Logbuch
AUTOBIOGRAPHIE.
Ich lese die Lebenserinnerungen von STEFAN AUST und halte meinen Kopf in leichter Skepsis zur Seite geneigt, einem Lächeln, gelegentlich einen Grinsen Platz gebend. Der Mann hat einen feinen Humor und kann schreiben, auch wenn er das Gegenteil behauptet. Man bemerkt sein Bemühen, allfällige Irrtümer sanft zu korrigieren, um seinem Leben jenen SINN zu geben, der ihm gebührt. Er ist dabei mit großem Geschick den nachprüfbaren Fakten verpflichtet, während er die Wahrheit literarisch gestaltet. Halt ein Journalist.
Man wird von mir kein böses Wort über Stefan Aust hören. Ich schätze ihn sehr. Wir haben ein, zwei Dinge zu Wege gebracht. Mehr zu sagen wäre unangemessen, ja undankbar. Einen Journalisten aus dem Mund eines PR-Mannes gelobt zu hören, das hat unhinderbar einen Nachgeschmack. Also lasse ich das.
Was man an Gestaltungswillen in jenen Zeiten erahnt, die man nicht als Zeitzeuge beurteilen kann, wird in jenen Kapiteln zur Gewissheit, wo man mit eigenen Erinnerungen zu kämpfen hat, weil man dabei war. Eine Autobiographie ist die nachträgliche Anlage eines LEBENSPLANS im erläuternden Rückblick. Den Zufällen entzieht man so das Belanglose. Endlich macht alles im Leben SINN, jedenfalls vieles. Eine lohnende Lektüre, weil gute Literatur.
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DER ÄLTESTE BAUM.
Den Untergang der Dinosaurier hat er überlebt, der Ginkgo Biloba. Ein einzelnes Exemplar gar die Hölle von Hiroshima. Weil er VORSICHTIG ist und sehr BEDÄCHTIGT. Heute erst, zu Sommerbeginn, schlägt er voll aus, als letzter aller Gartenbäume. Er ist immer der letzte.
Und als erster wird er, mit dem initialen Frost, Anfang Dezember, alle Blätter abwerfen. Für 25 Jahre tarnt er sich als schlanker Pfahlwurzler, um erst dann sein Wesen zu zeigen, indem Wurzeln und Krone breit in die Horizontale gehen.
Ein weiteres Jahrzehnt tarnt er sein Geschlecht, um erst dann Mitte Dreißig, die weiblichen Wesen der Gattung zu offenbaren, die nun Früchte trage, Mirabellen ähnlich. Damit diese Samen nicht dem Verzehr anheimfallen, sind die Schalen extrem übelriechend. Im Hof der Humboldt-Uni in Berlin steht einer; am Gestank leicht zu finden.
Goethe empfand die Blätter als Liebessymbol, dem Philosophen zeigen sie Yin & Yang, die asiatische Kulinaristik fühlt sich an Entenfüße erinnert. Die Alzheimer-Gemeinde isst die Blätter, hat aber vergessen, warum. Aber all das ist oberflächlich. Trifft nicht sein Wesen.
Er hat nicht nur die Ruhe weg, er ist misstrauisch, der Ginko. Er hat schon zu viel gesehen. Ich habe knapp zehn, unterschiedlichen Alters, und schaue ihnen zu, wie sie bedächtig grün, dann gelb, dann kahl werden. Sie haben eine innere Uhr, die nicht von unserer Zeit ist.
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HALBSEIDEN.
Franziska Giffey wird Regierende in Berlin, mit Bravour, da bin ich sicher. Meine Frau Mutter hätte sie HALBSEIDEN genannt und damit den Grund ihres politischen Erfolges erfasst. Die Dame ist BERÜHMT-BERÜCHTIGT, das ist es, was es in dieser Stadt braucht. „A walking contradiction“, da passt der Charakter zur Stadt. Ihre immer zu hohe und leicht gebrochene Stimme und der Jargon des Ostens verstärken diese Inszenierung zum Authentischen.
Ich hab den Ausdruck mit dem Halbseidenen nachschauen müssen. Halbseiden wurden Stoffe aus zwei verschiedenen Fäden genannt, die nach außen vornehm wie Seide glänzten, aber auf billiger Baumwolle gewirkt waren. So wie die DOKTORARBEIT der Dame, die ihr ein zugeneigter Lehrstuhl der Freien Universität möglich gemacht hat. Außen hui, innen pfui.
Oder der Gatte der Giffey, der als Beamter wegen Betrug aus dem Dienst geworfen wurde. Kein großes Ding. Er hatte in fünfzig Fällen bei der Arbeitszeit geschummelt, und ab und an bei den Spesen. Also ehrlich, sagt da die Berliner Volksseele: Wer macht das nicht?
Das Genie Berlins liegt in der Nonchalance, mit der aus Mittelmaß und Schlitzohrigkeit ein regelrechter Kult, die durchgängige Subkultur des Halbseidenen, gemacht wird. Das Dummdreiste weiß sich hier als Witz zu tarnen. Am Ort nennt sich dieses Prinzip AUS KACKE KUCHEN. Das ist mir als Wertung zu grob. Und es stimmt auch so nicht. Es ist eben von beidem etwas. Nennen wir es treffender ein politisches OXYMORON.
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DIE QUAL DER WAHL.
Sehnsucht nach Autorität, nach Kompetenz, Können, dem Stoff, aus dem Kanzler sind. Deutschland gähnt. Die drei Kandidaten für die Regierungsspitze sind alle gleich unbeliebt. Alle drei langweilen. Am liebsten hätte der Wähler keinen von denen. Es bahnt sich eine Pflichtübung an. Ich kenne das von der Wahl der Elternvertreter in der Schule: es muss irgendwie sein, aber wirklich Bock hat keiner. Und die, die sich melden, sind peinlich. Wenn es ginge, könnte die ungeliebte Merkel bleiben. Egal…
Getretener Quark wird breit, aber nicht stark. Der SCHOLZOMAT grinst sich durch, manchmal bis an die Grenze zur Dümmlichkeit. Der ARME ARMIN übt sich jesuitisch im Ungefähren bis Vagen. Frau BÄR&BOCK will gefallen, aber schwindelt zu oft. Der fränkische MACHIAVELLI SÖDER schließlich riecht auch durch das TV nach billigem Rasierwasser. Was für eine Posse!
In einer Diskussion, die ich zu moderieren hatte, zeigt sich die sehr nette Kandidatin der Grünen für das Amt des örtlichen Oberbürgermeisters so entspannt, dass mir hinterher ein Journalist aus dem Publikum sagt: „Die will gar nicht!“ Das ist der Kern: Man weiß nicht, ob die überhaupt wollen. Die wollen nicht wirklich. Allesamt ein Ambitiönchen, aber keinen wirklichen Bock.
Es fehlt der politischen Klasse am Begattungswillen. Was für eine müde, unerregte Truppe. Die vorgenannte Grüne sagt, sie habe noch nie ein Auto besessen; sie sagt das in einer Stadt, in der VW der größte Arbeitgeber ist. Und will damit punkten. Ich glaube, die hat gar keinen Führerschein. Ich glaube, die haben ALLE keinen Führerschein. Die wollen mitfahren, aber nicht lenken. Ich bemerke, wie Verachtung in mir aufsteigt.