Logbuch
POTEMKINSCHE DÖRFER.
Verlage veranstalten Events, nun gut. Aber es kommt keiner. Auch egal. Über virtuelle Reichweiten.
Selbst alte Fahrensleute kommen gelegentlich noch ans Staunen. Ich sitze im Berliner Tempodrom, das gut und gerne 4000 Besucher zu beherbergen weiß, auf einer Veranstaltung, an der laut Ausrichter 2000 Teilnehmer partizipieren und zähle in den ersten drei Reihen 45 Menschen. Das ist alles. Das Eintrittsgeld lag bei guten 400€ je Nase.
Der Kongress ist als Gipfeltreffen zur Mobilität („Future Mobility Summit“) ausgelobt; auf der Bühne steht ein dreißig Jahre alter VW Polo, ein abgerissenes Fossil, weil die Vortragenden damals einen VW-Auftrag hatten. Die Karre war weit vor dem Drei-Liter-Lupo von Ferdinand Piëch, dessen Pressesprecher ich ganz gut kenne. Es gibt auf dem Kongress nichts Neues, rein gar nichts. Und keine Präsenz.
Nun, der ausrichtende Verlag erläutert sein POTEMKINSCHES DORF so: das sei eben ein hybrides Event. Die restlichen Teilnehmer säßen daheim an den Geräten. Von diesen virtuellen 1955 Teilnehmern tauchen gegen Mittag dann tatsächlich auch noch 200 auf, so dass der Sportpalast nicht ganz so leer bleibt. Nur noch 3755 leere Plätze. Anschließende Berichterstattung ausschließlich in dem Blatt des Veranstalters, keine andere Zeitung, kein Fachblatt, kein TV, nicht mal Radio Freibier.
Dafür aber zu Beginn ein Auftritt von Klimaklebern und „extinction rebellion“-Spinnern auf dem Podium; eingeladen vom Veranstalter und hofiert. Sagt neben mir ein Motorjournalist der alten Garde: „Verarschen kann ich mich allein!“ Na ja, aber nicht mit 1955 Virtuellen an den Volksempfängern in ihren Home Offices.
Wenn es denn stimmt. Alle Verlags-Zahlen über Reichweiten sind von Baron Münchhausen; notorisch übertrieben. Früher um den Faktor zwei, heute um das Hundert- oder Tausendfache.
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HÄUSER DES GRAUENS.
Der Verlust von Architektur ist im Häuserbau unübersehbar. Ich staune, was im nahen Neubaugebiet so alles an Wohngebäuden entsteht, denen jedweder Charakter fehlt. Man hat sich bei Nutzbauten ja schon an eine monströse Hässlichkeit gewöhnt; dabei war auch das mal anders.
Ein Wasserwerk konnte ein Schlösschen aus Backstein sein, ein Kraftwerk eine Kathedrale. Das 19. Jahrhundert wusste den nüchternen Zweck mit Gestaltungswillen zu verbinden. Das ist verloren; der Hallenbau kennt nur noch Quader unterschiedlicher Ausdehnung. Stillos, weil Zweckbau. Aber auch bei Wohnhäusern, die Menschen beherbergen sollen?
Nun mag der Einzelne eine so karge Erziehung genossen haben, dass darin weder Kunstgeschichte oder Ästhetik eine Rolle spielten; ich habe so einen Nachbarn, der die fehlende Bauordnung in einem unbändigen Drang des Bastelns zur Demonstration der Stillosigkeit nutzt. Soll er. Dies ist ein freies Land. Aber auch die industriellen Anbieter von Fertighäusern haben Architektur verbannt und durch Kitsch ersetzt.
Schwarzwaldhäuser an der Nordsee, Südstaatenbauten in der Eifel, das alles mag noch angehen. Aber der postmoderne Drang zur Verhübschung ist unerträglich. Am Ende kommt dann in den Kitsch noch eine Haustür der Firma Bifa und das Elend ist perfekt. Davor mit Schotter aufgefüllte Steingärten, die das Internet unter dem Rubrum „Gärten des Grauens“ kennt.
Die Priorität in der Nutzung der Wohngebäude hat sich geändert. Ich sehe prächtige Doppelgaragen, die natürlich mittels breiter Auffahrt zur Straße weisen, als Zentrum der Gestaltung. Und daran geklatscht die angegliederten Kleinkemenaten, in denen die Bewohner hausen. Die Garage als Tempel. Das wollen die Roten und die Grünen ja ändern, denen man geschmacklich wie ideologisch ansieht, dass die PLATTE des Ostens sie nicht wirklich schreckt. Ich habe die Theorie, dass Menschen so schlecht bauen, wie sie sich mies kleiden. Siehe Klara Geywitz.
PS: Ich selbst baue im Westerwald ein 350 Jahre altes Bauernhaus im Hampton-Look um. Wer im Glashaus sitzt.
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PETER MACHT DIE GRETA.
Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk macht sich Sorgen um die Ausrottung der Zivilisation, nur weil wir nicht zur Genügsamkeit befähigt sind. Er macht die Greta. Das ist bitter, weil banal.
Ich kenne den belesenen Mann, weil ich mal eine Talkshow im ZDF produziert habe, in der er Gastgeber war. Und ich lese ihn; immer bildungsbewusst, manches ist klug, vieles geschwätzig. Zu meiner Hochachtung gesellt sich das Mitleid mit einem Skribenten, den das Zeilenhonorar schon sehr lockt. Leider habe ich auch ein Werk des früheren Gatten seiner jetzigen Ehefrau gelesen; dann weiß man Sentimente, die hätten privat geblieben sein sollen.
Von der intellektuellen Klasse zwei drunter, ich meine Richard David Precht, kennen wir diesen Habitus des Weltgeistes, der auf den Strich geht. Auch da die Kombi von philosophischer Pose und Gefallsucht, genauer Tingeltangel. Precht hat mal, als er auf einer meiner Veranstaltungen moderieren sollte, für eine Tonprobe Schillers Glocke aufgesagt. Auswendig. Jüngst irrt er; verirrte er sich.
Was Peter Sloterdijk nun vorführt, ist nichts als eine calvinistische Geste. Eine alte Klamotte mit dem Charme einer Hafenhure. Dabei ist philosophisch, um ein Bloch-Wort zu zitieren, das häusliche Setzei mit Bratkartoffeln bis zur Unkenntlichkeit garniert.
Wenn Sie mich fragen: Ja, tut Buße. Schadet nie. Nein, es droht nicht das Jüngste Gericht. Die Natur hat einen anderen Zeitplan. Pflanzt Bäume!
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Der TON DER HEIMAT ist der Ton der Kindheit, den unser Ohr nicht mehr verliert. Sofort löst er innere Wärme aus. IMPULSIVE SYMPATHIE. Ich folge auf Facebook einer Journalistin, die in Italienisch aus Venedig berichtet. Sie ist durch die Schule eines gewissen WOLF SCHNEIDER gegangen, ein unerträglicher Aufschneider, den sie ex Hamburg über „gutes Deutsch“ kaspern ließen. Trotzdem höre ich bei ihr den Ton meiner Kinderzeit. Aus jenen Tagen, als ich noch kurze Hosen trug. Obwohl ich sie ja nur lese, höre ich ihn. Zweites Beispiel. Da pflegen sie in Berlin beim „Tagesspiegel“ eine Kolumnistin mit türkischem Namen. Ich schätze diese Edelfeder sehr; eine ganz wunderbare Autorin. Und ich höre den Ton aus der Zeit der kurzen Hosen. Es gibt bei ihr einen Stolz auf die Zechensiedlung, der sie entstammt. Man hört das; ich jedenfalls. Codewort: Kolonie. Nummer drei: In der besten Etage des teuersten Bürohochhauses brezzelt sich vor mir ein Immobilien-Mogul auf; er ist aus Leipzig nach Frankfurt gekommen. Aber ich höre (diesmal wirklich akustisch): der kommt daher, wo der kleine Klaus aufgewachsen ist. Darauf angesprochen erzählt er, wie er auf dem Flughafen in Dubai zusammenzuckt, weil jemand laut HÖMMA sagte. Zur Erläuterung: Aufmerksamkeit erheischende Eröffnungsfloskel. Es gibt eine regelrechte Erbfolge von „stand-up-comedians“, die ihr Publikum mit der lokalen Lautung des RHEINISCH-WESTFÄLISCHEN STADTBEZIRKS zu amüsieren suchen. Das finden wir von der RUHR aber eher unkomisch. Nestbeschmutzer. Der Urvater dieser Affen, ein gewisser Jürgen von Manger, kam zudem aus Koblenz; das liegt am Mittelrhein. Paaah. Nachlesen sollte man aber mal die Kolumnen, die die Essener WAZ vor Jahrzehnten pflegte; übrigens in Umschrift des regionalen Kauderwelsch. Begann immer mit dem Satz: „Anton, sächtä
Cerwinsky für mich...“ Aber von dem Image des KUMPEL ANTON wollte man weg. Zu proletarisch, zu migrationsbelastet, zudem ging es , furchtbar zu sagen, um Kohle. Richtige Kohle, also Steinkohle, nicht dieses schnittfeste Wasser, das sie da bei Aachen und in der Lausitz abgebaggert haben. Torf. Paaah. Übrigens ist aus dem Immobilienhai und mir nichts geworden. Wir haben unsere sentimentalen Momente, aber eigentlich zeichnet uns der klare Kopf aus. DOWN TO EARTH, wie Kipling sagt.