Logbuch

CANCEL CULTURE.

Singapur steht zu seinem britischen Gründer Thomas Raffles. Er gibt Plätzen wie Schulen nach wie vor seinen Namen. Und steht im Hafen als Denkmal. Und natürlich das Hotel!

Mit diesem Kolonialen können nur die Engländer etwas anfangen. Zu den besten Hotels der Welt soll das örtliche RAFFLES mal gehört haben. Ich war da immer anderer Meinung, jetzt aber gehört es zum französischen Accor-Konzern und ist wie alle anderen Sofitels auch. Aber es gibt Drinks und Gespräche auf zweieinhalb Meter Abstand. Ich rede mit einem Michael Barr; als es uns zu albern wird, uns zuzurufen, beschließen wir miteinander im gleichen Raum zu telefonieren. Er vorne aus dem Sessel am Fenster, ich weiter hinten aus der Sitzgruppe, jeweils mit Headset. Wir prosten uns zu. Der Barkeeper beömmelt sich, als er das mitkriegt. Aber er sorgt brav für Scotch und Mandeln „for the singtel-boozing“ (zu Deutsch: Telekom-Saufen oder Vodafon-Picheln).

Singapur ist ein gutes Beispiel für liberalen KORPORATIVISMUS, obwohl eigentlich ein Freihandelsparadies für Opium und Gummi. Früher mal. Heute Wohlfahrtsstaat. 85% des Grundes sei in öffentlichem Eigentum und 80% der Bevölkerung lebe im „public housing“, erzählt Michael. Hongkong sei im Vergleich dazu inzwischen eine abgehängte alte Dame. Dann kommt das Gespräch auf junge Damen und deren Vorliebe für Handtaschen von Gucci. Ach, Michael. Es zieht mich an die frische Luft.

Vor der Tür rede ich mit Joe, dem guten Geist des Hauses. Ich könne mir gar nicht vorstellen, plaudert der Doorman, ein stattlicher Sikh, wie die Lounge am 22. August 1945 ausgesehen habe. „Total mess, Sir!“ Der Anführer der japanischen Besatzer, ein General Itagaki, habe öffentlich von „surrender“ gesprochen, worauf sich dreihundert japanische Offiziere umgehend in den Kopf, jeder in seinen, geschossen hätten. Ich frage nach: 300? Na, ja, nicht alle in der Lounge, einige auch im Garten. Aber es sei ein ziemliches Desaster gewesen. Das ist aber doch 76 Jahre her; woher will er das wissen? Ich glaube, er erzählt mir das, weil er mitgekriegt hat, dass ich Deutscher bin. Man entgeht dem nicht in Südostasien; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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KULTURTECHNIKEN.

Lesen und schreiben zu können. Eine gute Handschrift. Mit der Tuschefeder schreiben. Mit Messer und Gabel essen. Walzer tanzen. Eine Krawatte binden. Einen Hummer zerlegen. Es gibt eine lange Liste von Dingen, die man können können sollte. Jetzt lerne ich: schneller Doppelklick, und zwar ohne die Maus zu bewegen.

Asiatisches mit Stäbchen. Spaghetti nur mit einer Gabel. Den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Schillers Glocke aufsagen. Einen Meister der Freimaurerei grüßen. Konversation mit älteren Damen. Überhaupt: ein Gespräch führen. Von Angesicht zu Angesicht. Das fällt manchem schon schwer. Aber eine Konferenz über ZOOM oder TEAMS. Und dann fragen sie Dich, über welchen Brauser Du gekommen bist. Doch nicht etwa über Feierfocks, der das Hättsett gar nicht unterstützt. Und am Ende, als alles danebengegangen war, da lerntest Du, dass Du den Doppelklick zu langsam machst. Oder dabei die Maus bewegst.

Die ganze Übung hat etwas von dem Bemühen regionalsprachlich geprägter Menschen, den Dialekt der Heimat zu verlernen und Hochdeutsch zu sprechen. So sehr sie sich mühen, die Schwaben oder die Oberfranken, sie werden nie klingen wie der Hannoveraner seit Kindertagen. So auch die Digitalkompetenz. Vielleicht wird man das Scheißding bedienen lernen, aber immer werden die Nörts es knirschen hören.

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PROPAGANDA.

Verführung ist ein feines Spiel. Man hüllt einen seidenen Schleier um etwas, um es zu verbergen und zugleich zu offenbaren. Der HOLZHAMMER gehört nicht zu den angezeigten Werkzeugen.

Der Propagandist gibt sich als solcher nur seinen Anhängern zu erkennen; da lüftet er den Schleier. Seinen Gegnern gönnt er nur die Unschuldsmine; da verhüllt er. Er ist raffiniert im Feindesland und plump vertraut vor seinen Confidenten. Er hat einen Januskopf. Mit der Zeit wird er schizophren.

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DER MENSCH EINE MASCHINE.

Mittels KÜNSTLICHER INTELLIGENZ kann man mittlerweile ganze Texte vom Computer verfassen lassen. Dazu gibt es eine Software, an die jeder kommt. Das Zeitalter der SCHREIBAUTOMATEN hat begonnen.

Es wird künftig nicht nur vom Banknachbarn abgeschrieben, der alte Lausbubentrick, oder von Wikipedia abgekupfert, nein, der Apparat dichtet gleich ganz am Stück. Dieser Menschheitstraum ist nicht so ganz neu. Schon vor hundert Jahren gab es auf Jahrmärkten SCHACHAUTOMATEN, Maschinen, die das komplizierte Spiel beherrschten. Edgar Allan Poe hat sich damit eindrucksvoll beschäftigt; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Jetzt gibt es Examensarbeiten wie Liebesgedichte aus der Retorte. Fasziniert sind davon jene Schreiberlinge, die ihr Monopol als Skribenten gefährdet sehen, also Journalisten.

Plagiatsjäger entwickeln gerade ein Instrumentarium, das in den künstlichen Texten Hinweise findet, die den synthetischen Ursprung enttarnen, sogenannte AI-Marker (AI steht für artificial intelligence). So will der Prof den windigen Studenten erwischen. Und die begattungswillige Jungfrau den schwindelnden Lover. Fools game. Das geht schief, weil AI lernen kann, was sie enttarnt und das dann routiniert vermeidet. AI ist so wirksam, weil sie sich ein Dreck um Logik schert; das Luder korreliert nur, aber sehr oft. Wer oft genug korreliert, hat dann irgendwann Kausalität. Kybernetik, eine Geheimwissenschaft.

Ich kenn mich da aus. Ich selbst sitze an der Software-Entwicklung für Marker der natürlichen Intelligenz. Die baue ich dann in meine Logbucheinträge ein, die ich demnächst vom Automaten schreiben lasse, während ich gemütlich ausschlafe statt frühmorgens schon zu dichten.