Logbuch
DAS PORTRÄT.
Face Book. Buch der Gesichter. Wie kann das Bild eines Gesichts den ganzen Menschen darstellen? Nicht nur seinen Körper. Es erscheint uns als SPIEGEL DER SEELE. Woher diese Offenbarung?
Diskussion mit Studenten über Fotos in Bewerbungen. Mein Eindruck: anhand der Bilder findet die erste Vorauswahl statt. Widerspruch einer Kommilitonin, die schon mal in einer Personalabteilung (sie nennt das englisch HR) gearbeitet hat; es werde nach Qualifikation ausgewählt. Ich habe da meine Zweifel und rate den Karrierewilligen zur professionellen Gestaltung der Fotos. Sie sollen dafür richtig Geld ausgeben.
Überhaupt ein Wunder. Woher wissen wir, dass Mona Lisa lächelt. Ich habe im Louvre vor dem Gemälde gestanden und war vor allem irritiert. Es ist unter Glas. Man sieht sich selbst gespiegelt. Aber bleiben wir bei der Mimik als Seelenspiegel. Das mag schon biologische Gründe haben („Will mich das Wesen fressen?“), aber sicher psychologische („Wird das Wesen mich stillen?“) Nächster Blick aufs Dekolleté. Geheimdienstleute achten bei Passfotos übrigens immer auf die Ohren, weil hier das Individuelle voll zuschlage; hat mir mal ein STASI-Offizier erzählt.
Von dem bettlägerigen Heinrich VIII wissen wir, dass er einen damals sehr berühmten Porträtmaler nach Deutschland geschickt hat, um eine Heiratskandidatin aus Kleve zu porträtierten. Das Bild war so anmutig, dass die Dame zur Verfertigung eines Thronfolgers angeliefert und geheiratet wurde. Zum Vollzug der dazu notwendigen Akte kam es aber wohl nicht, da seine Majestät seinen schweren Diabetes nicht durch Animation zu überwinden wusste. Er muss etwas in dem Bild gesehen haben, was er dann nicht wiederfand. Ein Minister wurde deshalb geköpft, der Maler blieb verschont.
Und ich rate zur regelmäßigen Aktualisierung von Porträtfotos. Ich habe im Flieger nach New York mal neben der Mutter einer sehr bekannten Modeschöpferin gesessen, deren Tochter ich von all den Pressefotos kannte. Ich sprach sie als die Frau Mama der berühmten Schönheit an. Das ging wie bei Heinrich VIII gründlich schief. Es war nicht die Mutter, sondern die in Ehren gealterte Tochter. Man war nicht amüsiert.
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RADIKAL.
Etwas mit samt der Wurzel ausrotten, das ist radikal. Das härteste Mittel. Radix ist die Wurzel. Mit Stumpf und Stiel vernichten wollen. Eine Welt der Entgrenzung. Ein wenig Apokalypse wagen wollen.
Die Vorstellung kommt im Häuslichen aus der Unkrautbekämpfung; dass man etwas nicht nur abpflückt oder zurückschneidet, so dass die Zeit den Eingriff heilen kann, sondern es für alle Zeiten tilgt. Da ist dann gegen das lästige Unkraut Glyphosat noch zu sanft. Feuer und Eisen kommen zum Einsatz. Denn die Sense scheint noch zu zahm.
Kerrwoche. Zwischen Nachbarn entsteht ein irrer Wettbewerb, wer radikaler zu sein vermag. Es werden nicht nur Bordsteine frei geblasen oder entschieden mit Besen gekehrt. Das Trottoir wird bis zum letzten Halm von Gräsern gereinigt. Ein schmiedeeisernes Gartengerät namens Sauzahn kommt zum Einsatz. Feuerwerfer und Chemiewaffen.
Dieser Vernichtungswille spiegelt die Entgrenzung von Zorn. Er ist, wenn wir mal beim Unkraut bleiben, eigentlich ungärtnerisch. Wendet man diesen Darwinismus ins Politische wird er gänzlich böse. Ich will das nicht ausführen, aber man könnte es. Sportpalastlogik: den totalen Krieg wollen.
Der kluge Gärtner kennt Mitte und Maß, er wählt stets das mildeste Mittel. Diesen Hinweis hörte ich gerne von meiner Geschichte.
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FÜNFTE KOLONNE.
Den Feind heimlich zu unterstützen, das ist in Kriegszeiten LANDESVERRAT. Diesen Verdacht hat die SPD bezüglich Russland auszuräumen, auch wenn Deutschland sich nicht im Krieg befindet.
Der Vorwurf stammte in meiner Jugend von den reaktionären Kräften in der Union, dass die Sozen die Fünfte Kolonne Moskaus seien. Eine Propaganda des Kalten Krieges. Bitter falsch, aber wirksam. So sollten Willy Brandt und dann seine Ostpolitik diskreditiert werden. Mit einem Schlagwort aus dem Spanischen Bürgerkrieg.
Das Schweigen des Gerhard Schröder und seines langjährigen Getreuen Frank Walter Steinmeier hilft der SPD gegenwärtig nicht. AUFARBEITUNG steht an. Sie wird sich argumentativ zu ihrer russlandbezogenen Energiepolitik und dieser Außenpolitik verhalten müssen. Sigmar Gabriel hat das jüngst versucht. An den Verhetzungen dessen nehme ich nicht teil. Wir befinden uns nicht im Krieg. Es kann um LANDESVERRAT gar nicht gehen. Ich erwarte aber eine ernsthafte Aufarbeitung im Sinne der Geschichtswissenschaft.
Für die deutsche Gaswirtschaft gilt schon jetzt als WISSENSCHAFTLICH GESETZT, dass die Politik der RUHRGAS AG niemals die der WINTERSHALL oder WINGAS war; das aber nur als Hinweis für die Insider. Genauer gesagt als Hinweis an jene, die den aktuellen Streit um Schröder/Steinmeier/Schwesig HISTORISCH verstanden wissen wollen.
Den unmittelbaren Markteintritt der GAZPROM hat die BASF AG über ihre Tochter WINTERSHALL mit der deutsch-russischen WINGAS ermöglicht, oder? Oder ist das auch schon eine Geschichtsklitterung? Wie in allen AUFARBEITUNGEN geht es jetzt um die Austragung des Streits mit den Mitteln der Vernunft. Zumindest des Verstandes.
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PARADIES AUF ERDEN.
Wie erklärt man jemandem aus Stellenbosch, warum die Eingeborenen hier am Ort Äpfel keltern und das saure Gesöff preisen. Südafrika hat die herrlichsten Weine. Und der Hesse Fallobst von der Kitschenwiese.
Nur die Frauen können das Land noch retten, höre ich. Der alte weiße Mann spricht über seine Heimat und die bitterarme Bevölkerung schwarzer Abstammung in Gettos. Wenn sich hier kein Matriarchat durchsetze, drohe die Verwahrlosung ganzer Milieus. In mir springt die automatische Zensur an. Lausche ich einem Rassisten? Ich bin mir nicht sicher. Und höre dann doch zu.
In Johannisburg hält man nachts nicht an roten Ampeln, weil der Überfall auf das Auto geradezu erwartbar ist. Die persönliche Sicherheit sei in „gated communities“ einigermaßen gut, aber nicht alle Bewohner seien noch bereit, die sauteure private Sicherheitsfirma zu bezahlen. Am Rande seines Viertels hinter Stacheldraht habe sich eine illegale Wellblechsiedlung gebildet, deren Bewohner nun auf das Recht pochten, das abgesperrte Gebiet durchqueren zu dürfen. Dann sei es auch tagsüber nicht mehr sicher für Frauen und Kinder.
Ich sitze in einer Frankfurter Äppelwoi-Kneipe neben einem Buren, einem Touristen aus Südafrika. Und weiß gar nicht, ob ich dessen Geschichten glauben soll. Er arbeite, berichtet er, als Migrant auf Mauritius als Bau-Ingenieur, werde da aber nicht in Pension gehen können. Die ehemalige Strafinsel der britischen Kolonisatoren in Indien, das sagenumwobene Mauritius, gebe ihm, dem Südafrikaner, keinen Pass. Er wolle im Alter nach Europa.
Flüchtlingsgespräche auf höherem Niveau. Die Idylle meiner Heimat beschämt mich. Er fragt mich, ob ich etwa unbewaffnet durch das Nachtleben Sachsenhausens ziehe. Ja, sicher! Das könne er zuhause nicht wagen. Selbst die Polizei sei in einem Ausmaß korrupt, dass oft nur ein Krüger Rand helfe. Oder eben eine Glock. Starker Tobak.
Ich wende mich ab. Es bleibt aber das schlechte Gewissen des Beschenkten. Nicht durch die Räuberpistolen des Buren. Nein, beschämt durch die Selbstverständlichkeit, mit der wir unseren Frieden hier hinnehmen. Noch nie, sagte mir der weiße Mann, habe er Schulkinder auf Fahrrädern allein auf dem Schulweg gesehen. Noch nie. Das sei ungeheuerlich. Wie wir das geschafft hätten? Gute Frage.