Logbuch

VON INTERESSE.

Die Gerichte erlauben Übergriffe auf Persönliches, wenn daran ein überragendes öffentliches Interesse besteht. Das ist bei einem Kai aus der Kiste eher ausgeschlossen.

Unter all den interessanten Chefredakteuren der BILD, die ich habe kennenlernen dürfen, fiel nie jener, der jetzt seine Autobiografie promotet. Um ehrlich zu sein, ich habe ihn gar nicht näher kennengelernt. Und ich habe es eigentlich auch künftig nicht vor.

Der Herr ist zudem mittlerweile ein Berufskollege und sehr potenter Konkurrent, an den wir schon einen Kunden unserer Company verloren haben; mein Urteil könnte also gar nicht unbeeinflusst sein. Und ich räume ein, er vermarktet sein Buch wirklich gut, meint sehr erfolgreich.

Da entsteht Auflage. Natürlich werde ich das Oeuvre nicht kaufen oder gar lesen. Zwei Gründe. Erstens ist der Typ nicht von überragendem öffentlichen Interesse. Zweitens stimmt der Titel des Buches nicht. Um das zu verstehen, werden wir kurz über Grammatik reden müssen. Es gibt beim Tempus einen wesentlichen Unterschied zwischen Zeitstufe (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft) und der Vorgangsart (abgeschlossen oder unabgeschlossen).

Das Buch hätte heißen können „Ich bin bei BILD gewesen“, weil die dortige Anstellung vergangen ist und zugleich (ein für alle Mal) vorbei. Es heißt aber „Ich war BILD“. Und das räumt zwar ein, dass es um einen Vorfall der Vergangenheit geht, der aber als nicht abgeschlossen gelten will. Darum Präteritum statt Perfekt oder Plusquamperfekt. Zudem die Personalisierung. Nachtigall, ich hör Dir trapsen.

Der Herr D. aus Potsdam wie Frau Merkel, um einen zweiten Fall zu nennen, sind „has-been-s“, wie das Englische korrekt und klug sagt. Perfekt, nicht Präteritum. Jemand, der (bei) etwas gewesen ist. Kapiert? Sie wollen aber post rem fortwährende Bedeutung. Vielleicht sogar posthum. Darin scheint mangelnde Demut auf. Deshalb sammelt Merkel zurzeit aller Orten alle möglichen Orden. Sie wollen als heldenhafte Untote in die Geschichtsbücher.

Man kann fortleben, und zwar in seinen Kindern. Wer keine hat oder diese ohne Not verstößt, versäumt diese Gnade des Lebens. Dem tragischen Helmut Kohl soll ein solches Unglück widerfahren sein. An dem reckt sich unser Autor hoch, dabei dessen Familie diskreditierend. Ach, wie klein.

Logbuch

ABERGLAUBE.

Unter den „Klebas“, den Klimaprotestlern, sehe ich sehr junge Menschen, denen mein Respekt gehört, obwohl sie Nötigung zum Mittel der Überzeugung machen; ich bin halt im Herz immer noch der Pauker, der ich mal war. Und immer öfter aber auch alte Säcke. Schlecht gelaunt und ebenso gekleidet.

Der Anblick ist nicht neu; seit Wackersdorf irritiert mich der erwachsene Kindskopf. Wem sagt „Stuttgart 21“ noch was? Da waren sie wieder. Das Milieu des Boris Palmer. Das trotzig erhobene Haupt des Häretikers. Jetzt ein kühner Sprung in Pfingstgemeinden der kenianischen Provinz. Dort vermag es ein selbsternannter Pastor der „Good News Church“ eine „Hungerreligion“ als freikirchliche Sekte zu errichten. Hunderte von Toten mittels Spiritualität, lese ich.

Nun, die Gute-Nachrichten-Religion (kein Spott bitte; genau das meint auch der Begriff EVANGELIUM) eines ehemaligen Taxisfahrers fordert zum freiwilligen Hungertod auf, sprich zum Selbstmord auf Raten, weil man unmittelbar nach dem Hungertod Jesus treffe. Erneut bitte kein Spott. Die christlichen Amtskirchen sind nicht von geringerer Irrationalität. Von amerikanischen Protestanten ganz zu schweigen: „What would Jesus do?“

Zurück zu den schwäbischen Klebern mit schütterem Haar und den hysterischen Großmüttern aus dem Breisgau. Als Impfgegner habe ich sie gesehen, bei Ostermärschen, mit Friedenstauben und Regenbögen und nun unter den Nationalfarben der Ukraine. Aber ist es überhaupt erlaubt, all diese Bilder zu vermengen? Wir sind hier ja nicht bei BILD.

Nun, ich lese, der afrikanische Pastor mit den Massengräbern der Verhungerten mache aus dem Aberglauben für sich ein Geschäft. Dazu klingt ein Song der Dreigroschenoper in meinen Ohren, nach dem die Menschen nicht nach der Moral leben, sondern von ihr. Wer danach fragt, erkennt eine Einheit im Vielfältigen, die auch unangemessene Vergleiche erlaubt.

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ALLES IDEOLOGEN.

Außer ich. So leidet die grüne Seele, nachdem der Trauzeuge in Bremen zuhause geblieben ist. Ich sehe das ohne Schadenfreude.

Die grüne Wählerschaft versteht sich selbst zu einem guten Teil als BEWEGUNG. Das ist ein historisch belasteter Begriff, aber er trifft zu. Man glaubt nicht nur an eine gute Sache, sondern auch an eine sehr große. Ich teile diesen Tunnelblick nicht, verstehe aber, was er mit den Menschen macht.

Das Argument der Effizienz ist in sich plausibel, möglichst geringer Verzehr von Ressourcen, klar! Deshalb baut man auch nicht neu, sondern renoviert, um nur ein Beispiel zu sagen. Die Bundesumweltministerin will zuhause weiter ihren Benziner fahren, solange er es tut; das ist klug. Dienstlich fährt sie ein neues Batterie-Auto und fliegt, die Steffi. Das ist Politik.

Jetzt zu Bremen und dem Bundes-Effekt: wenn ich mich in den Ruch einer Sekte bringe, die Vetternwirtschaft und Cousinenkultur antreibt, dann sind die Schwärmer verstört. Wenn ich die Monopolisierung von Strom im Wärmemarkt erzwingen will, dann muss ich das anders plausibel machen als mit der einäugigen Verteufelung von Öl und Gas.

Alles Ideologen, außer ich; das reicht dann nicht.

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PARADIES AUF ERDEN.

Wie erklärt man jemandem aus Stellenbosch, warum die Eingeborenen hier am Ort Äpfel keltern und das saure Gesöff preisen. Südafrika hat die herrlichsten Weine. Und der Hesse Fallobst von der Kitschenwiese.

Nur die Frauen können das Land noch retten, höre ich. Der alte weiße Mann spricht über seine Heimat und die bitterarme Bevölkerung schwarzer Abstammung in Gettos. Wenn sich hier kein Matriarchat durchsetze, drohe die Verwahrlosung ganzer Milieus. In mir springt die automatische Zensur an. Lausche ich einem Rassisten? Ich bin mir nicht sicher. Und höre dann doch zu.

In Johannisburg hält man nachts nicht an roten Ampeln, weil der Überfall auf das Auto geradezu erwartbar ist. Die persönliche Sicherheit sei in „gated communities“ einigermaßen gut, aber nicht alle Bewohner seien noch bereit, die sauteure private Sicherheitsfirma zu bezahlen. Am Rande seines Viertels hinter Stacheldraht habe sich eine illegale Wellblechsiedlung gebildet, deren Bewohner nun auf das Recht pochten, das abgesperrte Gebiet durchqueren zu dürfen. Dann sei es auch tagsüber nicht mehr sicher für Frauen und Kinder.

Ich sitze in einer Frankfurter Äppelwoi-Kneipe neben einem Buren, einem Touristen aus Südafrika. Und weiß gar nicht, ob ich dessen Geschichten glauben soll. Er arbeite, berichtet er, als Migrant auf Mauritius als Bau-Ingenieur, werde da aber nicht in Pension gehen können. Die ehemalige Strafinsel der britischen Kolonisatoren in Indien, das sagenumwobene Mauritius, gebe ihm, dem Südafrikaner, keinen Pass. Er wolle im Alter nach Europa.

Flüchtlingsgespräche auf höherem Niveau. Die Idylle meiner Heimat beschämt mich. Er fragt mich, ob ich etwa unbewaffnet durch das Nachtleben Sachsenhausens ziehe. Ja, sicher! Das könne er zuhause nicht wagen. Selbst die Polizei sei in einem Ausmaß korrupt, dass oft nur ein Krüger Rand helfe. Oder eben eine Glock. Starker Tobak.

Ich wende mich ab. Es bleibt aber das schlechte Gewissen des Beschenkten. Nicht durch die Räuberpistolen des Buren. Nein, beschämt durch die Selbstverständlichkeit, mit der wir unseren Frieden hier hinnehmen. Noch nie, sagte mir der weiße Mann, habe er Schulkinder auf Fahrrädern allein auf dem Schulweg gesehen. Noch nie. Das sei ungeheuerlich. Wie wir das geschafft hätten? Gute Frage.