Logbuch
SCHLÜSSELROMAN.
Schlüsselromane sind anstrengend, weil elende Zwitter, weder Fisch noch Fleisch. Sie verbergen etwas Vordergründiges hinter Literarischem, meinen aber doch nur das Vordergründige. Dann sollten sie gleich als Leitartikel daherkommen. Gewogen und für zu leicht befunden. Bei LITERATUR ist es umgekehrt; das Vordergründige ist eben nicht gemeint.
Gelegenheit, an die Reisebilder des Harry Heine aus Düsseldorf zu denken. Famoses Beispiel für WAHRHEIT & WIRKLICHKEIT in der LITERATUR. Heine hat da unzweifelhaft Vorbildliches; man darf ihn halt nur nicht als „Spätromantiker“ verkennen. Er ist eine Leuchte der AUFKLÄRUNG. Ich krame in meinen Erinnerungen nach einer Episode, ich finde leider das zerlesene Heine-Buch nicht. Wie war das noch?
Der Reisende beschreibt eine norditalienische Restaurantszene, in der zwei ältere Herren, ein Pfaffe und ein Adeliger, eine junge Kellnerin dreist belästigen. Da sitzt die RESTAURATION faul zu Tisch und lässt die NEUE ZEIT arbeiten; frech bedrängen die alten weißen Männer, sprich ADEL und katholische KIRCHE, auch noch die fleißige junge Frau, die etwas von jener Dame hat, die in Frankreich über den Barrikaden prangt. Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit. Es geht hintergründig natürlich um die Karlsbadener Beschlüsse und Metternich. Merke: Nicht Restaurant, sondern Restauration.
Es ist also egal, ob das in der Kneipe bei Genua unserem Freund Harry wirklich so geschehen ist. No fact checking. Heine schreibt keine Reportage; er ist nicht der Urvater von Herrn Relotius beim Spiegel. Hier liest jemand unter den Bedingungen der Zensur aus der deutschen Provinz seine NAPOLEON-Begeisterung in die Vorlage von Goethes Italienischer Reise und „erfindet“ dazu eine Restaurantszene. Am Hintergrund sollte er gemessen werden, wenn man es wohl mit ihm meint.
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BAUMPATE.
Zu berichten ist von einem kleinen Abenteuer aus dem Leben eines unfreiwilligen Hauswarts. Am Sonntag frühmorgens bin ich es leid und schleppe die lange Leiter in den Innenhof. Zwei Glasdächer über Eingangstüren sind seit Monaten zugewuchert.
In den entsprechenden Regenrinnen Blätter, Äste, Kastanien und Eicheln, der Samen der Bäume. Und in der Ablaufrinne unter dem Balkon des Nachbarn dessen in Latex, Haare, Kippen. Berlin halt. Öffentliche Verwahrlosung. Zu entfernen mit mutigem Herz, scharfem Messer und Wasserstrahl. Anschließend das versaute Pflaster abgespritzt. Den ganzen Schnodder unter den Straßenbaum gespült.
Eigentlich kein Thema für einen Sonntag Morgen. Kommt die Nachbarin des Wegs und ist ob des nassen Pflasters voll des Lobs. Das fände sie gut, dass ich die Baumpatenschaft übernommen hätte. Mit dem Schlauch gewässert, das sei doch was ganz anderes als nur aus einer Gießkanne. Jetzt gelte ich als Baumpate.
„When in Rom, do as the Romans do.“ (Weisheit unbekannten Ursprungs) Insofern alles paletti, wie man hier sagt. Das mit dem Öko-Image darf sich jetzt nur nicht rumsprechen. Sonst bin ich unter meinen Kumpels geliefert. Oh Mann, mein Freund, der Berliner Straßenbaum. Geht gar nicht.
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ANGELA LUDOLF.
Corona hat es gezeigt. Wir werden unter unseren Erwartungen regiert. Jedenfalls unter unserem Niveau. Immer wieder wird das CHAOS verhindert; gerade mal so. Mehr schlecht als recht. Das liege daran, höre ich, dass jeder Ministerpräsident sein eigenes Ding mache. Der Führungsstil der Bundeskanzlerin wird mit RADIKAL REAKTIV beschrieben (lese ich bei dem Journalisten Robin Alexander). Das ist nicht FÜHRUNG, das ist Flickschustern. Zu gut deutsch: DURCHWURSCHTELN.
Man kann das auch PRINZIPIENLOSIGKEIT nennen, vielleicht nicht ohne Charakter, aber ohne Plan. Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Beispiel: erst bei Kernkraftwerken den Ausstieg verhindern und Laufzeit verlängern, dann spontan ganz aussteigen. So entstand auch die Flüchtlingskrise: eben mal 1 Million reinlassen und dann die Städte mit dem Problem allein. „Wir schaffen das.“ Und: „Alternativlos“. Im Englischen: „muddling through“.
Das wird sich unter einem Kanzler Laschett nicht ändern. Armin ist da so gestrickt wie Angie. „Detail matters!“ Das PRIMAT DES TAKTISCHEN. Aber woher dieser Strategieverlust? Nun, die Probleme sind zu komplex, um sie mit einem Federstrich lösen zu können. Oder im Umkehrschluss: Die Behörden sind zu desorganisiert, unkoordiniert, mittelmäßig, um mit Komplexität umgehen zu können; nicht alle überall, aber viele auf unterschiedliche Art. Was denkt die Politikerseele? Unter der Decke des Alltags schläft das Chaos; wecke es nicht.
Das passt eben ganz schlecht zusammen: KOMPLEXITÄT auf der einen Seite, und auf der anderen DESORGANISATION. Die Desorganisation bleibt erhalten, da hinter ihr viele unterschiedliche Interessen lauern, unvereinbare. Da hilft dann nur noch PRAGMATISMUS.
Für meine Erfahrung ist das eben der Unterschied zwischen einer Autofabrik und einer Schrauberbude. Für den Bastlerladen gilt: Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zu suchen. Die Qualität der Industrie ist Wiederholgenauigkeit. Planen, ausführen, kontrollieren, planen… Nicht basteln! Dieses Land wird im Heimwerkermodus geführt. So ist Merkel ja dahin gekommen, wo sie nun 16 Jahre rumschraubt: sie hat sich was bei Kohl und anderen abgeguckt. Gesamturteil: Nicht vom Fach, aber radikal reaktiv. Not good enough.
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POLITIK DER WESTENTASCHE.
Wenn einer etwas GROSS tut, aber KLEIN ist, dann sprechen wir von einer Erscheinung für die Westentasche. Oder aus der Westentasche. Obwohl es nicht mehr so arg viele Männer gibt, die noch eine Weste mit diesen klitzekleinen Täschchen tragen. Billettasche, weil nur eine Theaterkarte reinpasst. Ich denke darüber nach, weil ein englischer Freund von „tin pot dictator“ spricht, wenn er einen Westentaschen-Napoleon sieht.
Der Tinpot war bei den britischen Teetrinkern ein recht billiges Geschirr, so etwas wie bei den Preußen der BLECHNAPF: „Wer einmal aus dem Blechnapf frass…“ Aber beim Westentaschen-Helden geht es nicht um Barras oder Knast, ganz im Gegenteil. Es geht um den Hang zu höherem. Dieser Held will an die Spitze. In’s Schloss. Wir reden vom Typ ANGEBER oder AUFSCHNEIDER. Wenn ein Bauer so tut wie ein Bürger, ein Großbauer wie der bessere Bürger. Bei dem Franzosen Moliere in dessen Stück über die SCHEINHEILIGKEIT: „le bourgeois gentil homme“, der betuchte Kleinbürger als Edelmann.
Der kurzzeitige Bundespräsident CHRISTIAN WULFF war ein solcher Westentaschenpolitiker. Ich räume mit allem Respekt ein, dass man ihm seinerzeit übel mitgespielt hat. Vor allem seine vermeintlichen Vasallen bei der BILD ZEITUNG, aber auch andere. Dass er charakterlich nicht aus dem harten Holz war, das Spitzenpolitiker ausmacht, zeigte erst seine Reaktion auf den eisigen Wind, der ihm ins Gesicht blies. Er selbst war mit anderen nicht zimperlich gewesen, also war man jetzt nicht zimperlich mit ihm. Seine Krise war dann am Ende seine eigene Krisen-PR.
Wulffs Gattin, eine studierte PR-Beraterin, wollte ihn und sich als das neue Rollenmodell des CAMELOT inszenieren, sprich als JOHN F. KENNEDY, der Zweite. Jungenhafter Charme und absolute Macht. Dazu war sein Hemd dann doch zu kurz. Wenn ein Hemd zu kurz ist, aber trotzdem angegeben wird wie BOLLE, dann sprechen wir vom Westentaschen-Politiker. Unter dem zu kurzen Hemd blickt man irgendwann, na ja, der nackten Wahrheit ins Gesicht.
Mein englischer Freund sagt, dass der Westentaschen-Kennedy, einmal unter Druck geraten, umfällt, und zwar nach rechts. Er nennt aus Ungarn Herrn Orban als Beispiel, der als Liberaler begonnen habe, aber als autoritärer Populist geendet sei. Ich spreche ihn auf seinen Prime Minister Boris Johnson an; er grinst: „Well, a tinpot dictator!“ Ein gutgelaunter, immer lächelnder Westentaschen-Diktator, sei der. Ein böses Urteil. Die Engländer lieben den Schwarzen Humor. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.