Logbuch

ANGESTRENGT.

Wer sich erklären muss, hat schon verloren. Wir haben keine Wähler mehr, die langweiligen Politikern lauschen, die sich Erklärungen zusammenhaspeln, die niemanden interessieren. Politik ist nicht mehr Shakespeare. Politik ist Homer; man glaube mir (heute ein Logbuch aus Delphi).

Man kann etwas Gemeinsames beobachten bei Keir Stamer, dem englischen Premierminister, und Donald Trump, dem amerikanischen Präsidenten, das ihnen beiden nicht nützen wird. Die Herrschaften wirken genervt, bemüht, angestrengt. Da haben die Wähler ein Gespür, dass es nicht mehr lange gut geht.

Der Souverän ist eigentlich, wenn souverän, stets gut gelaunt, vielleicht mit einer leicht ironischen Note, die Dinge gehen ihm von der Hand, was einer zarten Geistesabwesenheit Vorschub leistet, die verziehen wird, da man weiß, dass er eigentlich Höherem verpflichtet. Ein homerischer Held!

Der tiefste Moment in der politischen Karriere des Olaf Scholz war der endlos bemühte Vortrag vom Blatt dazu, warum er Christian Lindner entlassen will; ein Versuch der Entschuldigung für Versagen. Verlierer mag der Wähler nicht, jedenfalls nicht an der Spitze der Politik.

Wir wollen auf dem Olymp Götter sehen, keine friemelnden Bastler der Macht, denen bei jedem Auftritt die Angst ins Gesicht geschrieben ist, wieder ausgelacht zu werden. Man möchte nicht fürchten müssen, dass der Feldherr, statt voranzuschreiten, über die eigenen Füße fällt. Trottel taugen nichts in der Ilias.

Wenn Führung akzeptiert wird, dann nicht von einem Zauderer, der zögert, hadert, hinkt. Das heutige Publikum mag keine endlosen Dramen komplizierter Verwicklungen, an deren Ende alle Welt in endlosem Zuwarten versinkt. Der Wähler ist anders. Walter Littmann hat mal gesagt, er kommt zum zweiten Akt, hört nicht zu und geht früher, so dass man schon froh sein muss, wenn er überhaupt mitgekriegt hat, wer der Schuft ist und wer der Held.

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DER GENOSSE TREND.

Der Meinungsforscher Professor Güllner, von dem man eine Menge zu halten hat, sieht die SPD bei der berühmten Sonntagsfrage im Bund bei 11 Prozent. Es ist nicht auszuschließen, dass sie in Sachsen-Anhalt unter 5 Prozent liegt. Selbst an der Saar, wo man die Mehrheit errungen hatte, reicht es nur noch für ein gutes Viertel der Stimmen; vielleicht ein Drittel. Die rechtspopulistische AfD kann sich dagegen vor Zulauf nicht retten.

Der Wähler nimmt für die Dauerfrustration durch die Zwangsfürsorge betulicher Oberlehrer Rache; jedenfalls zeigt er den Mittelfinger. Das darf er. Nennt sich Volkes Stimme. Das wird er auch wieder lassen. Jetzt aber hat der Arsch Kirmes. Eine Abreibung ist fällig.

Der Vizekanzler und die Arbeitsministerin, beide im Doppelmandat Parteivorsitzende der SPD, wirken überfordert; Ungeschicklichkeiten werden bemerkt. Das riecht nicht nach einer baldigen Trendwende und einem neuen Aufbruch; ich habe die SPD aber auch schon bei 38 Prozent erlebt. Die das konnten, sind von ihrer eigenen Partei verhöhnt und verlassen worden. So geht, sagt einer der Gedemütigten, Politik. Man beschmutzt sich durch Säuberung. Welch ein Paradox.

Habe ich eine Empfehlung? Ja. So tun, als wenn nichts wär. Weiter anständige Arbeit abliefern. Man muss sich Sysiphus als glücklichen Menschen vorstellen.

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DER JAHRMARKTSTÜRKE BEI EDGAR ALLAN POE.

Wer früher einen exotischen Charakter vorstellen wollte, wählte nicht einen koksenden Kindskopf aus dem kalifornischen Silicon Valley oder einen weltweisen Chinesen mit kleiner Pfeife, sondern einen typischen Türken, der den Zeitgenossen als Mysterium galt, einen osmanischen Magier.

So auch der Kirmes-Aussteller mit dem Schachautomaten, der auf Jahrmärkten mit einer Maschine auftrat, die angeblich Schach zu spielen wusste. Der Schach spielende Automat, den der österreichische Erfinder Wolfgang von Kempelen 1770 vorstellte, war natürlich noch vollständig mechanisch angelegt; der Halbleiter aus Silicon noch gar nicht entdeckt. Ein Uhrwerk, das mechanische, war die höchste damals bekannte Technik. Also staunten die Menschen auf den Volksfesten darüber, was so ein Apparat kann. Nur zu Dekorationszwecken thronte über der Denkenden Kiste die Puppe eines mechanischen Muselmanen.

Der Türke war getürkt, weil ein Automat mit Puppe angeblich konnte, was sonst nur Genies gegeben, nämlich das Spiel der Könige zu spielen. Es gab unter all den Nerds einen Skeptiker. Er hieß Edgar Allan Poe und war ein Freund der Abgründe des scharfen Verstandes. Poe rekonstruierte die Spiele des Automaten und fand etwas zu tiefst Unmaschinelles: Der Türke zeigte neben der Routine gelegentlich irre Intuition und machte manchmal höchst banale Fehler. Poe schlussfolgerte: Der Automat ist gar keiner, in der Kiste muss, vor den Blicken des Publikums verborgen, ein Mensch sitzen. Genie wie Trottelei, beides, hatten ihn verraten.

Und so war es; man hatte einen Großmeister in der Kiste unter dem Türken verbarrikadiert, der die vermeintlich mechanische Puppe führte, sprich inspirierte. Die Sache war getürkt. Wer das verstanden hat, versteht auch das umgekehrte Problem, dem gerade Lichtgestalt des Journalismus und der Politik zum Opfer fallen. Sie haben ihre angeblich höhere Intelligenz getürkt, indem sie die technische namens KI nutzten, was aber Plagiatsforschern wie dem Wahnhaften Weber (sapienti sat) intellektuell zugänglich ist. Das ist jetzt Poe in Paradox: Der Professor kann nachweisen, dass der Türke ein Apparat ist.

Ich schließe mit einer Bemerkung pro domo: Dass das Logbuch nicht von einem Apparat stammt, das sieht man an den notorischen Fehlern, die meiner Rechtschreibschwäche geschuldet sind. Dazu ist KI zu schlau. Und an den seltenen Intuitionen, wozu ChatGPT sicher zu doof. Der Türke hier, so meine Nachricht, ist nicht getürkt.

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EICHENTUM.

Was ist Eichentum, fragt sich der Frühsozialist Proudhon. Und er antwortet: „Eichentum ist Diebstahl!“ Bevor wir zu einzelnen Schattenseiten kommen, die das Denken dieses Franzosen aufwies, feiern wir ihn. Er ist der Urvater des Anarchismus und hat viele Verehrer unter denen, die eichentlich nichts zu verlieren haben, aber ihr schlechtes Gewissen gern los würden, wenn sie sich das Eichentum anderer aneichnen. Der erste und fundamentale Trick dazu ist, dass wir die Enteichnung nicht mehr Diebstahl nennen, weil sie ja nur dem vom Raub Begünstigten zurückgibt, was ihm ursprünglich mal gestohlen. Wir nennen sie nunmehr Vergesellschaftung.

So soll es im Grundgesetz stehen, dass Eichentum verpflichtet, und zwar zur Vergesellschaftung. Besonders schändlich ist Wohneichentum, weil Wucher, wenn es Kapitalisten an sich genommen haben, die auf Rendite aus sind. Die Wohnungen Berlins sollen nun bald durch Vergesellschaftung den Berlinern zurückgegeben werden. Der dann sichere Ausfall der Rendite macht sie sicher „bezahlbar“, so heißt das politische Versprechen. Sie erinnern„Money for Nothing“ von Dire Straits? „Money for nothing and your chicks for free. And gigs on MTV.“

Zum Frauenbild von Proudhon kommen wir am Schluss noch mal. Zunächst zum Anarchismus, der sich eine Gesellschaft ohne Staat erträumt, in der freie Produzenten (selbständig wirkende Menschen) und freiwillige Genossenschaften wirken. Die dürfen nämlich Eichentum. Das finde ich sympathisch. Raiffeisen hat was. Ein Dorn waren Proudhon die Wucherer; auch das mag man verstehen. Wobei ja ein Angebotsüberhang bei Wohnungen für günstige Mieten sorgt. Man muss halt viele bauen und erhalten wollen. Oder können, weil genug Knete.

Schaut man auf das Budget und die zu vergesellschaften Wohnungen kann bei der versprochenen Vergesellschaftung nur knapp ein Drittel des Marktwertes erstattet werden. Wenn was Diebstahl ist, dann das. Der Frühsozialist Proudhon war übrigens strammer Antisemit, weil der Jude ihm ein notorischer Wucherer. Und kein Frauenfreund, weil Weiber von Hause aus doof. Deshalb Geld für nix und Girls für umsonst. Bleibt noch der Auftritt bei dem TV-Sender MTV. Da spielt keine Musik mehr. Ich habe neulich Dieter Gorny zum Essen getroffen, den Erfinder des deutschen MTV, hieß Viva. Musik aus. Affe tot. Klappe zu. Dieter wohlauf. Ich soll schön grüßen.