Logbuch

MERZ MACHT BLAU.

Die Republik macht Urlaub, so auch der Kanzler. Aber man sieht ihn dabei nicht. Merz ist auch da dümmer als Kohl, der ein Foto von sich und der angeblich heilen Familie am Wolfgangsee verbreiten ließ, das an kleinbürgerlicher Spießigkeit nicht zu überbieten war. Der Dicke doof, bieder und brav. Die Nation war zufrieden. An Friedrich Merz wird rumgemeckert, weil er diskreter. Eigenes Ferienhäuschen am Tegernsee, übrigens bescheidenen Zuschnitts, aber mehr dazu nicht, nicht von mir.

Politisch wird das Maulen über Fritze Merz in der Sommerfrische, weil er nicht bei einem Waldbrand in der Eifel persönlich vor Ort war, den Urlaub unterbrechend, nach dem Rechten sehend. Auf der belgischen Seite war der dortige König zeitig vor Ort, Fritze erst nach Abschluss der Löscharbeiten. Was er dort allenfalls hätte machen können, ist Rettungswege verstellen. Der Prommi-Besuch ist in der Sache grober Unsinn, aber eine unbedingte Pflicht. Wer stattdessen Urlaub macht oder Tennis spielt, ist erledigt. Die Lehre von der Ahr. Das PR-Lehrbuch erzählt dazu immer den Mythos von Gerd Schröder und der Oderflut. Sprich von St. Christopherus, der das Jesuskind auf seinen Schultern trägt.

Diese infantile Republik will nicht ohne Papa sein. Oder Mutti. Wehe, Kevin ist allein zuhause. Und dass jemand seinen Urlaub unterbricht, um vor Ort nach dem Rechten zu sehen, ist zwar aus der Trickkiste der PR, auch ich habe das mal angewandt, aber gleichwohl nicht ohne Wirkung. Besser wäre es, Merz nähme den ihm zugeteilten Günther Guillaume mit an den Tegernsee. Der könnte uns dann auf dem Laufenden halten. Damit hat Willy Brandt als Kanzler gute Erfahrung gemacht. Oder man kooperierte mit der BILD; davon können Christian Wulff und seine Bettina nettes erzählen. Wenn „private matters“ politisch werden. Fast immer ein Übergriff.

Hallo? Ich finde die ganze Debatte albern. Infantil. Doppelbödig. Wer nicht im Dienst, ist privat. Da hat unsere Neugier ihr Recht verloren. Überhaupt ein schützenswertes Gut, die Privatangelegenheiten. Deshalb mein Ruf an den Tegernsee: Häng noch ne Woche dran, Fritz! Mach einfach blau. Muss auch mal sein.

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DIE NATUR IST KEINE IDYLLE.

Man soll ja keine Wortwitze wiederholen, schon gar nicht, wenn eine ernste Sache ansteht. Trotzdem geht mir nicht aus dem Sinn, dass die Etymologie meist eine Etymogelei. Es geht um die Wissenschaft von den Ursprüngen sprachlicher Eigenheiten. Mit der etymologischen Wortherkunft will man klären, was die Dinge wirklich bedeuten; dass nennt der Altgrieche „etymos“, wahr, weil wirklich. Welch ein Irrtum.

Heute: die Sintflut. Die Flut wg. Sünde. Der Westerwald ist gerade Opfer eines bösen Unwetters geworden; die Nachrichten sprechen von sintflutartigen Regenfällen. In Höhr-Grenzhausen die Hölle. Eine Sintflut. Der Mythos geht zurück auf Noah, der sich vor dem Zorn seines regenmachenden Gottes in einer Arche zu retten wusste. Der Gott des Alten Testaments ist kein „sugar daddy“; er will notorisch sein Volk wg. Sünde vernichten. Noah rettet die belebte Welt mittels Einschiffung von gebärfreudigen Pärchen aller Art. Übrigens ist der Handlungsort dieser gewollten Katastrophe, wie reden von Armenien und dem Berg Arafat, in der Neuzeit eine christliche Nation. Mein kreuznetter Schuhmachermeister im türkischen Moabit kommt da her und weiß noch von ganz anderen Völkermorden zu berichten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Die Sintflut hat nichts mit Sünde zu tun. Man wird nicht Opfer der Elemente wg. moralischer Verfehlung. Das ist das Schuldbewusstsein, das uns die Grünen einreden wollten, als ihr Zauber noch wirkte, dass der Klimawandel menschengemacht sei, also eine Sünde, die die göttliche Strafe geradezu erbettelt habe. Eine Etymogelei. Die Natur hat keine moralische Instanz, sie ist von einer vernichtenden Sinnlosigkeit. Man höre sich am Berg Arafat um oder im Ahrtal. Das „sint“ meint im Althochdeutschen „groß“. Unwetter eben. Die Elemente sind immer ein Problem, manchmal eine Katastrophe. Mehr ist nicht. Die Grünen-Drohung hat ihre Kraft verloren. Noch nicht bei allen, aber bei immer mehr Menschen. Hegemonie dahin. Ende der Wende.

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MAGDEBURGER HOCHZEIT.

Im Flächenland Sachsen-Anhalt stehen Landtagswahlen an, die die politische Rechte für sich entscheiden wird. Rechts der Mitte liegt eine absolute Mehrheit von satten sechzig Prozent. Auf das Spektrum links der Mitte entfällt allenfalls ein Drittel. Die SPD muss mit sieben, acht Prozent zufrieden sein, wenn es gut für sie läuft. Sagen die Wahlforscher mit relativ einheitlichem Votum. Neue Geometrie: die Mitte ist verrückt.

Gestern besuche ich den Magdeburger Dom, eine evangelische Predigerkirche gotischen Ausmaßes. Eine der ersten Kathedralen mit Raumheizung, kein Scherz. Bei einer Raumhöhe von dreißig Metern. Mir fällt auf: Sie ist leer. Es ist allerorten ungeheuer, was der Bildersturm den Gotteshäusern angetan hat. Und Magdeburg war sehr protestantisch. Man macht heute ein riesen Gewese darum, dass man hier Kaiser Otto den Großen ausgegraben hat. Um seinen Sarg eine Holzhütte, die Neugierige abhält, aber viel Presse und die Männer mit den Mienen als Kommentatoren vor den Kameras. Die Totenruhe eines Prommis gestört. Zweifelhafte Errungenschaft. Es bleibt das Gefühl, eine leere Halle besucht zu haben.

Otto, das ist tiefes Mittelalter, knapp tausend Jahre nach Christus. Ein Heiliges Römisches Reich Deutscher Nationen schickt sich an. Die Kaiserlichen Katholischen sollten siebenhundert Jahre später wiederkommen. Unter Tilly und seinen Pappenheimern wird die Jungfrau Magdeburg geschändet. Es wurde vergewaltigt, geplündert, ermordet und schließlich angezündet, was da an Protestantischem zu finden war. Man spricht im Zynismus der Sieger von der Magdeburger Hochzeit. Hieran wäre zu erinnern in der Otto-Stadt; aber das Versagen der Historiker bei signifikanten Vergleichen ist ja notorisch.

Von der neuen politischen Mehrheit ist über kurz oder lang zu erwarten, dass der Heilige Mauritius, der Mohr zu Magdeburg, aus dem Dom entfernt wird. Vielleicht sagen die Historiker dann dazu mal ein klares Wort. Man wünschte sich für das Land einen Westfälischen Frieden. Stattdessen werden Sigismund Tilly und seine Pappenheimer ins Amt gehoben. Magdeburger Hochzeit.

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LEBENSART.

Wenn es einen durchgängigen Imperativ westlicher Moderne gibt, so ist es die Verfeinerung des Genusses. Dazu hatte ich gestern Gelegenheit. Ein netter Berufskollege hatte mich zu einer Verkostung des Brauerbundes eingeladen. Es gingen die sechs Oktoberfestbiere an den Start, die die dort zugelassenen Brauereien eigens auflegen. Nun wird man schlecht sechs Maßkrüge voll davon zu sich nehmen können und noch zu einem Geschmacksvergleich in der Lage. Es gab daher kleinere Gläser, etwa so wie im Rheinischen üblich. Ergebnis: Ich bleibe beim Hacker.

Geladen wurde in ein bayrisches Wirtshaus, dass man in Ostberlin nachgebaut hatte, nahe am Ambiente einer Touristenfalle, aber immerhin. Aufwendig und mit Klasse. Der alltägliche Bierkonsum ist hierzulande zu einem Massenkonsum mittels Mehrwegflaschen und Bauarbeiterkästen verkommen, der als Commodity felsenfest unter einer bestimmten Preisgrenze klebt, für die das Spülen der Pullen nicht mal lohnt. In einer sehr mittelständisch geprägten Industrie scheint niemand die Kraft zu haben, in diese Breite ein Premiumprodukt zu setzen, für das die Leute auch richtig Geld auszugeben gedenken. Und die Giganten wollen vermutlich nicht: Intercourse in a canoe.

An meinem Tisch sitzt der Kollege von Coca-Cola, den ich zu einem Trend befrage. Ich sehe immer öfter die klassische Flasche Kocka mit Strohhalm zu ordentlichem Essen. Wohl eine Marotte von Muslimen, die dem Alkoholverbot ihrer Religion folgen. Wir unterhalten uns über Alu-Dosen; ein Trend, den ich mal leidenschaftlich verfolgt habe. Can the can. Jetzt treibt der Ersatz von Zucker das Geschäft, wie es die Entalkoholisierung bei Bier ist. Selbst Wein und Sekt gibt es schon als Plörre. Das Leben als ein einziger Kindergeburtstag.

Anmerkung: Die Karte in der Schwemme bietet diverse Kräuterliköre. Das geht nicht. Man nimmt zum Bier nur Brände. Doppelkorn. Aus Getreide. Zum Rebensaft Weinbrand. Likör nie. Das ist Sirup. Alles muss man sagen.