Logbuch
KLUG. NICHT SCHLAU.
Eine Opernarie klingt in meinen Ohren: „Oh, ich bin klug und weise, mich betrügt man nicht.“ Man darf erwarten, dass wer so von sich denkt, bald eines besseren belehrt wird. Weil im Leben die Schlauen herrschen, nicht die Klugen.
Ein junger Journalist freut sich, dass ein Branchenblatt ihn zu den Top 30 der Zunft zählt. Das sei ihm gegönnt. Ich habe ihn mal kennengelernt und als sehr sympathisch empfunden. Dann gibt er aber dazu ein Interview, in dem er herausstellt, dass eine Kollegin (sic) ihm mal gesagt habe, die WAHRHEIT sei KONKRET; das gebe ihm stets zu denken. Aha.
Nun, diese Kollegin heißt Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Ich lese die Passage in seiner Geschichte der Philosophie noch mal nach. Für den flüchtigen Leser schwere Kost. Aber das Zitat ist zu Ehren gekommen. Lenin hat es politisch missbraucht und Brecht literarisch. Seine Popularität besteht in der Unbestimmtheit. Ein ideales Motto. Eine Chiffre. Es klingt markig und verpflichtet zu nichts. So ein bisschen wie die Songs von Bob Dylan. Authentisch halt. Leicht dahergesagt, inhaltsschwer klingend, am Ende aber doch ein leeres Rätsel.
Was also will die Freundin namens Hegel? Es sei die Aufgabe der Philosophie, der VERSTANDESERKENNTNIS etwas gänzlich anderes entgegen zu halten, die VERNUNFT. Der Verstand erschien ihm, dem alten Hegel, abstrakt, die Vernunft dagegen als konkret, weil sie auf das WAHRE ziele. Und die WAHRHEIT, das hatten wir schon, ist KONKRET. Diese Philosophie hat etwas vertracktes; ein gesunder Menschenverstand verzweifelt an ihr, weil er einfach nicht weiß, wovon sie spricht. Zumal, wenn sie den belehrenden Zeigefinger im Namen der Vernunft erhebt, die den Verstand zu belehren gedenkt.
Dem Stahlunternehmer und Bonvivant Jürgen Großmann verdanke ich ein Wort über einen anderen Herrn, der hier wie überhaupt der Erwähnung nicht wert ist. Er sagte, dieser, der Gescholtene, sei SCHLAU, aber nicht KLUG. Das Schlaue, die vielen kleinen Kalküle, die Ränkespiele und Intrigen, das wäre dem alten Hegel zu abstrakt; das Kluge, die Erkenntnis höherer Wahrheit, dagegen konkret. Nun gut, das klingt klasse, aber verstehen, verstehen tue ich es letztlich nicht.
Im Journalismus, jedenfalls dem investigativen, meint KONKRET etwas anderes, nämlich vornehmlich das Deftige. Beispiel: Bedeutungsschwere Bilanzen, wenn sie als Skandal fliegen sollen, brauchen „Nutten und Koks“. Darum fliegt Wirecard, aber CumEx fliegt eben nicht. Zu wenig Banalitäten zur Bedienung der niederen Instinkte. Unter uns: Darum ging es Hegel für meine Begriffe eher nicht.
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DER SCHEPPER.
Heute wäre der 99. Geburtstag meines Vaters, den er nur um ein knappes Jahr verfehlt hat. Ein toller Mann. Wenn man mir sagt, dass ich ihm immer ähnlicher werde, höre ich daraus keinen Tadel.
Seinen Spitznamen als Junge verdankte er einer Grabschüppe und kindlichen Abenteuern in einer nahen Kiesgrube. So seine lakonische Auskunft. Mehr Aufhebens hat er darum nicht gemacht. Es muss ein sehr großer Sandkasten gewesen sein, in den er der häuslichen Enge in der Zechensiedlung entflohen ist. Was mag er gebaut haben? Sandburgen wie sie die Sommergäste an den Urlaubsstränden bauen? Wozu dann ja die immer folgende nächtliche Flut das Ihrige sagt. Tunnel wie sein Vater? Die Kapillarität von Wasser und feinem Sand ermöglicht ja eine Menge.
Überhaupt hat der Sandkasten eine eigenartige Tradition, wie alles im Preußischen natürlich militärischen Ursprungs, zur räumlichen Darstellung sogenannter Lagen. Zinnsoldatenkultur. Zivil aber Raum spielerischer Entfaltung, von den großen Freizeitanlagen in den Parks (damals „Volksgärten“) , den Freigeländen in den Vorschulen (heute „Kita“) bis hin zu den spießigen Kleinkisten im Vorgarten, in die Nachbars Katze scheißt, aber nicht die eigenen Infanten spielen. Auch die kleinen Rutschen und bunten Kletterstangen der Einfamilienhäuser sind albern. Kinder spielen niemals in den eigenen Gärten.
Eine Erinnerung bemühend, die ich gar nicht haben kann, denke ich an meinen Vater im jetzigen Alter seiner Urenkelin. Er war in der Vielzahl seiner Geschwister nicht der unbedingten Gunst seiner Mutter ausgesetzt; sein Vater verfuhr ein Leben lang ausschließlich Nachtschichten unter Tage in der Vorrichtung, schlief also tagsüber. Und er, der Schepper, zog mit Stulle und Spaten morgens in seinen Sandkasten industriellen Ausmaßes. Man habe sein Fehlen tagsüber nicht bemerkt, ein Esser weniger am Tisch, hat er mal gesagt.
Was mag er wohl dort gebaut haben?
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TISCHMANIEREN.
Den Kulturbanausen erkennt man daran, dass er frisst wie ein Schwein. Zumeist zerteilt er dazu die Speise eingangs in Häppchen, die er dann schmatzend löffeln kann. Barbaren, auch im guten Restaurant.
Es gibt Menschen, die mit der Handhabung des Essbestecks im Restaurant so vollständig überfordert sind, dass man unfreiwillig erfährt, wie die wohl zu Hause essen. Wahrscheinlich mit bloßen Händen (McDonald) oder dem Löffel als Schaufel (Kantine). So erkennt man zielsicher den Barbaren, auch wenn ihn der TravelAdviser mal außerhalb seines Habitats (Couch) in ein Restaurant geführt hat. Sie fressen.
Der Barbar hat die Gabel in der Faust und sticht damit von oben nach unten in sein Mahl, das er dann portionsweise ins stets offene Maul wirft, das sich eine Handbreit über dem Teller befindet. Seine Motorik ist auf der Baustelle einem Bagger abgeschaut. Ich rede gar nicht von Fischbesteck oder Hummerwerkzeug oder Saucenlöffel oder Messerbänkchen, also den schwierigeren Sachen. Ich rede von Messer und Gabel. Dem Elementarsten. Sie können es trotzdem nicht. Von der Grazilität eines Asiaten mit den notorischen Stäbchen sind sie Jahrhunderte entfernt, diese Barbaren. Eine Seezunge wird zum Waterloo. Fastfood vertieft den kulturellen Graben noch. Ein Versuch der Nachhilfe.
Messer und Gabel, jeweils in unterschiedlichen Händen, werden in der Zubereitung des Bissens, also der jeweiligen zum Mund zu führenden Portion der Speise, waagerecht gehalten, nicht senkrecht. Horizontal, Ihr Prolls, nicht vertikal. Erst beim eigentlichen Verspeisen nähert sich die Gabel aus der Brusthöhe eines aufrecht sitzenden Menschen, Ellenbogen eng am Brustkorb, dem noch geschlossenen Mund, der kurzzeitig geöffnet wird. Beim Messer ist eh klar, dass es zum Zerschneiden eine zarten Horizontalbewegung folgt. Das ist doch keine Stichwaffe. Man schneidet; das ist auch kein Zerstampfer. Insgesamt gilt: Nicht wie der Bauer die Forke. Eher wie ein Cellist den Bogen.
Das ist nicht so arrogant wie es klingt. Gehen wir zu einem einfachen Mahl. Noch aufschlussreicher ist, wenn Spaghetti serviert werden. Ja, man isst sie nur mit einer Gabel. Zarte Wickelbewegung. Du weißt alles von einem Menschen, wenn Du gesehen hast, wie er Spaghetti isst. Nein, man schneidet sie nicht mit Messer und Gabel zu einem Brei, den man ablöffeln kann, so wie man es mit den Alete-Gläschen gelernt hat.
Ich wollte schon beim Franzosen oder Italiener verzweifeln, bis ich dann KFC gesehen habe, den Hähnchenflügelbräter. Panierte fettige Schlachtabfälle aus einem Eimer mit der bloßen Hand. Barbaren.
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TABUS.
Drei Tabus fallen gerade: Sternegastro, Kernenergie und Gentechnik. Das eine ist jetzt „out“. Die anderen beiden sind nunmehr „in“. Neue Moden.
Sterneköche waren die Helden der Gastronomie, Halbgötter in Weiß. Ich habe im Elsass schon für einen Gang mit 1 Ei so um die 50€ gegeben. Geholfen hat es nicht. Nach und nach sind alle pleite. Man hört von Arbeitsplatzwechseln in Kindergärten und Krankenhausküchen. Vom Haubenkoch zum Kantinenwirt. Der wunderbare FRÜHSAMMER in Berlin war der erste. Und SVEN ELVERTSFELD vom AQUA in Wolfsburg wird nicht der letzte sein.
Atomkraft kommt wieder. Unter der erbarmungslosen MONOKAUSALITÄT der Klimadebatte ist jedweder KOHLENWASSERSTOFF verteufelt, sprich Kohle wie Öl wie Gas. Man will nun Kleinkraftwerke auf nuklearer Basis in die Vorgärten stellen. Die gibt es schon von Rolls Royce als U-Boot-Antriebe. Opa Hoppenstedt wird wahr. Frankreich ist dafür, England auch. Der Rest der Welt war nie skeptisch. Meinen Diesel im Auto verlieren und ein Atom-U-Boot im Hinterhof gewinnen. Echt?
Muss man Mutter ERDE als Schöpfung hinnehmen oder darf man auch selbst Schöpfer:in spielen? Man darf. Längst wird an der DNA gebastelt. Nicht nur in chinesischen Laboren (ich habe nie an die mythische Ursache in Fledermäusen geglaubt, ein DRACULA-Narrativ), auch in den GELDMASCHINEN, die nun Impfstoffe produzieren. Wir sollen BIG PHARMA als Schöpfer:in lieben lernen. Klingt ein wenig nach 1984 von George Orwell.
Und was sage ich dazu? Nun, die meisten Sterneköche benehmen sich in ihren Küchen wie Idioten. Um die ist es nicht schade. Aber eine bedingungslose PROLIFERATION von Nuklear- und Gentechnik? Darf ich da noch mal drüber nachdenken?