Logbuch
DOUBLE BIND.
Gelegentlich kann man Erkenntnisse aus der Psychiatrie erfolgversprechend in die Politik übertragen. Was gesichert bei Kindern zu einer Neurose führt, hilft auch, wenn es darum geht, den politischen Gegner zu verunsichern. Empfehlung des Tages: die Doppelbotschaft.
Man verbindet zwei sich logisch schlicht ausschließende Botschaften in einem Kommunikationsakt und lässt die Paradoxie unaufgeklärt wirken. Ideal ist die eine Botschaft auf der Inhaltsebene und ausgesprochen und die andere nonverbal auf der Beziehungsebene. Das Gegenüber kann einem der beiden Impulse folgen, aber nie beiden.
Wer es zudem schafft, das Auftauchen von Doppelbotschaften als gänzlich unmotiviert erscheinen zu lassen, also in keiner Weise vorhersagbar, hat maximalen Erfolg in der Dysfunktionalisierung. Dem Gegenüber bleibt eigentlich nur der blanke Wahnsinn. Also alles gut.
Ich hatte mal einen Chef, der von sich selbst sagte, dass er jedes Quartal mal die Guillotine in den Hof ziehe, um einen Mitarbeiter zu köpfen. Aber immer nur Unschuldige. Denn sonst käme man nie zu dem Ruf, völlig unberechenbar zu sein.
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ERKENNTNISEKEL.
An der Causa Aiwanger ist mir jeder Aspekt zuwider. Unter jeder möglichen Wendung empfinde ich Erkenntnisekel.
Es beginnt mit dem Corpus Delicti, zwar ein Schulpamphlet, aber ein elaborierter Diskurs authentischen Faschismus, so monströs, dass sich jede Relativierung verbietet. Das ist kein Ausrutscher. Die Verteidigung dessen durch Herrn Professor Wolfssohn ist obszön.
Dann in durchsichtiger Scheinheiligkeit die Verdachtsberichterstattung der Süddeutschen; presserechtlich für meine Begriffe nicht gedeckt. Ohnehin ist das publizistische Hemd kurz. Jetzt aber, weil unter Druck, werfen sie ihre Quelle vor den Bus. Das kenne ich, einfach ekelhaft.
Der übergeordnete politische Modus soll die prantlsche Vorbereitung von Schwarz-Grün in Bayern sein; das ist eine bloße Spekulation, aber bereit wäre der Typus Toni Hofreiter dazu allemal. Und ob man die AfD niederhält, indem man sie nachäfft, das ist ja eh evidenter Unsinn. Auch das ist heute Morgen nicht mein Punkt.
Wenn das Flugblatt und die Facharbeit des Schülers Aiwanger 35 Jahre von seinen Lehrern aufbewahrt wurde und jetzt aus parteipolitischen Gründen von Fachlehrer wie Schulleiter an die SZ lanciert, so läge mir daran zu betonen, dass dies ein pädagogischer Frevel ist. Als gelernter Pauker sage ich: Schüler sind Schutzbefohlene. Auch solche Arschlöcher wie die Aiwanger Brüder.
Nein, das ist kein Widerspruch. Der damalige Vorfall hätte ohnehin durch Elternbeteiligung, Gesamtkonferenz und Schulverweis geahndet werden müssen.
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DER RATTENKÖNIG.
Paris, die erhabene unter den Metropolen, hat 10 Millionen Einwohner, deren Geselligkeit sprichwörtlich ist, und der Hang zum Kulinarischen. 2 Millionen sind Menschen und 8 Millionen Ratten, Rudelwesen mit ausgesprochenem Komforttrieb. In London und New York sind die Zahlenverhältnisse ähnlich. Da man offensichtlich miteinander auskommt, sprich der Franzmann von „cohabitation“, was beides meint, das Zusammenleben wie die Fortpflanzung.
Eine ordinäre Wanderratte hat bis zu 84 Nachkommen lese ich; die Fruchtbarkeit wächst mit den Wohnverhältnissen („Bauten“ als Nester) und dem Nahrungsangebot. Deshalb wird es schnell voll, wo es dem geselligen Nager wohl ist. Zum Speisezettel zwei Hinweise. Historisch war die Ratte der unvermeidliche Gast des kornmahlenden Müllers; heute lebt sie vom reichhaltigen Fast-Food-Angebot, und zwar als zweiter Gast, der die Reste des ersten im Verpackungsmüll genießt. Die Metropolen sind voll von Kurieren, die die ersten wie die zweiten Kunden Tag und Nacht versorgen.
Zweiter Hinweis: Ratten reichen die noch in den Fäkalien vorhandenen halbverdauten Nahrungsmittel vollständig zum Überleben, solange es zusätzlich Wasser gibt, sprich Abwasser. Wenn ein Hundehaufen zum Dinner reicht, dann ist der Tisch in Metropolen reichlich gedeckt. Bevor man mit seinem Ekel zu kämpfen beginnt: eine Hauptnahrungsquelle in Vorstädten ist das den herzallerliebsten Piepmätzen dargebotene Futter, das sich nachts die Ratten holen, denen es vergönnt ist, an senkrechten Wänden spielend hoch zu klettern. Wir kohabitieren.
Seit einer Erwähnung in den frühen Gedichten Brechts faszinieren mich RATTENKÖNIGE, das sind zehn, zwanzig Ratten, deren Schwänze so miteinander verknotet sind, dass der unlösbare Verwuchs ein Rad von Ratten erzeugt, einem vielköpfigen Ungeheuer gleich. Es gibt Zeugnisse, dass das Knäuel von anderen Ratten gefüttert wird. Man findet dazu Präparate in Naturkundemuseen. Aber der Ursprung ist sozialer Art. London hatte im 19. Jahrhundert zur Bekämpfung der Rattenplage Prämien für Rattenkadaver ausgelobt, allerdings wieder eingestellt, weil nach einiger Zeit in den Vorstädten Rattenzuchten als Gewerbe entstanden waren, zum Abgreifen der Staatsknete.
Das wiederum lese ich bei KIPLING in einer bisher unbekannten Erzählung namens THE TAIL-TIED KING, die ich im Lesesaal des Britischen Museums in Bloomsbury zufällig als Manuskript in einem alten Folianten entdecke. Schöner Titel. Ich werde dazu auf der nächsten Jahrestagung der Kipling Society was erzählen; der Aufsatz ist fast fertig: THE TAIL-TIED RAT KING.
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Dummschwätzerthema: AUTONOME MOBILITÄT.
Auch in Mode als „autonomes Fahren“, sprich: Roboter am Steuer. Ein Tesla-Mythos. Der Reihe nach. Haben wir schon beim Fliegen. Eigentlich sind Piloten nämlich Stewardessen, die keinen Saft bringen, sondern in einer engen Kiste namens Cockpit dem Computer beim Fliegen zusehen. Das wird begleitet von FLUGSICHERERN, die einer anderen stationären KÜNSTLICHEN INTELLIGENZ beim Starten und Landen der mobilen zusehen. Nur, dass es hinten in der Sardinenbüchse Corona gibt, das hat der Rechner noch nicht im Griff: Da ist das Virus autonom. Das bessere Anwendungsgebiet ist aber die Seefahrt. Seit wir GPS haben, kann Captn Ahap ruhig so stockbesoffen sein, dass er den Sextanten nicht mehr halten kann; das Navi weiß ganz sicher, wo es ist. Ich bin sicher, dass es längst U-Boote ohne jede Besatzung gibt, die heimlich, still und leise die Ozeane durchkreuzen. Das werden die Militärs sicher nicht ausgelassen haben, ein Spionage-U-Boot, das niemals auftauchen muss, weil niemand an Bord ist, der frischen Sauerstoff braucht. Vierhundert Jahre nach der MAYFLOWER muss man doch nicht mehr auf maroden Segelschiffen an der Pest verrecken. Es braucht den Seemann nicht mehr. Das autonome Fahren in Automobilen mag auf leeren Autobahnen leichterdings gelingen; das kann mein Audi heute schon, wenn ich ihn lasse. Er hat übrigens, auch wenn ich ihn ausfahre, einen Radius von 900 km je Tankfüllung, deutlich weniger als ein Kernreaktor im U-Boot und deutlich mehr als Tesla, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Wo die KÜNSTLICHE INTELLIGENZ versagt, das ist der Stadtverkehr in Berlin. Weil in Berlin jede Intelligenz versagt. Hier sind Radfahrer weder an die StVO gebunden noch an gesunden Menschenverstand. Nachts unbeleuchtet, aus allen Himmelsrichtungen, zu jedem Unsinn bereit. Und ab und zu ein Lastenrad mit Elektroantrieb und Kleinkindern im Trog, ohne Helm und Gurt, oh Mann, Kurt! Chaos. Straßenkampf. Das kann kein Algorithmus. Stadtverkehr ist überkomplex, jedenfalls dieser. Augen auf und vor allem Fuß von Gas. Das „einzigste“ (Berliner Superlativ), „wo hilft“ (Berliner Relativsatz).