Logbuch

SALZ DER ERDE.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat ein Eigenformat namens ZAPP, das so medioker ist, dass man im Fremdschämen schon einige Routine braucht. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.

Ich war zeitlebens Publizist, aber habe nie den hehren Anspruch des Journalismus als Vierter Gewalt für mich reklamiert. Oft war ich in Konflikten auf der anderen Seite des Schreibtisches, wie man so sagt. Und ich habe innerhalb der Journaille wenig Licht sowie viel Schatten gesehen; gelegentlich tiefe Finsternis.

All das gesagt habend: Ich habe den Beruf und die dazu Berufenen immer geschätzt. Mein Respekt ist eigentlich ungebrochen. Viele Journalistinnen und Journalisten waren meine Freunde; einige sind es noch immer (worüber ich nie öffentlich reden würde). Deshalb mit Emphase: Salz der Erde. Vielleicht lässt sich dies Verhältnis mit dem Respekt eines Strafverteidigers vor einem guten Staatsanwalt vergleichen. Die andere Seite, ein Gegner, aber jeder Ehre wert.

Das Bild, das jetzt aber die Chatting Classes beim NDR von sich malen, das schmerzt. Ich meine das nicht vordergründig. Etwa bezogen darauf, dass beim NETZWERK RECHERCHE die Verschlossene Auster von einem Journalisten des SPRINGER VERLAGES verliehen wird. Ich kenne den Mann und habe einschlägige Erfahrung mit ihm. Der Rest ist Schweigen. Schließlich ist Stefan Aust inzwischen Herausgeber von SPRINGERS WELT. Das mag alles sein, wie es will.

Was aber die Beschwerdeführer:innen beim NDR, die unter einem ach so schlechten Betriebsklima litten, jetzt an Hasenmut vortragen, das nimmt mir den Atem. Mein Gott, was für gekränkte Seelchen. Sie beklagen sich, dass ihnen der Arbeitgeber die vorherige Absolution für Kollegenschelte verweigert habe. Obwohl die Anwälte des Journalistenverbandes DJV danach gefragt hätten. Echt, Geschäftsschädigung nicht gratis?

Wehleidige Heckenschützen! Wie deutsch. Wie beamtenhaft. Welch ein Mangel an Charakter. Aber es gibt natürlich auch die Stehaufmännchen aus der Hierarchie. Die jetzt ihre zweite Reihe vors Rohr ziehen. Poooh, ist das alles klein. Mein Respekt vor dem Journalismus ist, ich gestehe es, kontrafaktisch. Und gesunken.

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SCHÖNHEIT.

Selbst Autos haben Gesichter. Wir lesen die Fahrzeugfront mit Scheinwerfern und Grill als Charaktermaske. Es gibt anmutige Autos und stockdoofe. Aggressive und alberne. Grazile Karossen und fette SUVs. Wie im Leben.

Durch Oslo schlendernd sehe ich ein Werbeplakat für ein sogenanntes Fitness-Studio, das immer geöffnet sei (24/7). Es heißt, man solle aufhören, fett und hässlich zu sein. Ungewöhnlich für ein Land, das sehr im Privaten lebt; noch privater ist nur das Baltikum, wo die Botschaft deutsche Ex-Pats sogar warnt, die Ehefrau mitzubringen. Exzesse des Calvinistischen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Diese Stätten der körperlichen Ertüchtigung sind mir ein Rätsel. Niemand hindert mich zu Hause an Gymnastik oder gar dem Turnen. Niemand entzieht dem Wanderwilligen die Gegend oder dem Jogger das Pflaster. Gleichwohl wollen Menschen in schlecht klimatisierten Räumen auf Laufbändern eng nebeneinander hecheln und die Luft, Tröpfchen prustend und transpirierend wie ein Schwein, mit Körperflüssigkeit füllen, als habe es COVID nie gegeben. Seit frühester Jugend hasse ich diesen Odem aus Schweiß, Proleten-Deo und Bohnerwachs; Turnhallen sind die Hölle.

Der Norweger macht übrigens Witze. Er sagt auf dem Plakat: „Hör auf, fett und hässlich zu sein; sei nur noch hässlich.“ Ich musste schmunzeln. Mir kam die Sottise, dass Schönheit immer nur im Auge des Betrachters liege. Wie alle Sprüche, die Trost spenden, stimmt er nicht. Beispiel: das Gesicht. Das Ponem. Die Hackfresse. Wir können in kein Antlitz starren, ohne es zu lesen. Etwas in es hineinzulesen.

Animalisch haben wir schon drauf, nach GEFAHR zu schauen. Oder Begattungsbereitschaft. Mona Lisa lächelt. Dann lesen wir die Züge um den Mund und die Falten an den Augen als CHARAKTERSPIEGEL. Wir kennen liebe Augen, traurige und tote. Insbesondere bei Junkies fallen sie mir auf, die toten Augen. Und bei trockenen Alks. Aber ich mag mich irren. Man sieht, was man sehen will.

Wie bin ich jetzt von der Hauptstadt der nordischen OPEC auf Alleinreisende in Riga und von da auf diese allgegenwärtigen Sportstätten der dünnen Sportschrate gekommen? Wie bringt mich das zum Lächeln der Mona Lisa? Ach so, ich war im Munch-Museum und hatte vorher den mit den Ohrenschmerzen im Original gesehen.

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GLAUBE.

Das grüne Denken hat etwas Unerschütterliches. Die Wirklichkeit kann ihm wenig anhaben. Insofern ist es eine Religion, die ihre Jünger gegen jede Plausibilität trotzdem beseelt. Sektenlogik.

Das Klima ist apokalyptisch. Und? Wir intensivieren die Verstromung von Braunkohle; der Bagger frisst ein weiteres Dorf. Wir importieren Steinkohle aus Südamerika; die alten Pötte in den Revieren rauchen wieder. Wir lassen die verbleibende Kernkraft am Netz und reichern Uran an. Wir ersetzen billiges sibirisches Erdgas durch die chemiegelöste Variante namens LNG. Mir leuchtet das alles ein.

Wir bauen die ERNEUERBAREN nicht so recht aus, weil das nur langfristig helfen würde. Wir vernachlässigen den Netzausbau. Die kollektiven Verkehrsmittel der Schiene wie der Lüfte liegen am Boden; ersatzweise macht sich die BAHN über ihre Kunden im hauseigenen Ghetto-Jargon lustig. Der Dieselpreis liegt deutlich oberhalb von Superplus. Ich versteh das alles.

Aber ich bin ja auch kein Grüner. Ich bete nicht deren Glaubensbekenntnisse. Und selbst ich, eine für das Ökologische verlorene Seele, finde, das kann nicht leicht sein, den Sektenschein in dieser Wirklichkeit aufrecht zu erhalten.

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FLOHMARKT-REGEL.

Der amerikanische Präsident George W. Bush, nicht die hellste Kerze auf der Torte, hat im Jahr 2003 eine militärische Invasion des Iraks angeführt, bei der ihm die Engländer unter dem Premierminister Tony Blair gefolgt sind, Deutschland aber nicht. Bundeskanzler Gerhard Schröder und sein Außenminister Joschka Fischer waren vom Kriegsgrund nicht überzeugt. Der Kriegsgrund, bei den Alten CASUS BELLI genannt, im Englischen WAR CASE, der war schlecht erdacht. Eine dümmliche Lüge.

Ich höre Joschka noch in München im Bayrischen Hof, wie er dem amerikanischen Kriegsminister Donald Rumsfeld ins Gesicht sagte: „I am not convinced!“ Das hat mir damals sehr imponiert. Den Mut hatten Colin Powell und Condi Rice nicht, der übrigens bei mir um die Ecke am Spreeufer eine ganze Häuserzeile gehört. Aber das ist eine andere Geschichte, wie Kipling sagt.

Bush hatte in einem Akt der Selbstüberredung den irakischen Diktator als „bösen Typen“ identifiziert, den er killen müsse, und ihm durch die Desinformationstruppe der CIA unterstellen lassen, dass er über Massenvernichtungswaffen verfüge und enge Verbindungen zu islamistischen Terroristen,sprich Al Quaida, habe. Ein Unsinn. Saddam Hussein war ein säkularer Sunnit. Ein Land zerbrach also im Chaos. Es starben mindestens 200.000 Zivilisten und knapp 5000 Militärs; die ersten auf irakischer Seite, die zweiten auf Seiten der Invasoren. Ein Desaster.

Das britische Militär soll sich, entnahm ich neulich einer englischen Quelle, dabei dramatisch blamiert haben. Auf ihre Nordirland-Erfahrung verweisend haben die Herren in Khaki sich im Irak als überfordert erwiesen; nicht mal Befragungen unter Zwang, vulgo Foltermethoden, haben es ermöglicht, eine Besatzungsordnung zu errrichten. Man floh bei Nacht und Nebel unter amerikanischem Schutz. Und Toni Blair hat, out of office, über die Kanzlei seiner Frau jedwedem Despoten der Region als Berater gedient, sagen seine Feinde.

Warum hat man Bush nicht von Anfang an von diesem Irrsinn abgehalten? Der Präsident war zwar für sich sehr entschieden, sagen Zeitzeugen, aber eben auch extrem leichtgläubig. Das hätte klappen können. Er war bekanntermaßen zwar einsinnig, litt aber unter einem „utter lack of inquisitiveness“ (Robert Draper), das ist die Unfähgikeit, kluge Fragen zu stellen, oder dumme. Jedenfalls nachzufragen.

Außenminister Colin Powell hatte, lese ich bei Robert Draper, dazu diese Regel aus dem Scheunenbazar mit antikem Porzellan („Pottery Barn Rule“): Wer es zerbricht, der hat es damit gekauft. You break it, you own it. Aber so vordergründig kann doch Weltgeschichte nicht sein. Aber was weiß ich schon.