Logbuch

DAS FREMDE.

Sie sah aus, als sei ihr der Leibhaftige erschienen. Ich fuhr mit der sehr geschätzten Barbara Baerns in einem Aufzug an der Freien Universität Berlin und plapperte irgendwas Theoretisches. Sie stutze: „Wir reden aber jetzt nicht über KYBERNETIK?“ Frau Professor ging in Abwehrstellung. Ich hatte wirklich nur geplaudert.

Jahre später an der Gutenbergischen Uni zu Mainz. Ein sehr geschätzter Professor aus der italienischen Schweiz, Stephan Russ-Mohl, hatte einen seiner Postdocs mitgebracht, den ich ganz gegen meinen Vorsatz empörte. Auf irgendeinen Gedanken aus dem französischen Strukturalismus, einen abgegriffenen Gedanken, der längst bessere Tage gesehen hatte, brach es aus ihm heraus: „Das ist französisch!“ Er sagte das so, wie man früher die Syphilis die französische Krankheit nannte. Ups.

In meinem Fach, der Publizistik, ging es für meine Begriffe eigentlich immer eher gemächlich zu, außer es drangen gelegentlich fremde Diskurse ein, kybernetische oder französische; dann kam es zu Immunreaktionen. Die allgemein verbindliche Alltagshermeneutik reagiert in solchen Fällen mit Versuchen der Verlächerlichung des Fremden. Das wird demnächst in einer „Festschrift“ Thema sein, die zu meinem Siebzigsten von zwei hochzulobenden Professoren herausgegeben wird. Sapienti sat.

Dort ist von einer Abstoßung des Fremden die Rede, die der Leipziger Professor Günter Bentele, also die Nachfolgegeneration an PR-Professoren zu den Vorbenannten, an seinem Kollegen Klaus Merten aus Münster vorgenommen hat. Er hat ihn öffentlich bezichtigt, „bullshit“ zu lehren. Eine Farce, die, wollte man übertreiben, mit der Schelte an Kopernikus oder Einstein vergleichen könnte, aber wir haben es auch eine Nummer kleiner: Das war ein Spiegelkonflikt zu dem Disput von Jürgen Habermas (Frankfurter Schule) mit dem Bielefelder Niklas Luhmann, der sogenannten Systemtheorie-Streit. Luhmann war der Exot. Bielefeld gibt es seither gar nicht.

In meiner Jugend erschien der Leibhaftige, wenn man Marx zitieren konnte oder Freud. Nur aus dem Grund habe ich die Jungs gelesen. Immer ein Ass im Ärmel.

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ZWEIFEL.

Ich summe einen Ohrwurm und weiß nicht warum: „Living next door to Alice…“ Das muss fast vierzig Jahre alt sein. Heute lebt man neben Alexa. Auch eine unerreichbare Schönheit. „Who the fuck is Alice?“ Oder eben Alexa. Die neuen Konversationsautomaten erkennen jetzt auch Gefühle, lese ich im Netz. Ich bin tief unbeeindruckt. Zurück zur Wissenschaft.

Als der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann 1994 einen kleinen Vortrag zum Wesen der MASSENMEDIEN halten sollte, muss er zuvor eine Aufführung von Shakespeares Hamlet gesehen haben. Ich stelle mir vor, wie er mit dem Bus von Oerlinghausen in die Innenstadt fuhr und im Stadttheater saß, amüsiert über Horatio, den Diener Hamlets. In der Pause machte er sich im Foyer eine Notiz.

Der Luhmannsche Vortrag beruht auf der These, dass alles, was wir über die Gesellschaft, ja über die Welt wissen, in der wir leben, wir durch die Massenmedien wissen. Darin liegt eine bewusste Verkürzung, die man seinem Wissenschaftshumor zurechnen kann. Und eine höhere Wahrheit; dreißig Jahre später umso mehr. Das kleine Scheißding aus Kalifornien bestimmt unsere Weltsicht. Und ob das die ganze Wirklichkeit ist, die TikTok für uns inszeniert, da ist jeder Zweifel berechtigt.

Horatio sagt also: „So I have heard and do in part believe it!“ Alles ist Hörensagen und wir werden einen Zweifel darüber, wie weit dies stimmt, nicht los. Übrigens ist das keine kritische Haltung besserer Kreise (etwa von Professoren aus Oerlinghausen), sondern auch dem BILD-Leser wie dem TikToker präsent. Ein guter Teil des Amüsements besteht ja darin, dass die Mitteilung überspitzt ist, wenn nicht schlank erlogen. Wer sich an Sensationen selektieren will, der ist großzügig, was den Wahrheitsgehalt angeht. Und um Wirklichkeit geht es nie.

Man kann schlecht auf einen Witz hin fragen, ob er denn stimme. Man erkundigt sich nach der Mitteilung „Kommt eine Frau beim Arzt“ nicht danach, um welche Kassenarztpraxis es dabei gehe. Schon die Zuhörer des blinden Sängers Homer hatten Zweifel, ob Odysseus wirklich so tapfer war, wie das Lied es ausmalt. Nein, Harry Potter beruht nicht auf wahren Ereignissen, da hat Markus Krebs eben leider recht.

Bei den Verkürzungen des Soziologen Luhmann, den viele für völlig unlesbar halten, handelt es sich oft um Einsichten, die für den Alltagsverstand erst ein Vierteljahrhundert nach deren Erstveröffentlichung wahr werden. Das Internet beweist die Systemtheorie, weil es ein kybernetisches Universum ist, das nur so aussieht als handle es sich um menschliche Kommunikation. Wir müssen jetzt ganz stark sein: Alexa wohnt nicht nebenan. So I‘ve heard and do in part believe it.

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VOLKSTÜMLICH.

„Das Volk ist nicht tümlich“, pflegte der große Dichter Bert Brecht zu sagen, wenn er seine Abneigung gegen naturalistische Darstellungen einfacher Menschen zum Ausdruck bringen wollte. Es hat schon immer einen Kitsch regionaler Alltagskultur gegeben, Brauchtum genannt. In den Urlauben meiner frühen Jugend am Chiemsee waren das die krachledernen Oberbayern. Ich erinnere den Exotismus sogenannter Heimatabende.

Ein Teil dessen war natürlich das Feiern der Dialekte, sprich der regionalen Lautung, was aber auch Soziolekte waren, Unterschichtsprache, aber immer eben „Mundart“. Was für ein schönes Wort. Sprachkunst des Alltäglichen. Im Bayrischen für mich durch Karl Valentin und Gerhard Polt zur Vollendung gebracht. Wer der regionalen und sozialen Restriktion seiner Redeweise eine persönliche Note hinzuzufügen weiß, der kann von seinem Idiolekt leben.

Man kann immer leicht über die Albernheit anderer amüsiert sein, was die eigene Sprachfärbung angeht, da ist man empfindlicher. Ich stamme aus dem „rheinisch-westfälischen Stadtbezirk“, den die Eingeborenen das „Revier“ nennen und Touristen den „Pott“. Hier hat es nie Heimatabende gegeben und schon gar keine Volksmusik. Man war hier nicht völkisch. Wer mit Emscherwasser getauft ist, romantisiert nicht. Und meine Frau Mutter hat großen Wert auf das hohe Deutsch ihrer Herrschaft gelegt, als aus dem Junge was werden sollte, den sie ins Gymnasium geschmuggelt hatte.

Ich betrachte die jüngste Propaganda der Essener Brost-Stiftung um personale Stilblüten als „Typen von der Ruhr“ mit entschiedener Zurückhaltung. In Berlin ersonnen. Schon der Bochumer Schauspieler Jürgen von Manger war ein mittleres Talent vom Mittelrhein; der Mann kam aus Koblenz! Heute sind wir mit dem Duisburger Markus Krebs auf dem untersten Niveau des Erzählens von „Witzkes“ angekommen. Brennholzverleih. Dazwischen liegt Herbert Grönemeyer, über den ich hier kein Wort verlieren werde.

Man verbindet mit der Sprache seiner Jugend stets auch irrationale Heimatgefühle, da die Erinnerung an eine glückliche Kindheit nachwirkt; später auch die Wehmut über den Verlust der Eltern, jedenfalls Sentimentales. Ich zucke immer zusammen, wenn ich in der Fremde jemanden „hömma“ sagen höre, der um Aufmerksamkeit bittet. Oder das Seufzen höre, das resignierend „mann-oh-mann“ ausstößt. Aber mein Idiolekt als Gegenstand der allgemeinen Volksbelustigung? Das geht zu weit.

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DER BAUCH VON BERLIN.

Großstädte nähren sich aus Großmärkten. Legendär sind „les Halles“ in der französischen Metropole, die dem Roman von Emile Zola den Titel gegeben haben: Der Bauch von Paris. Ich erinnere einen ähnlichen Ort in London an den dortigen Schlachthöfen. In einem Restaurant gab es Knochenmark, das mit dünnen Löffeln aus den Beinknochen gelöffelt wurde. So lang wie Schullineale lagen die gerösteten Knochen auf den Tellern. Die Speisekarte hatte den Titel “nose to tail“, weil sie von den dort geschlachteten Tieren einfach alles servierten.

Im politischen Berlin ist für den Magen der Regierenden das BORCHARDT zuständig; von den ministerialen Schergen einfach nur “die Kantine“ genannt. Touristen, so sie in den Heiligen Hallen einen Platz ergattern, bestellen hier das sprichwörtliche Wiener Schnitzel; der kundige Thebaner weicht dem immer aus. Die Karte ist klein, aber wohlgewählt. Aber es soll heute nicht von KULINARISTIK die Rede sein. Im BORCHARDT fühlt man, ob das politische Berlin Bauchweh hat. Das ist der Fall.

Die AMPEL, die die Koalition der „Zeitenwende“ stellt, beruhte, das wissen die Insider, auf einem Einverständnis von Robert Habeck (Grüne) und Christian Lindner (FDP); das war der Nukleus. Hier wurde entschieden, dass man für dieses Bündnis von Gelb & Grün den SCHOLZOMATEN als Kanzler akzeptiert. Und Habeck die Dame mit dem Bullerbü-Ton im Ministerium des Äußersten als feministische Bellizistin wirken lässt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Nun sagt mir mein Kellner im Bauch von Berlin, die Stimmung zwischen den Häusern sei schlecht. Er wirft dabei seine Stirn in Falten. Er meint das Wirtschafts- und das Finanzministerium, also Habeck und Lindner. Nach allem, was gesagt ist, ein schlechtes Zeichen. Jedenfalls kein gutes. Das gegenseitige Vertrauen schwinde, man belauere sich. Der Bauch von Berlin übersäuert. Rennie-Alarm!

Nun muss man dieser Regierung tatsächlich eines zu Gute halten: die jeweiligen Fraktionen muten ihren Parteien einiges zu. Das ist immer die Sollbruchstelle: Was hält die eigene Basis noch aus? So betrachtet geht es den Roten deutlich kommoder als den anderen beiden Farben. Die Sozen verteilen süße Placebos für ihre Anhänger, während die Liberalen und die Grünen vorwiegend bittere Medizin an ihre Klientel zu verabreichen haben. Der Erfolg des einen ist immer der Ärger des anderen.

Wir sind im BORCHARDT nicht sicher, wie lange das noch hält. Das macht uns Sorge. Keine Alternative in Sicht. Friedrich Merz, der leere Anzug, der verkehrt hier nicht.