Logbuch
„Habe nun, ach, studiert...“ Zufällig an einem Regal stöbernd fällt mir gestern ein Bändchen in die Hand, in dem ich vor fünfzig Jahren gekritzelt habe. Damals eitel vorne den Namen und das Datum eingetragen. Nietzsche, Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik, im akademischen Jargon genannt GT. Müsste Lektüre in einem Proseminar im ersten Semester gewesen sein. Nach zwanzig Seiten bricht der junge Student ab, keine Marginalien mehr, kein Strich. Den Schein habe ich damals trotzdem irgendwie gekriegt. Erst heute lese ich Nietzsches Einleitung, die er als „Selbstkritik“ für die zweite Ausgabe Jahre später verfasst hat. Welch ein pompöser Arsch! Wie er seine manische Emphase zum Genialen zu stilisieren sucht. Der christlichen Moral ein Feind, die Ausschweifung, den Rausch aus rhetorischen Gründen verehrend. Schlau, sicher; belesen, aber eben schon im Frühwerk vom Wahn getrieben. So empfinde ich das heute, aber was hat man als Student gewusst? Überhaupt besteht das Lebensbildende des Studiums eher darin, diesen ganzen Zirkus zu einem Abschluss gebracht zu haben. Aber das wissen die Autodidakten ja nicht, die sich lebenslang für das fehlende Studium rechtfertigen zu müssen meinen. Sagen wir es ihnen nicht. Zurück ins Regal mit dem GT.Heinrich Heine erzählt in seinen Artikeln für die Allgemeine Zeitung 1832 von der Pandemie in Paris, dass die Särge ausgegangen seien und die Choleratoten nur noch in Säcken beerdigt wurden. Zwei Knaben hätten neben ihm gestanden und ihn gefragt, ob er sagen könne, in welchem Sack auf dem Leichenberg wohl ihr Vater läge. Es sei „sehr störsam, wenn einem beständig das Sichelwetzen des Todes allzu vernehmbar ans Ohr klingt.“ Das ist uns ja dann doch bisher erspart geblieben.
Logbuch
Was bringt die Entschleunigung der Pandemie? Gelegenheit, auf jene zu hören, die die Zukunft sein werden. Vorerinnerung. Der passende Moment , jetzt mal seine Hausaufgaben machen zu wollen. Ich höre, dass die eingeschlossenen Menschen ihre Keller und Garagen aufräumen, die Schränke und Regale leeren. Den Schreibtisch. Entrümpeln. Alle Leichen des Prokrastinats beerdigen. Gut. „Du musst Dein Leben ändern.“ Von wem war das? Sloterdijk hat so ein Buch betitelt, oder? Neufassen. Vielleicht auch die eigene Gesundheit. Oder diese und jene Zwangsmitgliedschaft. Wenn die Irren Sekten gründen, treten die Klugen aus ihren Kirchen aus. Schwimmen durch den großen Fluss? Ja und nein. Frühlingserwachen? Ja und nein. Denkpausen? Ja, das schon. Entlassung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.
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Der Lateiner sagt: GRAVITAS. Jemand von Gewicht sein. Einen Raum ausfüllen können. Einen Satz sagen, der kein Geplapper ist, nur einen. Eine Vision vertreten können, zumindest eine Ansicht . Etwas geleistet haben. Meine Frau Mutter hat sehr genau zu unterscheiden gewusst, ob ein Anzug leer war oder nicht. Auch eine Posse hat sie verziehen. Aber nicht die Pose. CHARAKTER. Wir vermissen das in der politischen Klasse. Jetzt gerade im Fernsehen der halbe SPD-Vorsitzende oder der Kinderbuchautor, der die Grünen anführen soll. Norbert Walter Bore-Dance spricht von seinen „Vorgängern“ mit der Nachsicht eines Sonderpädagogen. „Meine Vorgänger“, sagt er. Er hat sich für das Sommerinterview ein neues Hemd besorgt, so ein legeres mit Innenbordüre. Leider nicht in seiner Größe. Immer wenn der Blick auf das Große und Ganze ins Leere geht, schaut man auf das Kleine. Und unfeine. Es bleibt dann dieser schale Nachgeschmack. Aber das ist vielleicht ungerecht. Man darf nicht als Zeitgenosse urteilen. Es braucht den historischen Blick. Alles Charisma entstammt dem Rückblick. Na ja. Fast alles. Nein, nicht alles. Wir werden dauerhaft unter unserem Niveau regiert.
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HERBST.
Nie war mehr Laub! Wir haben es mit Harken versucht, mit Rechen, nicht mehr mit dem LAUBBLÄSER. Unglaubliche Mengen. Wo kommen all diese Blätter her?
Warum wir den verbrennergetriebenen Laubbläser nicht mehr nutzen, auch nicht den moralisch guten, weil mit Akku, sondern eben die ganz alten Geräte wie Harke und Schüppe nutzen, das ist, wie Kipling sagen würde, eine andere Geschichte. Es geht mir um mehr.
Der Herbst gilt vielen wunden Seelen als Zeit der MELANCHOLIE. Das ist ein Grundgefühl der Faulen. Mir gibt ist er Anlass zu Wut: Wo kommen all diese verdammten Blätter her? Ich musste ja schon einräumen, wir benutzen nicht mehr diesen LAUBBLÄSER, mit dem man den Biomüll unter die Sträucher bläst oder zum Nachbarn rüber.
Zusammengekehrt nehmen diese Blätter aber kein Ende. Zunächst habe ich daran gedacht, dass es diese Chemikalien sind, die die Flugzeuge hinten rausblasen. CHEMTRAIL ist der Code. Das könnten also die Folge von Entlaubungsmitteln sein. Das Thema kenne ich aus dem Vietnamkrieg: „Agent Orange“.
Es könnte auch an einem Unfall in einem Labor in Wuhan, China, liegen; aber das ist mir zu querdenkerisch. Ich halte es für eine Folge von ALUMINIUM-SALZ, das jetzt überall in den Deos ist. Dafür braucht man Bauxit, das unterm Regenwald liegt. Aber ich habe gesehen, dass auch bei dem ungepflegten Nachbarn, der wie ein Muli stinkt, die Blätter auf dem Boden liegen. Der nimmt garantiert kein Deo.
Meine Frau sagt, die Bäume hätten OSMOSE. Das kriegt man, sagt mein Hautarzt, von ungeschütztem Verkehr. Warum aber machen die Laubbäume ohne Gummi rum, die Nadelbäume aber nicht? Schon klar, wegen Weihnachten brauchen die die Nadeln noch; das sind ja deren Blätter.
To cut a long story short: Ich glaube, es sind die ILLUMINATEN. Die wollen damit die heimlichen Gräber der TROLLE überdecken, wo nachts rauskommen, wenn der Boden zu kalt wird. Ich hab mal „Troll“ bei Guggel eingegeben und bin jetzt in einer Schättgruppe mit einem AfD-Mann, einem Richter, aus Weimar, Thüringen. Der sagt auch: Das sind die Illuminaten. Früher war eindeutig weniger Laub.