Logbuch
Das GEWALTMONOPOL des Staates ist eine Paradoxie.
Es versteht sich selbst als demokratisch und Friedensgarant, weil es Bürgerkriege verhindere. Es ist der Kern des Rechtsstaates. Wenn man es dann aber an sich selbst erlebt, ist man schnell auf der Zinne. Der Staat schickt gerade ganze Berufsstände in den Konkurs, im Übrigen mit einer Begründung, zu der man noch so einiges nachfragen könnte. Räsonieren ist aber nicht angesagt. Gehorsam wird verlangt. Offensichtlich ist es wirklich GEWALT, die uns widerfährt. Die frühen Denker der Moderne haben ihn, den modernen Staat, deshalb als LEVIATHAN gezeichnet, als ein Monster. Zurecht. Und doch ist er der Garant gegen die Gewalt der Klassen, der Sekten, der Verbrecher, der Straße. Ich bin für das Gewaltmonopol, wissend, dass es Gewalt ist und unrecht sein kann. Paradox. Wir erleben gerade den bitteren Teil der bürgerlichen Freiheit, ihren Entzug. Der mütterliche Trost, dass dies vorübergehend sei, ist eigentlich keiner.
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TRAUER.
Lese einen Nachruf, den man für Gerhard Schröder auf Thomas Oppermann verfasst hat, der seltsam missraten ist. Der Nachruf, nicht Thomas, den ich bewundert habe. In dem Epilog ist weit mehr von dem Nachrufenden die Rede als von dem Verstorbenen. Eine beklemmende Eitelkeit trieft aus dieser verqueren Trauerrede, die sich so in Vorgeblichkeit verfängt. Nun scheut der aktuelle PR-Berater des Altkanzlers, der das vermutlich verzapft hat, ohnehin keine Peinlichkeit in seinen Volten auf „Gas-Gerd“, aber gerade bei dem Thema Oppermann beklemmt dieser Zwang zur Hagiographie. Er war ein so feiner Mensch, der Thomas Oppermann, ein grader Mann; man seufzt. Aber hinter dieser Peinlichkeit eines im Grunde narzisstischen Zugeständnisses an einen Weggefährten, die diesen zum Domestiken degradiert, liegt eine höhere Wahrheit. Trauer ist immer auch Selbstmitleid darüber, dass man eine Schuld nun nicht mehr ausgleichen kann, weil der Andere für immer gegangen ist. Grabpflege als Ausdruck des schlechten Gewissens. Die historische Errungenschaft des Christentums gegenüber den Religionen des Zorns ist der Wille zu verzeihen und der Wunsch um Verzeihung bitten zu wollen. Die Antiken haben noch aus vollem Herzen hassen können. Und die anderen beiden Monotheisten tun es nach wie vor. THYMOS. Ungebrochene Rache, Zorn. Die durch das Christentum Geläuterten haben diesen Tunnelblick verloren. Und wenn man dann, ganz Protestant oder Agnostiker, nicht mehr an das Ewige Leben glaubt, an Paradies oder Hölle, dann wird man zu Lebzeiten für Gerechtigkeit sorgen müssen. Dieser Befriedungswille läuft aber unwiderruflich ins Leere, wenn der Andere für immer weg ist. Trauer kann insofern etwas sehr Eitles sein. Ausdruck des schlechten Gewissens, etwas versäumt zu haben als noch Zeit war. Der Wunsch sich darüber hinwegzutäuschen.
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Heute Interview mit Studenten zur Historie meines Instituts. Vorüberlegungen. Die erste Publikation, in der ich namentlich als Autor in diesen Kontexten genannt werde, müsste, stelle ich grübelnd fest, von 1975 sein. Mein lieber Herr Gesangsverein, sind das 45 Jahre? Fast ein halbes Jahrhundert immer denselben Unsinn erzählt. Poch. Dissertation veröffentlicht vor 40 Jahren. Wird nicht besser.
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LUSTGARTEN.
Gärten sind ein Spiegel des Lebens. Zeig mir Deinen Vorgarten und ich sage Dir, wie es um Deine Kultur bestellt ist. Wer Schottergärten anlegt, sammelt im Keller Frauenfüße. Mein Ernst.
Der englische Landschaftsgarten war schon immer ein gigantisches Unternehmen Kitsch. Es wurde der bäuerlich genutzte Grund an einem Herrenhaus umgewidmet in ein Postkartenmotiv der Idylle. Auf den kalten Inseln der kalten britischen Kaufmannsseelen entstanden mediterrane Paradise, in Andeutungen.
Da der Seehändler ihrer Majestät aus den fernen Kolonien seltene Pflanzen mitbrachte und man sich der Gartenkünste rühmen wollte, entstand hier jene Natur, in der wir auf indischen Bänken chinesischen Tee trinken und Gurkensandwiches zu uns nehmen. Der deutschen Unterschicht als Rosamunde Pilchers Gefilde geläufig. Die Gärtner der Idylle brauchten ein mutiges Herz und eine scharfe Schere.
Das Hobby von Adel und Großbürgertum wurde in den „cottages“ zur Attitüde. So blüht im Englischen der Gartenwahn in jeder Nische. Auch meine Gärten sind ein kleinbürgerliches Flickwerk von Rand- und Reststücken, das Fundstücke aus Baumärkten und Baumschulen bevölkern. Zehn Ginkgos ganz unterschiedlicher Vitalität, karge Stöckchen, denen der Nachbarbaum das Wasser nimmt, und auch ein stolzer Solitär, der sich an die Zehn-Meter-Marke macht. Viele der Gesellen weiß ich gar nicht zu benennen, einige gar Folge der Selbstaussäens, wohl mittels Vogelkot.
Andere, die ein früherer Gärtner jedes Jahr auf‘s Neue fällen wollte, etwa, weil deren Blätter nicht verrotten (Walnuss), die ich tapfer verteidigte. Der Kollege Nussbaum hat jetzt mehr als einen Meter Stammesumfang und verschattet den Nachbarn. Ha! Recht so.
Zwei kleine Teiche, 23 Fische, jedenfalls bis gestern. Katzen der Nachbarschaft bejagen die. Ein Marder, den ich zu bejagen suche, vergeblich; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Die Birne, von mir gepflanzt, gefällt mir, obwohl rätselhaft. Kerzengerade, von unten bis oben dicht mit Blüten und Blättern, aber keine Krone. Mein Gärtner sagt: „Die wird was; das sind Tiefwurzelnde!“ Tjo, wer will schon Flachwurzler. Im Garten wie im Leben.