Logbuch

DAS PHANTOM DER NATION.

Ich verstehe nichts von Fußball. Die albernen PHANTOM-DEBATTEN gehen mir aber auf den Geist. Nationalmannschaften? Frankreich schlägt England, lese ich.

Mein Gott, ist das so? Eine Völkerschlacht ist entschieden? Eine GRAND NATION hat wieder über einen Haufen von Piraten und Krämern den Sieg errungen? Wenn schon die Weltpolitik im Ernst nach Nationen geht, warum dann auch noch die Spiele?

Es fing gestern doch schon mit den Nationalhymnen an. Die einen bitten darum, dass ihr mediokrer KÖNIG errettet oder geschützt werde. Die anderen rufen die BÜRGER an die Waffen, um die Erde mit dem Blut der Feinde zu tränken. Genau das sagt die Marseillaise. Mittelalter trifft auf Neuzeit.

Der Inglese ist ein Barbar, der nicht kochen kann. Er ernährt sich von Haferschleim und Bohnen in Tomatensauce, schneidet kalten Braten auf und säuft dazu Bier. Der andere ist ein Bürger edlen Zuschnitts; er pflegt die HAUTE CUISINE und hat hunderte von Käsesorten zu hunderten köstlicher Weine. Das Primitive zu Tisch wiederholt sich nächtens im Bett.

Wo der Franzose ein Zauberspiel der Gefühle zu entfalten weiß, da rammeln die Albinos stur vor sich hin. Licht aus in unbeheizten Schlafzimmern. Queen Victoria bat ihren schottischen Jagdaufseher unter die Kissen, wo einst ein edler Deutscher Dienst tat, Prinz Albert aus Coburg. Aber reden wir nicht vom deutschen Blut im englischen Adel. Das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Die legitimen Nachfolger der Römer sind die Franzosen, die Napoleon haben wirken lassen. Den Calvinisten auf den Inseln ist nicht mehr eingefallen, als ihre Frömmler nach Amerika zu verdammen, wo sie bis heute eine unselige Tradition begründen. Schon gut, wenn ich heute morgen lese, dass die Franzosen, die wahren Weltmeister, die Engländer geschlagen haben, oder?

Du siehst es doch schon am PETIT DEJEUNER. In Paris nimmt man einen kleinen Kaffee zu einem Hörnchen und raucht eine Zigarette, im Stehen in einem Bistro; vielleicht noch einen Anis. Der englische Sklavenhändler nimmt gebratenen Speck, Spiegeleier, Schweinswürstchen, gebratene Tomate mit Pilzen, die schon erwähnten Bohnen, Toast mit Butter und bitterer Apfelsinenmarmelade, das alles, nachdem er sich den Magen mit „porridge“ und gesüßten Tee verkleistert hat. Man achte auf die Pansen der Lords und die Knöchel englischer Frauen.

Und immer wieder die Frage: „War er drin oder nicht?“ Wohl kaum, wenn er einen halben Meter über die Latte geht, wie gestern. Man rät mir gerade über die Schulter, ich solle jetzt noch was zum Wembley-Tor von 1966 sagen, das als Lattentreffer oder PHANTOM-TOR in die Geschichte eingegangen sei, weil ein sowjetischer (!) Linienrichter einem Schweizer Schiri zu Dienst (pun intended) war. Tja, die Russen, höre ich. Jetzt auch hier? PHANTOM-DEBATTEN. Ich weigere mich. Nicht mit mir.

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NATIONALCHARAKTER.

Wer keine grandiose Geschichte hat, die seiner Ambition entspricht, der schafft sich einen Mythos. Wolfsblut, zum Beispiel. Episode zum sogenannten Gründungsmythos.

Das Sinnbild des stolzen Rom, der ewigen Stadt, ist die Kapitolinische Wölfin, eine Statue aus Bronze, die die Etrusker um 300 vor Christi Geburt gegossen haben. Die Pointe befindet sich unter dem Bauch des starken Tiers. An seinen prall gefüllten Zitzen laben sich zwei Säuglinge, Knaben von großer Bedeutung. Aufgezogen mit Wolfsmilch. Alle Achtung. Wolfsblut.

Romulus und Remus, so heißt man die Brüder, sind die Gründer Roms. Teufelskerle wie Kain und Abel im Alten Testament; Brudermord aus Jähzorn eingeschlossen. An diesem Mythos hat sich der Faschistenführer Mussolini begeistert. Das sollten seine Herrenmenschen sein. Bis heue ist die Stadt mit Nachbildungen der stillenden Wölfin überschwemmt. In meiner Facebook-Blase regt sich aber Widerspruch. Die Bronze stamme aus einer Kupferhütte, die erst tausend Jahre später in Betrieb gegangen sei. Und die Säuglinge stammten aus der Renaissance; man habe sie schlicht hinzugefügt.

Nun, die Skepsis ist berechtigt. Es handelt sich tatsächlich um eine Geschichtsklitterung, die viel über das Wesen von PR verrät. Die Gründungsväter waren eigentlich Bälger aus einer prekären Beziehung und sind auf dem Tiber ausgesetzt worden (siehe Moses), um dann von einer „lupa“ aufgezogen zu werden. Dieser Begriff belegte aber nicht nur das stattliche Tier, sondern auch die fragwürdigen Damen im ältesten Gewerbe. Lupanarium nannte der Römer das Bordell, eine frequente Institution in der Stadt der Badehäuser, die allerdings eher griechischen Knaben vorbehalten waren. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Was machst Du als Findelkind und Hurensohn, wenn Dir Größeres vorschwebt? Du erschlägst Deinen Bruder und nimmst Dir einen PR-Berater.

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FLEET IN BEING.

Als junger Redenschreiber habe ich viel von einem agilen Chef gelernt, der seine Manuskripte akribisch durcharbeitete. Mit einem weichen Bleistift feilte er, zunächst grob, dann Entwurf für Entwurf feiner, schließlich, wir waren im zwanzigsten Durchgang, saß der Text. Selbst minimale Veränderungen bemerkte er sofort. „Kocks, wem hast Du das denn gegeben?“ Man konnte seine Texte nicht hinter seinem Rücken abstimmen, sprich entschärfen.

Eines Tages lese ich als Korrektur eine Einfügung, die mir nun gar nichts sagte: „fleet in being“. Es schien mir nicht mal korrektes Englisch zu sein. Ich missachtete es also. Prompt stand im Rücklauf FLEET IN BEING. Tjo, reden wir also über „Präsenzflotte“ als militärtaktische Maßnahmen im Seekrieg. Ein Konzept des ausgehenden 17. Jahrhunderts, das bis heute unter jenen gilt, die den Krieg vorbereiten, weil sie den Frieden wollen.

Der Gedanke ist: Eine starke Flotte wirkt auch dann auf den Gegner, wenn sie nur im Hafen liegt. Da der Feind auf ihr mögliches Auslaufen vorbereitet sein muss, bindet die Präsenzflotte ein mindestens ebenso großes Potential auf der anderen Seite. Ohne, dass ein Schuss fällt. Die Flotte wirkt einfach, weil sie das ist, ohne jedes Gefecht. Das ist ein guter Gedanke, wenn man über Waffengleichheit philosophieren will.

In der Öffentlichkeit, sprich beim Kampf um Aufmerksamkeit oder der Abwehr von Rufmord, gilt nur jener was, bei dem man mit kräftiger Gegenwehr rechnen muss. Mit wortgewaltigen Gegnern scherzt man nicht. Wie aber zeigt man im Meinungskrieg seine Waffen? Das wird durch bloßes Schweigen nicht gelingen. Die Schärfe des rhetorischen Schwertes beweist man spielerisch in Glossen. Zum Beispiel könnte man ein Logbuch führen. Nur mal so als Idee.

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KONVERTIERT.

Die Freude der erfolgreichen REPARATUR ist es, dass ein geschätzter Gegenstand seiner alten Funktion wieder nachkommen kann. Das ist im Zeitalter der Wegwerfprodukte ja schon mal was. Es bringt mir gleich ein befreundeter Fernsehtechniker ein neues TV-Gerät; das alte war 10 Jahre alt und trat in die „geplante Obsoleszenz“ ein; das ist, wenn er vorsätzlich muckt, weil Du neuen Umsatz generieren sollst.

Den Beruf des Radio- und Fernsehtechnikers gibt es gar nicht mehr. Das war ein Mensch, der Röhren zu tauschen wusste, dann Transistoren und löten konnte, was zu verbinden war. Heute: Ex und hopp. Bei Antiquitäten nennt man das Reparieren AUFARBEITEN. So hat mir mein Schreiner kürzlich kunstfertig ein neues Bein an einen englischen Hallchair des 18. Jahrhunderts gebastelt; sieht perfekt aus, fast wie Original. Bei Immobilien sprich man von MODERNISIERUNG, wenn die Schönheitsreparatur aufwendiger wird.

RENOVIERUNG ist unser Thema, zu deutsch: wieder neu machen. All das sind Aktivitäten relativer Befriedigung, weil man einem Objekt seine historische Verwendung wieder ermöglicht. Die absolute Befriedigung liegt aber in der KONVERSION. Ich meine nicht das Konvertieren, wenn man zu einer anderen Religion übertritt (überflüssig) oder militärisches Gut zivil genutzt wird (Schwerter zu Pflugscharen). Ich meine, was der Landadel „converting a barn“ nennt.

Historische Bauernhäuser sind „cottages“, sprich eher Hütten oder Kotten, weil beheizt (Brennstoff war rar), also möglichst klein. Die Viehhaltung verlangte aber zu deren Ernährung riesige Hallen, die nicht nur Esel, Ochs und Kuh, Schwein wie Huhn Raum gaben, sondern hinreichend Stroh, um über den Winter zu kommen. Die Scheune bietet einer Großhallenarchitektur Raum, über die sich Albert Speer gefreut hätte. Satire aus.

Die KONVERSION von Scheunen hat etwas von Dombau, ein kathedralenhaftes Unterfangen, da Höhe und Weite enorm sind. Dann in dem zum „Castle“ konvertierten Stall über vergangenen Nutzen und künftigen Freiraum zu sinnieren, das hat etwas vom absoluten Vergnügen. Das bloße Abreißen von Scheunen ist, werte Landlords, ein Verbrechen.