Logbuch
EMANZIPATION.
Sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen, das heißt für bisher Beherrschte, dass sie es jemandem aus der Hand nehmen müssen. Das heißt ja Emanzipation: e-manu-cipere, aus der Hand nehmen. Der Sklave nimmt sein Leben aus der Hand des Sklavenhalters. In die eigene. Die beherrschte Frau nimmt ihr Schicksal aus der Hand des Patriarchen. Das Kind wird erwachsen; Vatershand leer. Ich erinnere mich noch, wer mir die Wortbedeutung so erklärt hat. Eine großbürgerlich gestimmte Professorin, die selbstbewusst wie Hannah Ahrend Zigaretten rauchte, und die Kippen ihren verschüchterten Studenten in der Sprechstunde anbot. Da saß ich Würstchen vor ihrem Schreibtisch und hätte ihr im Gegenzug Feuer geben müssen, hatte aber kein Feuerzeug am Mann. Ein peinlicher Moment, an den ich bis heute denke. Ich erwies mich als dummer Junge. Protokollarisch versagt, der Student aus kleinen Verhältnissen. Eine soziale Frage. Aber natürlich auch eine ideologische. Lady in black. Die Dame erklärte jedwede Emanzipation für Unsinn, da sie selbst ja keiner bedürfe. Das hatte etwas von dem „Warum isst das Volk, wenn es kein Brot hat, nicht Kuchen?“ Dabei geht es nicht so sehr um rechts oder links (im politischen Sinne). Es geht um oben und unten (im sozialen). Vor allem aber um öffnen oder schließen (im kulturellen). Es geht um REAKTIONÄRES. Denn überhaupt wird die Zukunftsfrage sich daran entschieden haben, ob man weiter öffnen will oder wieder verschließen. Will man die Dinge zurückdrehen oder sich entwickeln lassen? Emanzipation wieder aufheben oder entfalten? Das ist es, was jetzt in Großbritannien geschieht: Reaktion! Die Dinge zurückdrehen. Eine herrschende Klasse hätte es gern wieder kommod. Der Fisch schmeckt besser, sagt der Lord im Unterhaus, seitdem er nicht mehr europäisch sei, sondern wieder britisch. Das ist es, was in Polen die Konservativen an dem Recht auf die Straffreiheit der Abtreibung stört. Oder die ungarischen Oligarchen an liberalen Hochschulen. Oder die Hinterwäldler des Donald Trump, wenn sie von der WEISSEN ÜBERLEGENGEIT spinnen. Was diskutieren da die Bewohner der britischen Kronkolonie Hong Kong mit „Mainland China“? Sie diskutieren darüber, was eine Volks-Republik eigentlich meint. Fundamentale Frage: Treiben wir die Liberalisierung weiter oder brauchen wir eine Rückabwicklung? Das hat schon ein wenig von der Alternative „Revolution vs Reaktion“, aber dazu ist es eigentlich noch zu früh, vor dem ersten Kaffee.
Logbuch
TABU.
Wenn man etwas, das es gibt, im Herzen nicht leugnet, wenn etwas im Hinterkopf rumort, aber man es nicht über die Lippen kommen lässt, weil dann diffuse Strafen drohen, und zwar auch dann, wenn es kein Vergehen gibt, außer dass man das Tabu berührt hat. Wenn das Sprechen sich hütet, ein Aussprechen zu sein. Wohin vagabundierende Moral den Verstand führt, in Sphären jenseits der Vernunft. Gegenaufklärung. Ja, hier und jetzt.
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KLASSENKAMPF.
Das geht von oben nach unten. Und von unten nach oben. Ein Adel, der seine Bauern verhungern lässt. Wenn sie kein Brot haben, sollen sie halt Kuchen essen. Oder Städter, die die Köpfe der Adeligen rollen lassen. Es lebe die Brüderlichkeit. So weit, so ungut. Klassenkampf geht aber auch horizontal, von links nach rechts und rechts nach links. Ich höre im BBC Worldservice einen gutgestellten US-Farmer, der sagt, die DEMOKRATEN hätten noch nie was für die Landbevölkerung getan; er erwartet nichts von Joe Biden. Trump sei ihm zuwider, aber der höre seine Stimme. Erstaunlich. Und dann haben sie da im Radio einen Bergarbeiter aus dem Rostgürtel, der erst seine Krankenversicherung verloren hat, dann seine Gesundheit, dann den Job und jetzt das Häuschen, das eh nur ein Wohnwagen war. Auf die REPUBLIKANER angesprochen, will er auch die nicht mehr wählen, weil sie TRUMP fallen gelassen hätten, der um seinen Wahlsieg betrogen worden sei. JOE SIX PACK, nennen wir ihn so, weil wir MINER, sprich KUMPEL lieben, ist, bei Licht betrachtet, ein Depp. Einer jener Deppen, die dafür gesorgt haben, dass Trump bei der jetzt verlorenen Wahl in absoluten Stimmen mehr Anhänger hatte als bei seinem Amtsantritt. Man weiß von ihm, dass er die Landeier und die Deppen mag, weil er sich prollig gibt. Selbst unter den Afro-Amerikanern und den Latinos war seine Zustimmungsquote gestiegen. Das versteht hier in Deutschland niemand. Wie schon der Verschiss, in dem Hilary Clinton einst war, nicht verstanden wurde. Die DEMOKRATEN stehen in den USA für die „neoliberal meritocracy“, zu Deutsch: NEOLIBERALE LEISTUNGSGESELLSCHAFT. Das ist eine Klasse, eine horizontale und eine vertikale. Das sind die, die in ihrem protestantischen Herzen finden, dass die Malocher an ihrem Elend selbst schuld sind. Sie stoßen mit kalifornischen Wein an, während Joe Six Pack nach seinem Dosenbier langt.
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FLAPPING EAGLE, DER FLATTERMANN.
Die Umbenennung von Meeren wie Seen, wie sie der amtierende Präsident der USA vornimmt, ist ja keine imperialistische Geste neuerer Art, sondern von gewachsener Tradition. Der Eigenname des Ontario Sees entstammt der vormodernen Besiedlung durch irgendwelche Indianer, die sich mittlerweile den Euphemismus von „First Nations“ angeeignet haben. Mein landmannschaftlicher Zugang zu der schier endlosen Tundra nördlich der Großen Seen ist der Roman „Nobody Loves a Drunken Indian“ von Clair Huffaker. Dessen deutscher Titel („Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“) ist fehlleitend; es handelt sich um ein Gründungswerk der Red-Power-Bewegung, zu deren Urmythen Flapping Eagel, der Protagonist, gehört. Der Flattermann. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Der Anschluss Kanadas an Europa ist ohne weiteres möglich. Das scheint dem Imperator der amerikanischen Neuen Rechten nicht so ganz klar. Ich meine dabei nicht das Frankophone in Quebec und anderen Städten der Rentierjäger; das ist eher eine hübsche Episode in einer Einwanderungsnation, die so dünn besiedelt ist, dass man die Völker der Welt geradezu einlädt, soweit jung genug und gebildet. Da kommen folglich mehr Asiaten als Islamisten. Ich sehe sogar Sikhs in Parlament. Sichtbare Minderheiten, so nennt sich das hier offiziell. Überhaupt ein buntes Gemisch tüchtiger Menschen. Und zurzeit ein blendender Premier.
Ich würde den Imperialen in den USA gerne folgendes zurufen: Das Herzstück Canadas heißt New Brunswick (Neu Braunschweig) und ist historisch unter der Herrschaft der Welfen. Diese Hochwohlgeborenen bestücken seit Urzeiten den englischen Thron und haben keine Hemmung, ihre Ansprüche von New Brunswick, Can. auf Minnesota oder New York auszudehnen. Die dämlichen Flächenstaaten in den Überflugstaaten der USA interessieren nicht so sehr, so dass man einfach mitten durch die US of A einen Strich ziehen könnte. Geht doch glatt, siehe Korea. Das dann gigantische Nordamerika würde fürderhin aus der Hauptstadt New Brunswicks regiert, dem heutigen Fredericton (Friedrichstadt). Den Rest, also den Süden, kann Jeff Bezos als New Amazon übernehmen.
Die verbleibenden Territorialkonflikte bestehen dann vielleicht noch aus der alten Hassliebe Hannovers zu Braunschweig, aber nicht mehr dem Unsinn um Washington oder Wyoming. Darauf gehe ich heute Abend mit Flap (Kosenamen von Flapping Eagle) einen trinken.