Logbuch
KULINARISTIK.
Warum nimmt man ein so zartes Fleisch wie ein Rinderfilet und legt es elend lange in den Backofen, nur weil man es zunächst mit einer Pilz- und Zwiebelpaste eingeschmiert und dann in einen Teig gehüllt hat? Welch ein Unsinn. FILET WELLINGTON heißt dieses Ungericht; nach einem englischen General, der die Franzosen geschlagen hat. Mag ja sein, vielleicht auf dem Schlachtfeld, aber nicht in der Küche. Der Sage nach war das so: Er habe dazu sein siegreiches Schlachtross verwenden lassen. Erst reiten, dann essen, die Engländer sind Barbaren. Womit wir beim Thema PFERDEFLEISCH sind. Historisch ein Arme-Leute-Essen. Den Juden ist es eigentlich verboten, den Mohammedanern wohl auch (oder nur die Esel?), zeitweise selbst den Christen; von den Sinti und Roma wollen wir gar nicht reden, die laufen wie die Hasen, wenn man ihnen Fury anbietet. Das ist eine Gefährtenlogik. Man verspeist nicht seine vertrauten Gesellen. Und es ist Kulturkampf: den Chinesen („gelbe Gefahr“) trauen wir glatt zu, dass Hund und Katze im Topf landen. Aber nicht alles ist zu entschlüsseln. Warum gilt das Pferd als hinreichend gewürdigt, wenn es seinen Bug für rheinischen Sauerbraten mit Rosinen zur Verfügung stellen darf? Da geht dann plötzlich Fury. Die Scham geht ansonsten ja so weit, dass unter meinen Schuhen nach Budapester Art nur noch steht: CORDOVAN. Wohl ein Codewort für Pferdeleder. Man bringt da keine Logik rein. Ein Volk, das bei KFC („Kentucky schreit ficken“ laut RTL) Hühnchenflügel („chicken wings“) knabbert, ekelt sich, wenn der Franzmann sich an Froschschenkeln begeistert. Dabei schmecken die nach Huhn. Ist aber wenig dran. So, das Thema Gänsestopfleber kriegen wir erst nächste Woche, wenn es um Tournedo Rossini geht.
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STAATENLOS.
Ein bitteres Schicksal für 10 Millionen Menschen, oder mehr. Aber ein großes Glück für einige Konzerne. Der Reihe nach. Die Bettlerin, die mir bei der Commerzbank in Moabit die Tür aufhält, ist eine junge Frau aus Osteuropa, eine Roma, erzählt sie mir. "No ID", sagt sie, das sei das größte Problem. Das erinnert mich an die FLÜCHTLINGS-GESPRÄCHE von Bert Brecht, in denen es mit böser Ironie heißt: "Das wichtigste am Menschen ist der Pass." Der Dichter hatte auf der Flucht vor den Nazis öfter das Land als das Hemd wechseln müssen. Ausbürgerung als Verfolgung. Man erinnert sich: 1935 wurden die jüdischen Nachbarn in Deutschland zu zweitklassigen Staatsbürgern und ab 1941 vollständig ausgebürgert. Staatenlos. Der Bevölkerungsgruppe der Rohingya geht es in Myanmar noch heute so. Viele andere wären wohl noch zu nennen. Die Geschichte spielt damit "displaced persons" zu schaffen; relativ wahllos. Politische Schiebereien. Mir fallen die undramatischeren Beispiel ein: Etwa, ob das Saargebiet zu Deutschland oder Frankreich gehört. Oder das Elsass. Der menschenrechtliche Tatbestand ist allerdings nicht beiläufig: Dem Staatenlosen ist das Recht genommen, Rechte zu haben. Eine Formulierung von Hannah Arendt. Man darf halt nicht den falschen Vater gehabt haben. Das kann dann über Generationen dazu führen ein "enemy alien" zu sein, den niemand schützt. Die fortschrittlichste Lösung scheint mir die amerikanische zu sein: Wer auf amerikanischem Boden zur Welt kommt, der genießt allein dadurch das Bürgerrecht. Das gefällt mir. Ich bin für zwei Änderungen, eigentlich für drei. Ersten wird künftig die Abstammung nach der weiblichen Linie gezogen, nicht nach der männlichen. Vaterschaftsangaben sind immer nur eine Vermutung. Die Mutter, die das Kind zur Welt bringt, entscheidet dadurch über eine Identität ("pater semper incertus"). Zweitens bestimmt der geographische Geburtsort die Nationalität und das Bürgerecht ("cuius regio..."). Und drittens, jetzt zu den staatenlosen Unternehmen, die sich der Steuerpflicht entziehen: Versteuert wird, wo das Geld verdient worden ist. Das tut mir jetzt leid für Malta und Zypern, aber so kommt Ordnung in die Sache.
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Wie wird ein FÜHRER Führer? Im Wolfsrudel setzt sich der stärkste durch. So erhält sich die Art. Gilt wohl für alle Tiergesellschaften, weshalb der Hirsch ein mächtiges Geweih hat. Und der Mächtigste am Ende zur Begattung schreitet. In Menschengesellschaften ist die Kennung der STÄRKE überlagert durch ein Kalkül. Wir sind Tiere mit Hinterkopfallüren. Man wählt jenen Bewerber zum Vorsitzenden, von dessen Erfolg man sich selbst den größten Eigennutz erwartet. So hat die CDU das „Mädchen“ (Kohl) aus der DDR ertragen, im sekundären Nutzen: sie konnte Wahlen gewinnen, von denen das Parteivolk sich Parlamentssitze versprach. Parteiendemokratie. So funktionieren auch die GRÜNEN, im strukturellen Opportunismus. Man will mit möglichst vielen Grünen an möglichst große Fleischtöpfe, also propagiert man, was das möglich macht, mit jenen Figuren, die das möglich machen könnten. Sekundär motiviert und opportunistisch. Im Kalkül auf Volkeswille. So geht dort Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur. Die SPD ist da anders. Sie agiert egoman und primär motiviert. Nabelschau statt Hinterkopf. Hier wird der Hirsch gewählt, von dem keine Begattung zu fürchten ist. Das Mittelmaß der Appartchics wählt jenen, von dem es, das Mittelmaß, innerparteilich keine Führung befürchten muss. Man kann den Angstschweiß unter der Nase von Olaf Scholz, der Sprechpuppe, förmlich sehen; das beruhigt die Partei. Oder man nehme im SPD-Parteivorsitz den Mann mit den Glasbausteinen und die Frau mit dem bösen Mund: natürlich kein Hauch von Charisma. Deshalb sind sie ja da. Führung entscheiden die Begattungsunwilligen. Und zwar nach der Frage: Ideologisch gewollt? Da muss der Wähler dann anschließend durch. Ich zögere wegen der Missverstehbarkeit des Vergleichs, aber BINNENSOZIOLOGISCH ist die AfD wie die SPD. Beides keine modernen Parteien. Und die FDP? Das weiß ich nicht. Ich sehe in dem Lindner immer nur den Bubi. Kein Geweih, keine Führung, kein Begattungswille. Das ist das Erbe des Herrn Westerwelle mit der 18 auf den Schühchen; Noppensockenträger. Fazit: Die Parteien wissen nicht so recht, wer sie führen soll; ich weiß nicht, wen ich wählen soll. Ein Dilemma. Aber die Logik ist umgekehrt. Weil ich als Wähler so unentschieden bin, wissen die nicht, wen sie auf mich ansetzen sollen. Die MÜDE Republik.
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KUMPEL.
Armin Laschet, der neue CDU-Vorsitzende und designierte Merkel-Nachfolger, also vielleicht künftig Bundeskanzler, hat zu seiner Wahl an die Spitze seiner Partei, die KUMPEL-KARTE gezogen; ein sehr geschickter Schachzug. VERTRAUEN. Er zitiert seinen Vater, der ihn als vertrauenswürdig empfehle. Ein Spitze des kleinen dicklichen Armin gegen den langen bösen Friedrich. Herz gegen Hirn. Nur eine Spitze? Nein, ein geschickter Todesstoß gegen den rechten Über-Taktiker Merz. Aber da war mehr. Laschet zeigte die „Marke“ seines Vaters. Im Tiefbergbau war das eine Münze, in die die Personalnummer geprägt war; sie hatte ein Loch und hingt am Schacht an einem Nagelbrett. Wer anfuhr (so heißt das), nahm seine Münze mit. Wenn „Schicht im Schacht“ war, hängte er sie zurück. So war auf einen Blick zu sehen, wenn der Berg einen Kumpel nicht wieder hergegeben hatte. Bergbau ist keine Spielerei, ein „no-nonsens-business“, nichts für Sesselfurzer. Das „Gedinge“, die Arbeitsgruppe aus gestandenen Deutschen, Polen und Türken, diese solidarische Gefahrengemeinschaft, ist ein starker Mythos der Montankultur. Ich habe Laschet, mit dem ich in Bonn auf einem Podium saß, mal bescheinigt, dass er klüger als seine Partei sei; hat er lächelnd akzeptiert. Gemeint war: liberaler als seine Partei. Er bemüht den MYTHOS: sieh da, ein Kumpel. Das ist übrigens eine Ehrenbezeichnung, die Bergfremden nicht zusteht. Meine Großväter, die beide untertage „angelegt“ waren (so hieß das), hätten das nicht mal einem Buchhalter (übertage) des gleichen Pütts als Attribut gewährt. Auf den Ölplattformen in der Nordsee gibt es ein ähnliches Instrument; man erhält einen „tracker“, den man auf keinen Fall ablegen darf, damit im Notfall klar ist, wer wo steckt. Das ist eine weit verzweigte Fabrik. Man stelle sich eine solche Plattform vor, wie einen auf dem Kopf gestellten Dom. Den Kölner Dom einmal umdrehen. Ja, in genau diesen Dimensionen. Die Spitze in der Lagerstätte, sagen wir im Erdgas, und in himmlischer Höhe der weitläufige Kirchenbau. Die Krypta als Kantine. Das mit einem Heli zu evakuieren, ist schon ein Ding. Im Bergbau ist „vor Hacke duster“; wenn hier einer unten bleibt, nennt man das „lange Schicht“. Eigener Humor. Ich war übrigens mit dem seinerzeitigen MP von Niedersachsen im Rahmen einer Journalistenreise mal auf einer Gasplattform in der Nordsee vor Norwegen. Der wurde dann später Bundeskanzler. Mit dabei auch eine sehr nette bayrische Journalistin des Fokus, Doris Köpf, seine spätere Ehefrau. Aber das ist, wie Kipling sagt, nun wirklich eine andere Geschichte.