Logbuch

DANKSAGUNG.

Höflichkeit besteht nicht in Subordination, sondern in der Achtsamkeit, wann eine Geste des Dankes angebracht sein könnte. Ich schätze kleine Gesten des ehrlich empfundenen Dankes. Selten, deshalb wertvoll.

Der Überschwang ist immer verdächtig. Es ist den Amerikanern eigen, dass sie "outspoken" sind und meist zu laut. Besondern fällt mir das in Hotels auf, in denen man sich ständig nach meinem Wohlbefinden erkundigt. Nicht nur, wie meine Anreise war, will die freundliche junge Dame an der Rezeption wissen; ihre Kollegin beim Frühstück erkundigt sich sogar, wie meine Nacht war. Also ehrlich, wen geht das was an?

So übertrieben gut gelaunt man in den USA daherkommt, so ausgeprägt ist die Übellaunigkeit in Italien. Sie gehört zu einem Standard der öffentlichen Ehrpusseligkeit. Der italienische Herr ist in der Lage aus jeder Frage, gleich welcher Beiläufigkeit, eine Frage der Ehre zu machen; und er ist bereit sie zu verteidigen selbst wenn sie nicht angegriffen wurde. Darauf steige ich nie ein, schon gar nicht im Geschäftsleben.

Beiläufig: Die Italiener bescheißen gern, die Amis glauben an das Controlling; deshalb hat es noch nie eine erfolgreiche Fusion eines italienischen mit einem amerikanischen Unternehmen gegeben. Oder mit einem deutschen. Die Weisheit habe ich von einem Österreicher, für den ich mal gearbeitet habe. Apropos Österreicher.

Ausgesuchte Höflichkeit ist in Wien jedem Kaffeehauskellner in die Wiege gelegt. Ich schätze das. Auch der Handkuss ist mir nicht fremd. Der natürlich, das sei hier allen teutonischen Barbaren gesagt, ein angedeuteter Kuss ist, kein Lippenkontakt, aber ein angedeuteter Diener. Das wiederum ist eine leichte Verbeugung. Eine leichte.

Sich bedanken zu können, ohne das Objekt der Bezeugung in Verlegenheit zu bringen, das ist die Königstugend. Die ehrliche Danksagung, eine deutsche Tugend.

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DER PROVOKATEUR.

Wenn der Witzbold sich zur Routine der ständigen Selbstübersteigerung verleiten lässt, dann ist er irgendwann nicht mehr komisch. Irgendwann bricht der Tabubrecher sein letztes Tabu. Und das dann ihn. Provokateure begehen Selbstmord in Raten.

Im Englischen heißt das, was wir hier abhandeln "Meinungsjournalismus", den bestimmte Spitze Federn in Kolumnen ausüben, die weniger über ein Thema Leser anlocken als über eben diesen Autoren. Die Kolumnisten erziehen sich ein Publikum, indem sie eine Erwartung bedienen, die jener gleicht, der Artisten im Zirkus frönen. Es müssen argumentative Kunststücke aufgeführt werden, bei denen der Leser fürchten können muss, dass sie schief gehen. Und hier und da, da gehen sie schief.

Die Seiltänzer im Meinungsgeschäft arbeiten ohne Netz. Sie nähern sich Tabus weiter, als der geschätzte Leser dies selbst vollführen würde. Darin liegt ihr Unterhaltungswert: "Die trauen sich was!"  Sie müssen Kühnes äußern, manchmal auch Tollkühnes. Darin liegt zugleich eine große Versuchung: wer immer weit gehen muss, der geht aus professioneller Routine irgendwann zu weit.

Der Kolumnist lebt von seiner Selbststigmatisierung als Höllenhund. Und er stirbt daran. So jetzt also dieser Boris Palmer, den ich mal kennenlernen durfte und für so wenig unterhaltend, ja ermüdend, hielt, dass ich im Laufe eines längeren Tübinger Abends mehreren Gläser Wein zusprach. Der brave Hans Leyendecker saß neben mir und bemerkte irgendwann, dass ich einen zu viel hatte. Und fragte mich, ob ich Kummer hätte. Leyendecker versteht nicht, dass man nur aus Langeweile trinkt, nie aus Kummer.

Der Originalitätszwang des Gewerbes ist eine Droge, die irgendwann zum Gift wird. Davon kann der große Jeremy Clarkson ein Lied singen oder der nicht ganz so große Aphorismus-Professor. Peter Sloterdijk glaubt Opfer einer solchen Verkennung gewesen zu sein. Harald Martenstein kriegen wir später. Dieter Nuhr nie. Mich selbst irritiert am meisten, wenn Kolumnisten beginnen, politische Lager zu bedienen, insbesondere die der neuen Rechten. Im Moment fürchte ich sehr um Konstantin Kisin. Den kennt man hierzulande nicht? Gut so, das, und nur das, könnte ihn retten.

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TRAUMJOB.

Was wäre, wenn ich noch mal zwanzig oder dreißig wäre, mein Traumjob? Wohlgemerkt mit den beschränkten Fähigkeiten, die ich auch jetzt habe. Ich würde ein sehr erfolgreicher STRAFVERTEIDIGER.

Ich habe von Jus keine Ahnung, aber das hilft ja bei der Beschreibung von Träumen. Unser Strafrecht ist klug eingerichtet, weil es keinen Beschuldigten zwingt, sich selbst zu belasten. Nie muss man gegenüber dem Staat seine Unschuld beweisen. Der Angeklagte darf in seiner Sache sogar lügen. Es gibt in eigener Sache keine Pflicht zur WAHRHEIT.

Hier kriegen die ehrpusseligen PR-Leute schon die Krise. Dass Verteidigung das Recht zur Lüge einschließt, das überfordert ihre Nerven. Der Strafverteidiger selbst lügt natürlich nicht wissentlich und nie erkennbar vorsätzlich; er ist ja ein Institut der Rechtspflege. Er stellt die bescheuerte Frage nach der WAHRHEIT im Binnenverhältnis zum Mandanten nicht, jedenfalls nicht fundamental.

Jetzt wird es fachlich: Da ein bestimmter TATBESTAND immer zu einer bestimmten TAT führt, der eine STRAFE entspricht, fragt der kluge Anwalt nicht vorschnell nach dem TATBESTAND, also dieser Wahrheit. Er konstruiert einen SACHVERHALT, der zu einem gewünschten TATBESTAND führt, jedenfalls einen unerwünschten vermeidet. Er fragt nach der „Möglichkeit“ einer solchen WAHRHEIT. Das ist übrigens ein Begriff von Luhmann.

Hierin liegt der Charme dieses Berufes: Man muss nicht an die Unschuld des Mandanten glauben; man hat dessen Recht auf Verteidigung zu verteidigen. Die naive Frage nach der naiven Wahrheit spielt hier keine Rolle. Es ist völlig absurd anzunehmen, dass nur Unschuldslämmer im Wartezimmer der Kanzlei sitzen.

Jetzt geht es an‘s Eingemachte. Auch regelrechte Schurken? Tjo. Das Recht auf Verteidigung. Die Anklage vertritt der Staatsanwalt, das Urteil fällt der Richter. Diese drei (!) Rollen zu trennen, das ist nicht jedem gegeben. Bei den PR-Leuten läuft das meist mittels Selbsttäuschung; die belügen zunächst sich selbst, damit sie dann die Öffentlichkeit reinen Herzens täuschen können.

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BARFUSS DIE SOLOVIOLINE.

Gestern spielte die junge Geigerin Patricia Kopatchinskaja zusammen mit den Berliner Philharmonikern unter Kirill Petrenko das „Concerto funebre“ von Karl Amadeus Hartmann aus dem Jahr 1939. Und sie, die Soloviolinistin, war BARFUSS. Auf der Bühne der Berliner Philharmonie.

Das Publikum war, skurriler Gegensatz, wegen Corona vermummt. Und staunte über die feenhafte Eleganz einer virtuosen Künstlerin, die eine unvermutete Grazie zeigte. Die „Musik der Trauer“, welch ein Widerspruch, erheiterte, ohne eine Spur des Komischen oder Pathetischen. In der Leichtigkeit einer weinenden Violine. Ein großes Kunsterlebnis. Spielt sie immer ohne Schuhe? Kein Ahnung. Das aber war ANMUT. Anmut ohne falsche Würde.