Logbuch
DO IT YOURSELF.
Die Sozialen Medien ermöglichen ihren Nutzern die unmittelbare Selbstdarstellung. Twitter, Facebook, LinkedIn. Donald Trump auf der Bettkante vor einem Millionenpublikum.
Schamgrenzen fallen. Ein Bankensprecher über seine Gefühlslage an seine Ehefrau. Öffentlich. Der Vorstandsvorsitzende von einer privaten Feier an die Belegschaft. Via LinkedIn. Die Öffentlichkeitsarbeit ist nicht länger in Händen der Profis. Jetzt spricht der Chef selbst. Ein neuer Volkssport der Eliten. Going public. Furchtbar.
„Du siehst an der Art, wie der Zimmermann den Hammer hält, ob der Nagel krumm wird.“ Mein Alter Herr hatte Zeit seines Lebens eine besondere Wertschätzung gegenüber Fachleuten, die er mit Wertschätzung HANDWERKER nannte. Profis halt. Die anderen, die Pfuscher, das waren Heimwerker, Dilettanten. Diese zweite Gattung hat im Internet das Sagen. Jahrmärkte der Eitelkeit.
Es galt schon immer das Gebot der INFORMALITÄT, verstehst Du Digga? Läuft bei Dir, Alta! Jetzt kommt das der SPONTANEITÄT hinzu. Aus der Unterhose („Unnabux“) in die Welt! Kein Vorsatz darf aufscheinen, keine ambitionierte Idee, kein Hintergedanke. Es muss alles IMPROVISIERT sein, um authentisch zu wirken. Scham würde da nur stören.
Würde des Amtes und der Stellung? Paaah. Keine Sache ist zu privat, nichts zu intim; vielleicht mit Ausnahme des explizit Sexuellen. Die neue Pornografie liegt in der Entkleidung der Seele. Striptease des Privaten.
Peinlich.
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DIE HALBE WELT.
Wer nur von Männern spricht, verschweigt die andere Hälfte der Menschheit. Ein altes und anschauliches Argument gegen das Patriarchat. Die gleichen Größenverhältnisse gelten bei der Presse. Einer schwindenden Zahl von Journalisten stehen immer mehr PR-Leute gegenüber; inzwischen der größere Teil. Das verschweigt der Journalismus. Den PR-Leuten ist das Recht.
Man sieht die im Licht, die im Dunkeln sieht man nicht. Ein schönes Motto des großen Bert Brecht. Daran denke ich, als ich das Podium zu einer Debatte um das verlorene Vertrauen in die Presse sehe. Edelfedern, Gurus des Mainstreams sollen sich um die Frage bemühen, wie die Presse wieder in den Ruf kommen könnte, ein zutreffendes Bild der Welt zu zeichnen. Fünf Journalisten und kein Vertreter jenes Teils der Zunft, die darauf in gleicher Mannschaftsstärke, aber verdeckt Einfluss nimmt. Zum Vergleich: als ließe man fünf alte weiße Männer auf dem Podium die Frauenfrage lösen.
Ein große PR-Agentur bewirbt sich selbst gerade mit dem Gerücht, dass ein bestimmter Ölkonzern ihnen einen Monatsretainer von 80.000 € zahle, also eine knappe Million im Jahr. Wenn die anderen ÖL-Multis das auch so handhaben, dann sind hier geschätzt 6 Millionen € an PR-Honoraren im Feld, die die Berichterstattung über die steigenden Tankstellenpreise begleiten. Die GRÜNEN geraten dabei politisch unter Druck. Und was machen die sogenannte Faktenchecker in den Netzwerken der Investigativen? Ich zitiere deren Selbstauskunft: Sie rufen beim MWV an, dem Mineralölwirtschaftsverband. Das ist der Lobbyladen der Ölleute. Die Investigativen nehmen dessen Sprachregelungen nun für die Wirklichkeit. Sie entlasten argumentativ die GRÜNEN und kritisieren die Erdgasimportpolitik. Fakten gecheckt, ja?
PR ist ein Geschäft zur „Konstruktion wünschenswerter Wirklichkeiten“, wenn man es mit LUHMANN sagen will. Die Geschäfte um diese Konstruktionen suchen das Licht nicht. Während sich Journalisten in Larmoyanz um verlorenes Vertrauen suhlen, machen selbst die Verlage PR-Agenturen auf, um sich so vom großen Brotlaib ihren Teil zu schneiden. Die Verleger haben die Trennung von Presse und PR schon lange STRUKTURELL aufgehoben. Gerade das darf im Halbschatten bleiben. Als hätte der sterbende Goethe gesagt: „Weniger Licht!“
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SCHWEIGEN.
Als der große Held Shakespeares, Hamlet, stirbt, bestimmt er, dass der Rest Schweigen sei: „The rest is silence.“ So bricht, sagt da sein treuer Gefährte Horatio, ein edles Herz. Der Rest ist Ruhe.
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SPLENDID ISOLATION.
Als London noch die Hauptstadt der Welt war und die Engländer ihr Kolonialreich noch ganz selbstbewusst GEMEINWOHL (Commonwealth) nannten, in den Nachwehen alter Herrlichkeit, da wurde der Begriff einer wunderbaren Isolation erfunden. Sollte eine Außenpolitik beschreiben. Man war als Nation der Gentlemen nicht der Kontinent; man träumte nicht von Allianzen. BRITAINS NEVER WILL BE SLAVES. Man beherrschte die Wellen, jedenfalls den Seeweg nach Indien. Kanada eine Provinz, Australien. Amerika fiel gerade ab. Man hatte noch die Kontrolle. Kontrolle? Das ist das nostalgische Motto des EU-Austritts: „Taking back control!“ Keine französischen Kutter in englischen Gewässern! Man will wieder die Kontrolle. Heute um sich greifender Katzenjammer. Wie bitter hat jetzt die Kombination von BREXIT und CORONA die irre Hoffnung einer „splendid Isolation“ Wirklichkeit werden lassen. Schon andere Seuchen haben uns gelehrt, dass es eine Globalisierung nicht nur im Guten gibt. Das Gute, das war früher für die englischen Kaufleute der sehr einträgliche Sklavenhandel. Und der mit Tee, Pfeffer und Seide. Es war das Gute der Kolonisatoren, die die WILDEN zur Kultur erziehen wollten, während man ihnen ihre Schätze oder gar ihre Freiheit nahm. Captn Cook entdeckte Neuseeland. Welch ein Mythos. Ist das die ganze Geschichte? Eine faire Geschichtsschreibung? Die Museen leeren sich, wenn man die gestohlenen Kulturgüter der Welt zurückgeben will. 95% der historischen Kulturgüter Afrikas sind außerhalb dieses Kontinents. Paradigmenwechsel. Das Wilde, das uns alle heute bedroht, ist anderer Natur. Es zeigt, erste Lehre, dass die Natur keine Idylle ist. Und es zeigt, zweite Leere, dass niemand eine Insel ist. Klingt kitschig wie der Titel eines Trivialromans. Wir fantasieren von Gemeinwesen, während wir uns in unseren Kammern einigeln. Irre Zeiten.