Logbuch

DREI, VIER WICHTIGE NAMEN.

Man weiß wenig von Muhammad ibn Musa al-Khwarizmi, dem persischen Mathematiker des 19. Jahrhunderts, außer dass er algebraische Gleichungen so vorbildlich zu lösen wusste, dass durch die lateinische Fassung seines Namens der Begriff ALGORITHMUS entstand. Heute ist das Wort in aller Munde; was nicht heißt, dass die Schlaumeier auch wissen, wovon sie reden. Es handelt sich um die Selbststeuerungsanweisung für kybernetische Maschinen, die in großem Stil Informationen verarbeiten. Hegemonie-Monster.

Es begann wahrnehmbar mit der Unart des Einzelhändlers Amazon, uns als seine Kunden darüber zu belehren, was andere Kunden, die das, was wir bestellt haben, auch noch bestellt hatten, also einer personalisierten Empfehlungsmaschine für nunmehr gläserne Kunden. Mittlerweile führt das Regime der Algorithmen dazu, dass ein und dieselbe Plattform eine konservativ gesinnte Nutzergruppe („Blase“) rechts einstimmt und eine liberal gestimmte links, weil sie deren Verhalten der Vergangenheit verarbeitet und zur Ausweitung der Nutzungszeiten verwertet.

Die Plattform X bildet regelrechte „mobs“ und Facebook „cults“; Mobbing und Subkulturen formen großes Geschäft. Und politischer Missbrauch liegt nah. Da taucht ein zweiter großer Name auf: Marshall McLuhan, ein kanadischer Publizist, der den Beginn der Massenkommunikation mit dem Satz zusammenfasste: „The medium is the message.“ Gilt in digitalem Zeitalter für den Algorithmus, der die bevorzugte Verbreitung steuert. Algorithm is the message.

Dritter großer Name: Edward Bernays, der 1928 seine Begründung der Public Relations unter dem Titel PROPAGANDA vorlegt (deutsche Ausgabe mit Nachwort von mir bei Amazon). Der Neffe Sigmund Freuds preist die „invisible rulers“ als „hidden persuaders“. Damit steht das Paradigma der aktuellen Kritik am Unvermeidlichen, der Herrschaft der Herren des Algorithmus. Und darum geht es tatsächlich, um Vor-Macht. Hegemonie.

Insider story: Als sich die „posts“ von dem Plattformbesitzer Musk nicht mehr automatisch (!) durchsetzten, bekamen sie einen Präferenz-Code. Er lautete naiv wie fundamental: „author_is_elon“. Damit stand der „post“ immer oben. Das gefällt mir. Es gefällt mir sogar sehr: Autor_ist_Klaus.

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TOD IN LEVERKUSEN.

Ein Freund berichtet mir, dass er in Zürich an der ETH eine Dauerausstellung mit dem Arbeitszimmer des Thomas Mann besucht habe. Ich weiß gar nicht, wie diese Gegenstände an die Eidgenössische Technische Hochschule kommen, eigentlich nämlich eine Fachhochschule für Ingenieure. Jedenfalls klingen mir noch die Klagen seiner Kinder in den Ohren, die das Allerheiligste des Vaters nicht zu betreten hatten, das er nur zu den Mahlzeiten verließ, die die kinderreiche Familie schweigend einnahm.

Thomas Mann lebte unter auskömmlichen Bedingungen, weil er schon als Knabe den Friedensnobelpreis erhalten hatte für eine Familiengeschichte von Kieler Kaufleuten. Der eigentliche Sehnsuchtsort der Manns war aber Leverkusen, wo der Lieblingssohn von Thomas und Katja Mann beerdigt ist, der Historiker Gelus Mann; bekannt durch den Ruf an die Frankfurter Schule, die ihm Theodor Wiesengrund und Maxi Horkheimer und deren Ziehsohn Jürgen Habermas erteilt hatten.

Das Familiäre war bei Manns durch eine rücksichtslos vagabundierende Homo-Erotik gekennzeichnet und exzessives Tagebuchschreiben, auch zu banalsten Details. Der Tod in Leverkusen des Tonio Krüger und seiner Gebrüder wurde später vom WDR verfilmt. Dank an die KI für die kenntnisreiche Ausarbeitung.

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ZUNGENBRECHER.

Ein Wettbewerber lässt sich zu einer persönlichen Beleidigung hinreißen und man fragt sich, was man falsch gemacht hat. Ein Erschrecken blitzt auf. Da scheint jemand getroffen. Warum wird er erkennbar unsportlich, um es mal so zu formulieren. Gelegenheit über Glossen nachzudenken.

Was wir hier machen, heißt im einschlägigen Boulevardblatt „Post von Wagner“ oder in der Tageszeitung „Streiflicht“. Glossen sind geschriebenes politisches Kabarett. Und stehen wie dieses in keinem guten Ruf. Meinen Kollegen Franz Josef Wagner, der sich täglich meldete, haben seine Freunde mit dem Titel „Gossen-Goethe“ belegt; man traf in den letzten Jahren je nach Tageszeit in der Charlottenburger Gastronomie. Er hatte, wenn gelöster Stimmung, seine vierzig Zeilen schon abgesetzt. Da kürzlich verstorben, also zu loben, sage ich: Und er konnte schreiben!

Beim „Streiflicht“ der Süddeutschen habe ich mir immer eingebildet, den (stets ungenannten) Autoren zu erkennen, jedenfalls wenn es Kurt Kister war. Denn der kann schreiben. Was ja nicht jedem Heino oder Heiko gegeben ist. Die 72 Zeilen „Streiflicht“ auf der Eins in der SZ haben schon oft meine Morgenstimmung gerettet. Glossen sind mit leichter Feder und erheblichem Gewicht zu schreiben. Wehe, wenn eins von beidem fehlt. Bei Journalisten verzeihlich, bei PR-Leuten („Contentprovider“) üblich, aber für wirkliche Autoren vernichtend, wenn frei von literarischer Ambition. Schriftsetzer.

Wenn die Glosse gutes politisches Kabarett, dann hat sie Un-Themen. Als Satire ist ihr zwar alles erlaubt, aber sie tritt nicht nach unten. Sie wird nicht persönlich. Ihrem Sportsgeist entspricht es, dass sie es mit den Mächtigen aufnimmt, als gäbe es kein Morgen, aber eben nur so, dass das Rigorose an ihr das Liberale in ihr ist. Das versteht nicht jeder Heino oder Heiko. Der Meinungskolumnist ist ein politischer Kopf, aber kein Hetzer; eher schon ein weltläufiger Gentleman.

Glosse kommt der Wortherkunft nach ja von Zunge. Deshalb der unerlässliche Hinweis auf Kulinarisches. Im San Giorgio in Charlottenburg gibt es neue Vorspeisen. Hauchdünn geschnittene Kalbsleber mit Speck und Birne in Salbeibutter gebraten; großartig. Oder Spinat mit Spiegelei und Trüffel. Dazu ein stabiler Sizilianer von Planeta. Mein ebenfalls verstorbenes Vorbild A A Gill hätte darüber dreihundert Zeilen gemacht; Minimum. Solches hörte ich gern von meinem Vers.

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HISTORIA DOCET.

Die Geschichte lehrt, heißt es. Der Lateiner sagt: „historia docet“. Aber was? Ich weiß es nicht. Man sollte vielleicht keine Sottisen erwarten; das ist das Hobby der Ideologiesüchtigen, die die Geschichte nur plündern, weil sie Beispiele für ihre irren Theorien brauchen. Geschichte versteckt sich; man sieht sie ohnehin nicht, jedenfalls nicht durch Tourismus. Touristen entdecken im Exotischen nur das Immergleiche.

Das Leben kehrt zurück in die Große Stadt. Lunch im „Salz & Tabak“ in der Kochstraße, die aus politischer Opportunität zur Hälfte Rudi-Dutsche-Straße heißt. Idol meiner Schülerjahre. Dann Attentatsopfer. Der Italiener sitzt unten im alten Gebäude der TAZ, dem linken Zeitungsprojekt, das online überlebt hat. Die Kochstraße war in der Weimarer Republik die Zeitungsstrasse, an deren Ende später, im Kalten Krieg, Axel Springer sein Hochhaus ostentativ an die „Mauer“ setzte. Strammer Antikommunismus.

Hier wurde ich Zeuge der Maueröffnung. Vom Presseclub Springers, ganz oben in dem Hochhaus, getäfelt mit dem Holz der Londoner Times, konnte man auf die Mauer runterblicken. Martini in der Hand. Es wurde das GOLDENE LENKRAD verliehen. Es sah von hier oben aus, als habe jemand einen Sack Reis aufgeschnitten. Neben mir Walter Momper, der damals Regierende Bürgermeister, der es zunächst gar nicht glauben wollte. Andere feierten, ich ging zu Bett. Am nächsten Morgen die Stadt voller Trabis. Einen historischen Tag verpennt.
Aus den Reihen der Alt-68er („Enteignet Springer“) ist jetzt einer Herausgeber der WELT. Kompletter Seitenwechsel, horizontal und vertikal. Das hängt ja oft zusammen, erst der Aufstieg, dann der Umstieg. Oder umgekehrt. Na ja, in seiner Autobiographie sucht Stefan Aust eher den Eindruck zu erwecken, als sei er immer schon eine liberale Seele gewesen. Gegenüber vom „Salz & Tabak“ der Fresstempel eines unsäglichen TV-Kochs; wird hier nicht empfohlen. Hinter dem Checkpoint Charlie (Friedrich Ecke Koch) eine Lebensversicherung, die hier vor hundert Jahren Kommunisten der KPD gründeten, um sich eine Feuerbestattung leisten zu können; man wollte nicht wie die Christen in Holzkisten auf das Jüngste Gericht warten. Solidarität für die letzte Würde.

Wie gesagt, die Touristen kommen wieder und laufen wie ehedem ahnungslos durch die Stadt. Oder fahren auf diesen unsäglichen Elektrorollern, eine gefährliche Kinderei. Sie glotzen und sehen nichts. Was ein Taxi zum Görli koste, fragen zwei australische Rucksackreisende den türkischen Droschkenkutscher am Halteplatz, der die Augen verdreht. Im Görlitzer Park lässt der Senat offenen Drogenhandel zu. Was sollen die abgelehnten und geduldeten Asylbewerber auch sonst tun, soll die Bürgermeisterin gesagt haben, eine Grüne. Permissivität gilt hier viel: „legal, illegal, scheissegal“.

Einen schweren Weißen aus Sizilien getrunken, jenem okkulten Anbaugebiet, aus dem die schwachbrüstigen Franzosen mit den großen Namen über Jahrhunderte heimlich hochgepantscht wurden. Tolle Qualität. In Butter gebratene Seezunge, Fenchel. Passt.