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RUDI VÖLLER HATTE RECHT.

Wem es um Einsicht in das Vertraute geht, der sollte es betrachten, als sei es im fremd. Ich rede von sozialer Anthropologie, bei der man seine Nachbarn ansieht, als seien sie ein Stamm primitiver Wilder in einem entlegenen Urwald. Völkerkundler am eigenen Volk. So nähere ich mich der Neuen Rechten in meinem Vaterland und bin überrascht, wie primitiv die Primitiven sind.

Der Journalist Waldemar Hartmann bei NIUS stört sich an dem Ergebnis der Kommunalwahl in Berlin, weil die anstehende Oberbürgermeisterin der deutschen Metropole Elif Erap heißt, also aus einer türkischen Familie stammt. Geht gar nicht. Das ist woanders anders. Das Stadtoberhaupt in London heißt John Bull und das von Paris Francois Fromage. Der von Moskau Sergej Sowjetowitsch.

Im Ernst. Sie sollten, wenn am Englischen Wesen interessiert, Baron Kahn of Tooting kennen, Mitglied im House of Lords. Das ist der Sohn eines pakistanischen Einwanderers, der seine Familie als Busfahrer durchbrachte. Sadiq Kahn studierte Jura, trat der Labour Party bei und wurde als erster Muslim das Stadtoberhaupt von Greater London. Sein Ruhm rekrutiert sich auch aus Beschimpfungen durch Donald Trump, der ihm nachsagt, ein übler Kerl zu sein; was adelt.

Darf Waldemar Hartmann der Juristin Elif Erap vorwerfen den falschen Namen zu tragen? Ja, darf er. Denn Waldemar stammt aus dem Germanischen; es bedeutet im althochdeutschen, das zu beherrschen ich mich rühmen darf: berühmter Herrscher (waltan mari). Jetzt kommt hinzu, dass es sich dabei nicht um eine Mutti an der Macht handelt, sondern, wie der Nachname schon sagt, einen harten Mann. Das alles ist im Namen von Waldi: ein Macho viriler Exzellenz auf höchstem Thron. Waldemar der Hartmann.

Dem ist nicht zuzumuten, von einer muslimischen Mutti repräsentiert zu werden; so lautet der Kern seiner Einlassung. Ich erlaube mir über diesen intellektuellen Abgrund kein Urteil. Aber könnte ich noch mal die Szene mit Tante Käthe aus der Sportschau sehen, wie er den Waldi abputzt, der wie immer mindestens zwei Weißbier drin hat? Köstlich. Lehrsatz: Den Xenophoben sollst Du nicht loben.

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EINFACH DIE KLAPPE HALTEN.

Man wird morgens in dem Bett wach, in das man sich abends gelegt hat. Capisce?

Eine publizistische Fachfrage beschäftigt die breitere Öffentlichkeit: Warum werden Interviews mit Presseleuten autorisiert? Ist das nicht eine deutsche Unart, am Ende gar eine Manipulation? Hintergrund ist ein Patzer einer Berliner Kommunistin, die an die Spitze der dortigen Macht möchte und dafür ein Bündnis mit SPD und Grünen schmieden will. Sie erweckt fahrlässig Zweifel an ihrer Handlungsfähigkeit wg. zweifelhafter Milieubeziehungen. Der dabei zu beklagende handwerkliche Fehler ist pure Dilettanz und bedarf keiner weiteren Erörterung. Anfängerfehler.

Gute Praxis ist folgendes: Man spricht mit Journalisten Klartext und die fertigen dazu eine gekürzte schriftliche Fassung, die der Freigabe bedarf, dazu kann der Wortlaut der Antworten vom Interviewten redigiert werden. Alles fein. Zwei wichtige Punkte in diesem Regularium: Wenn die nachträglichen Eingriffe so massiv, dass insgesamt sinnentstellend, kann die Redaktion das ganze Interview absagen. Und wenn man seitens des Interviewten sich durch polemische Fragestellungen fehlgeleitet fühlt, kann man das ganze Interview für nicht geführt erklären. Hat nicht stattgefunden. Im Zweifelsfall formuliert man diesen Vorbehalt vorher in einem Vertrag.

Aus einem nicht geführten Interview kann eine Redaktion nicht zitieren, auch nicht in der grammatischen Variante der indirekten Rede. Es hat ja faktisch nicht stattgefunden. Das ganze Paket nennt sich Chatham House Rule. Was, wenn nun ein Journalist das nicht vereinbaren will? Dann sage ich halt nix; entweder verbleibe ich im Vagen von leeren Sprachregelungen oder ich schweige halt ganz. Kein Kommentar. Ende, aus, Micky Maus.

Es ist im Interesse des Journalisten, dass er offen mit einem Zeitzeugen reden kann, der wiederum das tut, weil er sicher ist, dass er die Endfassung seines Wortlauts redigieren kann oder ganz aussteigen. Jetzt höre ich die Quarknasen, die sich für Investigative halten, was vom Recht der Vierten Gewalt auf Regelbruch faseln. Das ist eine ideologische Selbstermächtigung, zu der ich nichts anzumerken habe. Denn hier liegt der Grund, warum diese Schlaumeier nichts erfahren; weil schlicht niemand, wenn bei Verstand und von einiger Erfahrung, mit ihnen überhaupt redet. Gut so.

Der guten Ordnung halber: Ja, es gibt explizit gefälschte Interviews. Ja, es werden auch lauteren Seelen Unworte in den Mund gelegt. Nein, man kriegt hinterher nicht immer Recht. Und der Presserat, der taugt nun gar nix. Was also rät der alte Fahrensmann? Zwei Lehrsätze. Zunächst und allererst: Erst grübeln, dann dübeln. Und dann: Wer dem Milieu einen Gefallen schuldet, schuldet dem Milieu einen Gefallen. Capisce?

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ETHIK DER PRESSE.

Was genau ist der Berliner Kommunistin Eilig Error passiert, als sie und ihr dilettantisches Team ein SPIEGEL-Interview gründlich verpatzten? Da es sich um ein Konvolut von Kapitalfehlern handelt, der Reihe nach. Zu offenbaren, da von erheblicher politischer Bedeutung; da hilft dann auch keine Beschwerde beim Presserat. Eilig Error wird keine Regierende mehr sein können. Wegen eines eiligen Errors.

Zum ersten hat sie sich beim Interview mit dem SPIEGEL selbst vor laufendem Tonband verquatscht. Die Dame plappert. Sie hat auf Vorhaltung eines konkreten Namens aus dem palästinensischen Terrormilieu, diesen Namen konkret bestätigt. „Ja!“ Das macht man nie, warum auch. Sie räumt selbst ein, von einer Warnung des Landeskriminalamtes davor gewusst zu haben. Die allzu schrille Stimme der Elfe weiß nicht immer, was sie sagt.

Bei der anschließenden Autorisierung des Wortlauts ihrer Antworten geht ihr der Fehler auf und sie will die ganze Frage gestrichen haben. Oder das Gespräch ungeschehen machen. Das ist aber nicht gängige journalistische Praxis; man hat die Freiheit der Umformulierung bei seinen eigenen Worten, nicht bei denen der Journalisten. Gefragt ist gefragt. Welch ein Irrtum. So weit, so doof.

Eilig Error diskutiert das alles aber intern mit ihrem peinlichen Presseteam schriftlich. Sie nutzt eine elektronische Korrekturfunktion, die nicht nur die gewünschten Änderungen kenntlich in das Dokument rein redigiert, sondern in einer Kommentarspalte die Diskussion darum vollständig dokumentiert. Killed by Markups! Wir haben danach einen überschriebenen Text, der vielleicht für Idioten fabelhaft frisch aussieht, aber verräterisch ist. Der wird eilig in die Redaktion gegeben. Das passiert; es passiert aber nur Anfängern. Beim SPIEGEL sitzen gemächliche Profis, die den Irrtum entdecken.

Eilig Error hat intern Angst um die Sicherheit ihrer Familie vor terroristischen Kräften im islamistischen Milieu ihrer Partei formuliert. Das lässt den SPIEGEL auf seine Grundsätze scheißen; er veröffentlicht auch die internen Kommentare. Ist das gemein? Klar. Trifft es eine Unschuldige? Nun, Eilig Error ist studierte Volljuristin mit Ambition auf die Macht. Da kann man nicht von einem unlauteren Opfer seiner Naivität reden.

Ihr peinlicher Pressesprecher weiß nun auch, was Markups sind und dass man überschriebene Dokumente nicht eilig versendet. Spät, zu spät. Und der SPIEGEL? Nun, wir lernen, dass die hehren Regeln nur solange gelten, wie es um Nix geht. Wenn man einen Titel draus machen kann, geht die Ethik eilig in den Error. Wundert mich nicht. Ich schließe mit einem Rat, der geruhsamen PR-Leuten geläufig: „Schrift ist Gift!“

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AUS DER ZWEITEN REIHE.

Wer sich ein Bild machen möchte, der sitzt am besten in der zweiten Reihe. Die erste Reihe ist im politischen Theater immer Teil der Aufführung. Die Kameras sind oft nicht nur auf die Bühne gerichtet, sondern auch die Frontlinie des Parketts. Man will einfangen, wie das Publikum reagiert. Man sieht Beifall, aber auch Gähnen, selten Protest und Männer, die statt Strümpfen Socken tragen. Oder an ihren Handys daddeln.

Die zweite Reihe gibt dem Betrachter Schutz, aber ist eben auch noch nahe genug dran, um jene Regungen mitzukriegen, die die Fotografen nicht mehr einfangen. Das betrifft die Berühmtheiten, aber auch deren Entourage, und die kleinen Momente der Privatheit im öffentlichen Trubel. Ich werde dazu hier nichts Despektierliches berichten, weil ich meinen reservierten Platz in der zweiten Reihe nicht verlieren mag, den ich einem politischen Ehrenamt verdanke. Ich zahle dafür mit ernstem Gesicht und gelegentlichen Bravorufen.

Gestern also der Kanzler und der Vizekanzler, Friedrich Merz und Lars Klingbeil, eine junge Bundesministerin aus einem Haus minderen Rangs, ein gelernter Staatssekretär aus einem höheren Belang und Beamte mancher Ministerien. Sie alle kämpfen, jeder für sich, aber doch als Gattung, einen Kampf gegen die Beiläufigkeit des politischen Geschäfts. Mit einigem Respekt sehe ich die Bemühungen um Gewicht.

Der Lateiner nennt dieses Ziel der öffentlichen Rede „gravitas“; das meint ein inhaltliches Gewicht, das den Geschäften mit dem unvermeidlichen Gewusel eine Geltung vor der Geschichte gibt. Daraus zieht das Publikum nämlich jene Hochachtung, die Autorität verleiht. Man spricht von Charisma. Charismatisch macht nicht das Amt; es ist eine Zumessung an den Inhaber, an eine Person. Schnell ist vergessen, wer frei davon.

Dieserhalben muss man lange Linien ziehen können, große Bilder malen, treffende Worte finden. Die Zeitgenossen erinnern ja, was jene vortrugen, die sie als Vorfahren verehren. Ein Sozialdemokrat hat wie Willy Brandt, mindestens wie Helmut Schmidt zu klingen. Bei einem Konservativen möchte man Helmut Kohl hören, wenn nicht gar Ehrhardt oder den alten Adenauer. Das ist ungerecht, weil was diese zu Vorbildern erhebt, das ist unsere Erinnerung, die bekanntlich vergoldet.

Da mir das klar, betrachtet ich mit Nachsicht und Geduld das Geschäft der mittleren Gewichte im Bestreben um Größe. Klingbeil war übrigens echt gut gestern. Merz ganz okay; der kann das. Ich wünsch denen einen langen Atem.