Logbuch
SEIN WORT MACHEN KÖNNEN.
Das Staatsoberhaupt , der Herr Bundespräsident, ist als Redner keine glückliche Fügung. Er trägt mäßige Texte notorisch schlecht vor. Er verkörpert jene BRÄSIGKEIT, mit der diese Republik in die Geschichte eingehen wird.
Wem es im Alten Rom an Rhetorik fehlte, der war politisch aufgeschmissen. Man erwartete von den Köpfen des Kapitols, dass sie ihr Wort zu machen wussten. Was heute ein LEERER ANZUG, mag damals eine leere Toga gewesen sein, jedenfalls hatte der BRÄSIGE keine Autorität. Dagegen half auch das Salbadern nicht.
Der berühmte Redner Cato der Ältere, ein harter Hund, pflegte sich von den eitlen Schwätzern seiner Zeit abzugrenzen (er nannte sie abwertend „dichtende Griechen“), indem er so tat, als übe er sich gar nicht in der Redekunst. Cato sagte: „Ergreife die Sache. Und die Worte werden folgen.“ Aber auch das war natürlich ein rhetorischer Trick. Er ergriff die Worte, damit ihm die Sache folge.
Und der bräsige Steinmeier? Gemeinplatz reiht sich an Gemeinplatz. Seine Rede beginnt schlapp und lässt dann, sich dahinschleppend, allmählich nach. Wo ist Angriff, Steigerung, Spannung, Biss, Esprit? Eine lauwarme Melange des Gutgemeinten zerläuft wie Tran.
Zuhörend leide ich. Das BRÄSIGE hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Es fehlen mir, seinem Zuhörer, schließlich die Worte. Und ihm, dem Redner, wohl die Sache.
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WE’LL MEET AGAIN.
Morgen früh werden gläubige Christen entdecken, dass das Grab des Herrn leer ist. Auferstehung. Eine kontrafaktische Hoffnung für die Zweifler. Das hat was, auch wenn es nicht stimmt.
Die Auferstehung von den Toten ist eine sehr alte Hoffnung. Deshalb haben sich die Pharaonen schon einbalsamiert bestatten lassen. Mit großem Aufwand. Mumien habe ich im Britischen Museum in London bestaunt. Ein Ort, der die umfänglichen Grabplünderungen, Kunstdiebstähle und andere Raubzüge der imperialistischen Gentlemen des Commonwealth in etlichen Kontinenten zeigt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Wie singt noch die wunderbare Vera Lynn? „We’ll meet again.“ Der Charme liegt gerade nicht im Faktischen. Der Begriff des KONTRAFAKTISCHEN stammt, soweit ich weiß, von dem Soziologen Jürgen Habermas; er charakterisiert dort die Hoffnung auf einen herrschaftsfreien Diskurs. Mir erscheint das LEERE GRAB eine solche wunderbare Hoffnung, selbst wenn man nicht an ihre Wirklichkeit glaubt. Devise: auch kontrafaktisch gut. Aber das ist ja eh klar, was wahr ist, das muss nicht wirklich sein. Vor allem muss nicht alles banal Reale auch wahr sein. Daran erkennt man ja die Halbgebildeten, dass sie Wahrheit und Wirklichkeit nicht zu unterscheiden wissen. Frohe Ostern.
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WUNSCHTRÄUME.
Die Sehnsüchte der Menschen sind ein Spiegel ihrer Nöte. Siehe der HEILIGE GRAL bei König Artus und den Rittern der Tafelrunde.
Ich komme drauf, weil mir ein Londoner Antiquariat einen Katalog zu „Atheriana“ schickt; alles Bücher zum Mythos von King Arther. Scheint im Norden eine richtige Gattung zu sein, hatte ich noch nie gehört. Der uralten keltischen Sage nach sitzen die Tafelritter auf einer Burg namens Camelot, wenn sie nicht gerade wilde Abenteuer zu bestehen haben, und behüten den HEILIGEN GRAL. Was ist dieses magische Ding? Die Christen haben daraus fast tausend Jahre später den Kelch gemacht, aus dem Jesus beim Abendmahl getrunken haben soll. Eine Nachdichtung. Der Ursprung dessen hat mich interessiert. Dann sieht man, dass die Wunschträume der Menschen sehr nah an ihren Alpträumen waren.
Ursprünglich ist der Gral ein Ess- oder Trinkgefäß, eine Schale oder ein Kelch, dessen Inhalt nie versiegt. Immer zu essen, immer zu trinken. Wir sind in Zeiten, in denen HUNGER & DURST die dringendsten Nöte waren. Für alle Zeiten Brot, für alle Zeiten Wein: das waren die größten Sehnsüchte. So wurde in unzähligen Sagen des Nordens der HEILIGE GRAL verehrt. Weil der Magen knurrte.
Dass auch noch die Seele knurrte, das kam historisch sehr viel später. Karfreitag ist den gläubigen Christen die Erlösung von der Erbsünde. Da waren die Alten bodenständiger.
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NEOPHYTEN.
Das Stichdatum wirkt komisch, der Grundgedanke ist vertraut. Wenn Pflanzen in Gebiete eingeführt werden, in denen sie natürlicher Weise nicht vorkamen, und zwar nach 1492, der Entdeckung Amerikas durch Columbus, dann gelten sie als NEUPFLANZEN, auf griechisch NEOPHYTEN genannt. Fremde, Zugezogene.
Der Kern des Problems liegt aber nicht in der Herkunft; niemand würde sich aufregen, wenn die Fremdlinge in einer Nische der Natur so vor sich hin krepeln würden. Das Gewächs aus fernen Landen gedeiht aber unter Umständen prächtig. Spätesten an dieser Stelle sollte man seinen eigenen Worten misstrauen. Es klingt der Jargon der Sozialdarwinisten an, die ihr menschenfeindliches Gedankengut der Biologie entlehnen. Ich erinnere mich eines Abends, an dem ich dank eines bösen Zufalls mit Thilo Sarrazin und Gattin an einem Tisch saß und auf das freudloseste Paar der Welt schaute; ein furchtbarer Anblick.
Im Garten geht jetzt der Kirschlorbär nicht mehr. Er wächst zwar wie Bolle, nährt aber nicht den lustigen Piepmatz oder Biene Maja und ist giftig. Dazu habe ich zwei Hinweise. Erstens verzehren wir die anderen Sträucher auch nicht; wir unterhalten schließlich keine Nutzgärten. Zweitens sollen die Vögel an der eigens für sie eingerichtete Futterstelle die Sonnenblumenkerne fressen, zu meiner Augenfreude; und sich nicht andernorts wild den Bauch vollschlagen. Trotzdem ist in der Schweiz jetzt der Neophyt Kirschlorbär untersagt.
Ähnliches gab es vor Jahren schon in England zum Rosendendron, der angeblich alles niederwucherte. Und bei den Essig&Ölbäumen, die die Straßenränder säumen. All diese Gesellen gelten als INVASIV; sie breiten sich angeblich rigoros aus, weil sie keine natürlichen Feinde haben. Das ist zunächst natürlich Unsinn. In meinem Garten stehen die deutschen Äpfel in bestem Einvernehmen mit Gesellen aller Herren Länder; selbst die Birne kommt eigentlich aus Asien.
Nun sind wir beim Wesen des Gartens. Ein anständiger Garten hat keine Wiese, sondern einen Rasen. In ihm wuchern nicht Sträucher, sondern gedeihen Hecken. Ein toller Baum dank seine Erhabenheit dem Schnitt. Denn ein guter Gärtner hat ein mutiges Herz und eine scharfe Schere.