Logbuch

ALLES PALETTI.

Bei Picasso gab es auch eine blaue Phase. Aber das kriegen wir erst später. Es gibt Ausdrücke, die versteht jeder, aber kein Mensch weiß, wie sie eigentlich zustande gekommen sind. So sagt der gängige Depp, wenn ihm die Dinge geordnet scheinen: „Alles paletti!“ Das meint „all correct“ oder OK. Gelegentlich höre ich auch, das Nackenhaar stellt sich auf, ein „Oki Doki!“ Diese Verniedlichung der Sprache durch ein angehängtes „i“ ist eine Unsitte; den Schweizern geschuldet, die die Schokolade „Tschocki“ nennen. Vögli, wenn mögli.

Eigentlich ist die Palette nicht das sperrige Transportbrett, der profane Freund des Gabelstaplerfahrers, sondern das handliche Brett, auf dem der malende Künstler seine Farben anrührt. Ein blattförmiges Hilfsmittel mit einem Loch für den Daumen des Meisters. Damit lernte Mona Lisa lächeln. Hieraus entwickelt sich dann der Begriff zu einer Bezeichnung all jener Farben, die einem Maler zur Verfügung standen, etwa: „Rembrandts Palette“. Die Farbpalette umschreibt also das Ausdrucksvermögen eines Malers, der seine Grundtöne eindrucksvoll zu mischen weiß. Wir sind bei Mischfarben. Es wird politisch.

Links auf der Palette haben wir rot, in zwei, drei Varianten, dann grün (früher nach Realo und Fundi geschieden). Diese beiden Farbmilieus halten sich selbst jeweils für erhaben. Dann ein Klecks gelb und ein stattliches schwarzes Feld. Daraus war mal Deutschland gemalt; genau gesagt, damit wurde nach 1945 ein braunes Bild übermalt. Jetzt wird es schwierig, weil am Rand der Aquarelle neuerdings eine Ölfarbe Platz genommen hat, die blau erscheint, aber unten drunter wieder braun ist. Zwischen den ersten vier Farben und diesem Ton herrscht, so lernen wir, ein striktes Mischverbot.

Wollte der Historienmaler aus seiner Palette blaue Töne auf die Leinwand bringen, so öffnet sich, sagt die Oma gegen Rechts, die mal unsere Mutti war, das Tor zur Hölle. Weil blau als braun gelesen wird. Tor zur Hölle? Nein, kleiner haben die es nicht. Gleichzeitig entstehen in anderen Ländern Gemälde mit deutlich blauem Strich, jüngst in Belgien mit einem flämischen Stilisten echt übler Art am Pinsel. Nichts ist paletti in der deutschen Landschaftsmalerei.

Die reine Farbenlehre wird nicht halten. Der Malermeister Merz aus Brilon hat seinen Pinsel schon mal reingesteckt in die braunen Töne; manche halten das für mutig, andere wollen ihm die Leinwand nehmen. Die neue Farbe wird sich aber wohl weltweit nicht verbannen lassen. Der Hegemon pinselt auch so, mit ganz grobem Strich. Nix ist paletti. Ich erwarte nämlich keinen Bildersturm. Die Palette wird erweitert; fertig, aus. Alle malen ab sofort ein bisschen in blau.

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DER ALTE FRITZ.

Über Friedrich Merz, den künftigen Möchte-gern-Kanzler, wurden schon immer Witze gemacht, indem man ihn Fritze nennt. Jetzt sieht er alt aus, der Fritz. Freilich anders als Friedrich der Große, der seinem Land Aufklärung und Blüte brachte. Friedrich Merz wird als Biedermann und Brandstifter zugleich, als beides in die Geschichte eingehen. Abbruch statt Aufbruch.

Die Tür zur Hölle soll er geöffnet haben; dem Faschismus den Steigbügel gehalten. Das stimmt so nicht, aber man kann es über ihn sagen. Das reicht in der Politik. Hinter seinen kleinen Kalkülen der Macht feixt als heimlicher Profiteur die Neue Rechte der AfD, die nunmehr als koalitionsfähig gelten kann. Die Verteufelung des Rechten ist für einen Teil der Konservativen faktisch beendet; eine Spaltung der Union steht im Raum. Merz gegen Merkel; Mutti ist als Oma gegen Rechts wieder wach, eine Wiedergängerin.

Das drängende Problem aus dem kriminellen Bodensatz der Migration junger gewaltsozialisierter Männer aus Nordafrika und Arabien ist damit nicht berührt. Dem islamistischen Terror ist damit nicht die Stirn geboten. Nichts ist im wirklichen Leben gelöst. Alberne Selfies am KZ-Gedenktag. Der Trotz des linken und des grünen Milieus feiert sich als Gutmenschentum, kann aber politisch auch nur einen Scherbenhaufen bieten, das zerschlagene Porzellan der Ampel. Will Herr Habeck dann demnächst noch mal das Heizungsgesetz einführen, diesmal mit Fritze Merz als Magier der Wärmepumpe? Oder Teslas verordnen, während deren Inhaber für die AfD wirbt? Schwarz-grün wird, so es kommt, die Union endgültig spalten. Jedenfalls unter Merz.

Und was macht die älteste deutsche Partei, die SPD, angesichts der von ihr selbst beschworenen historischen Stunde? Ihr Vorsitzer buhlt billig um die Gunst der Schwarzen für eine Große Koalition. Das Tischtuch sei nicht zerschnitten. Das wird helfen, wenn der lethargische Scholz sein Schlafpulver mit dem zappeligen Merz teilt und Mutti gemeinsam mit Steinmeier die Fäden zieht in dem müden Marionettentheater namens Bundesrepublik.

Mehltau legt sich auf die Republik. Neue Männer braucht das Land. Oder neue Frauen. Sonst heißt die nächste Kanzlerin Alice Weidel. In Österreich, wo deren Alter Fritz auch fertig hatte, da machen sie es schon so.

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DER TON DER RUHR.

Gestern fehlerfreies Dirigat vertretungsweise durch einen Dima Slobodeniouk. Kirill Petrenko hat wieder geschwänzt; langsam fällt es auf. Ich hätte gerne Sir Simon Rattle zurück. Aber das sind Petitessen des Berliner Kulturlebens. Es geht mir um heimische Töne.

Von meinem industriellen Vorbild Werner Müller habe ich eine Marotte übernommen, ich spiele im Büro tagein tagaus leise KLASSISCHE MUSIK. Kenner diffamieren das als „Aufzugsmusik“; das trifft mich aber nicht. Empfehlen kann ich „Swiss Classic“ (gänzlich ohne Wortbeiträge), die Sparte des MDR oder aus London „Classic FM“. Dabei fällt mir hier eine gewisse Bevorzugung des Komponisten EDWARD ELGAR auf. Ein Engländer. Das ist ungewöhnlich, weil die Briten eigentlich das „Land ohne Musik“ bewohnen.

Theodor W. Adorno hat 1948 davon gesprochen, dass hier „Dilettanten als große Komponisten lanciert“ würden; der „angedrehte Ruhm von Edgar“ sei nur von lokaler Bedeutung. Harsche Worte. Der nachdrückliche Imperativ „Rule Britannia“ des Engländers Thomas Arne galt den nassen Wellen, aber nicht denen der wohlgesetzten Töne. Was da halbwegs die Säle füllte, waren Migranten. Von Verdi über Mendelsohn und Hayden bis Wagner, alles Importe. Und der englischste aller englischen Komponisten, der George Frideric Handel? Der kam als geborener Herr Händel aus Halle an der Saale. Deutscher geht nicht. Oder doch?

Gestern Abend in der Berliner Philharmonie also Edward Elgar mit dem großartigen Frank Peter Zimmermann, einem Geiger größter Perfektion. Vor der Zugabe sagt er ein paar Worte. Und ich entdeckte, wo einer der bedeutendsten Violinisten unserer Zeit herkommt. Ich lese nach. Stimmt, von der Ruhr. Aus Duisburg. Wir, die wir mit Emscherwasser getauft sind, hören das sofort.

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DER DSCHUNGEL.

Eine ursprünglich aus Afrika stammende Freundin erzählt mir, dass sie ihr Sicherheitsgefühl verloren habe, seit ihr in Berlin ein Junkie den Rucksack entrissen habe, im Hauseingang ihrer eigenen Wohnung. Berlin sei ein Dschungel. Sie hasse es. Das ist ja ein Wort, wenn man mit Zulu und Afrikaans aufgewachsen ist.

Die große Stadt ist ein böses Habitat für junge Frauen, weil in dunklen Ecken und missbräuchlich genutzten Parks allfällige Kriminalität lauert; ein Alptraum ständiger Gefährdung für Gut, Seele, Leib und Leben. Man spürt das als alter weißer Mann nicht so. Mich fragt mal der gewaltsozialisierte Nordafrikaner im Tiergarten: „Brauchst Du was, Alta?“. Nö, danke. Oder der selbstbewusste Pubertant aus Arabistan redet mich dreist mit „Na, Meister!“ an, was nur scheinbar Respekt ausdrückt. Ich überhöre es. Und, das ist wichtig, sie gehen mir nicht an die Wäsche. Jungen Frauen rät man hier gar, nicht allein zur Schule zu gehen und Gruppen zu bilden. Für den Schulweg! Strukturelle Gewalt ist ein Thema, mit dem ich mich nicht abfinden werde.

Um 1900 hat man die bedrohliche Stadt THE JUNGLE genannt; damals war Chicago gemeint. Eigentlich stammt die Metapher aus dem britisch besetzten Indien. Die sprichwörtlichen Gesetze des Dschungels sind die der Raubtiere, sprich „Fressen oder gefressen werden“. Mit der drogengestützten und daher irren Beschaffungskriminalität im metropolen Dschungel kommt ein weiteres Moment der Skrupellosigkeit hinzu. Der Junkie gehört sich nicht mehr selbst und ist sich für nichts zu schade. Die Idylle, die Kipling dem Dschungel in seinen berühmten Kinderbüchern gegeben hat, die findet sich in der großen Stadt allenfalls im Hellen. Und den noch bürgerlichen Vierteln. Nicht in den dunklen Ecken der Verwahrlosten Bezirke, in Parkhäusern und Bahnhöfen.

Man komme mir nicht mit dem ortsüblichen Lokalpatriotismus. Ich will meinen Kiez nicht als Dschungel. Es gehört ja schon ein eigener Mut dazu, zu später Stunde oder gar am sehr frühen Morgen die U-Bahn zu nutzen. Für Frauen fast eine „no go area“: Das ist nicht in Ordnung. Mein Mitleid mit pöbelnden Alks aus Osteuropa auf dem S-Bahnsteig hält sich in Grenzen. Nein, ich finde das Ausrufen von „bitches“ durch Gruppen junger Männer nicht komisch, deren Schwestern sich zu verhüllen haben. Und man komme mir nicht mit der Warnung vor Diskriminierung, solange der Täterschutz vor der Vermeidung von Opfern steht. Keine Toleranz gegenüber den Intoleranten.

Wir sind, wen wir schützen. Das ist der Kernsatz von Zivilisation. Das beginnt, nennt mich altmodisch, bei Kindern und Frauen.