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EINHOLEN.

Früher holte man, was jetzt gebracht wird. Einkauf hieß Einholen, nicht Bringenlassen. Fundamentaler Wandel von EINZELHANDEL. Ein Heer der Bringdiener flutet die Städte. Auf dem Land nicht minder: bis zu sechs Dienste am Tag.

Viele junge Männer in ebenso vielen Mercedes-Transportern verstopfen wildparkend die Straßen; sie eilen mit Paketkarren von Tür zu Tür: Amazon ergießt sein Glück aufs Land. Als ich noch bei der Post urlaubsjobbte (Briefzusteller) hießen diese Kollegen PAKETBULLEN. Kein Ehrentitel. Kräftig sollten sie sein, nicht schlau.

Während hier neue Beschäftigung für junge Männer entsteht, muss sie für Verkäuferinnen (ich meine Frauen) im sterbenden Einzelhandel verloren gehen. Die immer pissige Karstadt-Verkäuferin sieht schon entsprechend grundfrustriert aus. Und die Innenstädte mit Fußgängerzonen als Einkaufsmeilen geplant, werden veröden. Leerstände an Lokalen sind in Wohnungen zu wandeln: so wie Büros, deren Funktion das HOME OFFICE erledigt hat. Neue Städte entstehen, ödere.

Während ich über diesen sozialen Wandel sinniere, komme ich auf dem Nachhauseweg an einer Muckibude vorbei und sehe hinter der verglasten Front die Laufgeräte rammelvoll. Die COUCH POTATOES simulieren an Automaten jene körperliche Aktivität, die sie auf den PAKETBULLEN delegiert haben. Das hat etwas spätrömisches: weil die Sklaven schuften, treiben die so entlasteten Herren Sport in solchen Galeeren. Zur Kompensation des Verlustes der natürlichen Bewegung.

Übrigens wären die Dieseltransporter die ideale Anwendung für Batterieautos, weil Nahbereich mit periodischer Nutzung. Das ist das Segment. Nicht Limousinen, Nutzfahrzeuge, zumal Kleinlaster, wären ideal für Batterien. Aber das Thema haben ein Professor aus Aachen und die gelbe Post schon ruiniert. Tragisch. Weil eine richtige Idee für eine Industrie nicht in die Hände von Bastlern gehört. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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KESSELFLICKER.

Guter Geschmack zeigt sich im Dezenten. Er ist nie grell und nie laut. Immer zurückhaltend. Also langweilig. Schlechter Geschmack dagegen kennt keine Grenzen.

Boris Johnson steht auf einem internationalen Gipfel isoliert. Niemand will mit dem Brexit-Clown auf einem Foto landen. Lese ich in der englischen Presse. Ich lese dort auch von dem Boxer Big Willi, der Handschuhe, wohl gemerkt Boxhandschuhe, verschmähte, also ein BARHANDBOXER, dass er eine Geburtstagsfete seiner Gattin auf Malle nicht überlebte und im Protz und Prunk der Travellers beerdigt wurde. Ein irischstämmiger Traveller. Deren Ruf ist etwa so wie der der Sinti und Roma auf dem Kontinent früher war. Die Sesshaften diskriminieren die Nomaden, worauf diese mit Stolz und Übertreibung reagieren. GETTO-PROTZ. Neuerdings Exempel des wirklich schlechten Geschmacks, also hoch interessant.

Travellers sind historisch Nomaden in Irland, die englische Kolonialisten im 17. Jahrhundert zu einer Existenz auf Planwagen und an den bitteren Rand der Gesellschaft gezwungen hatten. Seit einigen Jahren kommt es wieder zu Sesshaftigkeit, auch in England, dort am untersten Ende der Urbanität. Kesselflicker. Da unbeschult sind die Familien meist analphabetisch und gelegenheitsarbeitend, aber kinderreich. Big Willi war eines von 16 Geschwistern und konnte auf 400 Nichten und Neffen verweisen. Der Herr gibt es den seinen.

Das Grab von Big Willi im englischen Sheffield wurde aus weißem Marmor gearbeitet, einem soliden Stück von 37 t Gewicht. Neben den Goldlettern KING und einem freudigen Spiel der farbigen LED-Beleuchtung ziert es eine in Marmor gekleidete Musikbox, die seine Lieblingshits spielt. Dem lauschen einige in Marmor gehauene Heilige seines Grabes und die kärglicher begrabenen Nachbarn. Katholisch also, aber in ganz protzig. Vielleicht hätte die politische Klasse Sheffields das noch hingenommen, aber es wehen auf dem Grab zwei Nationalflaggen Irlands. Das aber ist EU. Das geht der BREXIT-NATION zu weit. Da hat dann selbst der schlechte Geschmack seine Grenzen.

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FLÜSSIGES BROT.

Was früher eine Weinkarte war, die Auswahl aus sehr vielen Flaschen, ist heute auch dem Bierangebot gegönnt. Flüssiges Brot aus aller Herren Länder. Ich hatte gestern eins namens Delirium Tremens.

Viel Fragwürdiges im Angebot. Aus einer kleinen Sektflasche mit Naturkorken habe ich ein belgisches Sauerbier getrunken, das ungefiltert und spontan vergoren den Charme einer Urinprobe aus dem Altersheim hatte. Der kundige Kellner pries es als den Champagner der Biere. Nun, ich will den in Belgien ansässigen Brauern nicht zu nahetreten, aber mein Ding war es nicht.

Die Biere aus Früchten wie Erdbeeren oder Aprikosen haben wir gemieden; das klingt dann doch zu sehr nach Kindergeburtstag. Stattdessen Indian Pale Ale, sehr lecker. Und zum Dessert der Bierverköstigung dann doch ein sehr süßes dunkles Kellerbier aus Augsburg genommen, in Lingen an der Ems. Das geht wegen Freitachs für Futscher eigentlich nicht. So lange Transportwege sind ökologisch bedenklich.

Weshalb ich auch keinen Wein aus Australien oder Neuseeland trinke. Jedenfalls nicht aus diesen schweren Glasflaschen, die um die Welt gesegelt sind; über Plastikschläuche in Kartons lasse ich mit mir reden. Früher haben kleine Brauer am Ort bestimmt, was der Herr Wirt aus dem Hahn laufen ließ und fertig. Heute sind es Konzerne, die global ein Einheitsgebräu ausschenken. Baustellenbier oder Six-Pack-Qualität, eben die Logik der hoch profitablen Nahrungsmittelindustrie. Unter dem Schirm dieser Uniformität sprießen dann aber doch wieder die kleinen Pilze. Aus Handwerkskulturen. Solches hörte ich gern vor meiner Geschichte.

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WUNDERHEILUNG.

Pilgerreisen sind eine religiöse Erfindung, aber die hätten sich nicht so lange gehalten, wenn das alles wäre. Kleine Übung im Querdenken.

In der Tiefe der irischen Provinz gibt es seit ewig diesen Wunderbaum, an den die Siechen ein Kleidungsstück hängen und sich so Heilung erhoffen. In das Dorf pilgern also Erkrankte in großer Zahl und aus allen Gegenden, es kommt daher etwas zusammen vom Süff der Welt. Und im Pub gegenüber dem Wunderbaum wird die Hoffnung auf Heilung kräftig begossen. Abstandsregeln finden dabei keinerlei Beachtung.

Man musste halt jenes Kleidungsstück in den Baum hängen, unter dem der Körper siechte. Das Glied wurde dann wieder heil. Ein moderner Mediziner hat sich, erzählt mir die BBC, ein Stück von einem im Wind flatternden alten Socken geschnitten und bakteriologisch untersucht. Er fand multiresistente Keime, die gelernt hatten, mit jedwedem Süff fertig zu werden. So machen das die Bakterien und Viren; sie mutieren, um alle Angriffe zu überleben. Damit war das Wunder der Heilung keines mehr. Man erfuhr im Dorf des Wunderbaums also eine Art Impfung. Die Genesung folgte.

Ähnliches berichtet im Londoner Radio der Wirt des Pubs von jener Ecke des örtlichen Friedhofs, wo früher der Galgen stand. Die Erde darunter sei reich an Bakterien und daher zu Heilzwecken empfohlen. Nun ist es mit den Iren wie mit den Schotten, wenn sie whisky-gestützt ans Erzählen kommen, geht das dichterische Temperament leicht mit ihnen durch. Trotzdem kommt mir ein klarer Gedanke.

Vielleicht bestand der medizinische Sinn von WALLFAHRTEN schon immer in der möglichst vollständigen Durchseuchung einer Population. Ob das nun religiös motiviert wurde wie in Lourdes oder sportlich wie in Ischgl oder eben brauchtumstechnisch wie im Aachener Karneval. Regelmäßige kollektive Durchseuchung hebt wie die Impfung die Volksgesundheit. Kann das sein?

Ich überlege, welches Kleidungsstück ich in den irischen Baum hängen würde, käme ich angeheitert aus dem dortigen Pub und würde Heil erhoffen.