Logbuch
SCHAUSPÜLER.
Wer den Rummel um die Stars verachtet, kann den berühmten Schauspieler schon mal scherzend SCHAUSPÜLER nennen oder Schausteller. Nichts als Fratzenschneider. Ein Darsteller ist noch kein Künstler.
Mein Freund Jürgen, Gott habe ihn selig, liebte solche Wortwitze. Selbst Plattitüde waren ihm da nicht peinlich. Der proletarische Spott des Ruhrpotts war sein Metier, gerade wenn er peinlich wurde und beißend und zynisch. Also: Kein Starkult mit den Fratzenschneidern. Allenfalls für Robert De Niro, da hätte er mich sich reden lassen. Aber wenn ein Mafia-Boss hinter einer Rolle gesteckt hätte, das hätte er wissen wollen.
Wenn es keine Schauspielkunst als KUNST gibt, was bringt den Ruhm? Nun, die ROLLE, nicht der Darsteller. Und hinter dieser das STÜCK, das aufgeführt wird, das WERK. Dann wüsste ich noch gern, wer der DICHTER ist und was er sonst so geschrieben hat. Ich will wissen, wem das THEATER gehört, der SENDER. Und was der MEDIENKONZERN sonst so macht. Insbesondere wenn sich dahinter die Tycoons und Oligarchen verstecken. Folge der Spur des Geldes!
All das will ich auch dann wissen, wenn ein Volk, man denke an DONALD TRUMP, eine TV-Rolle mit einer Person verwechselt und den Darsteller der Rolle zum Präsidenten wählt. Die Welt kann ein Theater sein, eh klar. Wenn aber das Theater die Welt zu regieren beginnt, wird man fragen müssen, wessen Werk sie da aufführt. Mit wessen Geld, zu wessen Nutzen?
Das galt vor dem TV-Star Trump für den Schauspieler Ronald Reagan wie den Medienmogul Silvio Berlusconi, wie es für jede Besetzung der Rolle „Diener des Volkes“ gilt. Hätte mein Freund Jürgen gefunden.
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ÄHM. ÖHM. HMMM. ODERRR?
In gesprochener Sprache tauchen Laute auf, die anzeigen, dass der Sprecher nachdenkt. Er zögert. Er nutzt zudem überflüssigerweise Füllwörter. Sie alle heißen Hesitationsmarker.
Ein Rat: Beantworten sie die Frage „Wie war ich?“ niemals spontan. Bemühen Sie sich um zahlreiche ÄHM oder ÖHM oder solche Einschübe wie „ehrlich gesagt“ oder „Ach ja…“ Signalisieren Sie, dass Sie zögern (englisch: to hesitate) durch einen Laut, der genau das markiert. Deshalb Hesitationsmarker. Sprechpausen helfen immer.
Ich hatte mal einen Chef, einen genialen Autobauer, der in Interviews ohne eine Miene zu verziehen derart lange Sprechpausen machte, dass die automatischen Bandgeräte sich schon abschalteten. Er konnte damit sein Gegenüber in den Wahnsinn treiben. Ein Journalist der FT hat mir mal gesagt, er sei drauf und dran gewesen, dem Alten den Puls zu fühlen, weil er nicht mehr wusste, ob der CEO überhaupt noch lebte.
Das gesprochene Schwyzzerdütsch kennt zudem das dem Satz nachgestellte ODERRR, was keine Frage anzeigt. Es ist eine Bekräftigung, oder? Eine sogenannte Vergewisserungsformel. Das hat landmannschaftliche Züge; es kann auch ein nachgestelltes GELL oder WOLL oder NICHT WAHR oder NÄÄ sein oder eine sogenannte INQUITFORMEL. Bei der wörtlichen Wiedergabe von Dialogen können gewisse Zeitgenossen hundertmal anzeigen, wer was gesagt hat.
Das geht dann so: „Also ich so…er dann so…ich darauf so…dann er so…“ So erkennt man Deppen. Sie sind nicht in der Lage, über ein Gespräch einen Bericht abzugeben, indem sie den Inhalt zusammenfassen oder bestenfalls in indirekte Rede kleiden. Der Depp plappert nach. Er kann übrigens auch die Aufsatzform des BERICHTES nicht, sondern nur die ERLEBNISERZÄHLUNG. Schon sein Schulaufsatz zum schönsten Ferienerlebnis begann mit dem Satz: „Kaum waren wir angekommen, als wir schon da waren.“
Den schlauen Zeitgenossen erkennt man an einer Unzahl von Hesitationsmarkern. Nehmen Sie den Karlsruher Peter Sloterdijk, der behauptet in Berlin zu wohnen, aber in Klein Machnow (Brandenburg) haust. Seine Schriftsprache ist geschliffen; was er aber in gesprochener Sprache erzählt, das ist unter den ganzen ÄHMS und ÖHMS kaum zu verstehen. Der Nachdenkliche zögert. Der Schwätzer plappert. So ist das in der Rhetorik, oderrr?
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DER DIKTATOR.
Aus der Zeit gefallen, der Schreckliche. Vielen gilt er als furchtbar. Manchen bereitete er ein Gräuel. Sein Ruhm erscheint aber gestrig. Mit wachem Auge betrachtet, eine Wurst, ein Würstchen.
Schon sein selbstgefälliges Grinsen stößt mich ab. Er reckt sich in Pose. Er soll ja ein strategisches Genie sein, Schach seine Leidenschaft. Die Berichterstatter entdecken die Leere des Moments und suchen aus den Archiven Honig zu saugen. Frühere Untaten werden wiedererzählt. Die lange Liste der Siege bemüht. Ich kenne ihn persönlich; war von der Begegnung eher ernüchtert.
Der Diktator, Meister aller Klassen. Herrscher aller Reusen. Napoleon, Cäsar. Als wenn all das noch etwas zu bedeuten hätte. Der Elefant im Raum ist das UNZEITGEMÄSSE. Da ist ein Imperator, über den die Zeit eindeutig hinweggegangen ist. Selbst das Übermaß der persönlichen Bereicherung, das man ihm nachsagt, mag niemanden mehr faszinieren. Man sehnt sich nach einer riesigen Niederlage in diesem Feldzug, damit er endlich WEG ist.
Ach, Wolfgang Felix Magath aus Aschaffenburg, verschwinde.
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LOGBUCH 02.02.22-09.01h
YOU CAN CALL ME YOU.
Das Duzen gilt im Hochdeutschen als Vertraulichkeitsgeste. Menschen von Stand und Rang siezen sich. Es gab einen französischen Präsidenten, der seine Gattin sogar im Bett siezte: ein Zeichen des Respekts. Das Gegenteil also von "Gib mir Tiernamen, Schatz!"
In den Plaudergemeinschaften des Internets, Social Media genannt, ist das Duzen schon immer Usus. Das schwabbte von Amerika herüber, einer Gesellschaft ohne Manieren, jedenfalls ohne Etikette, in der schon immer ein INFORMALITÄTSGEBOT galt; bei der Turnschuhgeneration aus dem Silicon Valley umso mehr. Namen waren Vornamen, Vornamen wurden dann auch noch abgekürzt bis sie einsilbig waren. Aus jedem Richard wurde ein Dick (pun intended).
Man verstehe mich nicht falsch. Ich habe mich schon immer mit meinen Mitarbeitern geduzt, wenn sie es zugelassen haben. Bei unseren Kollegen im Ausland war es eh üblich. Ich erinnere mich noch gut, wie mir ein Major Shareholder und Ministerpräsident das Du anbot; was wir dann beigehalten haben, als er Kanzler wurde; meine Sekretärin sagte damals: "Wir können uns schlecht im Büro siezen, wenn wir den Kanzler duzen." Wie wahr. Eine Mitarbeiterin und ein Mitarbeiter von fast zweihundert über die Jahre haben das Du verweigert. Ich erinnere mich gut an Ort und Zeit (Muss ich mehr sagen? Der männliche Kollege hat es überlebt.).
Immer wenn es RESPEKTVERWEIGERUNG ist, stößt mir die unfreiwillige Vertraulichkeit unangenehm auf. Die BAHN etwa duzt mich, verweigert aber notorisch die Leistungen, für die ich bereits bezahlt habe. Zudem hat sie sich einen GHETTO-JARGON angeeignet, die bereits bei den Berliner Verkehrsbetreiben Kult war. Ich empfinde das als übergriffig. Wenn nun auch die Flugbegleiter:innen auf das GENDERN verzichten und die Passagiere auch in der BUSINESS mit "guys" (amerikanisch für "Leute") anreden, werde ich sie wieder SAFTSCHUBSE nennen. Das ist auch übergriffig. Aber wer hat angefangen?
Nach dem Duzen und den abgekürzten Vornamen werden die NICKNAMES kommen, die Kosenamen. Damit würde dann die INTIMITÄT des Kosens zu kleiner, vor allem aber öffentlicher Münze. Ich erinnere mich an die Kommentare in Berlin als ruchbar wurde, dass der damalige bayrische Ministerpräsident Edmund S. angeblich seine Gattin im Innenverhältnis "Muschi" nenne, auch vor Dritten. Ich bin da anders erzogen. Ich habe meine Eltern geduzt, aber rede natürlich nicht von "Anneliese" oder gar "Mama" in der Öffentlichkeit, sondern von meiner Frau Mutter. Das wäre nämlich ihr Wunsch.