Logbuch

MASSENPSYCHOLOGIE beginnt als „Wissenschaft“ mit dem Sammeln von Belegen dafür, dass es sich immer um eine unberechenbare Ansammlung von Idioten handelt. Das Gründungswerk von LeBon ist eigentlich ein Prospekt der Rezeption (!) von Massen; er zitiert wertende Beschreibungen von Massenphänomenen; es ist keine empirische Sozialforschung, sondern eine Kulturkritik: wie werden in der Literatur Aufstände gesehen und gewertet. Kern ist immer folgendes Paradox: der einzelne Mensch ist vernunftbegabt, die Masse eine hysterische Horde, die sich dem Irrationalen verschrieben hat, dümmer als Tiere. Daraus ziehen die Gründungsväter der PR in den USA (Bernays) die Schlussfolgerung, dass eine Demokratie ohne gewaltige Propaganda nicht auskomme. Anders kriegt man keinen Verstand in die Massen, sagen sie. Tief paradox.

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Wer letztens dachte, schwächer als Hillary Clinton kann man in einem Wahlkampf gegen Donald Trump nicht sein, den wird Joe Biden jetzt unangenehm zu überraschen wissen.

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GARTENZWERGE.

Man sollte an ihrer Rehabilitierung arbeiten. Großartige Tradition. Entstammen der Montankultur; es sind historisch Bergleute. Sie tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht. Revolutionär gesinnt, wie an der roten Jakobiner Mütze unschwer zu erkennen. Haben als Hofzwerge schon früh in der PR gearbeitet. Werden wie alle Genies verkannt. Der Spießer hält sie für Spießer und ziert sich mit eigens erzeugten Verunstaltungen. Man gebe den Gartenzwergen ihre Ehre zurück. Die Nazis haben sie verboten; die werden schon gewusst haben, warum.

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Besuch in einer Redaktion einer internationalen Nachrichtenagentur in einem Büroturm. FREE LUNCHES in der Mitte des Großraums. Wasser, Säfte, Obst, Riegel. Ich wage gar nicht nach einer Kantine zu fragen. Oder gar nach dem Casino. Ich bin ein Fossil. Meine Familie stammt arbeitsseitig aus der GHH in Oberhausen-Sterkrade; deren Casino lag auf meinem Schulweg; eine Vorfahrt wie bei einem Regierungspalais (schwarze Daimler mit Chauffeur) und, dem Vernehmen nach, einen Weinkeller mit tausend Flaschen. Und selbst für die Untertage-Belegschaft gab es zum Schichtende einen halben Liter Schnaps. Noch dreißig Jahre später hatte ein Vorsitzender hinter seinem Büro ein Boudoir mit Speisezimmer, privatem Bad und einem Bettchen für den kleinen Bubu nach dem dritten Riesling. Heißt heute „power napping“ oder so. Das macht jene Hälfte der Belegschaft, die zu Hause ist. Für zwei Wochen. Dann ist die andere im Home Office. Die, die da sind, schieben ihre Umhängetaschen unter den Tisch und hängen die vom Radeln durchschwitzte Vliesjacken über die Stuhllehne. Man trägt Sportkleidung in smart, sprich Freizeitdress. Das Büro ähnelt insgesamt einer Wasserstelle für Nomaden.