Logbuch

UNZEITGEMÄSS.

Es gab einen völkerverständigenden kulturellen Austausch zwischen dem Baltikum und Russland. Das Livländische, vulgo Lettland, war eine Metropole der Aufklärung. Mein Freund ist gerade in Tallin, das ist nebenan; deshalb erinnere ich so dies und das.

Über den Verleger Johann Friedrich Hartknoch aus Riga ist wenig bekannt, sein Wikipedia-Eintrag ist erstaunlich mager und der Brockhaus verzeichnet seinen Namen nur in sehr alten Ausgaben. Dabei war er in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein wirklich bedeutender Mann, nicht zuletzt deshalb, weil er den deutschen Philosophen Immanuel Kant verlegte. Dessen Werke gingen von Riga aus in die Welt.

Ich bin auf Hartknoch aufmerksam geworden, als ich bei einem Spaziergang über den deutschen Friedhof in Riga unvermittelt vor seinem Grabstein stand. Ein deutschsprachiger Russe, der dort flanierte, erläuterte mir, dass Hartknoch Mitglied der Freimaurerloge Zum Schwert war, die in Riga ein Knabeninternat betrieb, das verwaiste Kinder von der Straße auflas, um ihnen mit dem Rohrstock das Latinum einzubläuen. Im Stadtarchiv habe ich später eine Urkunde gesehen, die Hartknoch als Zweiter Aufseher der Loge unterzeichnet hatte.

Johann Friedrich Hartknoch der Ältere verstarb kurz vor seinem 50. Geburtstag, um den Verlag in die Hände seines Sohnes, Johann Friedrich Hartknoch der Jüngere, zu legen. Neben seinen Verdiensten um Autoren wie Immanuel Kant und Johann Gottfried Herder sind vor allem seine Bemühungen um die Literarisierung des benachbarten Russlands zu loben. Er nutze das Klima unter der Regentschaft von Zarin Katharina der Zweiten, genannt die Große, zum kulturellen Austausch mit den russischen Nachbarn. Wie unzeitgemäß.

Logbuch

DIE NEUE RECHTE.

Die grün buhlende CDU sagt, das Konservative sei nicht ihr Markenkern. Sie will rechts Platz lassen. Da wird kein Vakuum entstehen. Das füllt gern die Neue Rechte. Dem Postfaschismus eine Gasse.

Schweden, hören wir, ist nicht mehr das Mutterland der Sozialdemokratie; eine Neue Rechte ist erstarkt und verbündet sich mit den moderaten Konservativen. Mehrheit rechts der Mitte. Aus Italien tönt eine postfaschistische Dame, die ein reaktionäres Bündnis will. Ihre populäre Kollegin in Frankreich kennen wir. Belgien hat einen rechtsextremen Flämischen Block. Und in den USA, täuschen wir uns nicht, steht das halbe Land hinter Trump. Aber bleiben wir in Europa.

Ich will mich der Empörung des liberalen Milieus, dem ich angehöre, für einen Moment verweigern und die Gemeinsamkeit suchen, die die neuen Blüten am rechten Rand eint. Warnhinweis: Ich versuche das zu referieren; ich teile es nicht. Man wage nicht, mich sinnentstellend zu zitieren.

Die modernen Staaten, Annahme eins, werden von außen beherrscht; sie seien nicht frei. Es gelte daher den Imperialismus abzuschütteln. Das geht gegen die USA. Oder gegen die EU. Diese dekadenten Gemeinwesen werden, Annahme zwei, von innen zersetzt durch Zuwanderung, auf die der liberale Staat nicht machtvoll genug reagiere. Das geht vor allem gegen muslimische Migration. Der Ausweg sei, Annahme drei, eine homogene Gesellschaft. Damit ist die Vorstellung des Reinrassigen gemeint, was man aber so nicht sagen mag. Geredet wird von einem neuen Nationalismus, dem der gleichen Abstammung. Jedenfalls keine Parallelgesellschaften.

Eigentlich gemeint sind dabei Volksgemeinschaften, die nicht nur in der Abstammung gleichförmig sind, sondern auch in der Gesinnung und Lebensweise; was, Annahme vier, ein gesunder Urzustand ist. Diese Gesundheit der Volksgemeinschaft darf man aber nicht in Parlamenten von Kranken zerreden lassen, weshalb es, Annahme fünf, einer präsidialen Führung bedarf; gemeint ist eine populäre Diktatur, geredet wird von einer illiberalen Demokratie.

Die ideale Welt der Neuen Rechten ist also eine heterogene Gemeinschaft homogener Staaten; nehmen wir mal an, das sei kein Widerspruch in sich selbst. Deren Wirtschaft kann nur gedeihen, wenn man den Einfluss der Kapitalmärkte ausschließt. Wer nach Ansicht der Postfaschisten an den Börsen das Sagen hat, das lassen wir mal aus. Die Ökonomie der Zukunft ist, Annahme sechs, ein Korporativismus, viele Betriebsgemeinschaften vom Zuschnitt der Volksgemeinschaft. Reinrassiges Mittelalter.

Nun entsprang die Menschheit aber der bäuerlichen Idiotie des Mittelalters durch die Hanse, Welthandel also. Durch die Renaissance, die Wiedergeburt des Fremden, also die Aufklärung. Ups. Ich räsoniere. Das könnte undeutsch sein. Wäre ich ein Neurechter unterliesse ich das. Schließlich will ich nicht, dass Deutschland sich abschafft. Ironie aus.

Man kann bzgl. Postfaschismus das „Post“ streichen.

Logbuch

DER FREMDE.

Kipling galt als Propagandist des Imperialismus. Der Stammpoet des Weißen Mannes. Ein beachtlicher Irrtum. Er war ein Gefangener der Geschichten seiner Zeit, die er virtuos zu erzählen wusste.

Mit nur 42 Jahren war der englische Dichter Rudyard Kipling Nobelpreisträger für Literatur; der jüngste bis heute. Berühmt wurde er leider über Gelegenheitsarbeiten wie das Kinderbuch vom Dschungel. Im Alter verblasste sein Ruhm. Heute ist sein Werk über weite Strecken vergessen. Dabei ist er ein großartiger Erzähler. Den jungen Bertolt Brecht hat er stilprägend beeinflusst.

Kipling war Spross einer anglo-indischen Identität, eines Mischmilieus, das der britische Imperialismus hervorgebracht hat. Das Lahore seiner Jugend liegt heute in Pakistan. Aber es verschlug ihn auch in das Kleinbürgertum Südenglands, nach Amerika, nach Afrika. Ein Rastloser mit tiefer Sentimentalität. Wie der tragische Maler, der langsam sein Augenlicht verlor, von dem er erzählt. Seine Welten, die er virtuos nacherzählte, sind schon zu seinen Lebzeiten alle untergegangen. Kipling zu lesen, das heißt, sich in vertraulichem Ton Fremdem zu nähern, mit der Weltsicht eines freimaurerisch geprägten Gentleman, der nirgendwo eine Heimat fand.

Nicht nur in Indien ist sein Werk heute geächtet. Es gehorcht nicht der einsinnigen Biederkeit des politisch Korrekten. Oft im Jargon des kahki-gekleideten Militärs schwadronierend zitiert es vergangenene Milieus; immer ironisch. So sagt er: „A woman is only a woman, but a cigar is a good smoke!“ Wer darüber lachen kann, ist kipling-geeignet.

Logbuch

FREMDENLEGION.

Eine besonders böse Truppe soll die Fremdenlegion der Franzosen sein, obwohl zusammengewürfelt, gilt sie bis heute als eiserne Einheit. Soziologisch interessant.

Diese Elitetruppe der französischen Armee nimmt bis heute gern Leute aus aller Welt, die ihren alten Namen vergessen machen wollen und hier ein neues Vaterland finden. Plus neuem, französisch klingendem Vornamen. Früher ein Fluchtort für alte Kameraden der Waffen SS. Unrühmliche Gesellen, jetzt unter weißen Käppis und in martialem Ruf. Ein rauer Haufen von verwegenen Söldnern, die die Anonymität suchen mussten.

Zum legendären Ehrenkodex der Fremdenlegion gehört, dass man niemals einen Kameraden oder eine Waffe zurücklässt. Ein Vorsatz aus den Stellungskriegen. Soziologisch höchst interessant. Er bedient die notorische MATRIX militärischer Gruppen, eine VERTIKALE und eine HORIZONTALE, die deren Zusammenhalt schaffen und garantieren.

Von oben nach unten, in der VERTIKALEN, gilt das Prinzip des Gehorsams, ja, des Kadavergehorsams, der eher den eigenen Tod hinnimmt als dem Feind zu nützen, hier, indem man Waffen in dessen Hände fallen lässt. Dieses Prinzip von „Befehl und Gehorsam“ gilt für alle militärischen oder paramilitärischen Gruppen, also eine klare Kommandostruktur.

Untereinander, also in der HORIZONTALEN, gilt das Prinzip des unbedingt Amikalen, der Kameradschaft bis in den eigenen Tod. Gerade in einem so zusammengewürfelten Haufen aus den Verzweifelten aller Nationen und Welten muss eine neue „Identität“ geschaffen werden. Das gemeinsame und neue Vaterland der Söldner ist die „Legion“. LEGIO PATRIA NOSTRA. Die Kameradschaften nennen sich „amicale“.

In dieser Matrix von hierarchischer und kollegialer Bindung lässt sich dann eine Truppe als „zusammengeschmiedet“ führen. Natürlich waren nur die Mannschaften so verbundene Fremde; das Offizierscorps wurde immer von Franzosen gebildet (sehr seltene Ausnahmen). So weit geht das Vertrauen in die Soziologie der Matrix dann doch nicht.

Der Sold dieser Söldner war immer vergleichsweise hoch. In meiner frühen Jugend spielt der Vietnamkrieg der USA politisch eine große Rolle, den die Amis von den Franzosen geerbt hatten. Die hatten 1954 eine legendäre Schlacht gegen die Vietnamesen verloren, Stichwort Dien Bien Puh. Ich erinnere den historischen Hinweis, dass der Sold der Fremdenlegion so hoch war, dass es immer und bei allen „für Heroin und Blumenmädchen“ gereicht habe. Tja, da hat dann auch die Matrix nicht mehr genützt; so gewinnt man dann doch wohl keine Kriege.