Logbuch

MARE NOSTRUM & MALTA.

Die Große Belagerung Maltas durch Süleman den Schönen, bei der eine tapfere Truppe von Rittern unter ihrem Großmeister de la Valetta den osmanischen Barbaren-Kosaren trotz deutlicher Unterlegenheit mittels List und Mut glorreich widerstand, gehört zu den mächtigsten Mythen des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Und man ahnt mit der politischen Brille heutiger Tage, sprich durch sie, warum. Dabei war Malta nur ein karger Felsen mitten im Mittelmeer. Ein warmes Grönland.

Würde ich ein kleines Vermögen erben, so gäbe ich es für ein großes Forschungsprojekt aus, dem ich den Titel MARE NOSTRUM verliehe. Sitz wäre Malta. Die für uns wichtige Welt entstand rund um diesen großen Teich, den wir das Mediterrane nennen. Lange bevor fanatische Frömmler aus England Winnetou besuchten. Ich nenne einige Schlaglichter.

Den Alten Griechen verdanken wir die attische Demokratie; deren kleines Weltreich wurde durch das große der Römer abgelöst. Wir denken unser Gemeinwesen bis heute römisch; mit napoleonischer Krönung, der aber auch nur ein Cäsar war. Wer erinnert, dass Alexander der Große nach Kleinasien ritt oder dass Cato der Ältere das nordafrikanische Carthago geschleift haben wollte, erahnt, wo die Wurzeln des Osmanischen Reichs liegen. Lange galten dessen Schiffe als unbesiegbar. Konstantinopel ist die dritte Metropole am Mare Nostrum.

Für die Eroberung Asiens und hilfsweise der Neuen Welt spielen dann Spanien und das kleine, aber mächtige Portugal eine entscheidende Rolle. Die Engländer kann man vernachlässigen. Was mich zu dem Gedanken bringt, dass der Einfluss der Marine zu würdigen wäre. Seefahrt tut nicht nur not, sie dürfte das Medium der ökonomischen Prosperität gewesen sein.

Das Mittelmeer war ein Biotop der Piraterie. Das mache ich zum Leitmotiv meiner Großen Geschichte des Mittelmeers. Da ist Malta nur eine Episode. Aber von hoher symbolischer Bedeutung. Hätten die Johanniter übrigens nicht schon bei ihrer Ankunft so geniale Zisternen gebaut, wäre sie unter der Belagerung durch Süleman den Prächtigen glatt verdurstet. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Wir wollten Politik als Piraterie lesen.

Das Kapitel der Kreuzzüge und der dabei vagabundierenden Ritter wird man nicht ganz aussparen können. Aber das stört ein wenig das Bild der edlen Völker rund um einen großen Pool, der ihnen maritime Kommunikation erlaubte. Schade eigentlich. Europa als Projekt kühner Piraten, das hätte nämlich etwas. Und dann entdeckt einer von ihnen versehentlich Amerika und unterwirft es gleich mit. Aus mir würde ein ganz großer Historiker. Da bin ich sicher.

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DER DOGE UND DIE DROGE.

Ein Land bestehe nicht in seiner Geographie, sondern durch seine Bevölkerung. Das trägt der reichste Mann der Welt, ein Migrant in die USA, gerade auf X vor, also lauschen wir mit Akkuratesse. Meint er biologische Abstammung, also Rasse? Er will mit einem Statement beweisen, das räumt er sogleich ein, dass eine Massenmigration krank oder irre sei; er sagt „insane“. Und er spricht von „people“, was Volk meint. Warum rate ich dazu begrifflich sehr genau zu sein? Weil hier in Nuancen ganze Welten liegen. Das mag pingelig klingen, aber Bevölkerung, Volk, Volksgemeinschaft und Völkisches, das ist nicht das gleiche.

Gerade wenn die Sprache sehr jargonhaft („420“) und technokratisch science-fiction-haft („teletransportation“) geprägt und zu lakonischen Wendungen neigt („Go fuck yourself.“), ist es politisch wichtig, mit dem Ernst eines Historikers den begrifflichen Nebel zu durchdringen und zu fragen, wes Geisteskind hier wirkt. Das gehört zur „Freedom of Speech“, das Recht nachzufragen. Lob des Zweifels.

Eine Nation ist eine Gesellschaft, die sich als Staat eine Verfassung gibt, einen rechtlichen Rahmen, der seine Mitglieder als Staatsvolk oder Bevölkerung konstituiert. Der Pass macht den Staatsbürger, nicht die biologische Abstammung, nicht die Religion oder gar eine kulturelle Tradition. So fängt es mal an.

Zu einem Staat können mehrere Gesellschaften zusammenfinden. Einen belgischen Pass haben Flamen und Valonen und Deutschbelgier. Das Vereinigte Königreicht hat Engländer, Waliser, Schotten und Iren. Und die Iren neigen strikt zu einer weiteren Unterscheidung. Wie historisch naiv die Sicht des amerikanischen Rechten ist, sieht man daran, dass er „Italy“ für eine homogene Kultur und Gesellschaft hält; Palermo als die Vorstadt Mailands. Kann Meloni das Musk mal vermitteln, was die von den Erdlingen im Süden hält?

Die faschistische Diktatur in Deutschland hat versucht, die Staatsangehörigkeit auf gesinnungstreue Bürger zu beschränken und als rassistisches Instrument zu nutzen; das war Volksgemeinschaft. Deshalb ist das Völkische in meinem Vaterland auf absehbare Zeit verbrannt. Wir spielen hier ungern mit Völkischem, Elon; auch nicht mit der vermeintlichen Sanitas einer Volksgesundheit.

Dass ein Staat die Zuwanderung gestalten wollen muss, das ist unstrittig. Dem widerspricht ein individuelles Einwanderungsrecht von jedermann, zumal ein Bleiberecht auch vorsätzlich Krimineller. Hier wird Deutschland wohl etwas prinzipiell korrigieren müssen. Sonst kippt der staatskonstituierende Konsens der Gesellschaft. Wieso sich daraus ein Wahlaufruf für die AfD rechtfertigt, den der amerikanische Migrant Musk exterritorial tätig, das erklärt sich eben nicht von selbst. Eher vielleicht aus 420.

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LATTENZAUN.

Der Kongress tanzt. Beim Bundespresseball fällt mir auf, dass neuerdings viel Geld ausgegeben wird für einen weißen Lattenzaun im Maul. Erstaunlich, was es für schreckliche Gebisse gibt. Vollgebiss, nagelneu, ebenmäßig und neonweiß. Zumal bei dem auf jugendlicher Liebhaber umgearbeitetem Greis. Und der Haifisch, der hat Zähne. Ich komme, verkatert wie ich bin, ins Sinnieren über diese Stadt der Wilmersdorfer Witwen.

Man stelle sich vor, Mona Lisa lächelt zwar noch, aber sie hat einen Schneidezahn verloren. Furchtbar, alle Anmut dahin. So ist es mir in der großen Stadt ergangen, wo man aus seiner Häuserreihe am Boulevard auf die gegenüberliegende Zeile von Gebäuden schaut. Vor einem einzelnen waren an einem Sonnabend grobe Gesellen des Gerüstbaus aufgetaucht und in einem Tag lauten Getues war das Haus komplett verkleidet, unter einer Folie verborgen.

Dann passiert zwei Jahre gar nichts; im Kiez kursierte das Gerücht, die Wohnung würden freigezogen. Dazu nimmt man den Bewohnern zunächst das Tageslicht, dann mal das Wasser, mal den Strom und gewährt Obdachlosen Quartier in den ersten geräumten Wohnungen. Das Trottoir ist vollgeräumt mit Utensilien und Schutt. Man gewöhnt sich als Nachbar an die Getto-Romantik. Im Internet stehen auch noch vermietete Wohnungen für Traumpreise zum Verkauf.

Jetzt plötzlich ist die Folie verschwunden und das Gerüst und das Gebäude. Ich hab den Bagger gar nicht bemerkt. Die Häuserzeile des Boulevards lächelt wieder, mit fehlendem Schneidezahn. Wenn es geht, wie andernorts wird ein Neubau die Lücke füllen, der optisch entfernt an die Gründerzeitarchitektur anschließt, aber teuerste Eigentumswohnungen bietet. Sie werden dann die meiste Zeit unbeleuchtet sein, weil zwar teuer gekauft, aber meistens unbewohnt.

Wenn ganze Zeilen saniert werden, sticht nicht nur ein einzelner neuer Stiftzahn hervor, sondern eine ganze Klavierleiste, wie jene Gebisse, die Stefan Raab und Jürgen Klopp zieren. Weiße Lattenzäune. So grausame Dentalästhetik kommt neuerdings von medizinischen Ausflügen zurück, nicht mehr aus Ungarn, sondern der Türkei, wo man sich bei gleicher Gelegenheit Schamhaar auf’s Haupt verpflanzen lässt.

Wie komme ich im Kater des Presseballs darauf? Städtebau und Dentalästhetik gehören nun wirklich nicht in eine Glosse. Ich muss mich zur Ordnung rufen. Kaffee bitte.

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DA IRRT DER GRIECHE.

Der Dichter Brecht hat diesen Spruch zu verantworten: „Der Mensch, die Krone der Schöpfung, das Schwein.“ Er war dem Völkermord der Faschisten nur knapp entronnen. „Mögen andere von ihrer Schande sprechen, ich spreche von der meinen.“

Der antike Aristoteles hatte schönere Gedanken. Zum Beispiel den, dass das Leben sich im Laufe der Zeit zur Vollendung bringe, nennt sich „Entelechie“. Das Ziel sei von Anfang an in uns angelegt und im Wege der SELBSTVERWIRKLICHUNG vollendet es sich. Der Mensch als Krone der Schöpfung.

Ich hatte immer gehofft, dass dies zumindest für die Natur gilt, jedenfalls wenn der Mensch nicht in sie eingreift. Das Leben stammt aus dem Wasser und hat sich aus den Meeren langsam an Land gerettet, den aufrechten Gang gelernt, den Stuhl Petri mit dem Papst besetzt und dann Olaf Scholz zum Kanzler bestimmt. In dieser Weisheit der Evolution irritieren nur die Säugetiere, die ins Wasser zurück gewandert sind, weil sie ihrer Beute folgen wollten, zum Beispiel die Walfische, echt dumme Tiere. Hatten schon Lunge und Uterus, und dann das.

Die „Entelechie“ gab es nie. Das TV berichtet mir vom Mosasaurus, einem Ungeheuer der Urzeiten, das sich, geboren als Landechse, ins Meer entwickelt habe und dort zu einem alles beherrschenden Monster geworden sei. Die Evolution gebe es auch in umgekehrter Richtung, sagen amerikanische Wissenschaftler. Die Natur mache zwar keine Sprünge, sie habe aber auch keine Richtung. Jede Nische sei ihr recht. Warum dann der Mosasaurus ausgestorben ist, darüber rätseln nun die US-Archäologen. Vermutlich ein Meteoriteneinschlag. Das sagen sie immer, wenn ihnen nix einfällt; bei den Dinosauriern kommen sie auch damit an.

Wenn schon die Natur keinem höheren Ziel folgt, so doch bitte die Geschichte. Der gute alte Hegel, ein Philosoph aus Jena, hat das gehofft. Nur das Ganze sei das Wahre, insofern es sein Wesen zur Verwirklichung bringe. Herr Marx hat dann als sozialen Träger dieser Vollendung die Verdammten dieser Erde, das Proletariat, gefunden; eigentlich ein schöner Gedanke, wenn ihn dann nicht die Kommunisten ruiniert hätten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Bleiben wir bei den US-Wissenschaften.

Deren edelste Institute, eine nach dem Efeu-Bewuchs benannte Liga, wissen auf Vorhaltung aus der neuen Rechten nicht zu sagen, ob ein Völkermord, etwa der an den Juden, verurteilenswürdig sei. Das komme auf den Kontext an. Ich erwarte den Einschlag eines Meteoriten.