Welch ein Mythos. Ist das die ganze Geschichte? Eine faire Geschichtsschreibung? Die Museen leeren sich, wenn man die gestohlenen Kulturgüter der Welt zurückgeben will. 95% der historischen Kulturgüter Afrikas sind außerhalb dieses Kontinents. Paradigmenwechsel. Das Wilde, das uns alle heute bedroht, ist anderer Natur. Es zeigt, erste Lehre, dass die Natur keine Idylle ist. Und es zeigt, zweite Leere, dass niemand eine Insel ist. Klingt kitschig wie der Titel eines Trivialromans. Wir fantasieren von Gemeinwesen, während wir uns in unseren Kammern einigeln. Irre Zeiten.
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Ist das ein Rechtslenker oder Linkslenker, wenn das Lenkrad auf der falschen Seite ist? Weil man auf der falschen Straßenseite zu fahren pflegt. Die Autobahnen, insbesondere die Dieselsäulen an den Tankstellen, voll von Autos mit englischer Zulassung und dem Fahrer auf der anderen Seite. Ich höre zu, man spricht Polnisch. Nette Gespräche durch Masken, auf Distanz. Viele junge Leute, junge Familien. Heimkehrer zu Weihnachten nach POLEN. Sie müssen zu Hunderten, nein zu Tausenden in GROSSBRITANNIEN gearbeitet haben, unter der alten Freizügigkeit, der großen Errungenschaft der EU, dort sehr leichtfertig angewendet. GREAT BRITAIN macht nun aber dicht. Ist es dann der letzte Weihnachtsurlaub in der polnischen Heimat? Kann man wieder zurück? Oder ist dies die Re-Exilierung in die alte Heimat? Ein bitteres Chaos mitten im einst vereinten Europa. Der BREXIT ist eine europäische Tragödie. Praktische Frage: Was machen die dann mit den ganzen falsch gepolten Karren in Polen? Rückverkauf über den Ärmelkanal? Wird wohl nicht so leicht. Zudem sehe ich in Reisegruppen aus Kleinbussen zu wenig Masken; man macht Raucherpause dicht gedrängt in kleinen Gruppen. Ich halte Abstand. Zurück zur Sache: Das mit den Autos, den englischen Schüsseln in Polen, das ist das geringste Problem. Nur ein kleines, das ein großes zeigt. Das VEREINIGTE KÖNIGREICH UND NORDIRLAND, so hieß das offiziell, war schon zu alten Zeiten ein fragiles Konstrukt. Fragil, um den offenen Bürgerkrieg mitten im Westen zu verhindern. Nachbarn hatten sich gegenseitig in die Luft gesprengt. Jetzt liegen die Scherben des EMPIRE am Boden, England (dramatisch zerfallen in den reichen Süden und den verarmten Norden), Wales, Schottland, Nordirland (zerfallen in irisch gestimmte Katholiken und loyalistische Protestanten) und als verflochtenen Nachbarn das europäische Irland, all diese Scherben am Boden; die Westminster Demokratie weiß sie nicht zu kitten. Dramatisches Versagen der Labour Party. An der Macht sind unter dem Big Ben rechtspopulistische Zyniker der alten englischen Oberklasse, die losen Jungs besserer Kreise, und ihre Apologeten. Dass der Lenker, jetzt meine ich die Autos, auf der falschen Seite, das ist dem Fakt geschuldet, dass eine ganze Nation auf der falschen Seite fährt, weil dies der Tradition geschuldet ist, weil man sich nicht den Regeln des Kontinents unterwerfen wollte, weil... Dazu fatale Nachrichten von der Pandemie um ein mutiertes Virus, hoch ansteckend. In einem ruinierten Gesundheitssystem, dem NHS. Eine Tragödie in der Tragödie in der Tragödie in der... Autokennzeichen GB. Great Britain? LITTLE BRITAIN. Mir blutet das Herz.
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Die Filmtipps von Francois Triffaut waren immer gut; ich hörte ihn an der Filmhochschule in München. Ich erinnere mich da an einen Western namens JOHNNY GUITAR oder so ähnlich, in dem der Held sagt: „Manche stehen auf Saloon Girls, andere auf Whiskey, wieder andere auf Kippen, was aber braucht ein Mann am Ende wirklich? Eine anständige Tasse Kaffee.“ Dem ist nicht zu widersprechen. Wort des Tages. Der Western hatte einen deutschen Verleihtitel mit dem Zusatz „...oder wenn Frauen hassen.“ Das gab es damals Filmverleihe, die die Kinos mit Filmen und Plakaten für die Schaukästen bestückten. Und aus dem Haus Melitta, Minden, Papiertüten zum Filtern mit, Achtung, AROMAPOREN. Glatte Werbelüge. Denn der Kaffee pladderte aus primitiven Automaten mit lauwarmen Wasser in diese Papiermasken und dann in eine Thermoskanne, schmeckte eher lausig. Das haben erst die italienischen Maschinen geändert. Aufwendig wie Weltraumfähren. Und jetzt die segensreichen Alu-Kapseln. Mein Ernst? Ja, aber diese Plastikkapseln sind auch nicht schlecht. Der Kaffee schmeckt.Gestern sah ich einen Bodyguard in der Stadt, blickte ihn fragend an und er schüttelte den Kopf. Er war privat, außer Dienst. Ich hätte seinem Schützling sonst die Hand geschüttelt (den Ellbogen geboten). DIENSTBARE GEISTER. Wenn man lange mit Politik zu tun hatte, erkennt man die Spitzenpolitiker am KOMMANDO. So nennen sich die Sicherheitsbeamten, die die Großkopferten routinemäßig begleiten. Und die kennen einen, man nickt sich stumm zu. Auch wenn ab und zu so etwas wie „Bad in der Menge“ inszeniert wird, Merkel im Supermarkt etwa, die Sicherheitslage ist so prekär, dass sich VIPs ohne Kommando gar nicht mehr bewegen können. Das John-Lennon-Syndrom hat sich in Volkszornzeiten ins Absurde gesteigert. Dass die AfD inzwischen schon den Mob ins Parlament schleusen kann, ist mehr als ein Skandal. Die Verachtung, die ich als postpubertanter Revoluzzer vor den „Schweine Bullen“ rhetorisch hatte, ist Respekt gewichen. Die machen einen Scheißjob für wenig Geld. Und wenn etwas schief geht, läuft der Instinkt der Medien als erstes gegen sie. Vielleicht zu Recht, aber ich kenne viele Situationen, in denen die Beamten wirklichen Frechheiten ausgesetzt sind. Die Knochen hinhalten. Ja, Übergriffe gibt es wohl auch, aber ich sehe weit öfter die andere Zumutung. Schließen wir versöhnlich mit KANT und seinem Diener Lampe, der ihm ein Leben lang treu gedient hatte. Selbst als dieser schon verstorben war, rief Kant noch nächtelang nach ihm. Seine einsetzende Demenz ließ ihn dessen Tod immer wieder vergessen. So fand man, als auch Kant das Zeitliche gesegnet hatte, auf seinem Nachttisch einen Zettel mit einer Notiz in der Handschrift des dement gewordenen Meisters: „Lampe unbedingt vergessen!“
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DOPPELMORAL.
Der deutsche Dichter Heinrich Heine ist in vielem vergessen, aber nicht in seiner Definition von Doppelmoral. Sie lautet:
„Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn’ auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.“
Offensichtlich geht es um ein Fehlverhalten derer, die da predigen dürfen. Auf die Kanzel darf der Klerus und im weiteren Sinn die Politik. Sprich eine Elite.
Damit ist der Populist hellwach. Er versucht Wind unter die Flügel zu kriegen, indem er die Elite geißelt und sich selbst zum Wahrer der Volksseele stilisiert. Das ist eine propagandistische Haltung, die ihre wirklichen Absichten hinter einer ideologischen Polarisierung verbirgt. In diesem Sinne hat der Reichsminister für Volksaufklärung Joseph Goebbels ausgerufen, dass „die Juden unser Unglück“ sind; und einen monströsen Völkermord angezettelt. In der Dimension nicht vergleichbar, aber strukturähnlich sprich die Neue Rechte in den USA von „white supremacy“, der Überlegenheit der weißen Rasse. Man hört wieder Geschwafel von Ariern.
Auch der AfD-Ton gegen „die Ausländer“, die wieder in ihre Herkunftsländer „remigrieren“ sollen, nutzt diese soziale Polarisierung. Das ist ja der Kern der Vorstellung von der Volksgemeinschaft, dass sie ordentliche Bürger und nette Nachbarn zu Aussatz deklarieren will. Oder der Glaube, dass die Eliten der EU unsere Nationalinteresse unterlaufen und der Euro die Herrschaft des Kapitals brachte. Es gibt auch linke Varianten des Populismus, die die Völker der Welt von einer Bourgeoisie bedroht sehen. Erläuterungen zum allfälligen grünen Populismus spare ich mir.
Wir wollten eigentlich über Doppelmoral reden. Eine der elementarsten Formen ist die frauenfeindliche. Misogynie.
Danach untersagt man denen, die die Natur zur Empfängnis befähigt hat, Verhütungsmittel und Abtreibungen, spricht sich entschieden gegen Prostitution und kommerzielle Leihmutterschaften aus, erlaubt sich als Männerbund aber Einkauftrips ins Ausland, um sich anschließend öffentlich mit einem Fremdgeborenen im Kinderwagen zu zieren. Im Grunde die Beibehaltung des Adelsprivilegs, in der zwar Ihre Majestät schwängern musste, aber alle Mühe der Erziehung bei Hebamme und Nanny lag. Halt zeitlich noch weiter nach vorne gezogen. Samenspende reicht. Man kann Vater wie Familie auch ohne Mutter. Das ist in Wahrheit der Gospel.
Die Konservativen in diesem Land haben also sagen müssen, was ihnen die Kanzel noch wert ist. Denn Doppelmoral ist keine, gar keine. Und die katholische Kirche schweigt; sie ist bei dem Thema Zölibat nämlich schon immer „conflicted“; so nennt man dort die diesbezügliche Doppelmoral.