Logbuch
MIGRATION.
Mir mögen Migranten fremd sein, was ihre Religion angeht, aber nicht ihr Schicksal. Nie ihr Schicksal. Dabei meine ich die soziale Frage, nicht die ethnische. Und ich meine ehrliche Leute, die ihren Fleiß belohnt sehen wollen, indem ihre Kinder etwas Anständiges werden.
Jetzt ein Beispiel nicht aus dem Zufluchtsort Berlin oder dem italienischen Wolfsburg, sondern vom Lande, wo ich auch lebe. Ich will erinnern an das Dorf Sespenroth im Gelbachtal des unteren Westerwalds, bei Montabaur, nahe Reckenthal und Heilberscheid.
Am 29. März 1853, dem Osterdienstag, brachen von hier, ihrer Heimat, 13 Familien mit 48 Personen gemeinsam nach Amerika auf. Der ganze Ort. Über Bremen und New York gelangten sie nach Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin.
Bittere Armut, blanker Hunger und pure Verzweiflung hatten diesen Entschluss reifen lassen. Das Dorf wurde abgetragen und der Wald holte es sich zurück. Ich habe nach einem Gedenkstein gesucht, aber keinen gefunden; deshalb die ausführliche Angabe von Orten aus den Archiven.
Man tadele mir den Migranten nicht, der seinen Kindern eine Zukunft bieten will und dafür einiges auf sich nimmt. Das gilt eben nicht nur für die Italiener, die es über die Welt zerstreut hat, sondern auch für die deutschen Hungerleider, die ihre Heimat nicht nährte und so vertrieb. Hut ab!
Das Einwanderungsland Amerika war damals auch für Deutsche eine Verheißung. Dass im Zuge dessen auch schräge Pfälzer dort gelandet sind, das bitte ich uns als Nation nachzusehen. Wie auch Jüngstes. Sapienti sat. Den Schlauen weiß, wie ich mein.
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DICHTERWORT.
Mit halbem Auge sehe ich, dass sich zwei Politikerinnen über ein Wort des großen Bert Brecht streiten. Erst kommt das Fressen, dann die Moral; soll er gesagt haben. Das klingt in den Ohren der einen, einer Linken der Links-Partei, angenehm materialistisch und scheint der Christlichen der CDU unangemessen unmoralisch. Der einen ein Vorbild, der anderen eine Schande. Darf man Brecht zitieren? Jetzt mal was grundsätzliches zu Dichterworten.
William Shakespeares überliefertes Gesamtwerk umfasst rund 885.000 Wörter; die geben sicher 10.000 Sinnsprüche her, jedenfalls 1000, ich benutze sehr wahrscheinlich 100, ohne es immer zu wissen. Aber was sind diese gelungenen Formulierungen? Aus dem Zusammenhang gerissene Phrasen einer Figur in einem Spiel, aber doch keine Thesen des Autoren, die irgendeine Beweiskraft hätten, weil sie so wohlklingend daherkommen. Gestohlene goldene Worte unklarer Herkunft. Ihre Sinnhaftigkeit wird ihnen von dem Schwätzer, der sich ihrer bedient, beigegeben.
Von einigem Gewicht ist diese Unart des eitlen Plagiats, wenn dazu Texte höherer Autorität missbraucht werden. Hier müssen Talmut, Bibel und Koran für einigen Missbrauch herhalten, wenn nicht von Schriftgelehrten, sprich Philologen, historisch kritisch interpretiert, sondern der Laien-Exegese unterworfen. Was hier mit dem Alten Testament bei den Evangelikalen passiert, ist grotesk. Aber auch gelegentliche Zitate aus der Verfassung, dem Grundgesetz, durch den juristischen Dilettanten sind abenteuerlich.
Das hier strittige Dichterwort ist aus einer Arie in einer Oper, zeitgemäßer gesagt aus einem Song, der die Spielhandlung unterbricht und eine Weltsicht zur Schau stellt. So, jetzt das ganze Vergnügen am Stück: „Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben Und Sünd′ und Missetat vermeiden kann Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben Dann könnt ihr reden: damit fängt es an. Ihr, die euren Wanst und unsre Bravheit liebt Das eine wisset ein für allemal: Wie ihr es immer dreht und wie ihr's immer schiebt Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“
Man könnte es auch vornehmer sagen. Die soziale Frage wird gestellt. Das kann nicht ganz falsch sein. „Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich Den Menschen peinigt, anfällt, auszieht, abwürgt und frißt. Nur dadurch lebt der Mensch, daß er so gründlich Vergessen kann, daß er ein Mensch doch ist.“ Dichterwort.
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DER ADLER UND SEIN HORST.
Welch ein Symbol. Das Adlernest brennt ab. Der Führer hatte sich, der frischen Luft und des besseren Überblicks wegen, eine Datsche in den Bergen bauen lassen, einen Adlerhorst. Wir sind auf dem Obersalzberg bei Berchtsgaden, wohin sich die Nazi-Elite verzog, da das Bad in der Menge nicht mehr kommod schien im hässlichen Berlin. Schon die Erste Demokratie hatte sich aus den Straßenschlachten an der Spree ins Thüringische Weimar zurückgezogen. Daher Weimarer Republik genannt.
Die Weimarer Republik ist an ihrer eigenen Bevölkerung gescheitert. Das deutsche Volk wollte 1932 keine Demokratie. 60% der Wähler stimmten gegen sie. Das sagt mir Götz Aly, den ich als Historiker schätze. Dieses Volk hat sich eine Diktatur gewünscht. In zwei Lagern. Rechts gab es die deutschnationale Extreme, darunter aufsteigend die Nationalsozialisten; links die Kommunisten, die wortwörtlich eine Diktatur des Proletariats wollten und Sowjetdeutschland erträumten. Ja, sicher unterschiedliche Qualitäten, aber in der Summe der Untergang der parlamentarischen Demokratie. Die Machtergreifung war kein zufälliges Unheil; sie hatte eine parlamentarische Mehrheit.
So zog der preußische Adler zu seinem Horst auf den Obersalzberg. Man sagt mir jetzt, dass ein Irrer die Bude abgefackelt habe. Da wär ich zurückhaltender. Erstens: Wieso stand das Ding überhaupt noch? Zweitens: Man begnadige den Mann. Vielleicht ist es ja ein Ratschluss der Götter. In Berlin sollen wieder Kommunisten an die Macht kommen. Man verspricht die Überführung der Wohnungswirtschaft in einen Volkseigenen Betrieb. Man kann das auch ohne Kapital, zumal ausländisches, vor allem jüdisches. Ich zitiere. Ich zitiere. Es ist in klarem Code wörtlich von einem Geländegewinn gegen die Staatsräson die Rede. Das will an die Macht.
Bezahlbare Mieten. In Deutschland zahlst du im Schnitt 9€ den Quadrat. In Berlin 13. Das ist mehr. In Frankfurt aber immer 15, in Stuttgart 17 und in München, wenn es günstig ist, 20. Das ist das Doppelte des nationalen Schnitts. Wo ist der Ruf nach Vergesellschaftung in München, was ja in der Nähe von Berchtesgaden liegt. Geschenkt. Und ich weiß, wie man die Mieten weiter senkt: einfach ein Überangebot schaffen. Leere Büros zu Wohnungen! Und jungen Mietern durch Steuererleichterung Eigentum verschaffen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Ich höre hier am Ort in Berlin Fhain/ Xberg, folgendes, in München werde aber auch mehr gezahlt; die Löhne und Gehälter seien deutlich höher. Das ist wahr. Allerdings gehört es zur Münchner Freiheit (libertas bavariae), dass man dort tatsächlich arbeiten geht. Regelmäßig. Und vornehmlich Demokraten wählt. Obwohl, kann ich den neuen OB noch mal sehen?
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EINFACH DIE KLAPPE HALTEN.
Man wird morgens in dem Bett wach, in das man sich abends gelegt hat. Capisce?
Eine publizistische Fachfrage beschäftigt die breitere Öffentlichkeit: Warum werden Interviews mit Presseleuten autorisiert? Ist das nicht eine deutsche Unart, am Ende gar eine Manipulation? Hintergrund ist ein Patzer einer Berliner Kommunistin, die an die Spitze der dortigen Macht möchte und dafür ein Bündnis mit SPD und Grünen schmieden will. Sie erweckt fahrlässig Zweifel an ihrer Handlungsfähigkeit wg. zweifelhafter Milieubeziehungen. Der dabei zu beklagende handwerkliche Fehler ist pure Dilettanz und bedarf keiner weiteren Erörterung. Anfängerfehler.
Gute Praxis ist folgendes: Man spricht mit Journalisten Klartext und die fertigen dazu eine gekürzte schriftliche Fassung, die der Freigabe bedarf, dazu kann der Wortlaut der Antworten vom Interviewten redigiert werden. Alles fein. Zwei wichtige Punkte in diesem Regularium: Wenn die nachträglichen Eingriffe so massiv, dass insgesamt sinnentstellend, kann die Redaktion das ganze Interview absagen. Und wenn man seitens des Interviewten sich durch polemische Fragestellungen fehlgeleitet fühlt, kann man das ganze Interview für nicht geführt erklären. Hat nicht stattgefunden. Im Zweifelsfall formuliert man diesen Vorbehalt vorher in einem Vertrag.
Aus einem nicht geführten Interview kann eine Redaktion nicht zitieren, auch nicht in der grammatischen Variante der indirekten Rede. Es hat ja faktisch nicht stattgefunden. Das ganze Paket nennt sich Chatham House Rule. Was, wenn nun ein Journalist das nicht vereinbaren will? Dann sage ich halt nix; entweder verbleibe ich im Vagen von leeren Sprachregelungen oder ich schweige halt ganz. Kein Kommentar. Ende, aus, Micky Maus.
Es ist im Interesse des Journalisten, dass er offen mit einem Zeitzeugen reden kann, der wiederum das tut, weil er sicher ist, dass er die Endfassung seines Wortlauts redigieren kann oder ganz aussteigen. Jetzt höre ich die Quarknasen, die sich für Investigative halten, was vom Recht der Vierten Gewalt auf Regelbruch faseln. Das ist eine ideologische Selbstermächtigung, zu der ich nichts anzumerken habe. Denn hier liegt der Grund, warum diese Schlaumeier nichts erfahren; weil schlicht niemand, wenn bei Verstand und von einiger Erfahrung, mit ihnen überhaupt redet. Gut so.
Der guten Ordnung halber: Ja, es gibt explizit gefälschte Interviews. Ja, es werden auch lauteren Seelen Unworte in den Mund gelegt. Nein, man kriegt hinterher nicht immer Recht. Und der Presserat, der taugt nun gar nix. Was also rät der alte Fahrensmann? Zwei Lehrsätze. Zunächst und allererst: Erst grübeln, dann dübeln. Und dann: Wer dem Milieu einen Gefallen schuldet, schuldet dem Milieu einen Gefallen. Capisce?