Logbuch
MORGENSTUND.
Es ist fünf Uhr - Paris erwacht. Das ist der Refrain eines Liedes, das mich Ende der Sechziger Jahre faszinierte. Ich hatte als Pennäler das Glück eines Parisbesuches und erlebte die Metropole mit den noch frischen Spuren der Studentenrebellionen. Man idealisierte das und skandierte klammheimlich mit: „flic, faschist, assassin“. Was falsch und dumm war, aber revolutionsromantisch.
Das erwachende Paris sah, so der Chansonsänger, neben den Bäckern und Arbeitern auch die Stripteasetänzerinnen und Transvestiten, die die Bars verließen. Paris erwacht. Das war für einen Pubertären aus der deutschen Provinz natürlich schon als Vorstellung aufregend. Die Gaslaternen der Großstadt haben das „carpe noctem“ geschaffen, die Erfüllung des Molochs mit Verruchtheit. Rote Mühle. Strangers in the night, für die Romantiker englischer Zunge.
Warum schlafen wir? Eine ungeklärte Frage. War das in der biologischen Evolution ein Diktat der Dunkelheit? Alle Säugetiere machen das wohl, sich auf‘s Ohr zu legen. Wir sind, wie die Batterie-Autos, für Dauerbetrieb irgendwie nicht gebaut. Und dem Schlaflosen künden morgens um vier, dass es bald hell wird, die Vögel mit einem Gesang, dessen biologischer Sinn sich mir auch verschließt.
Aber so ist Evolution. Es gibt keinen erhabenen oder gar vorausgehenden Sinn, der umzusetzen ist. Die Natur hat keine Ziele höherer Art. Sie lässt langfristig bestimmte Eigenarten leichter überleben als andere. Und warum dann ausgerechnet der Homo Sapiens aus Afrika es geschafft hat, der Neandertaler aus Düsseldorf aber nicht (obwohl man sich verkuppelte), das weiß man nicht. War das mit der Düsseldorferin Agnes Strack-Rheinmetall abgestimmt? Und warum verlieren die Borussen gegen die krummbeinigen Spanier? Die Natur hat keinen Verstand, sie lässt gedeihen oder nicht. Wie man das für eine Idylle halten kann, wissen die Götter.
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VERSCHWÖRUNG.
Was muss es eine Erleichterung sein, die WELTFORMEL gefunden zu haben, die aus Komplexität und Kontingenz befreit. Es muss beglücken, wenn das Leben nicht mehr ein diffuses Schreckenskabinett von Fremdem ist, ein Konglomerat von Zufällen und bösen Absichten oder eigenen Fehlern, von Banalem oder Bösem, jedenfalls dunklen Kräften und dummen Kapriolen. Ich rede von den BESONDERS AUFGEKLÄRTEN, Querdenker genannt.
Selig, wem die Welt als Verschwörung erscheint. Man mag dann zwar Opfer sein, aber wenigstens Opfer ein und derselben Misere epochalen Ausmaßes. Das Banale bekommt Bedeutung, jedwede Unpässlichkeit erweist sich als Ausdruck von Weltgeschichtlichem. Für alles gibt es einen Grund; der ist zwar verborgen, aber das kann den Verschwörungstheoretiker nicht blenden. Er weiß hinter allen ERSCHEINUNGEN ein WESEN zu erkennen. Einen Leviathan!
Wer derart eine WELTFORMEL für sich gefunden hat, wirkt dann beseelt bis besessen von dem Bestreben, diese Formel in allem und jeden wiederzufinden. Vermeintliche Widersprüche im Wirklichen werden belächelt; man weiß es ja besser. Es entsteht der FANATISMUS des Rechtgläubigen. Dem distanzierten Beobachter erscheint die Weltsicht der BESONDERS AUFGEKLÄRTEN, denen jeder Zweifel abhanden gekommen ist, als MANIE, eine milde Form des Wahnsinns.
Wer ist schuld? So lautete die Frage der dahingerafften Bevölkerung in der mittelalterlichen Pest. Und es waren, so der Mythos, die brunnenvergiftenden, kindermordenden Juden. Wer will schon Opfer von Flöhen und Ratten sein? Oder von seinen eigenen Hygienemängeln? Wenn es nicht mehr Satan war, dann die Illuminaten. Oder die Freimaurer? Oder alle drei? Auch der Marxismus-Leninismus ist nicht frei von der Imagination einer Weltherrschaft, Imperialismus genannt. Der Faschismus schließlich wusste die US-Börse mit den (!) Juden zu verbinden und einer Rassenlehre. Lässt sich in „Mein Kampf“ schon früh nachlesen; daraus hat „der Führer“ kein Geheimnis gemacht.
Während der COVID-Pandemie erreichte auch die transferernährten Sesselpuper im „indirekten Bereich“ (Industriejargon) das Gefühl, dass Staat immer staatliche Gewalt (sic) ist und man besann sich auf anthroposophische Impfängste. Jetzt verschmelzen hier bequemer Pazifismus mit Homöopathischem, grünen Mythen und palästinensischer Che-Guevara-Guerilla-Romantik zu einem Selbstmitleid der „chatting classes“ und ihrer wohlstandsverwahrlosten Blagen, nämlich unter einem umfassenden Notstandsregime leben zu müssen, wo ein Wahrheitsdiktat herrsche. Apokalypse!
Also, ich bin mehrfach geimpft und sage hier, was ich will. Und nein, niemand holt mich morgen ab. Und meine Verlustangst wegen fehlender Weltformel, die hält sich in Grenzen.
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PARADISE LOST.
Jeder Lateinschüler kennt den römischen Geschichtsschreiber Tacitus („der Schweigsame“), weil dessen Schrift über die Germanen Pflichtlektüre war. Das Römische Reich erreichte zu seinen Lebzeiten die größte Ausdehnung und schloss die Rheinprovinzen ein, deren Grenze („Limes“) bis heute besichtigt werden kann.
Tacitus liefert ein Sittengemälde der Barbaren, das er der römischen Dekadenz seiner Heimst entgegenstellen will. Spätere Theoretiker des Deutschtums haben sich hier bedient und jene Mythen eingesammelt, die ihnen in den Kram passten. Vieles ist aber auch amüsant, etwa die Schilderung von tagelangen Bierbesäufnissen, die in Schlägereien zu enden pflegten.
Der Römer trank Wein. Der Weinbau ist seine fundamentalste Kulturleistung, könnte man frotzeln, die bis heute nachwirke. Eine distanziertere Betrachtung der Geschichtsschreibung des Tacitus bemerkt, dass seine Beschreibung des Fremden davon gesteuert war, was er den Vertrauten ins Stammbuch schreiben wollte. Dann betrachtete er ausführlich Gerüchte als Fakten und schmiedete aus Fiktivem die Fiktion eines Volkes, dessen Unterwerfung seinen Zeitgenossen schwerfiel. Den Stachel wollte er ihnen ins Fleisch drücken.
Uns, den teutonischen Barbaren, dagegen war Italien immer schon ein Sehnsuchtsort, das Land, in dem die Zitronen blühten. Den großen Goethe brachte hierhin seine „grande tour“. Das waren ausgiebige Reisen von jungen Männern, um sich vor Eheschließung die Hörner abzustoßen. Was immer das heißen mag. Goethe jedenfalls verfasst während seines Venedigaufenthaltes Gedichte, die mit „erotisch“ zurückhaltend beschrieben wären; es handelt sich um Pornographie. Venedig, lese ich, war damals das größte Bordell Europas.
Das Mediterrane als Sehnsuchtsort; zunächst Griechenland, dann Italien, mittlerweile auch die Türkei. Gestützt durch die natürliche Sentimentalität von Migranten und mit den Urlaubsträumen der Teutonen. Auch Mythengebilde. Zum Beispiel für Germanen, die es leid sind, sich nach dem endlosem Biersaufen die Augen blau zu hauen.
Wir suchen Idyllen, weil sie in uns die Illusion nähren, man können das verlorene Paradies zurückgewinnen. Heimat; es gibt sie nur als verlorene.
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SCHIFFSCHAUKELBREMSER.
Fahrgeschäfte. Eine Kirmes besteht aus Fahrgeschäften. Raupe, Kettenkarussell, Achterbahn. Mobilität. Und Fahrgeschäfte, weil es ein reisendes Gewerbe ist. In doppeltem Sinne also MOBILITÄT. Auf den Geräten und mit ihnen. Aber viele verlorene Berufe.
Wer weiß heute noch, was eine BOXBUDE ist? Wer hat noch gesehen, wie aus dem Publikum ein mutiger Zuschauer als Freiwilliger in den Ring stieg und den Preisboxer verdrosch? Bei jeder Vorstellung der gleiche… KIRMESBOXER, das war ein Beruf. Und eine deutlich übergewichtige Frau, eine Ringerin, zu der ins Publikum gefragt wurde: „Wer will ringen mit die dicke Weib?“ Ein schmächtiger Mann wollte und endete vollständig unter ihr. Gejohle. Boxbude war eine Pflicht auf jeder Kirmes.
In dem Wagen, der in meiner Kindheit noch „Zigeunerwagen“ hieß, saß eine ältere Dame, die die Karten legte. Eine WAHRSAGERIN. Was mich faszinierte: Wenn sie die Zukunft kennt, warum spielt sie nicht Lotto und lebt in einem Palast in Saus und Braus? Die Tochter der
WAHRSAGERIN war in einem Jahr an drei Tagen in meiner Schulklasse. Ein bildschönes Kind, etwas exotisch, aber sehr attraktiv. Schulbildung bei Fahrgeschäften war schon immer ein Problem. Aber ich dachte, wenn die eine Prüfung machen muss, fragt sie halt vorher ihre Mutter. Da war meine Frau Mutter eher minderbegabt, was das Wahrsagen anging.
Unter allen Vergnügungen der Kirmes war die Schiffschaukel die technisch einfachste. Es gab keine Technik. So wie beim Tesla mit leerem Akku. Wer den Fortschritt liebt, der schiebt. An einem Stahlgerüst hing ein schmaler Bootskörper, in dem man durch Gewichtsverlagerung stehend sich auf und ab pendeln konnte; für die ganz Mutigen bis zum Überschlag. War die Fahrzeit um, hob ein junger Mann per Hebel ein Brett unter den Schwingkörper, bis dieser zum Stehen kam. Die SCHIFFSCHAUKELBREMSER waren meist unter den Hilfsarbeitern die mobilen Nichtsesshaften, die mittels des Plakats „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ angeworben wurden. Die Bezahnung im Oberkiefer war selten vollständig.
Der sprechfähige junge Mann zum Mitreisen konnte, wenn für Bargeschäfte vertrauenswürdig, LOSVERKÄUFER werden. Eine Frage der COMPLIANCE. Aus einem Plastikeimerchen bot er Lose an, die, so man Glück hatte, ein klares „Niete“ verkündeten; wenn man aber vom Pech ereilt wurde, musste man einen übergroßen Teddybären durch den Rest des Tages schleppen, zum Gespött aller. Der LOSVERKÄUFER jedenfalls trällerte den ganzen Tag: „Hier mal wieder das Glück ziehen, jedes zweite Los gewinnt.“
Ich hatte mal zehn Freikarten für die PONYREITER, weil ich denen gezeigt hatte, wo in meiner Heimatstadt eine Schreinerei war. Sie brauchten das Sägemehl für die kreisrunde Reitbahn. War aber langweilig. Das Leben ist kein Ponyhof. Den AUTOSCOOTER dagegen fand ich spannender. Übrigens E-Mobilität. Wie auf der IAA MOBILITY in München. Ich war da. Viele Kirmesboxer, Schiffschaukelbremser und Losverkäufer. Und eine Wahrsagerin. Leider ohne tolle Tochter.