Logbuch

COCKTAILS.

Böse Anrufe, weil ich im legendären RAFFLES an der Bar simplen Whisky zu mir genommen hätte. Man trinke dort SINGAPUR SLING. Unsinn. Ein albern süßes Mixgetränk. Ekelhaft. Das ist Nuttendiesel. Schauen Sie doch mal, wer das bestellt.

Wenn im Cocktail zum segensreichen Alkohol, also etwa Gin oder Rum, im Übermaß noch Likör sprich Sirup kommt, Fruchtsäfte mit Zucker, Molasse, dann wird das so was wie Haribo mit Prozenten. Welch ein Halbweltkult. Dann werden auch noch die Glasränder gezuckert und kandidierte Früchte aufgesteckt. Ein Obstsalat, aber kein Drink. Das bestellt der Gentleman nicht, auch nicht seiner Begleitung.

Ich erinnere aus Harry’s New York Bar den PETRIFIER, der zu sechs verschiedenen Rumsorten einen halben Liter Fruchtsäfte mixte. In der Karte stand er unter dem Rubrum „Nur zwei pro Gast“. Zurecht. Wer will schon einen ganzen Liter Sirup im Bauch. PETRIFIER heißt übrigens „Lähmer“; so war der auch. Und morgens Brummschädel plus Sodbrennen.

Ist doch klar. Der Zucker gärt im Magen nach und erzeugt im Gedärm Fuselöle und Methylalkohol. Da können Sie auch ungarischen Federweißer oder russischen Vodka trinken. Vielleicht lösen Sie im „Wässerchen“ von der Wolga noch eine Tüte Haribo auf. Dann haben Sie Ihren Singapur Sling. Thomapyrin bereithalten. Meine Meinung.

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SOUND OF THE CITY.

Der Vielreisende erkennt die Metropole, in der er gerade wach wird, an den Sirenen der Polizeifahrzeuge. Londons Hyde Park Corner ist da besonders nervig. Eigentlich waren Sirenen weibliche Sagenwesen, die liebeslüsterne Seeleute zu betören wussten. 

Die Unfallhäufigkeit in der französischen Montanindustrie war so hoch, dass ein Ingenieur ein Signal erfand, mit dem die Arbeiter vor Gefahr gewarnt werden sollten. Da er sich in der griechischen Sagenwelt auskannte, nannte er seine Nervensäge „Sirene“. 

Die Seefahrt war von alters her durch Langeweile geprägt. Während die Seeleute, nach Verabreichung einer Kelle Rum, bei Flaute unterernährt und von Skorbut gezeichnet in der Sonne brieten, ging die Fantasie mit ihnen durch. Sie sahen zwischen Nebel und Gicht hochattraktive weibliche Wesen, die sie mit zarten Gesängen ins Verderben lockten. Das aus dem Wahnsinn geborene Vergnügen sollte tragisch, nämlich als Fischfutter enden. 

Einer allerdings war schlauer. Der listenreiche Odysseus ließ sich von seiner Mannschaft an den Mast fesseln, um zwar den Gesang der Sirenen hören zu können, aber der Versuchung nicht folgen zu müssen. Zurecht gilt Odysseus deshalb als der Erfinder von „Safer Sex“.

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WELTREICH.

Die Engländer hatten eines. Dass Deutschland ein Weltreich werden könne, der Wahn hat nur zwölf Jahre gehalten. Ob Europa das noch schafft, ist zweifelhaft. Warum aber das alte Rom? Trotz BROT & SPIELE.

Der Aufstieg und Fall des RÖMISCHEN REICHES beschäftigt bis heute die Gemüter. Mich seit Sonntag. Der Stadtstaat reichte mal über alle bekannten Kulturen und Religionen des Westens, vom Schwarzen Meer über den gesamten Mittelmeerraum bis nach Schottland. Gestern ging ich spazieren und stoße im Wald auf den LIMES, die Außengrenze, gleich hier, bei mir um die Ecke. Auf der einen Seite die Biertrinker, Barbaren genannt, auf der anderen die Weintrinker, also die Kulturvölker. Rom hatte alles. Eine tolle Rechtsordnung. Aufgeklärtes Denken. Perfekte Grenzen, ausgezeichnete Straßen, saubere Versorgung mit Frischwasser. Glasfaser noch nicht, aber wird ja jetzt nachgeholt.

Der Historiker Alexander Demandt hat 1984 mal alle bis dahin genannten Gründe für den Untergang Roms aufgelistet; es waren 210. Jetzt müsste man heutzutage noch den menschengemachten Klimawandel und die ungerechte Sprache im Geschlechtlichen hinzufügen; die Grammatik der Römer war nämlich nicht „woke.“ Ich hab mir das mit den Gründen des Niedergangs mal angeschaut. Christen fanden, dass die Muslims Schuld waren. Rassisten hatten die Afrikaner im Verdacht. Autochthone die Völkerwanderungen. Die Subsidiären die Größe des Reichs. Die Harten die Verweichlichung. Die Italiener die Goten, wenn nicht die Vandalen, die 455 n. Chr. einfielen. Ja, und dann die Horden der Hunnen … Oder die Importabhängigkeit von Weizen aus den entlegenen Provinzen. Wein gab es vor Ort, wo die Sonne es eben hergab. Aber die Kornkammern erforderten ein riesiges Militär. Man brauchte den Weizen aus aller Welt für BROT & SPIELE. Hätte Rom sich glutenfrei ernährt, es stünde heute noch. Meine Meinung.

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HISTORIA DOCET.

Die Geschichte lehrt, heißt es. Der Lateiner sagt: „historia docet“. Aber was? Ich weiß es nicht. Man sollte vielleicht keine Sottisen erwarten; das ist das Hobby der Ideologiesüchtigen, die die Geschichte nur plündern, weil sie Beispiele für ihre irren Theorien brauchen. Geschichte versteckt sich; man sieht sie ohnehin nicht, jedenfalls nicht durch Tourismus. Touristen entdecken im Exotischen nur das Immergleiche.

Das Leben kehrt zurück in die Große Stadt. Lunch im „Salz & Tabak“ in der Kochstraße, die aus politischer Opportunität zur Hälfte Rudi-Dutsche-Straße heißt. Idol meiner Schülerjahre. Dann Attentatsopfer. Der Italiener sitzt unten im alten Gebäude der TAZ, dem linken Zeitungsprojekt, das online überlebt hat. Die Kochstraße war in der Weimarer Republik die Zeitungsstrasse, an deren Ende später, im Kalten Krieg, Axel Springer sein Hochhaus ostentativ an die „Mauer“ setzte. Strammer Antikommunismus.

Hier wurde ich Zeuge der Maueröffnung. Vom Presseclub Springers, ganz oben in dem Hochhaus, getäfelt mit dem Holz der Londoner Times, konnte man auf die Mauer runterblicken. Martini in der Hand. Es wurde das GOLDENE LENKRAD verliehen. Es sah von hier oben aus, als habe jemand einen Sack Reis aufgeschnitten. Neben mir Walter Momper, der damals Regierende Bürgermeister, der es zunächst gar nicht glauben wollte. Andere feierten, ich ging zu Bett. Am nächsten Morgen die Stadt voller Trabis. Einen historischen Tag verpennt.
Aus den Reihen der Alt-68er („Enteignet Springer“) ist jetzt einer Herausgeber der WELT. Kompletter Seitenwechsel, horizontal und vertikal. Das hängt ja oft zusammen, erst der Aufstieg, dann der Umstieg. Oder umgekehrt. Na ja, in seiner Autobiographie sucht Stefan Aust eher den Eindruck zu erwecken, als sei er immer schon eine liberale Seele gewesen. Gegenüber vom „Salz & Tabak“ der Fresstempel eines unsäglichen TV-Kochs; wird hier nicht empfohlen. Hinter dem Checkpoint Charlie (Friedrich Ecke Koch) eine Lebensversicherung, die hier vor hundert Jahren Kommunisten der KPD gründeten, um sich eine Feuerbestattung leisten zu können; man wollte nicht wie die Christen in Holzkisten auf das Jüngste Gericht warten. Solidarität für die letzte Würde.

Wie gesagt, die Touristen kommen wieder und laufen wie ehedem ahnungslos durch die Stadt. Oder fahren auf diesen unsäglichen Elektrorollern, eine gefährliche Kinderei. Sie glotzen und sehen nichts. Was ein Taxi zum Görli koste, fragen zwei australische Rucksackreisende den türkischen Droschkenkutscher am Halteplatz, der die Augen verdreht. Im Görlitzer Park lässt der Senat offenen Drogenhandel zu. Was sollen die abgelehnten und geduldeten Asylbewerber auch sonst tun, soll die Bürgermeisterin gesagt haben, eine Grüne. Permissivität gilt hier viel: „legal, illegal, scheissegal“.

Einen schweren Weißen aus Sizilien getrunken, jenem okkulten Anbaugebiet, aus dem die schwachbrüstigen Franzosen mit den großen Namen über Jahrhunderte heimlich hochgepantscht wurden. Tolle Qualität. In Butter gebratene Seezunge, Fenchel. Passt.