Logbuch

FOOLS GOLD.

Ohne dass ich dem Ereignis Aufmerksamkeit geschenkt hätte, wird vor mir etwas verborgen, wohl in der irrigen Erwartung, dass ich doch hinschaue oder gar Geld gebe, um Zeuge dieser tiefen Belanglosigkeit zu werden. Die Aufmerksamkeitsökonomie des Internets macht aus Nichts Berühmtheit; sie ist die Allchemie unserer Tage.

In New York soll eine Sängerin, von der ich noch nie gehört habe, einen Sportler geheiratet haben, den ich nicht kenne; und die Eheschließung vollzog ein Komiker, den ich noch nie gesehen habe. Den eintausend Gästen im Madison Square Garden war das Filmen oder Fotografieren mittels Handy streng untersagt. Wohl weil man diese Königshochzeit zu Geld machen will und hinreichend hysterische Fans zu allem bereit. Mich wandelt etwas an, das ich Erkenntnisekel nennen möchte.

Mir wird wiederholt schlecht. Noch vor kurzem als ich in Palermo festsaß, wo man sonst in dem vom Rocco Forte übernommenen Hotel eigentlich seine Ruhe hat. Auch eine Hochzeit, auch so eine Schlagertorte, von der ich noch nie gehört hatte. Die komplette Stadt gesperrt. Für nix. Der Traum der mittelalterlichen Allchemie war es, auf einem synthetischen Weg Gold erzeugen zu können und so den jeweiligen Fürsten reich zu machen. Wäre es gelungen und das edle Metall Massenware, wäre als erstes dessen Preis verfallen. Eh klar. Aus Scheiße Geld? Wohl ein Deppentraum.

Womit wir nach Taylor Swift bei den Spekulationen der in den USA herrschenden Familie mit Kryptowährungen sind. Lassen wir mal außen vor, was eine Blockchain ist und wievielte Bitcoins es gibt; ich selbst habe schon Zweifel, ob Zentralbanken bei exorbitanter Eigenverschuldung den Wert von buntbedrucktem Papier garantieren können. Aber Kryptos? Tjo. Jetzt könnte ich also, wäre ich clever, meine Spargroschen an Melania Trump Memecoins geben. Wie schlau wäre das?

Von den Konzerten der eingangs genannten wird berichtet, dass Teilnehmerinnen, um endlose Wartezeiten ohne Unterbrechung wahrnehmen zu können, in Windeln erschienen. Kopf leer und Hosen voll. Das Wertgesetz bei Taylor Swift ist das der Allchemie oder der Kryptowährungen, eine unterstellt elitäre Seltenheit bei gleichzeitiger Massen-Hysterie. Die strukturelle Paradoxie einer wertsteigernden Inflation. Idiotengold. Harte Währung windelweich.

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DAS STADER LOCH.

Große Verbrechen zeitig immer mehrere Opfer, hier drei. Zunächst die tatsächlichen. Im Stader Fall sechs Sozialarbeiter, die sich eines Kindeswohls anzunehmen hatten und heimtückisch ermordet wurden. Den Täter und seine Gehilfinnen soll die Justiz bitte zur Rechenschaft ziehen. Es wäre mir recht, wenn wir dabei auf Sippenhaft verzichten könnten. Ich will Gerechtigkeit, aber keine Blutrache. Auch weil ich weiß, dass die Opfer für eine gute Sache standen, die des Sorgerechts. Ein Kind ist kein Besitz seiner Eltern.

Das zweite Opfer ist die Wahrheit, wenn sich die Geschichte des Verbrechers zu Propagandazwecken eignet. Man muss die Umstände der Tat nämlich nur symbolisch stellen und kann die Niedertracht des Täters so allen Menschen seiner Herkunft oder Religion unterstellen. Der vorher romantische Fremde wird dem Volkszorn dann zum Objekt von Vertreibung, wenn nicht Vernichtung. Auf diesem Feuer kocht notorisch der rechte Rächer sein Süppchen. Ich habe keinen Bedarf an solchen rechten Pogromen.

Das dritte Opfer ist der nützliche Idiot, der elementares Fehlverhalten als kulturelle Vielfalt romantisiert. Viele davon bei den Grünen, der Linken und der SPD. Hier wird man lernen müssen, dass die klare Definition und konsequente Einhaltung einer Leitkultur Pflicht der Migranten aufnehmenden Nation ist. Asyl hat Bedingungen zu haben. Und dazu gehören Kindeswohl wie die Tatsache, dass auch Frauen Menschen sind und keine Haustiere. Völlig ungeachtet davon, was dazu irgendwelche Pfaffen sagen. Wer hier permanent permissiv ist, wegschaut und duldet, vergeht sich am Gemeinwesen.

Drei Opfer also im speziellen und wir alle im allgemeinen. Ich erwarte ein Staatsbegräbnis für die sechs Opfer von Stade. Und dass die AfD die Schnauze hält. Wenigstens die nützlichen Idioten sollten was gelernt haben.

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WETTKAMPF.

Mein Leben lang, allzumal in der Jugend, war ich, was man unsportlich nennen könnte. Leibesübungen waren nicht mein Ding. Die sogenannten Bundesjugendspiele habe ich gehasst. Wettkämpfe übten, so auf olympische Disziplinen bezogen, keinen Reiz auf mich aus. Um als Schulpflichtiger dem obligatorischen Sportunterricht entgehen zu können, besorgte man sich, so clever genug, ein Attest vom Arzt. Wie man daran kam, auch mangels medizinischer Indikation, war eine Frage der sozialen Intelligenz und schauspielerischer Kreativität; jedenfalls hatte ich immer Attest.

Unser Wettkampfwille wuchs auf anderem Gebiet, dem der Maulfechterei und des Rechthabens. In diesen Tagen ist mein damaliger Deutschlehrer von uns gegangen. Ich hatte ihn auf der Kettwiger Penne recht lange und er hat eine Menge von mir gelernt. Man galt damals was, wenn man belesen war. Die Versorgung mit linker Literatur klappte blendend und es reichte auch schon mal, wenn man sich das Suhrkamp-Bändchen unter‘s Kopfkissen gelegt hatte. Überzeugender Vortrag gelang gleichwohl.

Wir zitierten im Unterricht frech und mit Nachdruck MARKUSE, worauf sich der Pauker auch mit Lesestoff versorgte, aber frustriert eingestand, dort nicht gefunden zu haben, was wir Pubertanten so vortrugen. Ich schiele auf das Pult und sehe, dass sich mein Pauker mit LUDWIG MARKUSE eingedeckt hatte, nicht mit HERBERT. Haben wir gelacht. Wir müssen als Schüler echt unausstehlich gewesen sein. Jedenfalls war das eine wettbewerbliche Anstrengung, die nicht dümmer machte.

Einzuräumen ist, dass vieles von dem, was man in jenen Jahren so daher schwätzte, schlicht Unsinn war; aber das ist das Urteil des Alters. Jetzt, da sie meinen Pauker zu Grabe tragen, rufe ich einen Dank hinterher. Er hat uns zu Olympischem motiviert. Die Früchte dessen haben ein Leben lang genährt. Man achte seine Lehrer! Möge ihnen die Erde nicht zu schwer werden.

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ÜBER SCHEUE REHE.

Nach einem Empfang in der Irischen Botschaft, es setze gerade das Wirkungstrinken ein, lädt uns ein Freund noch auf ein Night Cup zu sich nach Hause ein, wobei wir wissen, dass er hier in der Hauptstadt nur eine Übernachtungsmöglichkeit unterhält, da er, wie alle Gentlemen der Gentry, eigentlich auf dem Lande wohnt. Sein Londoner Appartement liegt an der Grenze Kensingtons zum Ortsteil Chelsea.

Es handelt sich um einen ehemaligen Pferdestall, eine „mews“, wunderbar hergerichtet, aber mit 50 Quadratmetern Wohnfläche auch nicht gerade extravagant. Zu groß für eine Studentenbude, zu klein für eine Familie mit Kindern. Sagen wir, eine nette Stadtwohnung in einem bevorzugten Stadtteil. Beeindruckt von den Berliner Debatten um bezahlbaren Wohnraum frage ich John nach den Preisen, was protokollarisch eigentlich nicht geht, aber er sieht es dem Kraut nach. Es war eine günstige Gelegenheit. Er hat, umgerechnet in Euro, nur 18.000 gezahlt. Ich gratuliere und zeige mich beeindruckt.

Das war gerade nicht die Monatsmiete, sondern der Quadratmeterpreis bei Erwerb. Die Bude hat eine knappe Million gekostet. Für Kensington ein absolutes Schnäppchen. In Chelsea höre ich, zahlen die Russen frag- und klaglos das Doppelte. Und zwar im Schnitt; Spitzenobjekte erzielen inflationäre Summen. Alta Schwede. Greater London ist übrigens von einer Labour-Regierung geführt, die am Ort als „soft left“ bezeichnet wird, also Sozialdemokraten. Es gibt eine soziale Stratifizierung des Wohnraums. Wem weniger Liquidität gegeben, der zieht nach Croyden oder in die Gartenstadt Welwyn. Oder nach Kent. Das sind jene Comuter, die morgens wie abends ein Stündchen im Zug verbringen. Kein Vergnügen.

Was hält Sadiq Khan, den Labour-Bürgermeister mit migrantischen Wurzeln, davon ab, zur Enteignung von Wohneigentum aufzurufen? Das kann ich erklären. Der Engländer ist Kaufmann, alles Händlerseelen, die mal ein Weltreich geführt haben. Er weiß, der Tommy, was aus einer City wird, wenn er mit Verstaatlichung droht. Das Kapital ist ein scheues Reh. Übrigens durchaus widersprüchlich. Das Gesundheitswesen führen sie als „National Health System“ mit stoischem Gleichmut korporatistisch. Und klappt es? Natürlich nicht, sagt John.

Ich will jetzt nicht auch noch erörtern, dass New York von einem verstörten Kommunisten geführt wird. Oder über Paris reden. Ich sage, es stellt sich die soziale Frage. In der Provinz wie der Metropole. Die Macht erlangt und behält, wer sie so beantwortet, dass die Wähler ihm glauben. Der soziale Frieden ist ein scheues Reh.