Logbuch

GROSSE KLAPPE.

Mein Motto war mal: Zu allem eine Meinung, aber für nix zu gebrauchen. Aus dem Innenleben der „chatting classes“. Eine gute Nachrede.

Ein junger Kollege berichtet mir, dass er gestern im Nachlass von Professor LUTZ ERBRING an der FU einen Brief von mir gefunden habe, den ich vor zwanzig Jahren an ihn, den Methoden-Papst, geschickt hatte. Dabei erinnere ich eine Peinlichkeit meinerseits.

Ich saß mit dem legendären Prof und seiner Gattin beim Wein, als er von der besonderen akademischen Qualität amerikanischer Unis schwärmte. Er hatte dort seinen PhD gemacht und gelehrt; und die US of A von ihrer besseren Seite kennengelernt. Ich aber, nassforsch wie so oft, habe mich dazu ironisch verhalten. Das war gleich mehrfach dumm.

Mir imponiert wie der Romanist HANS ULRICH GUMBRECHT (ein Alumnus aus Bochum) heutzutage von den Efeu-Unis spricht. Er entfaltet da eine eigene Rolle als Publizist von der IVY LEAGUE. Ich stehe ferner in der Schuld des Germanisten JOCHEN SCHULTE-SASSE (Emeritus in Minneapolis, Minnesota), was eine andere Geschichte ist, wie Kipling sagen würde.

Vor allem aber ist die Freie Universität zu Berlin, kurz FU, ein Kind amerikanischer Güte, die den Kriegsgegner Deutschland nach der Niederlage nicht vernichteten, sondern umerzogen. Zum Beispiel durch eine Uni in Dahlem. Ein anderer Bochumer Alumnus (FRIEDRICH KITTLER) hat dazu Schlaues gesagt, zu der Re-Education. Und unserem klebrigen Nationalcharakter als Moralaposteln.

Schließlich hat ERBRING dem legendären MANFRED GÜLLNER (forsa) zur Honorarprofessur verholfen, der wiederum mich auf PAUL LAZARSFELD gebracht hat, den Papst der Päpste in Fragen der empirischen Sozialforschung. Ich habe mal was zu dessen Frau MARIE JAHODA veröffentlicht, allerdings mit deutlicher Unterstützung einer Ghostwriterin.

Und so hält mein Gedächtnis peinliche Torheiten wach, die mich beschämen sollten, aber es nicht tun. Große Klappe war früher halt mein Markenzeichen. Das hat sich ja nun zum Glück gelegt.

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WOHNRAUM.

Würde der Staat eine angemessene Rendite für Sozialwohnungen garantieren, würden diese wie Pilze aus dem Boden schießen. Wenn man sich darauf verlassen könnte. Man kann nicht.

Die Immobilienpreise in den Metropolen bestimmen chinesische Investoren und WGs mit fünf solventen Mietern in vier Zimmern. Und die modische Nutzung zur Schwarzvermietung durch AirBnB. Insgesamt eine parasitäre Ökonomie. Gibt es das, eine rückwärtsgewandte, also reaktionäre Bewirtschaftung?

Wenn ich als Investor Wohnraum schaffen wollte, würde ich sicher sein müssen, dass ich mein Geld nicht durch Enteignung ganz banal verliere. Wenn ich Wohnungen vermieten wollte, müsste ich sicher sein, dass die Mieten nicht unterhalb meiner Kosten staatlich gedeckelt werden und ich die Gebäude verfallen lassen muss.

Wenn eine Stadt unter Wohnungsmangel leidet, müsste sie frei werdende Flächen für Bebauung zur Verfügung stellen, etwa einen ehemaliges Flugfeld. Und sie müsste den Unsinn ausgedehnter Schrebergärten angehen, die mit Datschen zersiedeln und schlicht gar keine Gärten sind. Und die Modernisierung von hundert Jahre alten Häusern entschieden fördern. Gentrifizierung willkommen!

Vor allem aber: Wenn ich attraktiven Wohnraum schaffen will, muss ich eine andere Architektur zulassen als die elenden Wohnmaschinen der DDR. Wenn wenn wenn.

Dafür bieten Linkspartei und Grüne nicht die Gewähr, große Teile der SPD ebenso wenig; die aber regieren Berlin, eine altgewordene Stadt, in der eine latente Klasse von Altmietvertragsnutzern sich an einer antisemitischen Bürgerinitiative zur Enteignung von Genossenschaften und Aktiengesellschaften erfreut und die aus der Verknappung folgende Verteuerung scheinheilig beklagt. Ein ökonomisch reaktionäres Milieu. Mangelverwaltung als Politik. Hänge-WC gelten als Luxussanierung und gelten damit als verbotswürdig. Bestandsschutz.

Die amtierende Bundesbauministerin kann den Erfolg melden, dass von den 400.000 Wohnungen, die sie bis 2025 versprach, schon 20.000 gebaut sind. Im Fernsehen zeigt man mir eine Alleinerziehende mit fünf Kindern, die keine Wohnung findet, obwohl doch das Amt die Miete zahle. Finde den Fehler.

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REAKTANZ.

Die Debatte um die Silvester-Randale und die Freizeitrebellen ist lehrreich, weil sie Vorurteile offenbart. Aber eben auch Getto-Wahrheiten ausspricht.

Ich höre Lehrerinnen davon erzählen, dass Schüler nicht mehr erreichbar sind für Lehre, weil sie ihren sozialen Misserfolg in einen Opfermythos haben einfließen lassen, der sie nun zu akzidentellen Anarchisten macht, zumindest in Gruppen, also Tätern. Das Milieu unterstützt dies als Heldentum. Diese Delinquenz macht das Leben in sozialen Brennpunkten schwer.

In Notfallaufnahmen von Krankenhäusern werden neuerdings Sicherheitskräfte beschäftigt, weil nicht mehr ausgeschlossen ist, dass Ärzte und Schwestern Objekt von irrer Gewalt werden. Auch das eine Delinquenz, in der sich Reaktanz zeigt, nämlich die asoziale Reaktion jener, die sich ausgegrenzt fühlen und das in Impertinenz übersetzen.

Ich verlange mehr Respekt vor der Schwester wie der Lehrerin. Denn beides ist eine sozialpsychologische Frage, hinter der eine soziale Frage steht, hinter der eine politische stehen kann, die mit einer kulturellen und dann mit einer ethnischen zu tun hat. In dieser Reihenfolge. Nur in dieser Reihenfolge.

Trotzdem sind Lehrerinnen und Krankenschwestern mit ausdrücklichem Respekt zu behandeln. Ist das klar?

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WORT, NUR EIN.

Dass der Franzose kochen kann, das ist ein Mythos. Die HAUTE COUSINE ist nur ein Wort. Froschschenkel und Fischreste. Und in die braune Brühe rühren sie Mayonnaise. Gemischte Erlebnisse in Marseille.

Unterhalte mich mit französischen Freunden bei wässerigen Fischresten („Bouillabaisse“) über das Konzept der NEUEN RECHTEN in Frankreich, das sich mit einer historischen Vokabel ziert. Rückeroberung des Landes (aus vermeintlicher Besetzung durch Muslime): RECONQUISTA. Man sag das bei meinen Gastgebern mit Verachtung. Man zitiert diese Propaganda und hält sie dabei an zwei Fingern wie faulen Fisch.

Das soll es in der glorreichen Geschichte der iberischen Halbinsel gegeben haben, die sogenannte Befreiung von den Muslimen und Mauren und Sarazenen und… mittels der SPANISCHEN INQUISITION und den christlichen Königen und ihren frommen Kräften. Juden wie Muslime wurden, so sie sich nicht umtaufen ließen, vertrieben; die Umgetauften anschließend konsequent missachtet. Der faule Fisch der Rückeroberung ist eine Mischung aus Mythen und verkürzten Fakten, einiges klar gelogen, vieles falsch, alles demagogische Narration. Eine Brühe fauler Fische. Aber meine Freunde sind klaren Kopfes; tolle CITOYEN. Ich empfinde Respekt vor ihrer Klarsicht. Sie sehen, wo der Fisch stinkt.

Nach dem Essen google ich in der Hotelbar und finde nichts im Netz, dass den politischen Gewissheiten der Rückeroberung wirklich geschichtlich Gewicht gäbe. Meine Freunde hatten Recht. Die RECONQUISTA ist nur ein Wort. Ein Leitbegriff einer großen Geschichtsklitterung, vieler Klitterungen. Es beruhigt mich dabei zu lesen, dass die Söldnerheere der Rückeroberung auf beiden Seiten gekämpft haben, selbst die Nationalhelden.

Das wiederum glaube ich. Die universelle Söldnerehre. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.