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ZWECK EHE.
Wenn sich Adelshäuser zu politischen Bündnissen entschlossen, gab es, der Erblichkeit der Titel wegen, keine anderen Möglichkeiten als die der Verheiratung ihrer Infanten. Die Zweckehe war gang und gäbe; gleichwohl war Nachwuchs zu zeugen. Ab in die Kiste! Unfruchtbarkeit oder Impotenz kamen dieserhalben ungelegen. Man lese nach, welche Mühe damit Heinrich der Achte zu England hatte.
Der Adel tolerierte in seinen Kreisen deshalb wie selbstverständlich Mätressen und sonstige Beschäler, da Konvenienz und Zuneigung nichts miteinander zu tun hatten. So wie spontane Paarungsbereitschaft und ewige Liebe unterschiedlichen Welten entstammten. Liebschaften gab es zuhauf, manche länger als Ehebündnisse. Die Neigungsehe ist daher ihrem Wesen nach eine originär bürgerliche Einrichtung, deren faktische Bedeutung allgemein überschätzt wird. Die Ahnenforschung hat schon immer angenommen, dass die Angabe des Vaters in Urkunden nur eine postnatale Willensbekundung der Mutter ist („pater semper incertus“).
Lust und Laune endgültig versaut haben die christlichen Kirchen, die alles in einen Topf warfen, den Sex, die Fortpflanzung, die Caritas und das Ewige Leben; unter den Protestanten dann in der eintönigen Tristesse der Kleinfamilie. Ekelhaft. Inzwischen spricht die Scheidungsrate ein offenes Wort.
Ehen zerfallen, Elternschaft ist ewig. Festzustellen ist allerdings, dass insbesondere Zweckehen ewig halten. Ich schenke allen Wesen, die die Konvention, Gewohnheit oder Neigung auf immer aneinander kettet, heute ein Valentinsgedicht in wunderbarem Mittelhochdeutsch:
„Dû bist mîn, ih bin dîn.
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist das sluzzellîn:
dû muost ouch immêr darinne sîn.“
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DAS FIKTIONALE.
Was nicht faktisch ist, den Tatsachen entsprechend, das muss man fiktiv nennen, erdichtet also, bloße Spinnerei. Vielleicht sogar in böser Absicht und übler Art Gefälschtes, im Amerikanischen „fake“ genannt. Zwischen diesen beiden Inseln unseres Urteilsvermögens liegt aber der Ozean des Fiktionalen, ein Weltmeer des Erdichteten. Kleine Märchen und große Mythen. Da mischt sich das Faktische mit dem Fiktiven zum Fiktionalen. Wesen aller Religionen. Davon will ich berichten und Königsberger Klopsen.
Zunächst zu einem gerade wiederentdeckten Stück Trivialliteratur, einem 1965 in den USA erschienen üblen Roman über einen fiktiven US-Präsidenten, der sie nicht mehr alle hatte. Das Ding führt eine „Nacht in Camp David“ im Titel. Ich lese im Netz: „Der darin erfundene (!) Präsident Mark Hollenbach bestellt den jungen Senator Jim McVeagh nachts zu sich nach Camp David in Maryland. Er eröffnet ihm, dass er der nächste Vizepräsident sein soll, weil er dem amtierenden nicht mehr traue. Zwei Treffen in Maryland finden im Dunkeln statt, weil sich Hollenbach stets beobachtet fühlt. Er möchte, dass das FBI fortan jedes Telefongespräch überwacht und will, notfalls mit militärischer Gewalt, eine Union mit Kanada und den skandinavischen Staaten errichten. Die Bevölkerung Skandinaviens sei diszipliniert und charaktervoll, er selbst stammt von nach Deutschland ausgewanderten schwedischen Vorfahren ab und McVeaghs Gattin sei ja Schwedin. Auch mittels Wirtschaftsmacht und Zöllen will Hollenbach fortan Druck ausüben.“ Und so weiter. Und so fort.
Erste Frage: Kanada? Na gut, aber Schweden? Wie kommen die Wikinger zu diesem guten Image? Was formte diese blonden Piraten zu so edlen Menschen? Es könnte am Verzehr von „Köttbullar“ liegen. Wenn ich eines Tages mein Standardwerk zur Kulturgeschichte der Boulette schreibe, wird sich ein ganzes Kapitel nur den schwedischen Hackfleischbällchen widmen. Und natürlich dem flachen Bratbruder der Frikadellen, dem sprichwörtlichen Hamburger, der mit einem Analogkäse-Überzug als „Cheeseburger“ zum Hauptgericht dessen gehört, den ein irischer Dichter (!) gerade im New York Book Report einen „orange overlord“ nennt. Das ist bestimmt Fiktion und eine, wie Kipling sagt, andere Geschichte.
Schweden als Leitkultur? Der blonde Hüne aus dem Skandinavischen ist zu seinen Zeiten überall im Transatlantischen rumgekommen, weil er küstennahe Piraterie betrieb. Also das, was die Hanse der Hamburger später kultivierte. Eine urbane Hochform dieser Zivilisation war weit im Osten das Preußische zu Königsberg. Die Stadt der größten Gelehrsamkeit mit dem epochalen Immanuel Kant. Schon zu seinen Zeiten eine blühende Enklave im Russischen, heute Kaliningrad. Meine Kulturgeschichte der Boulette wird den Königsberger Klops zum Edelsten erklären, was die gemeinsame europäische Geschichte hervorgebracht hat. Übrigens gehört an die Mehlschwitze mit Kapern immer auch eine Sardelle.
Heute mal nur kulinarische Notate, man kann nicht immer über Politik reden.
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DAS NARRA TIEF.
Es feiern die Frohnaturen. Heute ist Schwerdonnerstag, auch Weiberfastnacht genannt. Im Rheinland schneiden jecke Frauen mit Scheren den Männern die Schlipse ab, was als Akt der Emanzipation gilt; das ist Latein und heißt „Aus der Hand nehmen“, gemeint ist die Macht. Für einen Tag stürmen kostümierte Damen am Schmotzigen Donnerstag symbolisch die Rathäuser in Städten des Karnevals. Die sinnbildlich kastrierten und damit abgesetzten Herren erhalten als Belohnung keusche Küsse, Bützchen genannt. Man trinkt Killepitsch und Kleiner Feigling.
Die im Brauchtum ausgesetzte Moral der Möhnen hat Ausdruck im Liedgut gefunden: „...du darfst mich lieben für drei tolle Tage, du musst mich küssen, das ist deine Pflicht, du kannst mir alles, alles Schöne sagen, nur nach dem Namen frag mich bitte, bitte nicht.“ Ich bin kein Karnevalist, aber ich verstehe, was Karneval ist. Der regelmäßige Anstieg der Geburtenrate spricht ja auch eine klare Sprache. Die Story ist klar. Und wie jede gute Geschichte hat sie eine lange Tradition, tiefe Sehnsüchte und einen ganz pragmatischen Charme. Der Karneval hat keine Probleme mit seinem Narrativ.
Wer Geschichten erzählen kann, dem wird gedankt, dass die Sache einen Anfang und ein Ende hat, einen Spannungsbogen und mindestens eine großartige Pointe. Man kommt zum Höhepunkt. Auch die Schwätzer nennen das heutzutage ein Narrativ; vom Lateinischen „narrare“, was erzählen können meint. Obacht! Man kennt es von dem elenden Witzeerzähler im Bekanntenkreis: Nicht jeder, der etwas sabbelt, ist deshalb ein guter Erzähler. Ganz im Gegenteil, vieles bleibt banal.
Ich erlebe gestern, wie ein Regionalpolitiker versucht die Identität seiner Region zu beschreiben und dabei mit einem Katalog von Attributen agiert, die abgeschmackte Hochwertvokabeln aus aller Welt paraphrasieren und nichts, aber auch gar nichts von einer tollen Geschichte haben. Gleichwohl nennt er den schalen Nachgeschmack hübscher Worthülsen ein neues Narrativ. Das ist bitter. Es soll zugleich ein altes Narrativ entkräftet werden, das aber, obwohl schon in den Jahren, eine Geschichte erzählt. Dagegen ist die neue Narration leider nicht tief. Kein Narrativ.
Lassen Sie mich die gute Geschichte mit einem tollen Kostüm vergleichen; es gibt sie, wenn auch selten, die tolle Verkleidung. Vieles aber, was die Weiber heute tragen, ist halt nur alberner Driss. Das gleiche gilt für die Büttenredner. Große Erzähler sehr selten. Es ist eine Göttergabe. Wenige haben sie und viele eben nicht. Wo wir gerade über „aus der Hand nehmen“ reden, ich sammle heute Scheren ein; mit mir nicht. Hier wird nicht gebützt. Ich bin keine rheinische Frohnatur.
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FLOHMARKT-REGEL.
Der amerikanische Präsident George W. Bush, nicht die hellste Kerze auf der Torte, hat im Jahr 2003 eine militärische Invasion des Iraks angeführt, bei der ihm die Engländer unter dem Premierminister Tony Blair gefolgt sind, Deutschland aber nicht. Bundeskanzler Gerhard Schröder und sein Außenminister Joschka Fischer waren vom Kriegsgrund nicht überzeugt. Der Kriegsgrund, bei den Alten CASUS BELLI genannt, im Englischen WAR CASE, der war schlecht erdacht. Eine dümmliche Lüge.
Ich höre Joschka noch in München im Bayrischen Hof, wie er dem amerikanischen Kriegsminister Donald Rumsfeld ins Gesicht sagte: „I am not convinced!“ Das hat mir damals sehr imponiert. Den Mut hatten Colin Powell und Condi Rice nicht, der übrigens bei mir um die Ecke am Spreeufer eine ganze Häuserzeile gehört. Aber das ist eine andere Geschichte, wie Kipling sagt.
Bush hatte in einem Akt der Selbstüberredung den irakischen Diktator als „bösen Typen“ identifiziert, den er killen müsse, und ihm durch die Desinformationstruppe der CIA unterstellen lassen, dass er über Massenvernichtungswaffen verfüge und enge Verbindungen zu islamistischen Terroristen,sprich Al Quaida, habe. Ein Unsinn. Saddam Hussein war ein säkularer Sunnit. Ein Land zerbrach also im Chaos. Es starben mindestens 200.000 Zivilisten und knapp 5000 Militärs; die ersten auf irakischer Seite, die zweiten auf Seiten der Invasoren. Ein Desaster.
Das britische Militär soll sich, entnahm ich neulich einer englischen Quelle, dabei dramatisch blamiert haben. Auf ihre Nordirland-Erfahrung verweisend haben die Herren in Khaki sich im Irak als überfordert erwiesen; nicht mal Befragungen unter Zwang, vulgo Foltermethoden, haben es ermöglicht, eine Besatzungsordnung zu errrichten. Man floh bei Nacht und Nebel unter amerikanischem Schutz. Und Toni Blair hat, out of office, über die Kanzlei seiner Frau jedwedem Despoten der Region als Berater gedient, sagen seine Feinde.
Warum hat man Bush nicht von Anfang an von diesem Irrsinn abgehalten? Der Präsident war zwar für sich sehr entschieden, sagen Zeitzeugen, aber eben auch extrem leichtgläubig. Das hätte klappen können. Er war bekanntermaßen zwar einsinnig, litt aber unter einem „utter lack of inquisitiveness“ (Robert Draper), das ist die Unfähgikeit, kluge Fragen zu stellen, oder dumme. Jedenfalls nachzufragen.
Außenminister Colin Powell hatte, lese ich bei Robert Draper, dazu diese Regel aus dem Scheunenbazar mit antikem Porzellan („Pottery Barn Rule“): Wer es zerbricht, der hat es damit gekauft. You break it, you own it. Aber so vordergründig kann doch Weltgeschichte nicht sein. Aber was weiß ich schon.