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VON WEGEN SÜSSE.

Klären wir zunächst die Handlung aus dem Roman von 1939 und einer Verfilmung von 1945, nämlich die der berühmten "Taxi-Szene". Der Privatdetektiv will einen Lieferwagen verfolgen, um dessen Ziel zu erfahren, und springt dazu in ein wartendes Taxi, dessen Fahrer er um den "tail job" bittet. Zum Ende der Aktion übergibt der Fahrer seine Visitenkarte für künftige Aufträge, Tag und Nacht.

In der deutschen Synchronfassung redet der männliche Privatdetektiv die professionell uniformierte weibliche Fahrerin mit "Süße" an und es entspannt sich plump ein Dialog mit erotischer Konnotation, die ihn, den Macho, als den Initiativen erscheinen lässt. Das ist nicht so ganz korrekt. Im Original lautet die Anrede nämlich klar und männlich: "Hi, driver!" Von wegen Süße.

Erst als die Verfolgungsjagd als Auftrag benannt ist, antwortet die Fahrerin, dazu sei sie "your girl"; sprich der richtige Mann. Sie redet ihren Fahrgast mit "bud" an, wohl kurz für "buddy", sprich Kumpel. Als sie die Visitenkarte übergibt, fragt Marlowe, ob das Angebot Tag und Nacht gelte. Jetzt sie: "Melde Dich nachts; tagsüber arbeite ich." Alta, Schwede.

Die Frauen bei Raymond Chandler (dem Romanautor) sind keine Häschen; sie erwählen den "zu kurz geratenen" harten Mann mit den kärglichen Einkommensverhältnissen, weil er eine ehrliche Haut ist; aus eignem Willen und durchaus keck. Das wollte ich nur zum Thema Emanzipation angemerkt haben.

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SCHWARZE SERIE.

Auch in der Literatur gibt es das Recht der Ersten Nacht. Niemals wird man den tiefen Eindruck vergessen, den die erste Lektüre von Raymond Chandlers „Big Sleep“ machte. Hier wurde 1939 der Privatdetektiv Philip Marlowe geschaffen, den Humphrey Bogart auf so unvergessliche Weise dargestellt hat. 1945 wurde er in der Verfilmung als „Tote schlafen fest“ mit der legendären Lauran Bacall zu dem archetypischen Filmpaar einer schwarzen Romantik. Ich schwärme.

Gestern Abend unverhofft eine Wiederholung dieses Musterfilms der Schwarzen Serie im Fernsehen; ich bleibe hängen. Es gibt keine erotischeren Szenen als die Verführung des harten Kerls durch ungewöhnliche selbstbewusste Frauen, wie sie Chandler zeichnet. Zu der Taxifahrerin, die Marlowe nächtens lädt, später; daran ist vieles neu und überraschend emanzipiert.

Was mir auffällt, sind die heimlichen Helden dieser Großstadtkrimis. Nicht so sehr der Schnaps und die Zigaretten, auch bei weiblichen Rollen. Das ist das Amerika der Nach-Prohibition. Nein, der ganze verwickelte Krimi wäre nicht denkbar ohne Autos und Telefone. Wir schreiben die dreißiger, vierziger Jahre!

Das Auto ist nicht nur Gefährt oder Tatort, es ist der intime Raum im Wortsinn. Großartige Szenen des Flirtens bis hin zum finalen Eingeständnis der gegenseitigen Liebe zwischen Bogart und Bacall, der großen Verführerin. Der Balkon von Romeo und Julia ist das Innere des PKW geworden, der „locus amoenus“ der Moderne. Man liebt sich hinter‘m Lenker. Am Straßenrand. Die Regie Howard Hawks gestaltet das ikonographisch: das Auto im Innenraum als Refugium der Liebe.

Dann aber zu meiner Überraschung in jeder Szene ein Telefon. Es stehen die Geräte mit Wählscheibe auf den Schreibtischen, mitten in Wohnzimmern und hängen als Münzautomaten in Bars. Ständig wird telefoniert, alle Lokalitäten vom Polizeirevier bis zu Spielclubs und Boudoirs sind mit Telefonieren der Protagonisten verbunden. Das ist die metropole Moderne, man trinkt, raucht, flirtet, fährt Auto durch die dunkle Nacht. Und telefoniert.

Das Mobile dieser Metropole, bei uns Handy genannt, war als Sozialpraxis schon da, bevor das entsprechende Gerät erfunden wurde. Was wird davon bleiben? Das Rauchen haben sie uns schon abgewöhnt und den Roggenwhiskey; am Autotabu arbeitet der Zeitgeist gerade. Gott, was macht Philip Marlowe mit einem Erdbeersmoothie in einem Tesla? Bacall auf dem Lastenrad? Undenkbar.

Das mit der koketten Taxifahrerin und ihrer Visitenkarte kriegen wir morgen. Wir wollen die Wehmut für heute nicht übertreiben.

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ENTMENSCHLICHUNG.

Der amerikanische Präsidentschaftskandidat D. Trump bedenkt Einwanderer aus Haiti mit der Geschichte, sie verzehrten die Haustiere der ansässigen Bevölkerung, deren Hunde und Katzen. Das ist eine rassistische Verleumdung mit dem Ziel der kulturellen Degradierung. Seine Konkurrentin, eine indisch-amerikanisch stämmige Frau, ist dabei mitgemeint. Wir sind im Bodensatz von Propaganda.

Und so fremd ist uns diese Fremdenfeindlichkeit nicht, die wir Witze darüber machen, woher das Fleisch im Buffet des Chinarestaurants stamme, „all-you-can-eat“ für 13,90€. Hab ich gestern gemacht. Mit einem Warsteiner 18,10€. Angebot reichlich, Qualität Kantinenstandard, nicht schlechter; Service nett. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Das Beispiel Springfield ist böser.

Das ist der Ort im Mittleren Westen mit der massiven Zuwanderung von Haitianischen Migranten. Der Volksverhetzer macht nicht nur den Katzenfreunden am Ort Angst; er entwürdigt als rassisch überlegener Weißer die Fremden anderer Hautfarbe zu Tieren. Das mag als Urteil zu harsch klingen, aber man muss den Andeutungen der Propaganda immer mit den Ohren ihrer Anhänger folgen. Hier wird nicht Klartext gesprochen, sondern angedeutet. Insinuation ist die Methode, immer und überall.

Eine rechtsextreme Unterstützerin des D. Trump twittert in dessen Hundefutter-Mythos rein: Diese Migranten verzehren nicht nur Hunde und Katzen, sondern auch Menschen. Da ist er, der Vorwurf des Kannibalismus, den wir ja historisch kennen. Er gehörte zu den Trivialmythen des Antisemitismus. Ich sehe, was da wieder hoffähig wird, und kämpfe mit meinem Brechreiz.

Gefallen tut mir die Reaktion der K. Harris, der farbigen Frau: sie verlacht den bösen Schwätzer. Das Netz folgt mit Hohn und Spott. Es ist ein befreiendes Lachen über eine furchtbare Entgleisung. Die Chance, dass diese Mentalität künftig wieder unseren Hegemon führt, steckt als Furcht fundamentalen Ausmaßes in den Knochen. Aber mein Vaterland ist nicht besser: Die Trumps sagen, was die Höckes denken.  

In Springfield soll es auf eine Einwohnerzahl von 60.000 eine Zuwanderung von 20.000 gegeben haben; ich bezweifle die Zahlen, leugne aber nicht das Problem. Das ist das eine. Das andere ist: Ich grüße meine Berufskollegin Karine Jean-Pierre, die Pressesprecherin des Weißen Hauses, eine in gleichgeschlechtlicher Ehe lebende Schwarze mit haitianischem Wurzeln. Sie war nämlich mitgemeint, als der pfälzische Zuhältersohn D. Trump seine rassistische Überlegenheit gegenüber Haitianern zu demonstrieren suchte.

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LOGBUCH 02.02.22-09.01h

YOU CAN CALL ME YOU.

Das Duzen gilt im Hochdeutschen als Vertraulichkeitsgeste. Menschen von Stand und Rang siezen sich. Es gab einen französischen Präsidenten, der seine Gattin sogar im Bett siezte: ein Zeichen des Respekts. Das Gegenteil also von "Gib mir Tiernamen, Schatz!"

In den Plaudergemeinschaften des Internets, Social Media genannt, ist das Duzen schon immer Usus. Das schwabbte von Amerika herüber, einer Gesellschaft ohne Manieren, jedenfalls ohne Etikette, in der schon immer ein INFORMALITÄTSGEBOT galt; bei der Turnschuhgeneration aus dem Silicon Valley umso mehr. Namen waren Vornamen, Vornamen wurden dann auch noch abgekürzt bis sie einsilbig waren. Aus jedem Richard wurde ein Dick (pun intended).

Man verstehe mich nicht falsch. Ich habe mich schon immer mit meinen Mitarbeitern geduzt, wenn sie es zugelassen haben. Bei unseren Kollegen im Ausland war es eh üblich. Ich erinnere mich noch gut, wie mir ein Major Shareholder und Ministerpräsident das Du anbot; was wir dann beigehalten haben, als er Kanzler wurde; meine Sekretärin sagte damals: "Wir können uns schlecht im Büro siezen, wenn wir den Kanzler duzen." Wie wahr. Eine Mitarbeiterin und ein Mitarbeiter von fast zweihundert über die Jahre haben das Du verweigert. Ich erinnere mich gut an Ort und Zeit (Muss ich mehr sagen? Der männliche Kollege hat es überlebt.).

Immer wenn es RESPEKTVERWEIGERUNG ist, stößt mir die unfreiwillige Vertraulichkeit unangenehm auf. Die BAHN etwa duzt mich, verweigert aber notorisch die Leistungen, für die ich bereits bezahlt habe. Zudem hat sie sich einen GHETTO-JARGON angeeignet, die bereits bei den Berliner Verkehrsbetreiben Kult war. Ich empfinde das als übergriffig. Wenn nun auch die Flugbegleiter:innen auf das GENDERN verzichten und die Passagiere auch in der BUSINESS mit "guys" (amerikanisch für "Leute") anreden, werde ich sie wieder SAFTSCHUBSE nennen. Das ist auch übergriffig. Aber wer hat angefangen?

Nach dem Duzen und den abgekürzten Vornamen werden die NICKNAMES kommen, die Kosenamen. Damit würde dann die INTIMITÄT des Kosens zu kleiner, vor allem aber öffentlicher Münze. Ich erinnere mich an die Kommentare in Berlin als ruchbar wurde, dass der damalige bayrische Ministerpräsident Edmund S. angeblich seine Gattin im Innenverhältnis "Muschi" nenne, auch vor Dritten. Ich bin da anders erzogen. Ich habe meine Eltern geduzt, aber rede natürlich nicht von "Anneliese" oder gar "Mama" in der Öffentlichkeit, sondern von meiner Frau Mutter. Das wäre nämlich ihr Wunsch.