Logbuch
MARKTWIRTSCHAFT.
Was für die Kartoffel und den Kohl gilt, das Prinzip regionaler Nachhaltigkeit, das soll auch den Energiemarkt bestimmen. Weg von den Monopolen. Heimische Energie. Die grüne Wende.
Weite Teile unserer Energieversorgung stehen vor der Verstaatlichung, weil sie die Risiken der Beschaffung als private Betriebe nicht mehr tragen können. Das gilt jedenfalls für den Gasmarkt. Das läuft dann so gut wie andere Behörden, zum Beispiel die Bahn.
Die Energieversorgung mit Öl ist in Händen internationaler Konzerne, die sich wie ein Kartell verhalten, zum Teil mit der Beteiligung von Staaten. Sie nehmen es von den Lebendigen und schützen ihre Oligopole.
Für die Kernenergie habe ich schon immer gesagt, dass sie nicht von börsennotierten Unternehmen betrieben werden kann, da das Restrisiko nicht versicherbar ist, zum Beispiel. Willkommen im militärisch industriellen Komplex.
Die Weltmärkte für Kohle funktionieren nicht anders als die für Öl oder Gas. Und grüner Wasserstoff ist ein Einhorn, das erst noch gefangen werden muss. Ich könnte verraten, wie man Einhörner fängt; das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Deshalb ist es so wertvoll, dass der Anlagenbau zur Nutzung von Sonne und Wind in der Hand inländischer mittelständischer Hersteller ist und die Anlagenbetreiber aus sehr vielen dezentralen Privatleuten bestehen. Die gut ausgebauten Netze bringen den Nordseewind auf die Alm und die mediterrane Sonne auf die Hallig. Und die Branche ist eine friedliche Genossenschaft von Herstellern, Betreibern und Nutzern. Mittels günstiger Energiepreise betreibt man nationale Wirtschaftspolitik. Deutliche Exportüberschüsse. Alles gut.
Finde die Fehler.
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OKTOBERFEST.
Ich musste in diesem Jahr nicht aufs Oktoberfest.
Mir fehlen fünf Liter Bier im Bauch, ein Brathähnchen und ein scharfes Wurzelgewächs, gegen derer Belastung des meinigen Magens ich Vogelbeerenschnaps und Underberg zu mir zu nehmen pflegte. Und das bei einer Konfirmandenblase. Kein Prosit der Gemütlichkeit. Keine anhängliche Osteuropäerin. Keine Tracht. Kein Kater. Kein Thomapyrin.
Ich hatte wohl noch eine Einladung, die aber höflich abzulehnen ich mir die Freiheit genommen habe.
Mutter, es geht mir gut.
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HELDEN.
Was macht einen ausgeruhten Charakter zum Heroen? Nichts. Nur die zu kurz geratenen Männer wollen sich brüsten. Erkenntnisse in einem römischen Museum. Über kleine Männer, den Pitzdopp als solchen.
Unter all den Helden der Antike sticht HERAKLES hervor. Er war der Sohn von Zeus und Alkmene. Schon als Kleinkind soll er eine Schlange, die seine Wiege heimsuchte, mit bloßen Händen erwürgt haben. Ich stehe in Rom im Museo Capitolino vor einer Kopie einer entsprechenden griechischen Plastik. Tjo, ob man das so alles glauben kann. Heldensagen sind nicht verlässlich. Aber aufschlussreich.
HERAKLES war ein Shorti, ein untersetzter Mann, selbst für antike Verhältnisse, also sehr klein. Später würde man vom Napoleon-Syndrom sprechen. An der Ruhr: Pitzdopp. Aber zu HERAKLES: Viele seiner Fertigkeiten wie das Speerwerfen oder Bogenschiessen waren vielleicht Kompensationen dafür, dass er ein Pitzdopp war. Man rühmte seine Stärke und seinen Mut, aber auch von einem Hang zur Wollust ist in den Quellen die Rede. Ein Geltungssüchtiger. Schon als Jugendlicher soll er ein Raubtier, das in der anvertrauten Herde Schafe riss, mit bloßen Händen erledigt haben, den berühmten Löwen von Kitharion.
Dafür nahm ihn dann der König Thespios bei sich auf und gesellte ihm nächtens seine Tochter zu. Andere Quellen sprechen davon, dass Herakles fünfzig Nächte blieb. Und er jede Nacht eine weitere der insgesamt fünfzig Töchter des Königs beglückte; oder sie ihn. Ohne zu ahnen, dass sich statt der Einen eine schwesterliche Folge näherte. Er wähnte sich immer in den gleichen Armen. Bei Pausanias liest man, dass Herakles deutlich vom Wein betört war und er in einer einzigen Nacht, eine nach der anderen, alle fünfzig Töchter des Thespios erkannte, ohne zu erkennen, versteht sich, dass jedes Mal eine andere zu ihm huschte. Jede von ihnen, so sagt die Sage, gebar ihm danach einen Sohn. Unglaublich, Du glaubst einen guten Lauf gehabt zu haben und bist in einem Hub kinderreich. Nur weil Du den Löwen von Kitharion erwürgt hast.
HERAKLES wurde später, noch als junger Mann, vom Wahnsinn geschlagen. Das sei hier warnend angemerkt, bevor sich andere kleine Männer zu großen Taten berufen fühlen.
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WAY OF LIFE.
Der BREXIT hat ein Vergnügen aus unserem Leben genommen, den gelegentlichen Genuss der englischen Lebensart. Ich meide die Inseln, seit sie uns, die Europäer, zu meiden gedenken. Ein Verlust, der nicht zu ersetzen ist. Schon gar nicht durch Französisches.
Vielen große Denker hat es vom Kontinent auf die grünen Inseln gezogen, über Jahrhunderte. Und eben auch kleine; dabei waren es nicht nur die Metropolen Züge Londons, der Hauptstadt der Welt, wie noch Kipling fand. Auch die hässlichen Seiten hatten ihren Charme. In 26 Marine Parade, Sheerness, Kent, wohnte Uwe Johnson, dem New York zu doof war.
Ich traf UWE JOHNSON irgendwann Anfang der Achtziger Jahre zufällig in seinem Exil auf der Isle of Sheppey, in jenem runtergekommenen Hafen namens Sheerness. Die Kneipe heiß The Napier. Ich erkannte ihn erst auf den zweiten Blick, den großen Suhrkamp-Autoren, nach seinem Foto auf den Buchklappen. Auf den ersten war er mir aufgefallen, weil er Hürlimann Lager trank, hier in England; ich bestellte stets ein Bitter. Dazu rauchte er unentwegt Gauloises.
Er kannte sie alle: Enzensberger, Grass, Max Frisch, Christa Wolf, Habermas. Und er wusste zu erzählen. Wir gingen dann raus in den kleinen Biergarten, weil es trotz des Straßenlärms ruhiger war. Nach einer Weile merkte ich, dass er auch von sich selbst in der dritten Person sprach. Er stand neben sich. Und irgendwann holte ihn damals die Schreibblockade, aus der ihn das Saufen nicht befreite. Also sog er den milden Exotismus der englischen Lebensart in sich auf.
Die Gründung eines „Institute for the Preservation of British Customs“, ich gebe es zu, es war meine Idee, die sich Johnson sofort notierte. Ich weiß nicht, ob daraus jemals mehr geworden ist. Ein böser Sturz beim Öffnen seiner dritten Flasche Wein, nach einem extensiven Besuch des „Napier“,
hat ihn aus dem Leben gerissen. Ein einsamer Tod, gefunden wurde er erst nach Tagen, weil sein Thekenplatz im Pub freigeblieben war.
Sheerness hatte einen morbiden Charme. Im ehemaligen Kriegshafen lag damals noch immer ein gesunkener amerikanischer Munitionstransporter, Masten aus dem Wasser, mit einer Bombenlast auf dem Seeboden, die die Stadt wie die ganze Insel hätte sprengen können. Sagt UWE JOHNSON zu mir: „Charles liebt diesen Anblick.“ Er meinte sich, den Exilanten, von 26 Marine Parade, drei Blocks weiter als das „Napier“. Keine Pointe.